Header: Karl Magnuson via Unsplash

Es ist (beinahe) 2022 und FLINTA* sind in unserem Sektor in Führungspositionen weiterhin unterrepräsentiert. Doch wie geht eigentlich Organisationsführung, die feministische Werte und Prinzipien widerspiegelt? Wie können wir Authentizität und Integrität auch in unserer Führungskultur im sozialen und nachhaltigen Sektor leben? 

Diesen Fragen haben wir uns beim letzten HR Frühstück von Talents4Good und tbd* am 02.12.2021 gewidmet. Als Referentinnen waren diesmal Lisa Hey und Helene Wolf von FAIR SHARE of Women Leaders e.V. dabei. Der gemeinnützige Verein, der 2019 in Deutschland gegründet wurde und sich weltweit für mehr Frauen in Führung in der Zivilgesellschaft und Feminist Leadership einsetzt untersucht ​​im Fair Share Monitor regelmäßig welche Organisationen einen fairen Anteil von Frauen in Führung haben – und welche noch nicht. 

Was verstehen wir unter feministischer Führungskultur? 

Das Konzept Feminist Leadership (oder auch Feministische Führungskultur) wurde vorwiegend von Frauen und Frauenrechtsbewegungen aus dem Globalen Süden entwickelt und praktiziert. Nun wird das Konzept zunehmend im zivilgesellschaftlichen Sektor deutschlandweit diskutiert. Ziel ist es, neue Formen und Entwürfe von Organisationsführung zu entwickeln, die feministische Werte und Prinzipien widerspiegeln und dadurch zentrale Fragen von Machtungleichgewicht, Hierarchie und Bürokratie von derzeitiger Organisationsführung in der Social Economy neu denken.

Warum ist das Thema gerade für unseren Sektor so bedeutsam? 

In unserem Sektor sind vorwiegend Frauen beschäftigt, dennoch sind sie in Führungspositionen weiterhin in der Minderheit. Wie der aktuelle Fair Share Monitor zeigt, haben derzeit Nur 22 von 159 Organisationen einen FAIR SHARE und leben bereits heute Geschlechtergerechtigkeit in den eigenen Führungsstrukturen. Teilhabe, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit sind zentrale Ziele in zivilgesellschaftlichen Organisationen, dennoch sind diese bisher kaum in unserer Art die Organisation zu führen verankert. Gerade in wertebasierten Organisationen ist die Kluft zwischen Anspruch und gelebter Realität im Bezug auf Geschlechter- und Chancengerechtigkeit umso größer, was oftmals zu Frustration und Enttäuschung führen kann. Die weiterhin von Sexismus, Rassismus und weiteren ungerechten Machtverhältnissen geprägten vorherrschenden systemischen Barrieren machen sich an vielen Stellen bemerkbar und stellen die Glaubwürdigkeit und Integrität des Sektors in Frage. 

Hier gehts zum Fair Share Monitor 2021

Zwar gelangen allmählich mehr Frauen in Leitungsfunktionen, doch beschäftigen 61% der Organisationen in der geschäftsführenden Ebene entweder gar keine Frauen oder mehrheitlich Männer. Diese Zahlen sind nicht weiter verwunderlich, schließlich orientieren sich viele Stiftungen, NGO’s und Social Businesses nach wie vor an klassischen Modellen und übernehmen im Rahmen ihrer Entwicklung und Professionalisierung Elemente der in unserer Gesellschaft vorherrschenden Führungs- und Organisationskultur. 

Wie können wir diese Strukturen in unserem Recruitment und Personalentwicklung aufbrechen? 

Der Übergang zu einer feministischen Führungskultur stellt einen tiefgreifenden systemischen Wandel dar und ist eher eine Bekenntnis zu kontinuierlichem Lernen und tiefgreifenden Reflexionsprozessen. Dieser Wandel benötigt zunächst die innere Bereitschaft und offene Auseinandersetzung zur derzeitigen Organisationsstruktur. Gerade beim Thema Recruitment und Personalentwicklung gilt es eine neue Perspektive einzunehmen und bewährte Prozess, sowie Ausschreibungen grundlegend zu führen. Eine erste Anregung können Austauschrunden zum Verständnis feministischer Führungskultur und Reflexion der bestehenden Strukturen innerhalb der Organisation sein. 

