Über Dinge, die nicht in die Amygdala gehören

It’s not an emergency.

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von Sohra Behmanesh, October 5, 2022
Amygdala

Ich weiß ja erst seit einiger Zeit: Wir sind gar nicht so modern und fortgeschritten, wie wir gerne tun. Es ist eine Weile her, als ich über irgendeinen aktuellen sexistischen Vorfall mit den weit verbreiteten Worten darüber schrieb: „Klopf klopf, die 50er wollen ihr Frauenbild zurück!“ Aber… eigentlich ist es schlicht eine Verkennung der Realität, dass Dinge, von denen wir denken, dass wir sie längst hinter uns gelassen haben, faktisch immer noch zu unserer Realität gehören. „Es sollte heute aber nicht passieren“ ist ein berechtigter Wunsch, leugnet jedoch schlicht die Realität.

Und ähnlich ist es eigentlich mit unserem Gehirn und unserer Kognition. So komplex und ausgeklügelt diese Systeme sein mögen, sind unsere Reaktionen und Verhaltensweisen oft nicht sehr angepasst an Realität und aktuelle Umstände.

Die Amygdala ist der Teil unseres Gehirns, der u.a. eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Angst, Wut und anderen Gefühlen spielt. Und nun ist es so eine Sache mit der Angst (und allen anderen Gefühlen). Ich bin ja eine große Verfechterin von „Alle Gefühle dürfen sein“. Und gerade die Angst hat unberechtigterweise keinen guten Ruf. Einer der Gründe für das miese Image von Angst, ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es als erstrebenswert gilt, mutig und souverän und kompetent und vernünftig zu sein, und denken, dies sei damit, ängstlich zu sein, nicht vereinbar. Wir verknüpfen Angst mit Schwäche, mit Verzagtheit, mit Irrationalität, mit Verweichlichung – und so kommt es, dass nicht wenige Menschen es als Beleidigung empfinden, wenn man ihnen unterstellt, Angst zu haben. Ängstlich zu sein gilt als das Gegenteil davon, cool zu sein. Wir verknüpfen Angst mit versäumten Möglichkeiten, verschwendetem Potential; gerade bei unseren Kindern sind wir besorgt (!), dass ihre Ängste ihnen im Weg stehen könnten, sich frei zu entwickeln. Dabei ist Angst so eine vieldimensionale Angelegenheit. Wir erleben Angst vor allem in ihrem Aspekt der Hilflosigkeit, dem Aspekt der Bedrohung, der Abwesenheit von Sicherheit oder dem Aspekt der Einsamkeit. Dabei hat Angst auch andere Aspekte: Aufregung, Abenteuer, Neugierde aber auch Schutz, Fürsorge und Vernunft. Angst hat die mega wichtige Funktion, uns auf die Gefahr, aber auch auf das Unbekannte aufmerksam zu machen. Die Angst zeigt uns, wo unsere Komfortzone aufhört und wo wir hinmüssen, um Abenteuer zu erleben. Ohne Angst gibt es keinen Nervenkitzel – und auch keine Vernunft, denn es ist die Angst, die uns den Impuls gibt, zwischen Risiko und Sicherheit abzuwägen.

Und gleichzeitig weiß ich: Unsere Gefühle teilen uns zwar immer etwas Wichtiges mit, aber es ist nicht immer die Wahrheit. Wenn ich wütend bin, kann es sein, dass mir gerade Unrecht geschieht. Es kann aber auch sein, dass hinter meiner Wut einfach ein moralistisches Urteil steckt, z.B. wenn ich eine bestimmte (nicht oder mäßig berechtigte) Vorstellung davon habe, wie sich andere Menschen verhalten sollten, der diese aber nicht nachkommen. Und wenn ich Angst habe, kann es sein, dass gerade Gefahr droht. Es kann aber auch schlicht ein erlerntes Denkmuster dahinterstecken. Die Amygdala unterscheidet aber nicht, sie tut, was sie tun soll und stößt Prozesse an, die u.a. mit Adrenalin, Stress und Alarmbereitschaft zu tun haben und häufiger als uns lieb ist in einer Fight-Flight-Freeze-Reaktion resultieren: Um uns der (vermeintlichen) Gefahr zu stellen, gehen wir in den Kampf-Modus, den Flucht-Modus oder in den Erstarrungs-Modus. Und das kann eine Katze sein, die sich in den Schwanz beißt.

Eine bevorzugte Reaktion meiner Gefahrenbewältigung ist Flucht – und zwar in Form von Prokrastination. Wir wissen: Prokrastination hat nichts mit Faulheit zu tun, sondern viel mehr mit Dingen wie Versagensängsten, Executive Dysfunction, Überlastung, Perfektionismus und in meinem Fall mit Glaubenssätzen wie: „Ich schaffe das nicht“, „Ich bin nicht gut genug“, „Was ich tue ist sowieso nicht relevant“. Ist die Gefahr echt, ist die Angst berechtigt? Meine Amygdala sagt: „OMG JAAAAA!!! 🚨 🚨 🚨“ Aber wenn ich z.B. die Panik betrachte, die jeden Monat, wenn diese Kolumne fällig wird, das Ruder übernimmt und dazu führt, dass ich zehn Mal länger dafür brauche, als wenn ich einfach angstfrei loslegen könnte, und sie später mit dem Ergebnis abgleiche, mit dem ich dann doch recht zufrieden bin, wünschte ich, ich könnte es mir merken: „Die Aufgabe ‚Kolumne schreiben‘ gehört nicht in die Amygdala.“

Ich muss meine Amygdala aber sowieso mal tiefendecluttern. Da ist so viel los. Was sich da alles unberechtigterweise rumtummelt! Z.B. unbeantwortete Nachrichten oder Mails: (Gefühl: Scham. Reaktion: Erstarren/Totstellen in Form von erst-recht-nicht-Antworten); Konflikte mit dem Sohn oder dem Partner (Gefühl: Stress. Reaktion: Kampf in Form von Vorwürfen/Streit); Stille und Leerlauf (Gefühl: Angst. Reaktion: Flucht in Form von ständigem Beschäftigtsein).

