Viele meinen, das Modell der Entwicklungszusammenarbeit sei veraltet. Viele Kontroversen haben die Branche in den letzten Jahren erschüttert. Wie geht es weiter? Gibt es überhaupt eine Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit? Ist sie nur paternalistisch? Kann diese auf Augenhöhe stattfinden? Was sind die aktuellen und zukünftigen Trends? Was haben wir erreicht? Was läuft gut, was läuft schlecht? Welche Alternativen sehen wir? Was sind die Innovationen und wer sind die Innovator*innen?

Wie sieht die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit aus möchten wir wissen. Deswegen haben wir einen Aufruf für Artikel gestartet. Hier der erste Artikel von Naomi Ryland, Geschäftsführerin von tbd* und ehemalige Mitarbeiterin von Oxfam (eine Organisation, die sie nach wie vor sehr schätzt - insbesondere für ihre großartige Kampagnenarbeit). Auch Du kannst einen Artikel hier einreichen. Alle Artikel in der Serie findest Du hier.

#ourfuturetbd

Nicht mehr westlich

Entwicklungszusammenarbeit wuchs aus der postkolonialen Zeit mit einer gewissen “wir” und “sie” Mentalität, was eigentlich nie, aber vor allem im Jahr 2019 einfach nicht zeitgemäß ist. Warum sollen Menschen aus westlichen Ländern bestimmen, was in einem anderen Land “gut” oder “schlecht” ist? Wie Duncan Greene, Head of Research bei Oxfam sagt, “die Tage des Expat weißen Mannes in einer kurzen Hose sind vorbei und das ist auch gut so”. Das Leiten von Projekten in Entwicklungsländern sollte nur noch von Menschen aus dem Land oder Region übernommen werden. Falls das in Deiner Organisation nicht schon längst der Fall ist, frag Dich mal warum. Wenn das Deinen Karrierewunsch entspricht, denke vielleicht noch mal darüber nach. 

Auch viele der großen Herausforderungen der aktuellen Welt werden nicht mehr an einer imaginären Süd-Nord-Achse verlaufen, sondern verbinden diese:  Klimawandel, Migration, Digitalisierung, zunehmende Ungleichheit. Für diese Herausforderungen bedarf es komplexer Lösungen, die nur durch unterschiedliche Perspektiven und durch eine Zusammenarbeit über Grenzen und auf Augenhöhe geleistet werden kann.   

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Dezentralisiert

Der afrikanischer Startup Investment Markt ist in den letzten 2-3 Jahren stetig gewachsen von 150 Mio USD auf 700 Mio USD im Jahr 2018. Es ist nicht mehr der Fall, dass Gelder aus der Regierung fließen und durch einige wenige große NGOs dann in gewissen Regionen der Welt mit politischer Relevanz landen. Auch wenn das staatliche Fördersystem häufig immer noch binär stattfindet, landet Geld in armen Regionen nun aus mehreren Quellen - von Privatkonzernen und Großkonzernen über Crowdfunding, und Social Startups und natürlich wohlhabende einheimische PhilanthropInnen. Und diese haben eine zunehmende Relevanz gegenüber vielen NGOs. In der Tat werden große NGOs es zukünftig schwierig haben, ihre vielen MitarbeiterInnen zu rechtfertigen und zu unterhalten.  

Feministisch

Oktober 2014 wurde Schweden das erste Land der Welt mit einer feministischen Außenpolitik. Mittlerweile hat Canada auch einen feministischen Entwicklungsetat (95% der Förderung soll an Gender- Frauenprojekte gehen). Es wird geschätzt, dass das globale Bruttoinlandsprodukt insgesamt 12 Billion USD verfehlt dank der ungleichen Behandlung von Frauen und Mädchen gegenüber den Männern. Also muss das Thema feministische Entwicklungszusammenarbeit groß geschrieben werden. Auch in Berlin arbeitet Kristina Lunz seit 2018 mit ihrem Centre for Feminist Foreign Policy fleißig daran - gerade hat sie als Beraterin im Auswärtigen Amt begonnen, was vermuten lässt, dass eine solche Politik in Deutschland auch bald entstehen könnte.

Divers

Insgesamt ist der NGO Sektor in Deutschland immer noch ziemlich männlich und weiß. Auch Menschen mit Behinderung finden sich häufig weder als MitarbeiterInnen noch in vielen Projekten und Kampagnen wieder. Der tbd* Gehaltsreport zeigte, dass Frauen deutlich weniger als Männer verdienen und deutlich weniger Frauen als Männer befinden sich in Management Positionen. Und, dass der Sektor in Deutschland wirklich extremst weiß ist, na ja, davon muss man fast gar nicht mehr sprechen. Oxfam International hat vor ein paar Jahren ein Zeichen gesetzt, als Winnie Byanyima zur Executive Director genannt wurde. Bisher fehlt es vollkommen an POC in Führungspositionen bei deutschen NGOs. (Ich wurde auch sogar letztes Jahr zu einer Diskussion in der BMZ über Startups in Afrika eingeladen und es war ein All-White-Panel!) Dagegen entwickelt sich langsam, langsam eine Gegenbewegung dank neuer Organisationen wie Campaign Boostcamp und das Centre of Intersectional Justice. Es kann und sollte aber viel mehr passieren.  

Technologiegetrieben

NGOs sind traditionell nicht die schnellsten gewesen, wenn es um technologische Entwicklungen geht. Dabei sind viele junge Unternehmen in den letzten Jahren entstanden, die aus dem Privatsektor heraus “Entwicklungszusammenarbeit” leisten - Ada, Africa Greentec, Ehealth Africa und Mobisol sind einige deutsche Beispiele davon. Wenn man also zukünftig im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit arbeiten möchte, bitte nicht "International Development" studieren - sondern viel lieber AI oder Big Data. Und viele der neuesten und wichtigsten Innovationen der Welt kommen sowieso mittlerweile eher aus Städten wie Bangalore oder Nairobi als aus Berlin. 

Unternehmerisch

Ethische Lieferketten von Großkonzernen werden viel mehr verändern als die meisten Projekte der EZ. Deshalb blicken viele auf H&M und Co für die nächsten großen Veränderungen, was die Wirtschaft in den ärmsten Ländern der Welt angeht. NGOs und ähnliches spielen hier nach wie vor eine wichtige Rolle in der Lobby- und Kampagnenarbeit. Sozialunternehmertum muss auch endlich aus seiner kleinen Blase heraus und große Wirkungen erzielen - in Deutschland sorgt SEND dafür. Unternehmertum in vielen afrikanischen Ländern - insbesondere von den Millennials - ist fast von Natur aus sozial. Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft in einem zu verbinden ist für sie nichts Neues, sondern liegt an der Hand. Impact Investors aus Deutschland wie GreenTec spielen dabei eine Rolle, um das Ökosystem zu fördern.  Auch globale Organsiationen wie Seedspace treiben diese Entwicklung voran.

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Wie viel verdient man eigentlich im sozialen und nachhaltigen Sektor?
Der tbd* Gehaltsreport – Gehalt, Präferenzen und Zufriedenheit der Mitarbeiter im sozialen Sektor.
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