Einige Ansätze dazu findet ihr in diesem Aktionspapier von Fair Share. 

Auf welchen Prinzipien basiert die Organisationsführung von Fair Share?

Transparenz und Vertrauen

Wir sind gegenseitig für unsere Entscheidungen, Verpflichtungen und Ergebnisse verantwortlich. Wir werden offen über Versäumnisse, Fehler und gewonnene Erkenntnisse, die wir sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene machen, sprechen.

Geteilte Verantwortung

Wir teilen die Verantwortung für die Umsetzung und Weiterentwicklung der Vision und Mission von FAIR SHARE. Wir unterstützen und fordern uns gegenseitig heraus, um unseren kollektiven Einfluss zu nutzen. Auf diese Weise wollen wir die Einsamkeit von Führungskräften, die viele von uns in der Vergangenheit erlebt haben, überwinden.

Diversität und Inklusion

Wir streben die Schaffung vielfältiger und integrativer Führungsgremien auf allen Ebenen an. Als junge Organisation haben wir noch einen weiten Weg vor uns, aber wir werden weiter daran arbeiten, während wir uns weiterentwickeln.

Kollektive Entscheidungsfindung

Wir teilen unsere Macht und praktizieren horizontale Entscheidungsfindung, die sich an unserer Vision und Mission orientiert. Wir schrecken vor Meinungsverschiedenheiten und Konflikten nicht zurück und werden bei Bedarf Lösungsmechanismen entwickeln und formalisieren.

Transformativer Wandel 

Wir wollen einen Systemwandel in der Welt sehen und zu neuen Lösungen beitragen, wo die derzeitigen Entscheidungsstrukturen keine Antworten geben konnten. Deshalb sehen wir feministische Führung und neue Ansätze für die Organisationsführung als wesentliche Schritte zu einer gerechteren, gleichberechtigten und nachhaltigen Welt.

Für Feministische Führungskultur gibt es dabei kein “One Size fits All”, es gilt zunächst kritisch nach Innen zu schauen und sich mit essentiellen Fragen zur eigenen Organisationsstruktur und Führungskultur auseinanderzusetzen. 

Leitfragen zur Reflektion könnten sein: 

Warum möchte ich über mein Verständnis von Führung nachdenken
Warum bin ich in der Position, die ich derzeit innehabe?
Wie definiere ich feministische Führung?
Warum möchte ich, dass sich meine Organisation verändert?
Warum bin ich mit dem bestehenden Status quo unzufrieden (oder zufrieden)?
Wie können wir die Potentialentfaltung in unserer Organisation stärken? 

Die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien, Macht, Verletzlichkeit und Mustern ist meist schmerzhaft, birgt jedoch großes Potential für einen echten Wandel innerhalb unseres Sektors und darüber hinaus. 

Fair Share Commitment

Wenn deine Organisation die Vision einer geschlechtergerechten Führung teilt, laden wir euch dazu ein als ersten Schritt in diese Richtung das FAIR SHARE Commitment zu unterschreiben. 

Damit erklärt sich eure Organisation offiziell bereit:

  1. Bis spätestens 2030 einen fairen Frauenanteil, den sog. FAIR SHARE, in den Führungsgremien zu erreichen.
  2. Jährlich die aktuellen Daten zu Frauen und Männern in der Belegschaft und in den Leitungsgremien für den FAIR SHARE Monitor zu übermitteln.

Wir bedanken und bei allen Teilnehmenden und Fair Share für diesen wichtigen Impuls und sind überzeugt, dass ein Führungs- und Paradigmenwandel durch intersektionale feministische Werte und Prinzipien angestoßen werden kann und muss.

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