ursprünglich erschienen: 11.02.2016

Wenn Du folgenden Aussagen größtenteils zustimmen kannst, könnte der Artikel Dich interessieren:

  1. Ich denke oft zu Hause noch über meine unabgeschlossenen Projekte nach!
  2. Meine Arbeit ist so umfangreich und komplex, dass ich nie das Gefühl habe abschließen zu können.
  3. Ich bin eigentlich ständig für meine Kollegen erreichbar und kommuniziere häufig zu unmöglichen Arbeitszeiten mit meinem Team – aber hey! Kommunikation ist ja keine Arbeit!
  4. Arbeitest du noch oder folgst du deiner Berufung? Ich LIEBE meinen Job!

Was könnte Dich also daran hindern, Deine Arbeit im Büro zu lassen?

  1. unabgeschlossene Aufgaben gedanklich nicht loslassen können
  2. fehlende Detailplanung einzelner Projektschritte
  3. ständige Erreichbarkeit
  4. Hohe Identifikation mit deinem Beruf

Schauen wir uns die einzelnen Punkte also genauer an. Für jeden Punkt schlage ich Dir eine sehr simple und kleine Verhaltensänderung vor. Lass Dich von der Einfachheit der Tipps nicht abschrecken! Vielleicht denkst Du: „So einfach kann es ja nicht sein!“ oder „Ach, das hab ich schon probiert, das funktioniert nicht!“ Wenn du einmal probiert hast eine Kleinigkeit in Deinem Alltag zu ändern, weißt Du wie schwer das ist. Je einfacher und eleganter die Tipps, desto besser! Denn der Alltag ist komplex genug. Je kontinuierlicher Du die einzelnen Vorschläge anwendest, desto erfolgreicher wirken sie. 

Punkt 1: Ich denke oft zu Hause noch über meine unabgeschlossenen Projekte nach –  Unabgeschlossene Aufgaben gedanklich nicht loslassen können

In den Zwanziger Jahren entdeckte die russische Psychologin Bluma Zeigarnik bei einem Experiment an ihrer Berliner Universität einen erstaunlichen Effekt. Sie bat ihre Probanden um das Erledigen einfacher Aufgaben. Sobald sie die Teilnehmer in ihrem Arbeitsprozess unterbrach, bevor sie fertig waren, konnten sich ihre Probanden bei einer späteren Befragung besser an ihre Tätigkeit erinnern, als diejenigen Studienteilnehmer, die ihre Aufgaben zu Ende bringen durften. Der Zeigarnik-Effekt besagt, dass unerledigte Aufgaben besser erinnert werden, als erledigte Aufgaben.  Überprüfe einmal an dir selbst, wie gut du nicht erledigte Aufgaben loslassen kannst. Gehörst du zu denjenigen, die die Gedanken an unfertige To-Do Listen nicht loslassen?  

Tipp Nummer 1:

Dann gebe ich dir den Tipp am Ende deines Arbeitstages nicht noch weitere Arbeitsaufträge anzufangen, von denen du weißt, dass du sie nicht mehr erledigen kannst. Fokussiere dich gegen Ende deines Arbeitstages also eher auf Aufgaben, die du beenden kannst! Eine unerledigte Angelegenheit kann übrigens auch das längst überfällige Gespräch mit einem Kollegen sein, mit dem du unterschwellig einen Konflikt austrägst.

Frag dich also einmal: Was sind unabgeschlossene Aufgaben, die meine Aufmerksamkeit benötigen? Und dann bringst du sie zur Vollendung! 

Punkt 2: Meine Arbeit ist so umfangreich und komplex, dass ich nie das Gefühl habe abschließen zu können – Fehlende Detailplanung einzelner Projektschritte

Voraussetzung für den ersten Tipp ist es, dass du größere Projekte in kleine Teilschritte differenzierst, so dass du immer an überschaubaren Arbeitsschritten arbeitest, die einen klaren Anfang und ein deutliches Ende haben. 

