Bilder: Christian Klant

Mit Neugier, oft Begeisterung lese ich Artikel über die neue Organisation von Arbeit. Über Arbeitszeitmodelle, die tatsächlich eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Über Teamstrukturen, die Eigenverantwortlichkeit und Gestaltungsfreiräume von allen erhöhen. Ein Gedanke fehlt mir allerdings in den meisten Diskussionen: Der Austausch darüber, welche Zukunft wir mit unserer Arbeit gestalten.

Mit Ashoka Deutschland gehören wir zum weltweit größten Netzwerk zur Förderung von Social Entrepreneurs und haben uns selbst vor fast zwei Jahren auf die Reise begeben, die Reise nach „New Work“ (mehr zum Megatrend und Ansätze einer Definition gibt es z.B.hier beim Zukunftsinstitut). Uns trieb an, nach einigen großen Teamveränderungen wegzukommen von einem Modell, in dem einige wenige nach außen repräsentieren und nach innen bestimmen. Seit unserer Gründung Anfang der 1980er Jahre zeichnen wir uns dadurch aus, unternehmerisch denkende und handelnde Menschen anzuziehen – und diese Haltung braucht auch in einem Angestelltenverhältnis Freiraum. Außerdem wollten wir raus aus der Adminzone: Abstimmungen reduzieren, Flexibilität erhöhen, Eigenverantwortlichkeit stärken. Und dank guter Begleitung durch eine Organisationsberaterin ist uns das auch gelungen: Zur schon vorher gelebten Vertrauensarbeitszeit an unterschiedlichen Standorten kam hinzu, dass wir klassische Führungstätigkeiten neu im Team verteilten. Wir veränderten unsere alltäglichen Abläufe z.B. in Terminen (Meditation wirkt als Hektikblocker, jedes Treffen beinhaltet eine Reflektion zur Zielerreichung und eigenem Beitrag, etc.) oder der Projektplanung und wir investierten viel in Feedbacks, Vertrauen und die Dialog- ja, auch die Konfliktfähigkeit im Team (spannend z.B. die Konflikttypen nach Tilman oder die Biastests nach Harvard). Als Führungsteam gaben wir unsere Titel ab. Nun sind wir Partner und auf einem guten Weg, so finden wir. Den überraschenden und uns bewegenden Rückmeldungen unserer Stakeholder nach zu urteilen, finden diese das auch. Für uns passt diese Art der Organisation zu dem, was wir sein wollen: Eine Plattform für unternehmerisch und wirkungsorientiert denkende Menschen, die mit ihrer Kraft soziale Innovationen voran bringen möchten und die so zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen.

Neben all den wunderbaren Rahmenbedingungen, die Ashoka Deutschland uns auch Dank „New Work“ bietet, gibt es etwas anderes, das mich (fast) jeden Tag motiviert zur Arbeit gehen lässt: Das Gefühl, zu einer zukunftsfähigen Welt beizutragen, ganz aktiv. Zu einer Welt, in der wir aus Respekt vor Natur und unseren Mitmenschen nicht über unsere Verhältnisse leben. Eine Welt, in der wir aufeinander achten und es schaffen, niemanden zurück zu lassen. Eine Welt, in der wir uns für echte Chancengleichheit einsetzen. Kurz, eine Welt, in der jede und jeder sein/ihr Potenzial erkennt und nutzen kann, zum Gemeinwohl beizutragen. Wir sagen: Ein*e Changemaker*in zu sein.

Und dies bringt mich zu dem Dialog, den ich in der Debatte um New Work oft vermisse. Natürlich identifiziere ich mich mit den Aspekten an New Work, durch die dazu beigetragen wird, dass mehr Menschen auch durch die Arbeit erfüllter werden – und weniger Menschen Arbeit ausschließlich als ein notwendiges Übel betrachten. Dass Arbeit (mit)menschlicher wird und alte Rollenmuster wie gläserne Decken aufgebrochen werden. Darin sehe ich ein großes Potenzial von New Work als Trendthema. Aber wenn wir schon bei Trends sind: Es reicht nicht, darüber zu sprechen, wie wir uns organisieren, um z.B. der zunehmenden Automatisierung und Digitalisierung zu begegnen. Es reicht nicht, New Work als Argument für Wettbewerbsfähigkeit hervor zu heben oder als Möglichkeit, im Kampf um die Talente zu bestehen. Es ist allerhöchste Zeit, dass wir mehr darüber sprechen, WAS wir eigentlich arbeiten. Und zu welcher Welt wir mit der Arbeit, die wir tagein, tagaus machen, beitragen.


Ashoka Fellows gestalten als Social Entrepreneurs eine zukunftsfähige Welt mit. Hier beim jährlichen Community-Treffen.

Ist das eine Diskussion, die sich nur jene leisten können, die so privilegiert sind eine echte Jobwahl zu haben? Ja, momentan ist sie das wahrscheinlich. Das macht die Diskussion aber nicht weniger wichtig. Im Gegenteil, denn oft gehen gerade diese Menschen in gestaltende Positionen. Und ich glaube auch: Viele von uns haben mehr Wahlmöglichkeiten, als sie sich selbst zugestehen. Spielen wir also den Gedanken einmal durch.

