ursprünglich erschienen: 22.07.2016

Social entrepreneurship
Die unternehmerische Lösung gesellschaftlicher Probleme.

„Social entrepreneurship“ gewinnt seit Vergabe des Friedensnobelpreises an den Sozialunternehmer Muhammad Yunus im Jahr 2006 auch in Deutschland zunehmend an Popularität. Wirtschaftliches Handeln und gesellschaftliches Engagement denken immer mehr Menschen gemeinsam.
Von der ersten Idee einer sozialen Unternehmung bis zur Ausgründung gibt es jedoch eine Reihe an Hürden zu überwinden.

Social entrepreneurship, social entrepreneurs, social - what?

So zumeist der Standardverlauf eines bis zu diesem Moment doch recht angeregten Small-Talk Momentes in einer x-beliebigen WG-Küche, auf der Feier dieses Freundes, auf der man noch kurz vorbeischauen wollte am Wochenende.

Ein Selbstversuch in Schlagworten: Gesellschaftliche Probleme unternehmerisch lösen, Wirtschaft und Gesellschaft innovativ gemeinsam denken, oder kurz nach Bill Drayton von Ashoka der Social Entrepreneur als „[...] major change agent, whose core values center on identifying, addressing and solving societal problems.“

Wer sich einmal im selbst seitens der Wissenschaft unklar definierten Begriffsdschungels des Social Entrepreneurship verheddert hat, kennt die im besten Fall interessiert fragenden Blicke seines Gegenübers. Wobei die deutschen Pendants zum Sozialunternehmer, zu gesellschaftlichen Innovationen bis hin zu den unterschiedlichsten Ausprägungen des gemeinwohlorientierten Wirtschaftens hier ebenso wenig zielführend sind; findet man sich doch allzu schnell in den schalen Worthülsen des aktuell, akuten Nachhaltigkeitshypes #sustainability wieder.

Sollte besagtes WG-Küchen-Gegenüber diesen Gedankenknoten noch immer aufmerksam folgen, handelt es sich vermutlich entweder um einen tatsächlich außergewöhnlich freundlich interessierten Mitmenschen und / oder selbst um einen Sozialunternehmer bzw. er möchte ein solcher werden.

Wir gehören zu Letzteren.

Wir, das ist der aktuelle Jahrgang des Zertifikatsprogrammes „Gesellschaftliche Innovationen“ der Social Entrepreneurship Akademie in München. Die Akademie ist eine Netzwerkorganisation der Entrepreneurship-Zentren der vier Münchner Hochschulen (LMU, TU München, Universität der Bundeswehr und der Hochschule München) und vermittelt im Rahmen ihres Zertifikatsprogramms “Gesellschaftliche Innovationen” Kompetenzen im Bereich “Social Entrepreneurship”. Darüber hinaus bietet die Akademie eine Ideenplattform an um soziale Innovation verwirklichen zu können und berät Gründer.

Kann man „social entrepreneurship“ lernen?

Leaving the comfort zone – dass Gutes tun mit Anstrengung verbunden ist, zeigt sich bereits zum Auftakt des Semesters im vergangenen Herbst. Knapp 20 Studierende verschiedener Fachrichtungen von Elektrotechnik bis Philosophie, erfrischend junggebliebene Professionals, Doktoranden und sonstige Querköpfe haben es nach dem langwierigen Auswahlprozess in die letzte Runde geschafft. Die Bewerberzahlen für das ZGI steigen von Jahr zu Jahr; social entrepreneurship ist hip – nun stehen die Teilnehmer mit Bergschuh und Mütze an einem oberbayerischen Forstweg. Mit vereinten Kräften kämpft man sich dann tatsächlich Mitte Oktober durch den Winter - Blitzeis und Schnee sei Dank - auf Hütte und Berg. In der Nebelwand über’m Spitzingsee suchen und finden sich in den folgenden zwei Tagen bunte und interdisziplinär zusammengewürfelte Teams. Zwischen nächtlichem Gipfelsturm, Team-Building und Kamingespräch entstehen hier erste Utopien und Visionen. Mit dem Abstieg vom Berg fällt sodann der Startschuss um den eigens identifizierten und formulierten gesellschaftlichen Problemfeldern, die von der Integration Geflüchteter, der „Politikverdrossenheit“ Jugendlicher bis hin zu den  Herausforderungen im Umweltschutz inklusive den Auswirkungen unseres tagtäglichen Konsumverhaltens reichen, ein mögliches, tragfähiges Geschäftsmodell zur Seite zu stellen. Was am Ende bleibt, im Etappenziel Sommer 2016? Ein Prototyp für eine spätere Ausgründung, ein Testlauf, ein Versuch, ein Freischuss, ein Was-Wäre-Wenn-Szenario, das jetzt vom Team, von der Idee, von allerlei in- wie externen Faktoren abhängt – und somit vorerst offen bleibt.

