Ungefähr jede dritte Frau und jeder vierte Mann in Deutschland leiden an einer psychischen Erkrankung (Jacobi et al., 2014) – bei der Betrachtung der 82. Millionen-Bevölkerung ergibt sich eine erschreckende Zahl an Menschen, die eine psychische Krise zu bewältigen haben. Aslan& widmet sich genau dieser Problematik – auf digitale Art und Weise. In diesem Interview spricht die Gründerin des Sozialunternehmens, Nadine Bittner, über die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen, den Gründungsprozess und darüber, wie ihre Online-Plattform Menschen helfen soll.

Was steckt hinter dem Namen „Aslan&“?

Als die Idee entstand – ein Projekt, das bei den großen Krisen im Leben unterstützen soll – wollten wir genau das mit dem Namen ausdrücken.

Wir waren auf der Suche nach einem Begriff, der Stärke, Mut, Zuversicht und Treue ausdrückt. In der türkischen Sprache ist Aslan die Vokabel für Löwe. Einige kennen den Charakter vielleicht auch aus den „Chroniken von Narnia“. Das „&“ ist das Bindeglied zu jedem, der Unterstützung sucht: Du, Ich, Arbeitnehmer, Selbstständige, Väter, Mütter, Studenten, Frauen, Männer, egal welcher Herkunft und welchen Alters.

"Psychische Erkrankungen sind kein persönliches Versagen, Charakterschwäche, Faulheit oder Einbildung. Es sind ernstzunehmende und in der Regel gut behandelbare Erkrankungen, die prinzipiell jeden treffen können."

Was bietet die Plattform und an wen richtet sie sich? Wie funktioniert die Vernetzung von Gleichgesinnten?

Jeder vierte in Deutschland leidet irgendwann in seinem Leben an Depressionen, Ängsten oder Erschöpfung. Es gibt Psychotherapeuten, Kliniken, Ambulante Therapien, Online-Selbsthilfe. Oft verbunden mit langen Wartezeiten, Scham und dem Gefühl ausgegrenzt zu sein vom Alltag und anderen Menschen.

Was vielen psychisch belasteten Menschen fehlt, ist das Gefühl nicht alleine zu sein. Hoffnung gebende Geschichten von anderen, die es geschafft haben wieder gesund zu werden, das Gefühl auch mit Krankheit normal zu sein. Gemeinschaft auf Augenhöhe. Nicht als Patient, sondern von Mensch zu Mensch.

Nadine Bittner, klinische Psychologin und Gründerin von Aslan&

Auf unserer Seite können Menschen Geschichten von anderen lesen, die selber tiefgreifende Krisen überwunden haben und ihre Erfahrungen damit teilen möchten. In einem zweiten Schritt kann Aslan& über die Online-Plattform erfahrene und vertrauensvolle Mentoren an Menschen vermitteln, die sich psychisch belastet fühlen und sich persönlichen Rat, Austausch oder praktische Unterstützung wünschen. Unternehmer sollen auf andere Unternehmer mit andauernder Erschöpfung treffen, Berufstätige auf andere Berufstätige mit Stresssymptomen, Mütter auf andere Mütter mit Traurigkeit nach der Geburt und Studenten auf andere Studenten mit Prüfungsangst.

Wieso denkst du, dass psychische Krankheiten in Deutschland noch immer stigmatisiert werden? Gibt es etwas, was jede*r Einzelne dagegen tun kann?

Menschen, die psychisch erkranken machen oft die Erfahrung, dass sie weniger Mitgefühl und Hilfsbereitschaft erfahren als Menschen mit körperlichen Erkrankungen. Andere wenden sich aufgrund der Erkrankung ab oder es kommt zu teilweise gravierenden Einschränkungen und Chancenverlusten im privaten und beruflichen Bereich. Einer Person mit einer Depression beispielsweise wird häufig vorgeworfen, sie wäre labil und sollte sich doch einfach einmal zusammenreißen. Der tatsächliche Krankheitswert psychischer Erkrankungen wird dabei völlig außer Acht gelassen.

Kaum einer wird wohl Hemmungen haben seinem Chef zu sagen, dass er wegen eines gebrochenen Beins nicht zur Arbeit kommt, aber wegen einer Angsterkrankung zeitweise arbeitsunfähig zu sein ist für viele noch unvorstellbar. Dabei sind psychische Erkrankungen weit verbreitet und Menschen aller Gesellschaftsschichten, Geschlechter und Altersstufen sind betroffen.

Die Folge dieser Stigmatisierung ist, dass viele Betroffene sehr spät oder gar nicht nach Hilfe suchen und sich psychische Erkrankungen zum Teil verschlimmern oder chronifizieren – das verursacht unnötige Kosten und großes Leid.

Jeder sollte darauf achten Menschen mit psychischen Erkrankungen vorurteilsfrei, respektvoll und unterstützend zu begegnen. Ein sachlicher Umgang mit der Erkrankung und die Ermutigung sich Hilfe zu suchen sind ein guter Ansatz. Es sollte genauso normal sein über seine Erfahrungen mit einer depressiven Episode zu sprechen wie über eine körperliche Erkrankung. Psychische Erkrankungen sind kein persönliches Versagen, Charakterschwäche, Faulheit oder Einbildung. Es sind ernstzunehmende und in der Regel gut behandelbare Erkrankungen, die prinzipiell jeden treffen können.

