Die Entwicklung unserer Gesellschaft darf nicht dem Zufall überlassen werden. Wir brauchen Experten - Personen, die genau wissen, wie sie unsere gesellschaftlichen Probleme ausmerzen können. Leider sind wir in Deutschland noch weit von diesem Status entfernt. Stattdessen machen uns fehlende Zusammenarbeit und Finanzierung schwer zu schaffen.

Das ist der Impact-Sektor

Willkommen beim Impact-Sektor! Zu ihm zählen NGOs, Social Startups, Stiftungen, Vereine, Verbände und Sozialunternehmen. Eine Sache haben sie alle gemeinsam: Durch ihr Tun möchten sie die maximal positive Wirkung für die Gesellschaft erreichen. Überall dort, wo Wirtschaft und Staat versagen – das will heißen: an überraschend vielen Orten – versuchen sie, gesellschaftliche Herausforderungen zu lösen.

Impact-Sektor Deutschland
Ein heterogenes Ökosystem, in welchem die effektivsten und effizientesten Lösungen gesellschaftlicher Herausforderungen von der Ideenfindung bis zur breitflächigen Verbreitung begleitet werden.

Eine Sache sollte man jedoch nicht unterschätzen: Funktionierende Lösungen zu finden und diese dann subsequent bis zur Verbreitung zu begleiten, ist keine leichte Aufgabe. Daher gibt es eine Reihe von Unterstützungsorganisationen im Impact-Sektor: Inkubatoren, Personaldienstleister, spezielle Design- und Werbeagenturen, Wissenschaftler und Institute, Förderorgane, Netzwerke und unabhängige Berater. Von ihnen kann die Wirkung von der Idee bis zur globalen Ausbreitung fast lückenlos begleitet werden – so jedenfalls in der Theorie.

Die Inkubations-Pipeline in Deutschland

Den Ablauf von der Idee zum Regelangebot nennt man auch die Inkubations-Pipeline. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Wirtschaft und beschreibt einen Trichter, in dem oben viele Ideen eingespeist werden und einige wenige erfolgreiche unten herauskommen.

Impact Inkubations-Pipeline

 

Dieser Trichter kann auf alle erdenklichen gesellschaftlichen Lösungen angewendet werden, ob es sich um ein soziales oder ökologisches Projekt, eine NGO, ein Sozialunternehmen oder eine Bürgerbewegung dreht (der Einfachheit halber unten als „Produkt“ bezeichnet). Alle durchlaufen sie diese Stadien von der Idee bis zur Reife.

Ideengenerierung:

Während dieses Stadiums wird die Idee generiert. Ein Team oder ein Individuum erkundet Ursachen für ein gesellschaftliches Problem, frische Trends, offene Marktlücken, bestimmte Nutzergruppen, verrückte neue Verbindungen von Bestehendem und wie Umsatz und Wirkung unter einen Hut zu bringen sind. Die wildesten Annahmen werden z.B. mit Hilfe von Kunden- und Nutzerinterviews überprüft. Das Gründungsteam wird zusammengestellt.

Ideenvalidierung:

Weitere eigene Annahmen werden am Kunden und am Nutzer überprüft. Ein erster Prototyp mit sehr wenig Funktionalität wird entwickelt (auch Minimum Viable Product genannt) und getestet. Die Idee wird dabei stetig an das neu gewonnene Wissen angepasst. Es wird versucht, mit dem Produkt folgende Eigenschaften zu erreichen:

  • Das Produkt löst das Problem von Kunden und Nutzern (auch Problem Solution Fit genannt).
  • Das Produkt stillt die Bedürfnisse von Markt und Gesellschaft (auch Product Market Fit und analog dazu Product Society Fit genannt).

Produktentwicklung:

Der Prototyp wird in ein konkretes Produkt oder eine Dienstleistung gegossen. Der Kunden- und Nutzerstamm wird kontinuierlich ausgebaut, während das Team erweitert wird. Erste Analysen untersuchen die Wirkung des Produkts.

Produktverbesserung:

Das Produkt wird verbessert, um die Wachstumsphase vorzubereiten. Dabei gilt es, die Akquise von Kunden und Nutzern zu optimieren. Marketing wird jetzt unter Umständen zu einem wichtigen Werkzeug. Zu diesem Zweck und um die eigene Wirkung optimieren zu können, wird ein ordentliches Wirkungsreporting eingeführt.

Skalierung:

Durch den Erwerb einer größeren Finanzierung oder durch Franchising kann das Angebot auf weitere Nutzer, Regionen und/oder Märkte ausgeweitet werden. Das Team wird weiter professionalisiert.

Reifung:

In dieser Phase wird die Regelfinanzierung weiter ausgebaut und die Skalierung weiter vorangetrieben. In sehr seltenen Fällen kommt es zu einem Exit der Gründer*innen.

Es versteht sich von selbst, dass es sich bei dieser Pipeline um ein archetypisches Bild handelt. Je besser diese funktioniert, desto hochwertiger sind die Ergebnisse, die sie zu Tage bringt.