Zurück in der Stadt, rottet man sich seitdem zumeist donnerstags in der Creative Hall des Münchner Strascheg Center for Entrepreneurship zusammen. Woche für Woche bestücken Experten der vier Hochschulen sowie Sozialunternehmer und Start-Ups den teameigenen Werkzeugkasten mit fachlichem Input, Workshops und Methodenlehre von „Social Innovation“, „Design Thinking“ bis hin zu „Entrepreneurial Spirit“, mit Hilfe dem es im Nachgang an den eigenen Lösungsansätzen zu basteln, bauen und testen gilt. Es finden Brainstormings mit IDEO statt, Geschäftsmodelle werden anhand realer social Startups wie CUCULA oder Rucksackspende innovativ weiter gedacht; Polarstern, nearbees und der Impact Hub Munich geben Einblicke in Vision, Hürden, Learnings und Innovations-(Raum). Dazwischen Präsentationstraining für die ersten, eigenen Ideen – who, why, what, how – die tripple bottom line in drei verschwindend kurzen Minuten: Flipchart vs. Powerpoint.

Praktisch heißt das: eine Unmenge bunter Post-its auf überlebensgroßen Projekttafeln, die Herausforderung Weltretten im Business Modell CANVAS sowie ein Dutzend müder Augen spät abends in der Kneipe ums Eck. Sowie die erste Einsicht, dass das verschlagwortete Problemfeld hoch komplex, der Markt womöglich gar nicht so existent wie noch am Berg gedacht und die geniale Lösung bereits dreimal andern Orts realisiert ist. Erste Teams, die am Problem, an seiner Lösung oder beidem auseinanderdriften, sich zusammenraufen, -wachsen; Themen neu denken, hin- und umschmeißen. Interviews, Austausch, noch mehr Gedankenknäuel und Wahnwitz - erstes Prototyping. Understand – Observe – Synthesis – Ideas – Prototype. Nächstes Etappenziel: Test. Der Kaffeekonsum steigt.

Die eine allumfassende Lösung, zumindest das scheint im Moment gewiss, wird es wohl so nicht geben, meint man dann, in diesem wiederkehrenden Gespräch über das ZGI, in einer x-beliebigen WG-Küche, auf der Feier dieses Freundes, auf der man noch kurz vorbeischauen wollte, am Wochenende. In winzig, kleinen Trippelschritten drei vor, einer zurück, zwei links, zwei rechts in Richtung ökologisch, ökonomisch und sozial „nachhaltiger“, gesellschaftlicher Innovation mit Mehrwert. Anpacken, gestalten. Ein Was-Wäre-Wenn-Versuch ist es doch wert, meint man am Ende noch. Und wir gerade mittendrin.

Die Social Entrepreneurship Akademie will mit ihrem Zertifikatsprogramm „Gesellschaftliche Innovationen“ (ZGI) seit 2011 bei jungen Menschen Kompetenzen im Bereich Social Entrepreneurship vermitteln und Gründungsvorhaben fördern. Doch kann man „social entrepreneurship“ tatsächlich erlernen? Über die Herausforderung „Weltretten“ mit Business Plan.