In meinem Umfeld wird zunehmend über Konsumentscheidungen gesprochen: Mehr Bio, weniger Co2-Emission, Ökostrom. Eine der wichtigsten Entscheidungen, die wir treffen, wird in diese Gleichung selten einbezogen: In was wir unsere Arbeitszeit investieren, welchen Job wir wie ausüben. Aber was hilft es, wenn ich die Gemüsekiste abonniere, aber jede Woche 50 Stunden für Kosteneinsparungen in einem Großkonzern berate, dessen Geschäftsmodell nicht nachhaltig ist? Wenn ich Ökostrom beziehe, aber Produkte verkaufe, die wenig bis gar nichts Gutes tun, vielleicht sogar im Gegenteil?

Wieso ist es so, dass (noch) so wenige ihre Berufswahl und -entwicklung danach ausrichten, was ihr Job „anrichtet“? Was hilft mir flexible Arbeitszeit, wenn ich in dieser Zeit Unternehmen helfe, deren Geschäftsmodell keine Zukunft hat? Oder an einer Gesellschaft arbeite, die nicht den Werten entspricht, die mir wichtig sind?

Mein Plädoyer: Lasst uns die Debatte um New Work konsequent um die Facette des Gemeinwohlbeitrags bereichern. Was für eine Welt gestaltest Du mit?

Wie das geht? Wir können…

  • mal mit ehrlichem Blick die Lebenslogiken anschauen, nach denen wir handeln: Wovon gehe ich aus, vielleicht unhinterfragt? Dass es immer mehr werden muss (dazu auch spannend die Gedanken von Kate Raworth in „Doughnut Economics“)? Dass ich immer höher steigen muss, dass Karriere eine lineare Entwicklung ist? Dass es am Ende doch auf „mein Haus, mein Auto, meine Hobbies“ ankommt? Ich wünsche uns mehr Mut, die Möglichkeiten der Gestaltung von Mosaikkarrieren zu nutzen. Ich wünsche uns mehr Mut, uns stärker von Vergleichen loszusagen.
  • berufliche Möglichkeiten in ihrer Gänze kennenlernen und vergleichen – unter Einbeziehung des Kriteriums „Beitrag zu einer zukunftsfähigen, heißt nachhaltigen Welt“: Statt auf eine Mid-Life-Crisis zu warten, bietet sich an, die bunte und faszinierende Vielfalt beruflicher Möglichkeiten „mit Sinn“ schon zu Beginn und im Verlauf der Karriere immer wieder kennen zu lernen und für sich zu prüfen. Ob im Hauptjob oder Ehrenamt – die Möglichkeiten sind so vielfältig! Ich glaube mitnichten, dass nur die Arbeit für „Social Start-Ups“ oder Stiftungen oder Öko-Unternehmen sinnvoll ist. Wo zieht man die Linie? Ich habe darauf keine Antwort, mein Plädoyer ist lediglich: Lasst es uns zum Thema machen. Spannende Orientierung bietet z.B. das Projekt 80.000 Hours; auch die Personalberatung Talents4Good oder Plattformen wie diese hier sind gute Anlaufstellen.
  • unseren aktuellen Job hinterfragen – und überlegen, welche Gestaltungsmöglichkeiten wir in ihm haben und (noch) nicht nutzen: Vielleicht gibt es in meinem Unternehmen ein betriebliches Vorschlagswesen, oder andere Möglichkeiten, Anregungen zu platzieren? Intrapreneurship, also das unternehmerische Tun im angestellten Verhältnis, kann viel bewegen (mehr dazu z.B. bei der League of Intrapreneurs).

Hier findest Du vielleicht Deinen nächsten sinnvollen Job. 

Es gibt vieles, das mir Mut macht: Studien über die Jobmotivation von heutigen Berufsanfänger*innen, die diese Gedanken oft schon intuitiver einzubeziehen scheinen – und ihre Arbeitgeber ganz ordentlich unter Druck setzen. Die Auseinandersetzung mit effektivem Altruismus und der Frage, wie ich als Individuum möglichst wirksam zum Gemeinwohl beitragen kann. Schulen und Schulnetzwerke, die Schulfächer wie „Verantwortung“ für das Umfeld zur neuen Norm machen (z.B. Schule im Aufbruch und die Sozialunternehmerin Margret Rasfeld). Unternehmen und Organisationen, die sich – ja, auch dank New Work – auf den Weg machen, Dinge anders zu machen, und dadurch für sich erst die Räume öffnen, grundsätzlicher über das eigene Tun und dessen Legitimität nachzudenken – viele Beispiele liefert Frederic Laloux in seinem Buch Reinventing Organizations.

In diesem Sinne bleibe ich optimistisch und wünsche uns vor allem: konstruktive Gespräche über die Lage der Welt und den Einfluss, den unsere individuelle Jobwahl und -ausgestaltung in ihr hat. So kann es uns gelingen, New Work anzureichern um die zentrale Auseinandersetzung damit, wozu New Work dienen kann und sollte: unser aller Welt nachhaltig zu gestalten.


Laura Haverkamp, 34, studierte Publizistik, Mandarin und Public Policy in Berlin, bevor sie 2011 nach vier Jahren in der PR-Beratung beim globalen Netzwerk Ashoka – Innovators for the Public einstieg. Sie ist Mitglied des Think Tank 30 der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.