Deutschland hinkt hinterher

Die deutsche Inkubations-Pipeline ist langsam, aber sicher dabei, sich in eine eigene Industrie zu entwickeln – eine Wirkungsindustrie. Und das ist ein gutes Zeichen, denn es bedeutet, dass wir immer besser darin werden, gesellschaftliche Herausforderungen zu lösen.

In Deutschland sind wir jedoch noch weit von einer wirklich funktionierenden Inkubations-Pipeline entfernt. Einige Ursachen sind dafür verantwortlich:

  1. Wenig Zusammenarbeit: Wie oben beschrieben besteht die Inkubations-Pipeline aus vielen unterschiedlichen Akteuren. Weit verbreitetes „Silo“-Denken führt zu fehlender Koordination zwischen den Anbietern. Das hat zur Folge, dass erfolgversprechende Lösungen nicht die Unterstützung erhalten, die sie benötigen.

  2. Fehlende Finanzierung: Wenn man die Inkubations-Pipeline in ihrer Gänze betrachtet, fällt einem sehr schnell auf, dass es an allen Ecken und Enden an Finanzierung mangelt. Eine Regelfinanzierung von staatlicher Seite für die Inkubation gesellschaftlicher Lösungen ist praktisch nicht existent. Da hilft es nicht viel, dass immer wieder kurzlebige Projekte aufgezogen werden, die kurzzeitig die Inkubation zu einem bestimmten Thema befördert.

  3. Große Lücken: In den einzelnen Phasen der Inkubations-Pipeline sind unterschiedlich viele Akteure tätig. Vor allem in der Produktentwicklung ballen sich die Angebote. Andere Phasen sind in Deutschland fast gänzlich unterentwickelt. So fehlt es bei der Ideenentwicklung an fähigen Anbietern, die Individuen und Teams dabei unterstützen können, die relevantesten gesellschaftlichen Herausforderungen zu identifizieren und zu analysieren. Auch bei der Skalierung gibt es kaum Unterstützung und erfolgversprechende Ideen schaffen es selten zur Reife.

  4. Wenig Klarheit: Eine Person oder ein Team mit einer gesellschaftlichen Lösung steht, was auf den ersten Blick wie ein Dschungel an Inkubationsangeboten scheint, gegenüber. Von (übermäßig vielen) Wettbewerben über Beratungsprogrammen bis hin zu pro-bono-Partnern – es gibt viele, die unterstützen. Leider fehlt oft die Information darüber, an welcher Stelle denn nun genau geholfen wird. Und leider fehlt auch die Information, welche dieser unzähligen Angebote denn gut sind. Denn obwohl alle nur mit Wasser kochen, gibt es doch gravierende Unterschiede in der Qualität der Inkubationsangebote.

  5. Ungenügende Professionalisierung: Da konventionelle Startups in Deutschland schon recht viel Unterstützung erfahren – durch Gründungsförderung, -büros, -coaches, -programme und so weiter – ist der Professionalisierungsgrad ihrer Inkubation bereits weit vorangeschritten. Es gibt viel Wissen über Ablauf, Förderbedürfnisse und Erfolgsfaktoren der Inkubation technischer Innovationen. Für gesellschaftliche Lösungen, die wenig in dieses Schema passen, fehlen diese Einsichten jedoch größtenteils.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Studie des Medienkonzerns Thomson Reuters, der die besten Länder für Social Entrepreneure untersucht hat. Auch wenn die Methodik der Studie sehr zu wünschen übrig lässt, ist die Tendenz klar: Social Entrepreneure – also Personen, die Lösungen auf gesellschaftliche Herausforderungen finden wollen – stehen auf weiter Flur allein.

Um die weitere Professionalisierung des Impact-Sektors – und somit die Lösungsfähigkeit von Deutschland für gesellschaftliche Probleme zu verbessern – müssen wir einen Blick auf die Inkubations-Pipeline werfen und erkennen, was daran noch nicht funktioniert. Wir müssen für Akteure wie Stiftungen und Inkubatoren mehr Anreize schaffen, miteinander zusammen zu arbeiten.

"#ImpactSektor braucht adäquate Anreize für bessere Zusammenarbeit. #SocEnt via @DrSchnuw"

Wir müssen aufhören, immer die gleiche Phase in der Inkubation von Ideen zu fördern und beginnen, die Früh- und Spätphasen mehr ins Auge zu fassen. Es liegt an uns, mehr professionelles Wissen darüber zu sammeln, wie wir die besten Lösungen generieren und bis zur Reife begleiten. Und es liegt an uns, mehr Finanzierung von den Verwaltern öffentlicher Gelder für die Förderung der Inkubations-Pipeline zu fordern.

Wenn wir unsere Karten richtig spielen, wird Deutschland wieder einer der Vorreiter in der Entwicklung gesellschaftlicher Lösungen statt ein Auslöser ihrer Probleme.