ursprünglich erschienen: 25.11.2016

Bridge&Tunnel, ein Hamburger Fashion Label produziert lokale, faire Mode und achtet dabei auf Integration und Arbeitsplatzschaffung für Menschen, die gesellschaflich benachteiltigt sind. Im Interview erzählen uns die Gründerinnen Constanze Klotz und Hanna Charlotte Erhorn​, wie die Idee entstand und wie Bridge&Tunnel zu einem erfolgreichen Social Business wurde. 

Was war Eure Motivation dahinter Bridge&Tunnel zu starten?

Die Idee zu Bridge&Tunnel kam im wahrsten Sinne des Wortes zu uns: Seit 2013 leiten Lotte und ich den Co-Working Space Stoffdeck, eine Gemeinschaftswerkstatt für Mode- und Textildesigner in Hamburg Wilhelmsburg. Dort können sich professionelle Designer, aber auch kreative DIYler unkompliziert einmieten. Als wir irgendwann mitbekamen, dass sich ein deutsch-türkischer Nähclub mit ihren Haushaltsnähmaschinen in einer Wilhelmsburger Moschee zum Nähen trifft, haben wir sie eingeladen, ihren Nähtreff bei uns im Stoffdeck zu machen. Und standen dann fassungslos daneben... Denn wir konnten live mit ansehen, was für Zauberhände viele der Frauen haben, obwohl fast alle noch nie in einem richtigen Job waren. Das war wie ein Urknall. Uns war schlagartig klar: wir müssen diese beiden Welten vernähen. Und seitdem bringen wir professionelles Design und Menschen aus dem Stadtteil mit flinken Händen zusammen. 

Mit Bridge&Tunnel fertigen wir also bewusst lokal und fair: inmitten Hamburgs, mit Menschen, die lange Zeit keinen Job finden konnten, aber tolle handwerkliche Fertigkeiten haben. Für unser Design (Accessoires und Interior) verwenden wir post-consumer waste. Deshalb ist jedes Produkt ein Unikat. So verhelfen wir wertvollen Materialressourcen zu einem neuen Leben in style und hoffnungsvollen Talenten aus aller Welt zu einem erfüllenden Job mit Anerkennung. Eine ziemlich gute Kombi, wie wir finden...

Ab Dezember werden wir unser Team zudem erweitern: um Menschen mit Fluchtgeschichte, die aufgrund der aktuellen politischen Verhältnisse erst vor kurzer Zeit nach Deutschland gekommen sind. Gerade scouten wir dazu ganz viele Interessierte, 3-5 Personen möchten wir dann ein Praktikum bei uns ermöglichen. 

Erzähl uns ein bisschen mehr darüber, wie die Produkte produziert werden. Was macht Eure Idee innovativ?

Neben unserem sozialen Engagement versuchen wir auch eine ökologische Nachhaltigkeit zu leben – eine Herausforderung war uns zu wenig;-) 

Unsere erste Kollektion entsteht aktuell aus recyceltem Denim. Sie umfasst verschiedene hochwertige Taschenmodelle (Rucksack, Weekender, Damentasche, Clutch, Laptopsleeve), sowie einen Teppich und Sitzmöbel für Kinder, der auch zum Yoga genutzt werden kann. Für unsere Produkte verwenden wir hauptsächlich post-consumer waste, das sind Textilien, die schon einmal ein Leben hatten, bevor der Konsument sie entsorgt. 

Ein Großteil unserer Stoffe beziehen wir von Kleiderkammern. Wir kaufen die sog. Ausschussware auf, das sind Materialien, die auch für Ausgabestellen zu schlecht sind und sonst an den Verwerter gehen. Daraus entwickeln wir unsere Kollektionen dann neue Must­Haves. Durch die Besonderheit des Materials sind unsere Produkte serielle Unikate, denen man das vorherige Leben ihrer Materialien kaum noch ansieht. 

Seit kurzem arbeiten wir auch mit Hanseatic Help zusammen, die sehr erfolgreich gespendete Kleidung sammelt, sortiert und an Geflüchtete und andere Bedürftige in Hamburg verteilt. Bis auf ihre Ladenhüter: Neben Hochzeitskleidern und High Heels sind das v.a. Jeans in Übergröße, die aufgrund ihrer Größe keine neuen Abnehmer finden. Damit diese Materialschätze nicht länger ein trostloses Dasein im Lager fristen, haben wir uns zusammengetan und eine wunderbare XXL-Partnerschaft ins Leben gerufen.

Unsere Produkte haben sehr klare Designs, aber raffinierte Schnitte, die mit Gegensätzen spielen: Altes wird zu Neuem, strenge Linien und verspielte Funktionen treffen aufeinander, zeitgemäße Produkte werden in traditioneller Handarbeit gefertigt.

Was ist Euer Social Impact? 

Als klar war, dass es mit Bridge&Tunnel ernst wird, wollten wir die Info, dass wir handwerklich begabte Näherinnen und Schneiderinnen suchen, natürlich bestmöglich streuen. Wir hatten dann das große Glück, dass im Wilhelmsburger Wochenblatt – einem kleinen aber superviel gelesenen Blatt – ein Artikel mit unserem Angebot sogar auf dem Titel erschien. 4 Plätze wollten wir vergeben, gemeldet haben sich fast 60 (!) Leute. Auch das Jobcenter, mit dem wir eng zusammenarbeiten, hatte unsere Info gestreut. Unser Telefon stand tagelang nicht still... Es war unfassbar, welchen Nerv wir offenbar getroffen hatten. Wir haben dann am Telefon erstmal mit allen Interessierten eine Abfrage nach ihren Näherfahrungen und eine kleine Erstberatung gemacht. 25 haben wir dann zu einem Probenähen eingeladen und daraus unser Team ausgewählt. Neben dem Geschick an der Nähmaschine haben wir das Sprachniveau und die zeitliche Verfügbarkeit abgefragt. Und natürlich haben wir auch geschaut, dass die einzelnen Frauen gut zueinander ins Team passen.

