Wir haben in der tbd* Community nach Beiträgen für die Serie "Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit" ausgerufen und besonders beeindruckt hat uns der Beitrag von Viva con Agua. Denn sie haben nicht nur einen Mitarbeiter gefragt oder bloß einen Artikel eingereicht - neeeeiiiinnn. Viva con Agua hat als Team einen Beitrag eingereicht, wo jeder dafür - vom Gründer bis zum Social Media Manager - was dazu geschrieben hat. Und zwar ganz persönlich. Das nennen wir EntwicklungsZUSAMMENARBEIT. Danke, Viva con Agua

 

Andrej „Arne“ Vogler, Geschäftsführung, Finanzen, HR von Viva con Agua ARTS gGmbH, ein Social Business von Viva con Agua de Sankt Pauli e.V. und offizieller Veranstalter der Millerntor Gallery.

Entwicklungszusammenarbeit ist fantastisch. Viel passender und wertvoller als Entwicklungshilfe.

Es ist eben nicht „Einer gibt, der andere nimmt.“

Es ist nicht „Wohlstand heilt Armut“ und auch nicht „Wir zeigen Euch wie es geht“.

Es ist „Wir arbeiten zusammen und entwickeln unsere Zukunft“.

Es ist „Jeder, der mitmachen möchte, kann sich und etwas Großes mitentwickeln“.

Für eine Generation, die den Großteil ihres Berufslebens mit der Suche nach dem tieferen Sinn hinter ihrer Arbeit verbringt, ist Entwicklungszusammenarbeit die neue Kraft.

In Zeiten, in denen die Herausforderungen für uns alle größer und komplexer werden, ist Entwicklungszusammenarbeit die einzige Chance.

Entwicklung vermittelt „Hier passiert jetzt was“ und „Da ist Bewegung drin“.

Und Entwicklung lässt die Richtung offen.

Weiterentwicklung sagt „Es geht nach vorne und aufwärts“.

Fehlentwicklung sagt „Auweia, das wäre anders besser“.

Rückschritt ist Entwicklung nach hinten und zurück.

Egal wie - Entwicklung legt den Fokus auf Veränderung.

Hilfe vermittelt „Einer ist in Not, ist schwach, schafft es nicht alleine“.

Hilfe erzeugt Betroffenheit.

Hilfe droht Dir „Schau nicht weg, tu was!“.

Hilfe ist gut und ein Muss. Und Hilfe erzeugt Handlungsdruck.

Hilfe fördert Reaktion und lässt keine Alternativen zu.

Hilfe legt den Fokus auf Probleme.

Zusammen bedeutet „Wir sind stark. Keiner allein. So schaffen wir’s“.

Arbeit sagt Dir „Aber Du bekommst nichts geschenkt.“

Zusammenarbeit erzeugt Motivation und Begeisterung.

Zusammenarbeit motiviert Dich „Sei ein Teil und mache den Unterschied“.

Zusammenarbeit fördert Aktion und macht Alternativen zum System.

Zusammenarbeit legt den Fokus auf Lösung.

Die Zukunft der Welt ist gerade recht unsicher.

Die Zukunft der Welt kann verändert werden.

Da macht es doch Sinn, wir fokussieren uns auf Lösungen.

 

Michael Fritz, Viva con Agua Mitbegründer & Konzeptionsaktivist

Ich bin kein Fan vom deutschen Schulsystem. Das liegt daran, dass es zu Zeiten Bismarcks – und damit meine ich nicht den Hamburger Fisch – konzipiert wurde. Jenes Konzept war vor allem nicht darauf ausgerichtet, freie, kreative, dynamisch denkende Individuen zu kreieren und auf ein globales, komplexes, nachhaltiges, bewusstes, achtsames, die Menschen wertschätzendes Leben vorzubereiten. Vielmehr auf das Gegenteil: Krieg. Das allseits bestimmende Thema jener Zeit: Soldaten produzieren, die nicht hinterfragen, was sie machen, sondern einfach in den Krieg ziehen und dabei mit dem 50/50 Joker in den Tod ziehen.

Jetzt fragt ihr euch, was das Ganze mit mir und mit dem Thema Entwicklungszusammenarbeit zu tun hat?! Ich glaube die Entwicklungshilfe ist eine ähnliche strukturelle Konzeption der 1950er Jahren gewesen. Aus einem Hilfsansatz heraus. Es gab damals schon die bestehenden Strukturen der Kolonialisierung. Daher gibt es weiterhin eine gewisse Fortführung der Kolonialisierung.

Ich glaube nicht an die Entwicklungsart „Zusammenarbeit“ – als System. Dennoch bin ich Fan davon, sich zu engagieren. Ich mache mit Viva con Agua ja auch Entwicklungszusammenarbeit und glaube trotzdem, dass sie nicht nur veraltet ist, sondern überholt.

