An keinem Punkt der Menschheit war die medizinische Versorgung so fortschrittlich wie heute - nie hatten Neugeborene eine höhere Lebenserwartung. Dennoch stehen die klassischen Behandlungsmethoden gerade unter massiven Beschuss. Egal ob Impfen oder Antibiotika - viele bewährte Therapien werden in Frage gestellt. Grund genug für tbd* sich im Monat Mai dem Thema Gesundheit und der Frage zu widmen: Wie sieht eigentlich die Zukunft der Gesundheit aus? Hier kannst du alle Artikel zum Thema nachlesen.

Am Anfang und am Ende unseres Lebens sind wir alle auf die Fürsorge durch andere Menschen angewiesen. Doch nicht nur dann: Bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit bildet die Grundlage unseres Zusammenlebens und ist Voraussetzung für eine funktionierende Ökonomie. Trotzdem wird sie oft nicht wertgeschätzt und nur von einem Teil der Gesellschaft übernommen. Brauchen wir eine Revolution?

Der damalige Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller sagte vergangenes Jahr, sein Jahresgehalt von zehn Millionen Euro sei gerechtfertigt, er trage schließlich auch sehr viel Verantwortung. Viel Verantwortung tragen auch Erzieher*innen und Pflegekräfte: Etwa eine Million Angestellte versorgen jeden Tag Pflegebedürftige in Einrichtungen und ambulant, allein in Kindergärten kümmern sich 400.000 Erzieher*innen um unsere Kinder. Sie werden jedoch nicht so üppig entlohnt wie Müller: Erzieher*innen verdienen im Schnitt 2.600 Euro monatlich, Pflegekräfte 2.500 Euro. Brutto. Müller verdient damit 333 mal so viel wie eine durchschnittliche Pflegekraft.

Wie extrem Verdienst und Verantwortung auseinandergehen, weiß Angelika Pfab. Sie ist Vorstandsmitglied der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg in Berlin und dort zuständig für die Mitarbeiter*innen, für die Organisationsabläufe und die wirtschaftliche Ausstattung. „Die Verantwortung, die wir tragen, wird nur dann gesehen, wenn was passiert. Zum Beispiel, wenn Pfleger*innen eine Spritze falsch setzen und ein Mensch deswegen stirbt“, erklärt sie. „Sonst denken Leute oft: Ach, die waschen die Leute ja nur und das bisschen Betreuen kann ich auch. Erst wenn Menschen selbst betroffen sind, wenn sie Angehörige selbst pflegen, nehmen sie wahr, wie intensiv so eine Pflegesituation ist. Dann schätzen sie unsere Arbeit wert.“

Betreuungs-, Beziehungs-, Pflege- und Sorgearbeit, kurz Care-Arbeit, ist körperlich und psychisch anspruchsvoll. Sie erfordert neben Fachwissen viel Ausdauer, Einfühlungsvermögen und Geduld. Und die Belastung für Pfleger*innen steigt, seit Jahren. „Auch die psychischen Belastungen nehmen zu. Aggression, Bettlägerigkeit, schwere Erkrankungen, Sterbesituationen – das ist ja unser Tagesgeschäft“, berichtet Angelika Pfab aus ihrer Einrichtung. Ihren Beruf in der Altenpflege macht sie gern. Doch diese Arbeit ist auch jeden Tag aufs Neue ein Versuch, aus schwierigen Bedingungen das Beste zu machen.

Keine Zeit für Menschen

Das größte Problem im Arbeitsalltag ist der Zeitmangel. „Es gibt jeden Tag Situationen, in denen eine Pflegekraft ihre Verantwortung nicht gut wahrnehmen kann. Für eine Frühschicht gibt es zum Beispiel nur drei Mitarbeiter*innen, weil die Vorgaben nicht mehr hergeben. Die Mitarbeiter*innen spüren aber, dass die Menschen mehr Betreuung bräuchten. Sie sind immer im Konflikt: Eigentlich bräuchte ich mehr Zeit für diesen Menschen, aber die habe ich nicht.“ Angelika Pfab erklärt: „Man braucht eben einfach Zeit, um jemanden beim Sterben zu begleiten.“