In unserem Produktionsteam arbeiten aktuell 4 (zuvor langzeitarbeitlose) Näherinnen, die gebürtig aus Indien, der Türkei und Afghanistan kommen. Angeleitet werden sie von 2 weiteren tollen Frauen, die ausgebildete Schneiderinnen oder Bekleidungstechnikerinnen sind. Ein reiner Frauenladen also! Das wird sich aber bald ändern, denn die Geflüchteten, die sich bislang vorgestellt haben, sind fast alle Männer!

Die Arbeit mit unserem Produktionsteam nimmt einen Großteil unserer Zeit ein. Da unsere Näherinnen fast allesamt ungelernt sind, investieren wir viel Zeit, die Frauen zu professionalisieren. Ihre Begleitung geht dabei oft über das Berufliche hinaus. So suchen wir für eine 5köpfige Familie auch schon mal eine neue Wohnung oder erklären den Unterschied zwischen (Garn) „spulen“ und (Geschirr) „spülen“;-)

Wir merken jeden Tag aufs Neue, was es für die Frauen bedeutet, endlich einen eigenen Job zu haben und etwas zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizusteuern. Die Wertschätzung, die sie durch ihre Arbeit bekommen, erfahren viele von ihnen das erste Mal in ihrem Leben. Viele von uns können sich im Zeitalter von work-life-balance Überlegungen gar nicht vorstellen, was es bedeutet ganz ohne Arbeit zu sein. Und was es im Umkehrschluss bedeutet, welche zu haben. Denn wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Und wer arbeitet, fühlt sich gebraucht. 

Wie finanziert Ihr Euch?

Unser Geschäftsmodell steht auf verschiedenen Füßen: Zuallererst verkaufen wir natürlich unsere Designprodukte. Dann setzen wir auf Unternehmenskooperationen. So haben wir mit einem Hamburger Wirtschaftsunternehmen, die ebenfalls einen Fokus auf Recycling haben und mit dem wir eng zu dem Thema zusammen arbeiten wollen, ein dreijähriges Sponsoring abgeschlossen. Da alle unserer Näherinnen aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommen, profitieren wir außerdem noch von anteilig geförderten Arbeitsverhältnissen durch das Jobcenter. Das ist gerade für den Anfang, wo wir ja viel Zeit damit verbringen, unser Team zu professionalisieren, eine wahnsinnige tolle Unterstützung. 

Zuletzt – und das ist wirklich sensationell – haben wir einen Privatinvestor gefunden (der nicht namentlich genannt werden möchte, sowas gibt es tatsächlich!), dessen Hilfe essentiell ist.

Wie sieht die Social Entrepreneurship Szene in Hamburg aus? Was hat sich in den letzten Jahre verändert?

Wir waren im vergangenen Jahr Stipendiat bei Social Impact, eine super Anlaufadresse für angehende Sozialunternehmer. Das 8monatige Stipendium hat nicht nur unser Businessmodell auf Zack gebracht, wir haben auch einen super Einblick in die Social Entrepreurship Szene in Hamburg bekommen. Seitdem kennen wir superviele Leute, die in der Szene aktiv sind. Und haben den Eindruck, dass die Szene ständig wächst. Insbesondere die Flüchtlingskrise hat viele Menschen noch einmal aufgerüttelt und viele sozialunternehmerische Ideen entstehen lassen. 

Was steht für Bridge&Tunnel als nächstes an? Welche Kollektionen sind gerade in Arbeit?

Momentan sind wir noch überwältigt von den zahllosen Möglichkeiten, die Denim als Material bietet. Da sind wir noch lange nicht am Ende unserer Inspiration! Seit kurzem bieten wir zum Beispiel die Option an, die eigenen alten Jeans einzuschicken, aus denen wir dann einen individualisierten Rucksack oder Weekender fertigen.

Unsere Idee ist es, mit Bridge&Tunnel die Schönheit und Langlebigkeit von unterschiedlichen Reststoffen aufzuzeigen. Dazu möchten wir zukünftig mit wechselnden Materialien arbeiten und daraus verschiedene Endprodukte wie Accessoires und Interior Design fertigen. Die nächste Kollektion, die aus einem supertollen (aber noch geheimen) Material entsteht, erscheint im Frühjahr 2017.

Natürlich wäre es toll, auch unser Team zu vergrößern. Wir könnten uns zB vorstellen, neben unserer eigenen Linie zukünftig auch für andere Designer zu fertigen, denen ökologisches und soziales Engagement am Herzen liegt und die ein Interesse an fairer lokaler Fertigung haben. Es bleibt also in jedem Fall spannend.

Was macht Euch zu Changern?

Mit Bridge&Tunnel zeigen wir, dass es immer etwas gibt, was Menschen gut können, was aber kein Zeugnis widerspiegelt. Unternehmen sollten sich davon lösen, immer verbriefte Qualifikationen einzufordern, sondern sich genau anschauen, was die Menschen darüber hinaus können – und sie auf unkonventionelle Weise nach ihren Talenten fördern. Ein großer Schritt wäre getan, wenn wir in Deutschland soziales Tun und unternehmerisches Handeln enger und selbstverständlicher miteinander verweben könnten.