Gemeinwohlfördernd, aber nicht Non-Profit. Gewerblich, aber nicht gewinnorientiert. Wachstum, aber bitte nachhaltiges Wachstum! Sozialunternehmen haben es in Sachen Definition oftmals nicht leicht. Und obwohl sie alle das Ziel haben gesellschaftliche Probleme anzugehen, bekommen sie oftmals bürokratische, persönliche oder politische Stolpersteine in den Weg gelegt.

„Social Entrepreneurship eine Stimme geben“ ist eine vierteilige Interviewreihe, in der Mitglieder des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland, kurz SEND, ihr Social Business vorstellen und über ihre Erfahrungen, Herausforderungen und Wünsche als Social Entrepreneurs erzählen. SEND vernetzt Akteur*innen aus dem SocEnt Sektor und setzt sich dafür ein, die politischen Rahmenbedingungen für Social Enterprises in Deutschland zu verbessern.

Als zweiten Teil der Interviewreihe stellen wir Stephie und Philipp vor.  Mit ihrer Kreativagentur Das Gute Ruft wollen sie diejenigen unterstützen, die Gutes tun und ihnen helfen mehr Menschen zu erreichen und ihre Wirkung zu vergrößern 

Erzählt uns von Eurem Social Enterprise.

Wir sind die öko-soziale Kreativagentur “Das Gute Ruft” und arbeiten mit Sozialunternehmen, NGOs, Stiftungen und ökologischen Projekten, damit sie mit einem zeitgemäßen Marketingansatz und gutem Design mehr Menschen erreichen und ihre Wirkung vergrößern. Unser Herz schlägt hierbei für ethische Marketingkampagnen, Branding, Grafikdesign, WordPress-Websites und Marketing-Workshops.

Außerdem sprechen wir sehr gerne über ökologische und soziale Nachhaltigkeit – zuletzt beim “Let’s tell a new story about sustainability”-Panel von Infinity Deutschland und bald bei der Bits & Bäume-Konferenz mit einem Workshop über Suffizienzorientiertes Marketing.
Parallel zur Kreativagentur moderieren wir die ethische Marketing-Community “Gutes sichtbar machen“.

Was sind die größten Herausforderungen gewesen bei der Gründung bzw. Skalierung?

Insgesamt lief die Gründung für uns recht geschmeidig, auch die Entscheidung zur Selbständigkeit fiel uns beiden leicht.

Einige Herausforderungen, die uns bei der Gründung begegnet sind, möchten wir trotzdem gern auflisten:

  • Recherche: Zahlen, Daten, Fakten zum SocEnt-Sektor in Deutschland – Es gibt noch nicht viele Zahlen, Daten, und Fakten zum SocEnt-Sektor in Deutschland. Umso besser, dass der Deutsche Social Entrepreneurship Monitor bald rauskommt!
  • Mentaler Rückhalt: nicht jede*r im Familienumfeld und Freundeskreis versteht, warum man einen sicheren Job im konventionellen Unternehmen gegen einen Job mit Sinn eintauscht.
  • Finanzierung: es gibt keine / zu wenige leicht zugängliche Mikrofinanzierung. Es wird einem auch alles andere als leicht gemacht, die Gründerförderung des Arbeitsamtes zu bekommen – die Beratung / Weisung geht hier ganz klar weg von der Selbständigkeit. Außerdem sind viele Fördertöpfe eher auf konventionelle Startups ausgerichtet, bei denen vor allem der maximale Gewinn und das schnelle Wachstum im Vordergrund stehen – da haben soziale Unternehmen, die einen nachhaltigen, gesunden und nicht vordergründig profitorientierten Ansatz verfolgen, leider oft das Nachsehen.
  • Koordination und Zeitmanagement: Mit der Entscheidung für das eigene Unternehmen erhält man mehr oder weniger über Nacht eine Vielzahl neuer Aufgabenbereiche – von Steuern bis hin zu Marketing- und Vertriebsmaßnahmen müssen viele Bälle gleichzeitig in der Luft gehalten werden – diese Vielseitigkeit macht natürlich einen großen Reiz bei der Unternehmensgründung aus. Gleichzeitig muss man auf sich Acht geben, um nicht für die gute Sache auszubrennen.

SEND ist für uns als Netzwerk wertvoll, da wir auf Gleichgesinnte treffen und uns zu den Herausforderungen austauschen können, die uns im sozialen Gründeralltag begegnen. Gleichzeitig wird sich so hoffentlich einiges im Bereich Finanzierung positiv entwickeln – da freuen wir uns drauf!

Im Hinblick auf Skalierung sehen wir die größte Herausforderung für Sozialunternehmen darin, die Waage aus Wirtschaftlichkeit, Impact und Ressourcenschonung zu finden und so zum Vorbild für konventionelle Unternehmen zu werden. Wir selber haben uns für eine Slow Growth-Strategie entschieden, bei der die Skalierung (Finanziell / Unternehmenswachstum) nicht im Fokus unseres Handelns steht.

Inwiefern habt Ihr bereits staatliche Unterstützung erhalten? Was wünscht Ihr Euch?