Zeit, um sich um Menschen zu kümmern, ist in unserem Wirtschaftssystem nicht vorgesehen. Während die Anforderungen und der Zeitdruck in vielen Care-Berufen steigen, gibt es kaum wirtschaftliche Maßnahmen oder Initiativen der Politik, um die Situation zu verbessern. Darauf machte am 8. März, dem internationalen Frauenkampftag, ein bundesweites Bündnis mit einem feministischen Streik aufmerksam. Denn die meiste Care-Arbeit – zuhause und beruflich – wird noch immer von Frauen übernommen. Mia Smettan vom Streikbündnis erklärt: „Ohne diese ganze Care-Arbeit gäbe es uns Menschen überhaupt gar nicht.“ Deswegen lautet auch das Motto des Streiks: „Wenn wir die Arbeit niederlegen, steht die Welt still.“ Lohnarbeit sowie unbezahlte Hausarbeit und andere fürsorgende Tätigkeiten sollen für diesen Tag vollständig niedergelegt werden. Dadurch soll auch der Zusammenhang zwischen Gender und Arbeit deutlich werden, denn Fürsorgearbeiten werden weiterhin selten von Männern geschultert.

Ein Streik ist nach wie vor die gängigste Form, um Arbeitsbedingungen und Gehälter direkt zu kritisieren. Und ein Blick in die Gehaltstabellen zeigt: In den Care-Berufen passt die Bezahlung nicht zur Bedeutung der Arbeit. 12 Euro brutto pro Stunde für eine Altenpflegerin, 18 Euro für einen Techniker – und das bei gleicher Ausbildungsdauer. Hier wirkt die Vorstellung fort, Tätigkeiten wie die Pflege alter Menschen oder Kinderbetreuung seien keine richtigen Arbeiten, sondern würden aus Liebe und unbezahlt von empathischen Frauen übernommen. Mia Smettan kämpft dafür, dass Care-Arbeit die Anerkennung erfährt, die sie verdient. „Männlich konnotierte Tätigkeiten werden als wertschöpfend angesehen, als produktiv für das kapitalistische System. Und historisch weiblich besetzte Tätigkeiten, die immer noch vermehrt von Frauen und Queers ausgeführt werden, werden dazu im Gegensatz als nicht profitschöpfend betrachtet.“ Deswegen findet diese Arbeit auch meist unter schlechten Bedingungen statt. Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit erschweren es Beschäftigten, eine Erwerbsarbeit mit privater Familien- und Betreuungsverantwortung zu vereinbaren. Wie essenziell diese Arbeit aber ist, darauf wollen sie durch den Streik hinweisen.

Care-Arbeit als gesamtgesellschaftliche Verantwortung

Care-Arbeit findet zum Teil in bezahlten Berufen statt, die meiste Arbeit findet aber unbezahlt im Privaten statt. Charlotte Hitzfelder setzt sich deswegen im Netzwerk Care Revolution dafür ein, auch nicht bezahlte Fürsorgearbeit, beispielsweise in Familien, mitzudenken. Frauen von 18 bis 64 Jahren verwenden 2,4 mal so viel Zeit für unbezahlte Fürsorgearbeit und das 1,6-Fache für Hausarbeit wie Männer. Noch größer ist der Unterschied bei Erwerbstätigen mit Kindern (Quelle: WSI GenderDatenPortal, 2012/13). Der Kern des Problems, so Charlotte Hitzfelder, ist unser Verständnis von Arbeit: „Care-Arbeit zu Hause, für Angehörige, wird meist gar nicht als Arbeit angesehen. Und damit eben als nicht so wichtig erachtet.“ Das Netzwerk Care Revolution unterstützt den feministischen Streik, um auf die Missstände aufmerksam zu machen, die es derzeit für bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit gibt – und damit auch für die, die auf diese Fürsorge angewiesen sind. Charlotte Hitzfelder betont: „Unsere Wirtschaft blendet diese Care-Arbeit derzeit komplett aus. Und das, obwohl es die Tätigkeiten sind, die Wirtschaft und Gesellschaft, ja Leben an sich, überhaupt erst möglich machen!“ Dem Netzwerk Care Revolution geht es darum, Fürsorgearbeit gerechter und gemeinschaftlicher zu verteilen, sodass nicht manche, vor allem Frauen und zunehmend migrantische Arbeitskräfte, stark belastet werden, während andere, vor allem Männer und Gutverdiener*innen, die Care-Arbeit auslagern können, davon profitieren. "Wir fordern, dass Care-Arbeit als wichtigste gesellschaftliche Verantwortung gesehen wird", fasst Charlotte Hitzfelder ihr Anliegen zusammen.