Wir müssen dazu übergehen, neue Strukturen, neue Konzepte, neue Werte, neue Ziele zu setzen. Es ist immer möglich, das alte System zu verändern. Manchmal ist das allerdings wirklich challenging: Sobald einfach ein neues System („in mein altes“) reinkommt – und das ist in meiner Situation auf jeden Fall auch zutreffend – werden wir herausgefordert. Es handelt sich um eine andere Dynamik, eine andere Schnelligkeit.

Die Menschen können sich leichter damit identifizieren. Die Menschen haben das Gefühl selber etwas beizusteuern. Die Menschen haben das Gefühl es selber in der Hand zu haben. Genau hier ist meines Erachtens der Trigger. So erreichen wir die Leute. So ist der Hebel viel, viel größer als in der klassischen, althergebrachten Entwicklungszusammenarbeit.

 

Christian Wiebe, Viva con Agua Mitbegründer & WASH Experte aka WASHaholic.

Ich gebe zu, ich bin seit über 10 Jahren WASHaholic und frage mich oft: Wie behandelt meine Organisation Misserfolg? Eine der kulturellen Annahmen von Viva con Agua ist, dass es mehr Sinn - gepaart mit Lebensfreude - und dadurch mehr Energie ergibt, sich stärker auf die positiven Aspekte zu konzentrieren als auf die negativen. Und es gibt viel Positives zu berichten! Allein in den 13 Jahren seines Bestehens hat Viva con Agua bis zu 3 Millionen Menschen den Zugang zu sauberem Trinkwasser, sanitärer Grundversorgung und Hygieneeinrichtungen (WASH) ermöglicht. Weltweit leben rund 600 Millionen Menschen gänzlich ohne Zugang zu sauberem und sicherem Trinkwasser. Vor 13 Jahren waren es noch fast doppelt so viele.

Doch ist es nicht unsere Pflicht, auch den unvermeidlichen Aspekt des Scheiterns im Auge zu behalten?

Wer, wenn nicht wir als junge und freigeistige Organisation, sollten den Mut haben, neben Erfolgsgeschichten auch Misserfolge öffentlich zu diskutieren? Zum Beispiel die Tatsache, dass in Afrika südlich der Sahara rund 30 % aller Wasserversorgungssysteme nicht funktionieren oder zumindest in ihrer Funktionalität eingeschränkt sind. Die Wasser-Experten wissen davon. Doch die große Allgemeinheit, die viel Geld für Projekte der Entwicklungszusammenarbeit spendet, sollte auch Kenntnis davon haben. Ich glaube: nur durch Kenntnis und Anerkennung von dem, was ist, können neue Lösungen gefunden und bekannte Herausforderungen gemeistert werden.

Und was noch wichtiger ist: Wir sind davon überzeugt, unsere privaten Spender dazu motivieren zu können, nicht ausschließlich für WASH-Hardware – aka Brunnen – zu spenden, die erstmalig Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglicht. Wir möchten bei unseren Unterstützern eine Verhaltensänderung bewirken, so dass sie ebenso freudvoll wie überzeugt investieren in die Bereitstellung von WASH-Services und in die Stärkung von WASH-Systemen. Konkret bedeutet dies: Inventarisierung der Anlagen, Monitoring, Etablierung von dauerhaften Lieferketten, Know-how-Transfer, um nur einiges zu nennen.

Mittel- und langfristig werden wir mit dieser Art von Investitionen herausfinden können, wo die zugrundeliegenden Ursachen für das Scheitern liegen, und dadurch letztlich die Nachhaltigkeit unserer Ressourcenmobilisierung verbessern.

Nach vielen Projektbesuchen und nach intensiven Dialogen mit den Benutzern und den Stakeholdern von WASH-Projekten kamen wir zu dem Schluss, dass es nicht ausreicht, nur Hardware zu bauen und Schulungen für WASH-Komitees durchzuführen, um danach das Projekt einfach zu „beenden“. Wir möchten über die reguläre Programmdauer hinaus denken, handeln und reflektieren, in welchem Zustand sich die WASH-Anlagen in fünf bis zehn Jahren befinden werden, ob diese noch funktionieren und genutzt werden. Wir wollen, dass Regierungen, Implementierungspartner, Nutzer und Spender nachhaltig Verantwortung für die Projekte übernehmen.

Wir sehen uns einer neuen Generation von Unterstützern und Spendern gegenüber: Sie möchten auf transparente Weise mehr darüber erfahren, was mit ihren Investitionen geschieht und welche langfristigen Perspektiven es für sie gibt.

Der motivierendste Aspekt für mich ist, dass die meisten Unterstützer von Viva con Agua sehr offen für die Idee einer langfristigen Unterstützung sind und es logisch finden, dass Wassersysteme jahrelang Unterstützung benötigen, um so effektiv wie möglich zu sein.

Wir sind der Meinung, dass Organisationen wie Viva con Agua eine aktive Rolle dabei spielen müssen, ihre Unterstützer weiterzubilden, zu sensibilisieren hinsichtlich der Herausforderungen in Bezug auf die Projekt-Nachhaltigkeit. Es liegt in unserer Verantwortung, zu kommunizieren, dass von Anfang an die Kosten für die Projektunterstützung nach dem Bau der Wasserversorgungsanlagen in das Projektdesign mit einbezogen werden müssen. Die Fachwelt spricht aktuell von einem Richtwert i.H.v. mindestens 10 % aller Infrastrukturinvestitionen, der in flankierende, System-stärkende Maßnahmen zu investieren ist.

