Gemeinwohlfördernd, aber nicht Non-Profit. Gewerblich, aber nicht gewinnorientiert. Wachstum, aber bitte nachhaltiges Wachstum! Sozialunternehmen haben es in Sachen Definition oftmals nicht leicht. Und obwohl sie alle das Ziel haben gesellschaftliche Probleme anzugehen, bekommen sie oftmals bürokratische, persönliche oder politische Stolpersteine in den Weg gelegt. 

„Social Entrepreneurship eine Stimme geben“ ist eine vierteilige Interviewreihe, in der Mitglieder des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland, kurz SEND, ihr Social Business vorstellen und über ihre Erfahrungen, Herausforderungen und Wünsche als Social Entrepreneurs erzählen. SEND vernetzt Akteur*innen aus dem SocEnt Sektor und setzt sich dafür ein, die politischen Rahmenbedingungen für Social Enterprises in Deutschland zu verbessern.

Im letzten Teil der Interviewreihe stellen wir Sonja Westphal, Gründerin von Sustify, vor. Sustify ist eine digitale Trainingsplattform, die Brands nutzen, um die Nachhaltigkeit im Fabrikalltag zu erhöhen.

Erzähl uns von Deinem Social Enterprise.

Ausgangslage ist, dass viele Einzelhändler und Discounter schon Nachhaltigkeitsprogramme für ihre zuliefernden (Textil-) Fabriken durchführen. Denn seit 2016 ist man als Unternehmen mitverantwortlich, wenn man einen bestimmten Prozentsatz an Waren in einer Fabrik z.B. in Asien einkauft.

Das Problem ist jedoch, dass in solchen persönlichen Trainings vor Ort nur eine sehr begrenzte Anzahl an Arbeiter*innen erreicht werden kann, und die Wirkungsmessung sehr schwierig ist.

Mit Sustify haben wir daher eine digitale Lösung, eine Art Lern-App für Tablets entwickelt, wo wir ganz viele Arbeiter*innen erreichen können, und womit wir mit ganz konkreten Indikatoren auch genau den Lernerfolg messen können. Der erste Kurs, den wir gerade entwickelt haben, behandelt das Thema „Gebäude- und Brandschutz und Gefahrenmanagement“.

Wir helfen also den Fabriken in Schwellen- und Entwicklungsländern globale Sozial- und Umweltstandards einzuhalten und damit wettbewerbsfähig zu sein. Die Fabriken werden so nicht nur durch Audits punktuell kontrolliert, sondern verstehen das WARUM hinter den Anforderungen, und der deutsche Einzelhandel kann Schulungserfolge konkret belegen und in die Nachhaltigkeitsberichtserstattung einfließen lassen.

Was sind die größten Herausforderungen gewesen bei der Gründung bzw. Skalierung?

Für mich war und ist es die Herausforderung ein Team zu finanzieren, solange noch keine Einnahmen erzielt werden.

Investoren interessieren sich erst, wenn man bereits ein Produkt und potentielle Kunden hat. Um dahin zu kommen, muss man aber - gerade wenn es wie bei Sustify um Software geht - enorme Summen investieren. Um die richtigen Teammitglieder zu finden, muss nicht nur der finanzielle Background und die fachliche Kompetenz passen, sondern auch die Persönlichkeit. Auch die Balance zu finden zwischen Bootstrapping und fairer Bezahlung fordert mich immer wieder heraus.

In wie fern hast Du bereits staatliche Unterstützung erhalten? Was wünschst Du Dir?

Ich habe den Gründungsbonus erhalten, und habe mich darüber wirklich sehr gefreut. Für 100 000 Euro Ausgaben werden im Nachhinein 50% erstattet. D.h. man muss sich natürlich zunächst erst einmal selbst finanzieren. Ich fand die gesamte Antragstellung perfekt organisiert, und wurde durch die sehr persönliche Betreuung in dem gesamten Prozess sehr unterstützt. Entgegen meiner Befürchtung war es überhaupt nicht bürokratisch, aufgrund von Nachfragen seitens des Gründungsbonus habe ich selbst sogar dazu gelernt und konnte mein Konzept noch weiter verbessern.

Wenn ich noch einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass es in der Business Angel Szene noch mehr Menschen gibt, die schon in der Frühphase Social Entrepreneurship fördern wollen, und verstehen, dass ein Unternehmen nur dann als erfolgreich gelten sollte, wenn es nicht auf Kosten von Umwelt und Menschen geht.

Wie beurteilst Du den deutschen SocEnt Sektor?

Ich glaube die Begrifflichkeit macht es schwierig, wer sich wie mit diesem Sektor identifiziert. Laut Definition fallen ja alle Unternehmen darunter, die „sich für den positiven Wandel einer Gesellschaft“ einsetzen.

"Außerdem gibt es auch einen Widerspruch zum Unternehmertum allgemein, denn sollte nicht eigentlich jedes Unternehmen etwas Positives für die Gesellschaft beitragen? Wenn wir also alle unser Ziel erreichen, schaffen wir diese Begrifflichkeit eigentlich ab."

Da ist dann die Abgrenzung zu Greentech sehr schwierig. Außerdem gibt es auch einen Widerspruch zum Unternehmertum allgemein, denn sollte nicht eigentlich jedes Unternehmen etwas Positives für die Gesellschaft beitragen? Wenn wir also alle unser Ziel erreichen, schaffen wir diese Begrifflichkeit eigentlich ab.

Ich freue mich auf jeden Fall sehr, dass es SEND e.V. gibt, und damit eine Plattform, auf der ich mich mit Unternehmer*innen austauschen kann, die ähnliche Werte und Ziele verfolgen.

Welche 3 Tipps würdest Du angehenden Social Entrepreneurs geben?

  • Statt sich immer anzuhören, was man alles falsch machen kann, lieber die Unternehmen befragen, die erfolgreich sind!
  • Wenn etwas nicht klappt, nicht aufgeben, sondern das eigene Konzept immer wieder verbessern!
  • Networking, networking, networking; Gerade im Social Entrepreneurship Sektor kann man Geben und Nehmen erfahren, ohne dass immer alles monetär sein muss. Was man der einen Seite gibt, kann von einer ganz anderen Seite wieder zurück kommen.

Die anderen Teile der Blogreihe verpasst? Hier gibt's mehr zu Thema: 

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