Denken wir noch einmal kurz an Matthias Müller, der bei VW eine zehn Millionen schwere Verantwortung trug. Wie viel soziale Verantwortung und Fürsorgearbeit für ihn daneben wohl noch drin war? Andersrum ist es genauso: Wer Betreuungsverantwortung übernimmt, Kinder versorgt oder eine kranke Tante pflegt, hat weniger Zeit für die Erwerbsarbeit. Meist ist höchstens eine Teilzeitanstellung möglich. Jobs mit unregelmäßigen Arbeitszeiten, vielen Überstunden oder hoher Mobilität kommen von vornherein nicht infrage. Arbeitszeitregelungen mit möglichst viel Spielraum können helfen, doch die bieten nicht viele Betriebe. Frauen erhalten auch deswegen seltener verantwortungsvolle Positionen, weil ihre Vorgesetzten unvorhergesehene Abwesenheiten und mangelnde Bereitschaft für Überstunden befürchten. Teilzeitstellen mit Leitungsfunktion gibt es kaum. „Bisher wird Care in unserer Gesellschaft als Kostenpunkt gesehen, den man auslagern kann“, erklärt Charlotte Hitzfelder. „Gute Sorgearbeit ist nicht profitabel. Sie verursacht quasi nur Kosten.“

Was zu tun ist: mehr finanzielle Mittel, mehr Anerkennung

Angelika Pfab, Mia Smettan und Charlotte Hitzfelder, sie alle sind sich einig: Es braucht strukturelle Veränderungen und eine weitreichende politische Debatte über Verantwortung im Beruf. „Verstehen wir unter großer Verantwortung einen Manager, der einen großen Betrieb leitet, mit vielen Arbeitnehmer*innen“, fragt Mia Smettan vom Streikbündnis, „oder verstehen wir unter großer Verantwortung eben Menschen, die jeden Tag direkt mit dem Leben von anderen Menschen zu tun haben?“ Wenn wir auf die Gehälter schauen, ist klar, was unsere Gesellschaft mehr wertschätzt.

„Fürsorgearbeit muss als Arbeit wertgeschätzt und anerkannt werden. Dabei geht es auch darum, ob und wie sie entlohnt wird“, stellt Charlotte Hitzfelder klar. Für Angelika Pfab hat die finanzielle Ungleichheit ganz praktische Folgen: „Für die Qualität in der Pflege, die sich die Menschen vorstellen, haben wir nicht ausreichend Geld“, sagt sie. „Wir verwalten die ganze Zeit einen Mangel: an Zeit, an emotionaler Zuwendung, und von unserer Seite einen Mangel an Möglichkeiten, die Pflegekräfte mit ausreichend Zeit auszustatten.“ Um das zu ändern, fordert auch sie mehr finanzielle Mittel und Anerkennung: „Das Finanzierungssystem muss geändert werden und das Image muss sich verändern. Wir müssen endlich anerkennen, dass die Care-Arbeit eine wichtige, gute Arbeit ist und dass wir da auch gute Leute brauchen.“ Deswegen sei es gerade auch so schwer, genug Nachwuchs zu finden; Care-Arbeiten haben ein Imageproblem. „Wir wissen, dass Menschen einfach Geld kosten“, meint Angelika Pfab. „Wenn man die Menschen fragt, wünschen sich alle mehr Personal in den Einrichtungen und eine bessere Pflege. Wir müssten der Gesellschaft und der Politik sagen: Es ist uns wichtig, wie unsere Menschen erzogen, gepflegt und medizinisch versorgt werden. Unter den aktuellen Bedingungen ist es immer schwieriger, gute Pflege anzubieten. Die politischen Bedingungen müssen sich ändern.“

“Heute mag ich nicht?” - Geht nicht.

