In unserem Artikel Du bist auf der Suche nach Sinn? Gut, wir nämlich auch. haben wir berichtet, dass wir uns auf eine Sinnreise gemacht haben. Doch wie haben wir damit begonnen? Und wie liefen die ersten Schritte ab? Hier beschreiben wir euch, wie wir den Auftakt unserer Reise durch einen Retreat gestaltet haben und was wir daraus gelernt haben.

Ist es möglich, alles auf Null zu setzen und von vorne zu beginnen?

Letztes Jahr im Sommer war uns klar: So wie bisher ging es nicht weiter. Bisher hatten wir auf herkömmliche Weise, also mehr oder weniger hierarchisch gearbeitet, aber in den Artikeln auf unserer Homepage drehte sich alles um Neues Arbeiten und Neues Wirtschaften. Diesen Widerspruch wollten wir auflösen und ausprobieren, wie es wirklich ist, selbstorganisiert zu arbeiten. Die kleinen Veränderungen, die wir in der Vergangenheit eingeführt hatten, hatten nicht gereicht. Ein neues Betriebssystem für die Organisation musste her. Wir wollten nicht einfach nur den Status Quo verbessern, sondern uns komplett neu aufstellen: Macht, Eigentum, Struktur sollten hinterfragt und auf neue Ebenen gehoben werden. 

Doch wie sollte das gehen? Ist es möglich, alles auf Null zu setzen und von vorne zu beginnen?

Raus aus dem Hamsterrad

Unser erster Schritt: Raus aus dem Daily Business, raus aus dem Büro! Wir mussten uns außerdem eingestehen, dass wir es niemals alleine schaffen würden. Daher bestand der zweite Schritt darin, Hilfe von außen zu holen.

Das Team ging also in Retreat. Wir mieteten uns für ein paar Tage in das Coconat, einen Workation Ort in Brandenburg (Workation ist eine Verschmelzung aus Work und Vacation) ein. Dieser Ort gab uns, neben der Möglichkeit intensiv zusammenzuarbeiten, wunderschöne Momente, wie einen gemeinsamen Abend am Kamin oder eine Inspirationswanderung auf den höchsten Berg Brandenburgs. Und wir holten uns eine Coach zur Unterstützung.


Abendstimmung im Coconat

Unter professioneller Anleitung von Christine Hoenig-Ohnsorg starteten wir mit einer persönlichen Momentaufnahme: Wo stehen wir? Dies war schmerzhaft, denn wir sprachen ehrlich aus, wie wir uns zu dieser Zeit fühlten: Unsicher, müde, überfordert, traurig.

Gemeinsam erkannten wir aber auch schnell, wo wir eigentlich hin wollten: Wir wollten Leidenschaft, Tiefgang, Kreativität, Selbstwirksamkeit, Anerkennung, und Autonomie in unserer Arbeit empfinden. Daraus ergaben sich für uns die Fragen: Wie müssen Strukturen aussehen, damit sie Orientierung geben und glücklich machen? Die das Arbeiten einfacher machen, Verlässlichkeit geben und Transparenz schaffen? Wer übernimmt auf welche Weise Verantwortung?

Unsere Stärken als Basis

Um dies herauszufinden, stellten wir unser Team anhand unserer Talente und Stärken auf. Vor dem Retreat hatte jede einzelne den Gallup Stärken Test gemacht. Die jeweiligen Antworten des Tests stellten wir uns nun gegenseitig vor. Das Ergebnis war erstaunlich. Wir sahen, was wir gemeinsam hatten: wir sind alle sehr wissensbezogen, Lernen ist für uns ein Wert an sich, wir benötigen Zeit für Fokus, wir arbeiten am liebsten projektbasiert. Aber es zeigten sich auch unterschiedliche Schwerpunkte: Eine von uns hat ihre Stärken vor allem im Bereich der Durchführung, eine den Fokus auf (zwischenmenschliche) Beziehungen, eine im Bereich Strategie. Somit merkten wir auch, wie gut wir uns ergänzten. Uns erschloss sich so eine neue Basis für gegenseitiges Verständnis und Wertschätzung.

