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Günter Metzges-Diez  hat das Kampagnennetzwerk Campact gegründet und 13 Jahre lang als einer von drei Geschäftsführern geleitet. In diesem Artikel erklärt er, was Campaigner*innen können müssen, um erfolgreich zu sein.

Die Meisten rutschen da einfach so rein - an der Schule, in der Uni. “Irgendwann gab es ein Thema, das mich berührte, bei dem ich mit gefordert war, bei dem ich glauben konnte, einen Unterschied zu machen, dabei, wie gerecht, wie ökologisch oder wie friedlich die Zukunft sein wird. Atomtransporte, Anti-Irakkrieg-Demos, Schul- oder Unistreik, Antirassismus-Aktionen. Es hat mich nicht mehr losgelassen und irgendwann habe ich mich dann bei der Organisation X oder Y als Campaigner*in beworben”. So oder ähnlich klingt der Start der meisten Biographien von professionellen Campaigner*innen, sei es bei Greenpeace, Amnesty International oder Campact.

Campaigner*innen im Sinne dieses Beitrages sind Menschen, die Entscheidungen politischer, wirtschaftlicher und journalistischer Systeme im Sinne progressiver Werte und Ziele beeinflussen. Sie mobilisieren Menschen, organisieren Zivilgesellschaft, machen Lobbyarbeit und werden Teil der öffentlichen Debatte. Sie verbinden dazu Organisationen, Erzählungen, Menschen, Wissen und Ressourcen.

Aber was tut ein*e Campaigner*in, was sollte er*sie in diesem Beruf, für den es in Deutschland noch keine Ausbildung gibt, mitbringen? Aus meinen langjährigen Erfahrungen bei Campact nehme ich an, dass folgende Aspekte wichtig sind:

  • Gerade, weil es keine Ausbildung gibt, spielt Erfahrung in vergleichbaren Themenfeldern in Einstellungsgesprächen eine immense Rolle. Hast Du bereits Erfahrung in haupt- oder ehrenamtlicher Kampagnenarbeit gewonnen? Weißt Du, worauf es dabei ankommt? Stallgeruch spielt eine nicht unwesentliche Rolle.
  • Ein wichtiger amerikanischer Begriff ist Purpose und ist ins deutsche nur schwer übertragbar. Es geht darum, Dir bewusst zu sein, was Dich antreibt und wie Du Dich aus Deinem tiefsten Inneren mit der Aufgabe der Stelle verbinden kannst. Willst Du die Organisation unterstützen, um das Ziel der Stelle zu erreichen? Oder bewirbst Du Dich, um im Rahmen der Stelle die Kraft der Organisation für Deine Mission nutzen zu können, die zufällig dem Profil der Stelle gleicht?
  • Politische Analyse: ein politikwissenschaftliches oder journalistisches Studium ist sicher hilfreich. Jenseits davon geht es aber vor allem um die Fragen: Kannst Du aus der Sicht anderer politischer Akteur*innen denken? Kannst Du die eigenen Ziele verständlich formulieren und auf real existierende Chancen herunterbrechen? Kannst Du die wichtigsten Einflussfaktoren einer komplexen Umwelt mit diversen Akteur*innen benennen und kannst Du im Spannungsfeld von Zielen, Umwelt/Kontext und eigenen Ressourcen einen begründeten Strategie- und Maßnahmenvorschlag machen? Und noch viel wichtiger: bist Du bereit, denselben sofort wieder zu verwerfen oder zu ändern, wenn sich neue Aspekte ergeben?
  • Kannst Du Geschichten einer besseren Zukunft erzählen und damit andere Menschen begeistern und überzeugen? Kannst Du verstehen, was je die gegnerische und was Deine Geschichte reizvoll macht? Siehst Du die Brüche in der eigenen und der gegnerischen Erzählung? Weißt Du, welche Rolle Du selbst in der Erzählung spielst?
  • Kannst Du Konflikt? Bist Du bereit, je nach Erfordernis die Rolle der Expertin oder des Ideengebers mit der der Spielverderberin und der Nervensäge zu tauschen? Bleibst Du auch in einer direkten Konfrontation mit politischen Gegner*innen gelassen, aber standhaft? Kannst Du einen Konflikt bewusst eskalieren, ohne Dich selbst mitreißen zu lassen und die politischen Gegner*innen zu verteufeln?
  • Campaigner*innen sind Expert*innen für politische Strategie, Konfliktdynamiken und Erzählungen. Sie sind in der Regel nicht die Fachexpert*innen für ein Thema. Als Campaigner*in ist es Deine Aufgabe, die notwendigen, realitätsverändernden Verbindungen zwischen Akteur*innen, Organisationen, Prozessen, Erzählungen und Inhalten zu schaffen.
  • Last but not least geht es um Social Change Leadership: kannst Du eine Vision von Veränderung Wirklichkeit werden lassen, in dem Du dich selbst, das eigene Team oder die eigene Organisation, die eigene soziale Bewegung und Bündnispartner*innen und nicht zuletzt politische Entscheidungsträger*innen von der beinahen Unausweichlichkeit Deiner Vision überzeugst?

Puh … that’s a lot. Auf einer Campaigner*innenkonferenz wurde ich mal gefragt, ob zur Berufskleidung nicht ein blauer Stretch-Anzug, ein rotes Cape und ein S-Aufnäher auf der Brust gehört. Nicht ganz, aber die Erwartungen sind enorm hoch und die Chancen des Erfolgs bei Lichte betrachtet gering. Denn Deine Macht leitet sich nicht aus materiellen Bedingungen, sondern hauptsächlich aus dem Wort ab. Deshalb gehört es auch zu den Aufgaben, sich der eigenen Begrenztheit bewusst zu sein und den Weg als das eigentliche Ziel zu sehen.

In absurdem Gegensatz zu den Ansprüchen steht, dass es - zumindest bisher in Deutschland - keine Möglichkeit einer systematischen Ausbildung zum/zur Campaigner*in gibt. Ausbildungen werden von verschiedenen Organisationen in den USA, in Großbritannien oder Australien angeboten. Für einzelne Module und Fragen gibt es in Deutschland bisher Angebote der Campaigning Academy und vom Boostcamp.

Dr. Günter Metzges-Diez (1971) hat Campact gegründet und 13 Jahre lang als einer von drei Geschäftsführern geleitet. Er hat ursprünglich in Bremen Politik- und Erziehungswissenschaften studiert und zu Einflussmöglichkeiten von NGO-Kampagnen auf internationale Verhandlungsprozesse promoviert. Heute begleitet er freiberuflich NGOs bei Organisations- und Kampagnenentwicklungsprozessen und bietet Coaching für Führungskräfte. Im Auftrag der Gesellschaft “Protect the Planet” arbeitet er im Moment an einem Konzept für eine Ausbildung von Campaigner*innen, die - wenn alles gut läuft - Mitte 2019 erstmalig starten soll.