Tipp Nummer 2:

Nimm dir Zeit für eine genaue Planung deiner Aufgabenpakete. Du solltest klar benennen können, welche Teilschritte von wem und wann erledigt werden müssen. Dokumentiere deinen Prozessfortschritt, damit du eine genaue Orientierung hast, wo auf deinem Weg du dich gerade befindest. Oft nehmen Projekte überhand, weil sie uns zu groß erscheinen. Es entsteht das Gefühl die Kontrolle zu verlieren. Dann können wir schwer loslassen und sie beschäftigen uns bis in unsere schlaflosen Nächte hinein. Wenn du aber weißt, welche kleinen Schritte an welchem Tag von dir gegangen werden müssen, dann wird das visionärste Vorhaben machbar. 

Frag dich also: Welche Projekte und Aufgaben sind so groß, dass ich eigentlich niemals zu einem Ende komme? In welche kleinen Teilschritte kann ich diese Arbeitspakete zerlegen? Wie lange brauchen die einzelnen Aufgaben und wann will ich sie erledigen?

Punkt 3: Ich bin eigentlich ständig für meine Kollegen erreichbar und kommuniziere häufig zu unmöglichen Arbeitszeiten mit meinem Team – aber hey! Kommunikation ist ja keine Arbeit – ständige Erreichbarkeit

Viele von uns sind ständig kommunikativ verfügbar. Wenn du deine Arbeit im Büro lassen willst, darfst du digitale Sprechzeiten einführen!

Tipp Nummer 3:

Das heißt, dass du keine geschäftlichen Anrufe nach Büroschluss legst, deine Emails am Abend und am Wochenende nicht mehr bearbeitest und du außerhalb deiner Arbeitszeiten nur in absoluten Notfällen erreichbar bist. 

Überprüfe in den kommenden sieben Tagen wie oft du nach der Arbeit noch berufliche Emails liest, zu welchen Zeiten du noch Nachrichten an dein Team verschickst: 22.35? 06.00? Führst du das geschäftliche Telefonat doch noch auf dem Nachhauseweg oder während des Vorbereitung des Abendessens? Checkst du vor dem Schlafengehen noch eure Team-WhatsApp Gruppe? Analysiere ehrlich, wie dein Kommunikationsverhalten die Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit beeinflusst und dann triff eine für dich stimmige Entscheidung! 

Wenn du deine Arbeit wirklich im Büro lassen willst, dann darfst du auf eine digitale Detox-Kur gehen!

Punkt 4: Arbeitest du noch oder folgst du schon deiner Berufung? Ich LIEBE meinen Job – Hohe Identifikation mit deinem Beruf

Das ist der interessanteste Punkt in diesem Gespräch. Die meisten jungen Menschen suchen ihre Berufung, ihre Bestimmung, ihre Leidenschaft…Wir wollen einen positiven Unterschied in der Welt machen, unsere Talente für eine sinnvolle Sache einsetzen und lieben, was wir tun! Das ist wunderbar und eine gute Zielrichtung. Aber (und dieses „aber“ ist entscheidend), wenn der Beruf zur Berufung wird, beginnen viele Menschen sich über ihren Beruf zu identifizieren. Eine hohe Identifikation bedeutet aber immer, dass du an der Angel hängst. Was meine ich damit? Wenn du mit deiner geschäftlichen Rolle identifiziert bist, dann beziehst du alle deine beruflichen Erfahrungen auf dich. Du verlierst die Distanz und damit deinen klaren Blick auf dein Leben und dich selbst. Erfolge werden zum Boost deines Selbstwertgefühls und Erfahrungen des Scheiterns werden zur persönlichen Krise. Der Verlust deines Jobs wird zur Identitätskrise und deine Talente erhalten nur einen einzigen Kontext, um sich zu entfalten. Alle Entscheidungen werden bezugnehmend auf deine sogenannte Berufung getroffen: „Urlaub? Geht jetzt nicht, zu viele Baustellen im Job!“ „Kind? Schön wäre es, aber eine Familiengründung würde mir jetzt den letzten Nerv rauben, schließlich brauchen die mich im Job!“ „Weltreise – in 2 Jahren vielleicht, oder 3 oder naja…später eben!“ „Ich bin so müde. Ausschlafen? Geht nicht…“

Es ist ganz normal eine Phase im Leben zu haben, in welcher dein Beruf bestimmend ist und sehr viel Raum einnimmt. Die Gefahr liegt in der einseitigen Identifikation. 