Werte als Orientierung

Im nächsten Schritt ging es darum, herauszufinden, auf welchen Werten unsere Zusammenarbeit und unser Wirken basierte und in Zukunft basieren sollte. Um implizite Annahmen explizit zu machen, stellte unsere Coach uns die folgenden Fragen:

  • Was bedeutet Führung für mich?
  • Was bedeutet Selbstwirksamkeit für mich?
  • Was motiviert mich?
  • Was bedeuten Konflikte für mich?
  • Was gibt mir Sicherheit?

Aus den Antworten kristallisierten sich konkrete Werte heraus, die uns allen wichtig sind und die uns jetzt als Orientierung für all unsere Entscheidungen dienen (du kannst sie hier nachlesen).  

Eine neue Organisationsstruktur muss her

Unsere Coach gab uns viel Input dazu, wie wir uns zukünftig als Unternehmen aufstellen konnten, um selbstbestimmt zu arbeiten. Um Hierarchien aufzubrechen, wollten wir ein rollenbasiertes System schaffen. Die Rollen sind die Aufgaben, die normalerweise von den Geschäftsführer*innen eines Unternehmens ausgeführt werden. Da es in einem selbstorganisierten Unternehmen keine Geschäftsführer*innen gibt (oder nur im rechtlichen Sinne), müssen diese Rollen im Team verteilt werden. Wir haben diese (zum Beispiel für Strategie, Finanzen, Organisationsentwicklung, … ) anhand unserer Stärken aufgeteilt.

Wir nahmen uns vor, nach dem Beispiel von Ashoka, einen Kodex zu schreiben, um Regeln für unsere Zusammenarbeit festzulegen und die Rollenbeschreibungen festzuhalten. Wir gaben uns neue Meetingstrukturen, was vor allem wichtig war, da wir beschlossen hatten, Remote zu arbeiten. Wir schufen Rituale, um Geschwindigkeit rauszunehmen, Zeit für Kreativität zu schaffen, und die gegenseitige Wertschätzung zu stärken. Die Grundlage dafür wurde im Retreat gelegt, es dauerte allerdings noch Monate voller Diskussionen, Unsicherheit und Zweifeln, bis wir den Kodex fertiggestellt hatten.

Das Ergebnis, unseren Kodex, mit allen Regeln, Strukturen und Abläufen kannst du hier lesen.

Purpose und Vision

Nachdem wir eine Idee davon bekommen hatten, wie wir zusammenarbeiten wollten, mussten wir klären: Was wollen wir tun? Was nicht mehr? Was passt (noch) zu uns?

Für uns war hier der erste Schritt: Aufgaben streichen, um Stress und Geschwindigkeit rauszunehmen. Wir beschlossen zum Beispiel, dass wir den persist* Summit, unsere Karrieremesse für den sozialen und nachhaltigen Sektor mit 1000 Besucher*innen, die wir 3 Jahre hintereinander organisiert hatten, vorerst nicht mehr machen.

Zu entscheiden, was wir nicht mehr tun möchten, war gar nicht so schwer. Die Schwierigkeiten begannen bei der Suche nach unserem Purpose und unserer Vision, also dem, was wir tun wollten, was wir tun könnten und was die größtmögliche Wirkung herbeiführen würde. Trotz vieler Ideen konnten wir uns in diesem Retreat nicht einig werden. Nichts fühlte sich richtig an und wir wollten uns nicht einfach in etwas Neues hineinstürzen. Wir wollten Ideen ausprobieren, testen und evaluieren. Wir wollten uns vor allem Zeit nehmen und uns nicht unter Druck setzen.Wir beschlossen also, uns erst einmal zu konsolidieren, zu ordnen, und die neuen Strukturen einzuüben. Im nächsten Retreat drei Monate später wollten wir uns dann an eine neue Vision und Mission setzen (dazu im nächsten Artikel mehr).