Philipp hat als Mitgründer die Existenzgründer-Förderung vom Arbeitsamt erhalten, für 6 Monate. Von anderen Social Entrepreneurs haben wir allerdings erfahren, dass einige Probleme damit hatten, die Existenzgründer-Förderung zu bekommen. Hier sehen wir noch Aufklärungs-Bedarf im Vergabe-Prozess des Arbeitsamts – wir brauchen schließlich mehr Ideen und Gründungen, die den positiven Wandel voranbringen.

Wir wünschen uns, dass der Start sozialer Innovationen so leicht wie möglich gemacht wird – es darf unserer Meinung nach heutzutage keine Gründung mehr geben, die sich nicht explizit die Bewältigung ökologischer, gesellschaftlicher und sozialer Herausforderungen verschrieben hat. Die Hürden für die Gründung müssen kleiner werden.

Wir wünschen uns mehr Mikrofinanzierung, mit der man als Gründer*in den ersten Monate vor und nach Gründung seinen Lebensunterhalt bestreiten und sein Unternehmen planvoll und gesund aufbauen kann. Diese Mikrofinanzierung kann benötigtes Startkapital für Marketing- und Vertriebsmaßnahmen, aber auch für Organisatorisches (z.B. Anwalts- und Notarkosten) sein; gegebenenfalls auch zur Existenzsicherung des privaten Lebensunterhalts.

Unternehmen, die zukunftsorientiert wirtschaften, sollten Steuervorteile oder ähnliche finanzielle Begünstigungen erhalten. Natürlich sind die Budgets knapper als bei konventionellen Großkonzernen, das sollte sich dann auch in einer Vergünstigung bei den Abgaben widerspiegeln. Übrigens wäre das auch ein toller Anreiz für konventionelle KMU, ihr Geschäftsmodell Richtung öko-soziale Nachhaltigkeit umzustellen.
Vom aktuellen Gründerstipendium NRW sind wir enttäuscht: dort werden “innovative” Konzepte mit je 1.000€ im Monat gefördert, jedoch wird hier in den Bewerbungskriterien nicht von sozialen Innovationen, sondern hauptsächlich von technischen Innovationen gesprochen. In unserem letzten SEND-Regionaltreffen haben wir aber erfahren, dass dieses Problem bereits aufgegriffen wird – das wäre ein Riesenerfolg, wenn wir mittels SEND dafür sorgen können, dass konventionelle staatliche Förderprogramme endlich Social Entrepreneurship in den Fokus rücken.

Wie beurteilt Ihr den deutschen SocEnt Sektor?

Verglichen mit anderen Ländern – gerade im englischsprachigen Bereich – hat der deutsche SocEnt-Sektor noch einiges an Luft nach oben! Dieses noch frische Entwicklungsstadium bietet natürlich auch spannende Potenziale – wir können gemeinsam dafür sorgen, dass SocEnt in Deutschland so richtig groß rauskommt, dass Gewinn mit Sinn verknüpft wird und wir so die Zukunft nachhaltig gestalten. Darum freuen wir uns über viele neue Mitglieder im Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland.

Welche 3 Tipps würdet Ihr angehenden Social Entrepreneurs geben?

  • Vernetzt euch mit anderen Akteuren aus dem SocEnt-Sektor, über Vereine, Gruppen und Events. Vielleicht gibt es eure Idee sogar da draußen sogar schon und ihr könnt sie gemeinsam mit anderen umsetzen? Bildet Partnerschaften, startet gemeinsame Marketingaktionen und tauscht euch regelmäßig aus. Wir können alle viel voneinander lernen und uns gegenseitig unterstützen – nur so haben wir gegen “die Großen” eine Chance.
  • Kommunikation ist super wichtig: weltverändernde Ideen können ihre volle Wirkung nur entfalten, wenn genügend Menschen hiervon erfahren, euer Konzept verstehen und es begeistert mittragen. Startet so früh wie möglich damit, eure Idee in die Welt zu tragen. Gerade bei jungen Projekten entwickelt sich innerhalb der ersten Monate so viel; wir stellen fest, dass es hilfreich ist, seine Idee mit potenziellen Unterstützer*innen zu teilen und mit dem Feedback weiterzuentwickeln.
  • Werdet euch eurer Werte absolut bewusst und schreibt diese vielleicht sogar irgendwo auf. Ihr werdet immer wieder in Situationen kommen, in denen ihr dieses Wertesystem als Entscheidungsgrundlage für euren Weg nutzen könnt. In puncto Finanzierung und Geldgeber zum Beispiel: von wem würdet ihr Geld annehmen? Auch von einem Konzern, der alles andere als eine ökologisch-soziale Mission verfolgt? Mit welchen Kunden möchtet ihr gerne zusammenarbeiten? Wer soll Eure Bewegung unterstützen? Die Werte sind auch in eurer Kommunikation nach draußen wichtig: achtet darauf, dass Eure soziale Mission sich auch in euren Marketingmaßnahmen widerspiegelt – das bedeutet: keine Manipulation, sondern authentisches Marketing, das von Menschen für Menschen gemacht wird und das sich an inklusiven, ökologischen und sozialen Grundsätzen orientiert.

Hier kannst Du mehr über SEND erfahren und selbst Mitglied werden.

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Wie viel verdient man eigentlich im sozialen und nachhaltigen Sektor?
Der tbd* Gehaltsreport – Gehalt, Präferenzen und Zufriedenheit der Mitarbeiter im sozialen Sektor.
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