Bei anderen Menschen übersetzt sich die (vermeintliche) Gefahrenbewältigung vielleicht in People Pleasing (Gefühl: Angst. Reaktion: Erstarrung in Form von Selbstverleugnung), Blackouts beim Sprechen vor anderen Menschen (Erstarrung) oder autoritärem Verhalten gegenüber Kolleg*innen (Gefühl: Unsicherheit. Reaktion: Kampf in Form von Aggression).

Die Fight-Flight-Freeze-Reaktion ist keine Entscheidung, sondern ein automatischer Vorgang in unserem Gehirn. Das heißt aber nicht, dass wir ihr hilflos ausgeliefert sind. Wir können üben, unsere Denkgewohnheiten und Glaubenssätze, die unterm Strich viel mit Alarmismus und Katastrophieren zu tun haben, in Frage stellen:

  • „Wenn ich nicht durchgreife, gerät alles außer Kontrolle.“
  • „Wenn ich nicht sofort antworte, denken sie, dass ich eine Versagerin bin, die nicht mal auf die Reihe bekommt, Nachrichten/E-Mails zeitnah zu beantworten.“
  • „Wenn ich meine Meinung sage, wenden sich alle von mir ab.“
  • „Wenn ich nicht diese Überstunden mache, verliere ich womöglich meinen Job.“

Auch wenn sich unser Leben oft nicht so anfühlt: Die meiste Zeit droht gar keine echte Gefahr. Aber wir kommen gar nicht so weit, das festzustellen, denn unsere Reaktionen sind meistens nicht dazu geeignet, diese Situationen zu entzerren, sodass dann tatsächlich echte Probleme entstehen können. Wir haben gar nicht gelernt, kurz innezuhalten, um stattdessen eine Antwort zu finden. Aber je häufiger wir es üben, desto häufiger wird es uns gelingen. Der Psychologe Viktor Frankl sagte mal:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt die Macht unserer Wahl. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

it's not an emergency

Und von der Psychologin und Familienberaterin Laura Markham habe ich dieses Mantra, das (genau wie das Zitat von Frankl) auf einem Post-it über meinem Schreibtisch hängt. Bei Markham geht es eigentlich um herausfordernde Situationen mit dem Kind, aber es lässt sich eigentlich auf weite Teile des Lebens anwenden. Das Kind will sich nicht die Zähne putzen? „It’s not an emergency.“ (deutsch: „Es ist kein Notfall.“) Es streitet sich mit dem Geschwister? „It’s not an emergency.“ Es gibt einen Konflikt mit einer Kollegin? „It’s not an emergency.“ Der Ex schreibt eine ätzende SMS? „It’s not an emergency.“ Viele dieser Situationen brauchen eine Antwort, aber sie brauchen nicht notwendigerweise eine sofortige Reaktion. Wir haben es nicht so gelernt und unser Stresspegel behauptet etwas anderes, aber meistens gibt die Situation her, dass wir innehalten und uns die Zeit nehmen, um zu überlegen, wie wir uns verhalten wollen. Die wunderbare Tara Brach spricht von „the power of interruption“ (deutsch: „die Kraft/Macht der Unterbrechung“): Innehalten. Überprüfen. Nachspüren. Alte Muster unterbrechen, aufbrechen. Antworten.

Ich liebe auch sehr dieses kurze Video von Marshall Rosenberg, dem Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, in dem er auf ebenso tragische wie lustige Weise erklärt, wieso es so wichtig ist, dass wir uns die Zeit nehmen, um aus der Energie zu handeln, zu der wir uns entscheiden, nicht aus der Energie, zu der wir sozialisiert wurden.

Innehalten. Nimm Dir Zeit. Es ist kein Notfall. 🙏🏽

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Mit dieser Kolumne möchten wir gemeinsam mit unseren Freund*innen von Wildling Shoes den Themen Antidiskriminierung, Belonging und Intersektionalität am Arbeitsplatz mehr Raum und Sichtbarkeit geben. Durch Artikel, Interviews und verschiedene Perspektiven wollen wir uns und alle, die im Impact-Sektor arbeiten herausfordern und inspirieren. Und gleichzeitig ermutigen, authentisch gelebte Arbeitsbereiche zu schaffen, die Zugehörigkeit fördern und Diskriminierung reduzieren. Indem wir neue Perspektiven gewinnen und einen gemeinsamen Dialog führen können wir einen kollektiven Schritt in Richtung eines radikalen Systemwandels im Impact-Sektor gehen – von „Macht über“ und „Macht für“ zu „Macht mit“. Unsere Kolumnist*in für das Jahr 2022 ist Sohra Behmanesh.