ursprünglich erschienen: 16.11.2015

Diese Woche fordert uns Anton von dna merch heraus darüber nachzudenken, wann die Produktionskette wirklich 'fair' ist, welche Formen des alternativen Wirtschaften erstrebenswert sind und wieso die Arbeit mit Bands nicht immer nur Spaß macht.

Was sind die fünf wichtigsten Dinge die wir über dna merch wissen sollten?

  1. dna merch ist Herzensprojekt, Kampagne und Firma zugleich.
  2. Wir handeln mit bedruckten und unbedruckten T-Shirts aus Biobaumwolle, von denen man weiß wo und von wem sie hergestellt werden.
  3. Mit einem Euro pro T-Shirt unterstützen wir zudem Bekleidungsarbeiterinnen in Südasien bei ihren Kämpfen für höhere Löhne und bessere Arbeits- und Lebensbedingungen.
  4. Gemeinsam mit 18 internationalen Bands haben wir am 3.11. unsere Crowdfunding-Kampagne gestartet.
  5. Bis zum 3. Januar können auf www.startnext.com/dnamerch exklusiv für die Kampagne designte limitierte T-Shirts dieser Bands bestellt werden!

Es geht also um Merchandising - warum also der Name dna?

Wir finden dna merch einfach einen coolen und einprägsamen Namen und haben zudem drei Assoziationen dazu. Zum Einen ist da unser Slogan „made with dignity, worn with attitude“, hier steht das „d“ für dignity, also Würde, das „n“ für und bzw. and und das „a“ für attitude, also Haltung!

Dann steht das dna außerdem für unseren Ansatz unsere Produktionskette so umfassend wie möglich transparent zu machen. Wir wollen sozusagen die Kerninformationen bzw. die DNA der T-Shirts offenlegen. Und dann hätten wir noch die Anspielung auf unsere Namen Doreen und Anton im Angebot.

Was waren bisher Eure größten Hürden und wie habt Ihr diese überwunden?

Die größte Herausforderung war ganz klar der Aufbau unserer eigenen Produktionskette. Als kleines Unternehmen in der Gründungsphase Partnerorganisationen zu finden, die deinen Ansprüchen genügen und die ihrerseits willens sind, Zeit in etwas zu investieren von dem sie nicht wissen, was am Ende tatsächlich bei raus kommt, passiert nicht von heute auf morgen. Überwunden haben wir diese Hürde mit einer Menge Geduld, viel Recherche und auch glücklichen Zufällen.

Auf die Kooperative Humana Nova in Kroatien kamen wir zum Beispiel über einen Kontakt bei der Kampagne für Saubere Kleidung und die Partnerschaft in Indien ist zustande gekommen, weil ich auf einer Konferenz der gewerkschaftlichen Online-Campaigning-Plattform LabourStart in Berlin Laura, die Frau des Fair & Organic Gründers Parag Chaturvedi, kennenlernte.

Nicht zu unterschätzen ist aber auch der Aufwand den wir betrieben haben, um die vielen verschiedenen Bands für das Projekt zu gewinnen. Wir mussten da zum Teil immer wieder nachhaken, insofern braucht man für ein solches Projekt schon eine gute Portion Ausdauer und Hartnäckigkeit. Von einem losen Interesse bis hin zur festen Zusage ist es mitunter ein weiter Weg. Als Mitglied einer Band weiß ich aber, wie kompliziert es sein kann, zu Entscheidungen zu kommen. Unterm Strich sind 18 Bands aus 6 verschiedenen Ländern für uns ein großer Erfolg! Trotzdem sind sie nur ein kleiner Teil der Bands, die wir kontaktiert haben.

fair merch Anton Wundrak

'Faire' Kleidung wird immer beliebter. Wie könnt Ihr versichern, dass Eure T-Shirts wirklich unter den bestmöglichen Bedingungen hergestellt wurden?

Es gibt auf dieser Welt derzeit (leider) kein 100 Prozent faires T-Shirt! Auch ein T-Shirt mit dem offiziellen fairtrade-Siegel oder anderen Zertifikaten wie GOTS kann dieses Versprechen bisher nicht halten. Zumindest nicht, wenn man unter 100 Prozent fair versteht, dass alle Menschen, die irgendetwas mit der Entstehung, dem Transport oder dem Verkauf des T-Shirts zu tun haben, ein gutes Leben führen können.

Wir verzichten deshalb bewusst darauf unsere T-Shirts als ‚fair‘ zu bezeichnen. Auch stellen wir die Verwendung von Biobaumwolle nicht in den Mittelpunkt unserer Kommunikation. Uns geht es vielmehr darum über die Zusammenarbeit mit der selbst-organisierten Näherei Humana Nova in Kroatien auf alternative Formen des Wirtschaftens aufmerksam zu machen und Fragen in den Köpfen der Leute entstehen zu lassen.

Wie demokratisch ist eine Gesellschaft eigentlich, wenn die Menschen keinen Einfluss auf (wichtige) Entscheidungen des Unternehmens haben, für das sie Tag ein Tag aus früh aufstehen und ihre Lebenszeit opfern? Wie fair, wie gerecht ist eine Welt, wo einige wenige, die eh schon viel zu viel haben, die Profite oben abschöpfen und unten nichts ankommt außer mehr Leistungsdruck?