Am feministischen Streik nimmt sie trotzdem nicht teil. Das kann sie sich auch nicht so einfach aussuchen. „Die Idee des Streiks finde ich gut“, sagt Angelika Pfab. „Aber hier in unserer Einrichtung kann ich mir das nicht vorstellen. Ich kann einen Pflegebedürftigen nicht einfach einen Tag liegen lassen. Die Gefahr, dass er dann verdurstet, ist groß. Das ist ja das Problem am Streiken in der Care-Arbeit. Wir werden immer an dieser emotionalen Kette gepackt.“

Care-Arbeit findet oft in asymmetrischen Beziehungen statt. Kinder, behinderte Menschen, alte Menschen, kranke Menschen sind davon abhängig, dass sie jemand unterstützt und sich um sie kümmert. Eine Person, die diese Arbeit leistet, kann nicht einfach sagen: Heute passt es mir nicht so gut, ich bin aber morgen wieder da. Die Verantwortung für das direkte Wohlergehen eines anderen Menschen kann nicht einfach abgegeben werden, die Arbeit kann kaum verweigert werden. „Dadurch wird viel eingespart“, meint Charlotte Hitzfelder. "Care-Arbeit sind lebensnotwendige Arbeiten, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde. Sie können nicht nicht gemacht werden."

Deswegen ist es nicht so einfach, die Arbeit für einen Tag niederzulegen, ob bezahlte oder unbezahlte Care-Arbeit. Beim feministischen Streik in Spanien im vergangenen Jahr wurde für diesen Tag eine große kollektive Kinderbetreuung organisiert. Über fünf Millionen Frauen verweigerten dort für 24 Stunden alle Care-Arbeiten. Für den Streik in Deutschland ist ein solches Mobilisierungspotenzial bisher nicht abzusehen; außerdem lässt sich die feministische Bewegung sowie die Protest- und Streikkultur in Spanien schlecht mit der in Deutschland vergleichen. Da der feministische Streik ein sogenannter wilder, politischer Streik ist, ist er hierzulande nämlich in einer rechtlichen Grauzone. Streikende sind also tarifrechtlich nicht abgesichert, rechtliche Konsequenzen könnten folgen. In ihrem Bündnis suchen sie deswegen nach Möglichkeiten, symbolisch mitzustreiken, erklärt Mia Smettan. „Langsamer arbeiten oder die Mittagspause länger machen – Streik kann ja super kreativ sein!“

Informationen zum Netwerk Care Revolution

Das bundesweite Netzwerk Care Revolution besteht aus über 80 Gruppen und Individuen, die in verschiedenen Feldern sozialer Reproduktion – Hausarbeit, Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen und Sexarbeit – aktiv sind. Es handelt sich dabei um eine basisdemokratische und konsensorientierte Plattform. Sie will neue Modelle von Sorge-Beziehungen schaffen und strebt eine Care-Ökonomie an, die nicht auf Profitmaximierung aus ist, sondern die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellt.

Auf frauenstreik.org finden sich alle Termine, Informationen und Kontakte zu den verschiedenen Ortsgruppen des feministischen Streiks. Die Website richtet sich an alle, die im nächsten Jahr mitstreiken oder den Streik unterstützen möchten. Wer nicht so lange warten will: Vom 12. bis 15. September findet in Essen ein internationales Festival statt, dessen Zweck die Vernetzung der feministischen Bewegung ist, die sich gegen globalen, autoritären Neoliberalismus und Rechtspopulismus stellt und für ein gutes Leben für alle kämpft.

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Dieser Artikel wurde ursprünglich im Print-Magazin Neue Narrative veröffentlicht. Wenn du mehr Geschichten zu neuen Arbeits- und Wirtschaftsformen lesen willst, kannst du hier für 29 € ein Abo abschließen.

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