Wie viele Menschen konnten durch Aslan& schon erreicht werden? Hilft Ihnen der öffentliche Umgang wirklich bei ihren Situationen?

Wir sind noch ein recht junges Projekt und seit einigen Wochen mit unserer Plattform online. Derzeit sammeln wir Geschichten von Menschen, die von sich sagen, dass sie durch ein echtes Tal im Leben gegangen sind und Wege hinausgefunden haben.

Wichtig ist zwischen den unterschiedlichen Empfängern zu unterscheiden: Zum Einen gibt es diejenigen, die auf unserer Seite ihre Geschichte erzählen. Das sind Menschen, die eine Krise bereits überwunden haben und ihre Erfahrungen damit teilen möchten.

Diejenigen, die sich dafür entscheiden tun das in der Regel aus zwei Gründen: Sie möchten etwas gegen die Stigmatisierung tun, ihre Stimme erheben und öffentlich stark sein für all jene, die es gerade nicht können und sie möchten das was ihnen geholfen hat, mit anderen teilen.

Auf der anderen Seite gibt es dann diejenigen, die sich gerade in einer Krise befinden und die Geschichten lesen. Und daraus hoffentlich das Gefühl ziehen nicht alleine zu sein, Möglichkeiten sich konkret Hilfe zu suchen oder weitere Informationen.

Nadine, du bist Teil des Startery-Programms des Social Impact Labs und SAP und des Gründerprogramms von Project Together. Wie sehr hat dir das geholfen? Würdest du zukünftigen Gründer*innen empfehlen sich frühzeitig Unterstützung zu holen oder sind andere Dinge von größerer Bedeutung?

Beide Programme haben mir sehr geholfen und helfen noch immer. Zu Gründen ist eine Achterbahnfahrt. Man macht vieles zum ersten Mal, Zweifel und Unsicherheiten wechseln sich ab mit Phasen von unglaublicher Energie und Freude am Thema. Was mir dabei sehr gut getan hat ist mich mit andere Gründerinnen und Gründern auszutauschen. Niemand sonst versteht besser womit man sich privat und beruflich auseinandersetzt. Und: Gerade am Anfang gibt es häufig nur eine Idee und ein Programm kann dabei helfen einem das Gefühl zu geben, dass daraus wirklich etwas entstehen kann, dass die Gedanken real werden können und sich das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten lohnt. Am Ende geht es aber auch um ganz praktische Dinge, die man sich lange erarbeiten und anlesen, die man aber auch einfach von anderen mitbekommen kann. Dabei kann es um die richtige Rechtsform, einen guten Steuerberater oder Möglichkeiten zur Finanzierung gehen.

Kurz zusammengefasst:

  1. Such dir ein Thema, das dich nicht mehr loslässt.
  2. Wenn du nicht alleine gründen möchtest: such dir Teammitglieder auf die du dich blind verlassen kannst und die schlauer sind als du selber ;)
  3. Vernetze dich mit anderen und leg den Fokus nicht darauf wie andere dir helfen können, sondern wie du anderen helfen kannst.

Was war bis jetzt die größte Herausforderung auf deinem Weg zum eigenen Sozialunternehmen?

Es waren ziemlich genau drei: Perfektion ablegen und machen. Dinge frühzeitig gehen lassen, wenn sie nicht passen. Seinem Bauchgefühl vertrauen, wenn es um strategische und personelle Entscheidungen geht.

Als Unternehmerin kommst du sicher auch oft in stressige Situationen. Hast du einen Tipp für alle Vielbeschäftigten unter uns, um möglichst nicht an die eigenen psychischen Grenzen zu stoßen?

Damit der ganze Tag nicht nur bestimmt wird von Arbeit und keinen richtigen Anfang oder Ende hat, mag ich Rituale, die ich genauso ernst nehme wie berufliche Termine und die mir wirklich Freude bereiten. Zum Beispiel sich mit Freunden zum Sport treffen oder auf dem Weg zur Arbeit ein Hörbuch hören.

Und in stressigen Phasen sortiere ich rigoros Dinge aus, die Energie kosten und keine geben: Ich gebe Aufgaben ab, die andere erledigen können, höre auf mich über etwas zu ärgern was ich nicht ändern kann oder was in ein paar Tagen oder Wochen schon keine Rolle mehr spielt und ich sortiere alles aus was ich nicht brauche oder tatsächlich in Anspruch nehme.

Ein Beispiel, das viele kennen: Wenn man im Fitnessstudio angemeldet ist, nie hingeht und sich darüber chronisch ärgert: die eigene Unsportlichkeit akzeptieren und kündigen. In stressigen Phasen muss man nicht mit sich selbst diskutieren was man alles ändern sollte und was nicht gut läuft, sondern darf sich einfach auch Gutes tun und Dinge so akzeptieren wie sie gerade sind.

Aslan& wird durch ProjectTogether und tbd* im Rahmen der “Zukunft. Jetzt.”-Kampagne zur Bundestagswahl gefördert.
Unter dem Slogan “Wahl ist heute. Demokratie ist immer.” wurden innovative Initiativen gesucht, die in den kommenden vier Jahren die Zukunft mitgestalten.