Kooperativen oder Kollektivbetriebe wie Humana Nova sind Orte, an denen die Grundprinzipien unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems in Frage gestellt werden "Statt um Konkurrenz  und Profitmaximierung geht es um ein würdevolles Miteinander und die gleichberechtigte Einbeziehung aller, egal wie leistungsfähig sie sind." Trotzdem existieren auch Humana Nova und dna merch nicht in einer Blase, sondern sind Teil des kapitalistisch geprägten Hier und Jetzt. Das spielt vor allem beim Thema Produktionsauslastung und Höhe der Löhne, die sich die Arbeiterinnen bei Humana Nova derzeit monatlich auszahlen können, eine Rolle. Über den Aufbau solidarischer Vertriebsstrukturen wollen wir gemeinsam mit Humana Nova dafür sorgen, die Auftragslage langfristig zu erhöhen und planbarer zu machen und so eine positive Lohnentwicklung möglich zu machen.

Was die Situation in Indien angeht, so zahlen die kleinen Produzenten, die unsere Stoffe weben und färben, laut Fair & Organic Löhne, die circa 30 Prozent über dem gesetzlichen Mindestlohn liegen. Auch hier finden wir aber noch kein Paradies vor, da die gesetzlichen Mindestlöhne kein Indikator für existenzsichernde Löhne sind, die den Arbeiterinnen und ihren Familien ein würdevolles Leben ermöglichen.

Lange Rede kurzer Sinn: Unsere T-Shirts eignen sich nicht zur Gewissensberuhigung. Wer sie trägt, bezieht jedoch Stellung! Wir wollen mit unserem Ansatz verdeutlichen, dass gute Arbeits- und Lebensbedingungen nicht vom Himmel fallen sondern im gegenwärtigen Wirtschaftssystem kontinuierlich erkämpft bzw. verteidigt werden müssen. Das ist gerade auch hierzulande leider etwas in Vergessenheit geraten.

Ihr kooperiert mit Organisationen in Indien und Kroatien. Was sind Deine drei Top-Tipps für Kooperation mit internationalen Partnern?

Wir empfehlen nach Menschen und Organisationen zu suchen, die ähnliche Werte vertreten und für die eine Kooperation genauso sinnvoll ist, wie für einen selbst. Zeit fürs Kennenlernen und gegebenenfalls Umorientieren sollte auch eingeplant werden. Und ganz wichtig: Nicht von Rückschlägen entmutigen lassen!

Mit den T-Shirts wird auch das ExChains-Netzwerk unterstützt. Warum ist die Gewerkschaftsarbeit vor Ort so wichtig und was muss dabei beachtet werden?

Die Gewerkschaftsarbeit vor Ort in Südasien ist deshalb so wichtig, weil sie die Arbeiterinnen selbst in die Lage versetzt die Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern. In Bangalore in Südindien arbeiten bspw. eine halbe Million Menschen in der exportorientierten Bekleidungsindustrie. Überwiegend sind das Frauen aus ländlichen Regionen mit geringem Bildungsstand. Die dort tätige Basisgewerkschaft Garment and Textile Workers Union (GATWU) mit derzeit ca. 7000 Mitgliedern versucht diese Frauen zu organisieren und Tarifverträge in den Fabriken abzuschließen. Gerade einmal vier lokale Vollzeit-Aktivistinnen hat die GATWU im Augenblick zur Verfügung, um die Arbeiterinnen über ihre Rechte aufzuklären! Die Organisierung ist schwierig, da gewerkschaftliches Engagement vom Management nicht gern gesehen wird und aktive Arbeiterinnen nicht selten diskriminiert und unter Vorwänden gekündigt werden. Außerdem sind die Fabriken über die Stadt verstreut und wandern zunehmend ins Umland ab. Die Strategie der GATWU ist es deshalb, diejenigen Fabriken zu organisieren, die für große westliche Konzerne wie H&M, Zara und GAP produzieren. Hier kommt dann auch wieder die Arbeit des ExChains-Netzwerks ins Spiel. Über den Kontakt zu ihren aktiven Kolleginnen aus dem europäischen Einzelhandel kann von beiden Enden der Wertschöpfungskette Druck auf die Unternehmen ausgeübt werden.

Hat ‘faire’ Kleidung Deiner Meinung nach eine Zukunft?

Das Einkaufsverhalten der Menschen verändert sich. Langsam zwar, aber doch stetig. Ich würde sagen, die Leute sind heute sensibler für die Frage wo und unter welchen Bedingungen ihre Kleidung produziert wird. Das ist auf jeden Fall eine gute Entwicklung! Um jedoch die Arbeitsbedingungen in der globalen Bekleidungsindustrie langfristig zu verbessern, dürfen wir nicht bei Betroffenheit und Gewissensberuhigung stehen bleiben. Es braucht echte grenzüberschreitende Solidarität auf Augenhöhe. Mit dna merch wollen wir dazu beitragen dieses Bewusstsein zu schärfen und auszubauen.

Was macht Dich zu einem Changer?

Dass wir uns den Bereich Bandmerch als Aufhänger-Projekt ausgesucht haben ist Segen und Fluch zugleich. Einerseits macht die sozialkritische Einstellung vieler Bands und Künstlerinnen die Ansprache einfach, andererseits sind gerade kleinere Bands heutzutage stark auf die Einnahmen aus dem Verkauf von T-Shirts angewiesen. Dennoch sind es gerade kleinere und mittelgroße Bands, die wir für unser Projekt gewinnen konnten. Eine dieser Bands hat auch bereits Interesse signalisiert zukünftig ihr Merch komplett auf uns umzustellen. Den richtigen ‚change‘ bekommen wir aber nur hin, wenn auch die großen Bands mitmachen und neben uns möglichst viele weitere ähnliche Initiativen entstehen! Bis dahin gilt es weiter unbequem zu bleiben und keine Angst zu haben auch mal zu nerven.