Bist Du Dein Beruf oder hast Du einen Beruf? 

Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Ziehst du Rückschlüsse über deinen Selbstwert aus dem erfolgreichen Erledigen deiner Aufgaben oder dem Feedback deiner Mitarbeiter? Oder bleibt dein Selbstwert von den diversen Bewegungen des Lebens unangetastet? Wer bist du, ohne diesen Job? Magst du dich dann noch? Findest du dich dann noch immer wertvoll? Liebenswert? Kompetent? Nützlich? Beantworte dir diese Fragen ehrlich. Solltest du darauf kommen, dass du und dein Beruf eine unzertrennliche Einheit eingegangen seid, wäre es interessant für dich, einmal zu fragen, wer du eigentlich auch noch bist. So ganz außerhalb deines beruflichen Kontextes. Wer bin ich noch? Welche Qualitäten habe ich noch, die ich leben will und die in meinem Job keinen Platz haben? Ich kenne Geschäftsführer die große farbige lebensfrohe Bilder malen, Sozialunternehmer die sich Freiräume für die Pflege ihrer Freundschaften ermöglichen, Gründer die in ihrer Freizeit Kinderbücher illustrieren. Du bist mehr als dein Job. So ist das. Also, gib dir Raum für all die anderen Dinge, die dich genauso inspirieren, herausfordern oder reizen wie dein Beruf. Sobald du dich nicht nur für die Belange deiner Arbeit interessierst, sobald du dein Selbstwertgefühl nicht mehr von deinen Erfolgen, deinem Einfluss oder deinem Wissen abhängig machst, in dem Moment wo du dich für all das öffnest, was du bist, kannst du die Arbeit auch mal bei der Arbeit lassen.

Tipp 4: Erweitere Deinen Horizont 

Wie wäre es also, wenn du dir ein weiteres Spielfeld in deinem Leben ermöglichst? Folge deiner Neugierde und deiner Lust. Wenn du das Gefühl deiner Hände in feuchter Erde magst, dann arbeite mit Pflanzen. Magst du den Moment, wenn deine Finger beim Spielen eines Instruments plötzlich ihre eigenen Wege finden, dann holst du deine alten Noten wieder hervor. Liebst du es deinen Körper wahrzunehmen und zu klettern, dann geh zum Bouldern. Jetzt machst du dir den Zeigarnik-Effekt zu eigen, indem du am Abend nach einem erfolgreichen Arbeitstag nicht alle Pflanzen umtopfst, das Stück nicht vollkommen fertig übst oder die herausforderndste Kletterwand noch warten lässt. Denn unerledigte Aufgaben erinnern wir besser. Wenn du also am nächsten Tag vom Büro nach Hause kommst, wartet auf dich schon eine fantastische unerledigte Angelegenheit, die deine ganze Aufmerksamkeit braucht. Viel Freude beim Abschalten.

So und jetzt würde ich gern von dir wissen, wie du es schaffst, nach deinem Job abzuschalten? Was sind deine Tricks, die du mit unserer fantastischen Community teilen magst? Schreib uns gerne an content@thechanger.org

Über die Autorin 

Elisabeth Hahnke studierte Communication and Cultural Management an der Zeppelin Universität (Master of Arts) und gründete das renommierte Social Franchise ROCK YOUR LIFE! mit zwei Freunden. Für ihre Arbeit wurden sie und ihr Team mehrfach ausgezeichnet, z.B. mit dem MTV Voices Award. Elisabeth ist Responsible Leader der BMW Stiftung und setzt sich mit ihrer Arbeit für persönlichen und sozialen Wandel ein. Im Moment leitet sie das Potentialentwicklungsprogramm BILDUNGSROCKER und arbeitet darüber hinaus als Trainerin und Coach. Sie ist Expertin in den Bereichen Coaching, MBSR/Introvision und Potentialentwicklung.

Mehr unter www.elisabethhahnke.de