3 Tage Retreat - Was hat es uns gebracht?

Das Ende unserer Zeit im Coconat war gekommen. Wir waren erschöpft und hatten alle das Gefühl, Zeit zum Verarbeiten des Geschehenen zu benötigen. Aber im Vergleich zu vorher hatten wir eins: Hoffnung! Außerdem war die Stimmung im Team wieder durchaus positiv, die Wogen geglättet.Wir hatten einen doppelten Wandel beschlossen: Wir wollten remote gehen und unsere Hierarchien aushebeln. Dies bedeutete, dass die Geschäftsführerinnen Naomi und Nicole viel von ihrer Macht abgeben und loslassen mussten, während die Mitarbeiterinnen Sofia und Roxana sich in vollkommen neue Verantwortungsbereiche begeben mussten. Eine große Herausforderung! Wir hatten die Grundlagen geschaffen, aber zu dieser Zeit waren wir uns noch nicht bewusst, was bei der Umsetzung alles auf uns zukommen würde. Darüber werden wir in den nächsten Artikeln berichten.

Was wir am Anfang unseres Prozesses gelernt haben:

  • Um einen Neuanfang zu wagen, ist es notwendig, zumindest für eine Weile komplett aus allem Daily Business hinauszugehen. 
  • Es ist äußerst sinnvoll, sich Hilfe von außen in Form eines Coaches oder einer Organisationsberatung zu holen. Ohne neutrale Unterstützung von außen können blinde Punkte nicht ausfindig gemacht werden und die Gefahr besteht, in alten Mustern zu verharren.
  • Nach dem Auftakt geht es erst richtig los. Wir zum Beispiel stürzten nach der anfänglichen Euphorie in ein Tal der Verwirrung. Macht abzugeben und sich Macht zu nehmen sind Prozesse, die zu großer Unsicherheit führen. Dies sollte man nicht unterschätzen. Alle Beteiligten müssen sich mit sich selbst und der Organisation auseinandersetzen. New Work needs Inner Work! (Siehe dazu auch das Buch von Joana Breidenbach mit diesem Titel)
  • Wandel ist ein Prozess. Er bedarf Zeit, Geduld und Ausdauer. Ein Change Prozess dauert. Wir sind nun seit über sechs Monaten dabei, und lernen beständig weiter, verbessern uns, spielen uns ein. Wir sind noch lange nicht am Ende angelangt und machen weiterhin alle 2 Wochen Team Coachings. Uns als Team hat der Prozess einiges abverlangt: Wir mussten aus unserer Komfortzone raus, uns vertrauen, ehrlich zu uns und unseren Bedürfnissen stehen, alte Konflikte neu durchleben und Verantwortung übernehmen. Aber wir haben dadurch alle wahnsinnig viel gelernt!
  • Wir hatten es zu diesem Zeitpunkt geschafft, uns finanziell auf stabilen Boden zu stellen und sind darauf weiterhin sehr stolz. Und unser Team war sehr klein, daher blieben die Kosten gering. Uns ist bewusst, dass sich ein solches Retreat nicht jedes Team leisten kann. Umso wichtiger fänden wir es daher, wenn solche Prozesse in die Förderlandschaft aufgenommen würden. 
  • Wir glauben, dass der Erfolg unseres Retreats auch daran lag, dass unsere Coach Christine so wunderbar auf uns eingegangen ist. Sie schaffte von Anfang an ein Verhältnis auf Augenhöhe und ein Klima des Vertrauens. Sie brachte das ganze Team dazu, sich zu öffnen und aufeinander einzugehen. 

Unsere Entscheidung, uns zu verändern, kam aus einer Situation, in der es uns in unserer Struktur nicht gut ging. Wir wünschen allen, die sich auf den Weg machen, dass sie aus einer gesunden Position heraus starten können! Hiermit auch vielen Dank an unsere Coach Christine Hönig-Ohnsorg!


Ein Teil des tbd* Teams (und ja, der Hund gehört dazu)

Wie es weiterging

Im nächsten Artikel berichten wir dir, wie unser Prozess weiterging. Wir mussten die Fragen beantworten: Wer sind wir überhaupt? Und wo wollen wir hin?

Wir werden berichten von unserem Kommunikationscoaching, den Arbeitsmethoden, die wir ausprobiert haben, und der Verwirrung, die uns befiel, bis wir endlich einen Dragon Dreaming Workshop machten.

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