Unsere Vision lautet: WASSER FÜR ALLE – ALLE FÜR WASSER. Weiter ausformuliert heißt dies: Verbesserung nachhaltiger Trinkwasserservices für alle.

Ich lade Sie ein, diese Vision mit uns zu teilen und zu einem WASHaholic zu konvertieren.

Goethe schrieb: „Der Worte sind genug gewechselt, Lasst mich auch endlich Taten sehn!“

 

Claudia Gersdorf, Viva con Agua Public Affairs Managerin & Pressesprecherin.

Kommunikation ist uns Menschen von Anfang an mit auf dem Weg gegeben. Wir nehmen Informationen, Bilder, Eindrücke, Erfahrungen auf wie ein Schwamm und reproduzieren, verarbeiten, verbreiten diese. Positive Erfahrungen und Bilder bringen uns weiter, beflügeln, wecken neue Kräfte in uns und lassen uns zu 100% aufspielen. Negative Informationen und Eindrücke schaffen Distanz, betrüben, belasten, üben Druck aus.

Wir bei Viva con Agua konzentrieren uns auf die Potenziale, die es zu heben gilt. In allen Bereichen unserer Arbeit identifizieren wir die Kraft und positive Energie von Entwicklung im Sinne von Fortschritt, Optimierung, Selbstkorrektur. Wir sind zuerst kritisch gegenüber uns selbst. Fingerzeig nach außen? Nicht unser Stil! Vielmehr ist es die Vielfalt der Perspektiven, die uns fasziniert und vorantreibt. In diesen Perspektiven-Reichtum können wir dank unseres Ehrenamtsnetzwerks mit über 15.000 jungen Supportern eintauchen, ebenso wie dank jahrelanger Verbindungen und intensivem Austausch mit den Menschen in den Projektgebieten. Wir sehen uns als liebevolle Dienstleister und überzeugte Visionäre – die Experten sind die Menschen in Uganda, Äthiopien, Nepal, Brasilien und vielen weiteren VcA Schwerpunktländern.

I have a dream! Not a dream – don’t miss it – it’s reality already!

*Eines Tages* lesen wir in allen Tages- und Wochenzeitungen des Landes vom Reichtum des afrikanischen Kontinents. Reich an Kulturen, Sprachen, Wissen, Ideen, jungen Unternehmerinnen und Unternehmern, Kreativen. Reich an Ressourcen, Nahrung, Bodenschätzen. Reich an Entwicklung und Investitionen. Wir lesen von den größten Wirtschaftsmächten, die sich hier unter den 54 Staaten versammeln und die Geschicke der Welt entscheidend mit beeinflussen und leiten.

Geschichte und Gegenwart zeigen uns, dass das Ungleichgewicht auf dem Kontinent zumeist ein von außen aufoktroyiertes Phänomen ist. Mythen machen die Runde und das öffentliche Afrika-Bild ist geprägt von Ethno, Giraffen, Armut, Leid, Mangel. Völlig realitätsfern und pauschalisiert.

I have a dream! Not a dream – don’t miss it – it’s reality already!

Wir werden uns bewusst, wie differenziert Entwicklung, Zusammenarbeit, Investition, Fortschritt, Optimierung gesehen und gelebt werden können. Wir erzählen die Erfolgsgeschichten von den neuesten Modedesignern aus Burkina Faso, der Rechtsanwältin aus Äthiopien, der Viva con Agua Gründerin aus Kenia und den innovativsten Start-ups aus Uganda. Die nächste Fashion Week, Olympischen Spiele, ein Music4Good Festival und Karrieremesse finden in Ouagadougou, Addis Abeba, Nairobi und Kampala statt – die ganze Welt ist zu Gast und die Medien berichten live.

Ich bin überzeugt, dass positive Kommunikation und mutige, frische Erfolgs-Stories uns allen den Weg in eine stringent steile Entwicklung bereiten und die Zusammenarbeit deutlich motivieren.

 

Micha Gab, Online Marketing Manager inklusive Social Media

Entwicklungszusammenarbeit ist nicht mehr zeitgemäß? Vielleicht.

Sollten wir sie darum aufgeben? Vielleicht.

Was wäre die Alternative? Nichts tun? Es sich in unserem mitteleuropäischen Wohlstandssessel gemütlich machen und in Gleichgültigkeit verfallen?

Klingt eigentlich verlockend.

Totgesagte leben länger. Das wird auch für die EZ gelten. Darum müssen wir uns einmischen, damit sie sich verändert, damit sie zeitgemäß wird.

Wie also bringen wir Entwicklungszusammenarbeit ins 21. Jahrhundert?

Indem wir ihre Sprache ändern.

Entwicklungskommunikation hat lange auf erhobene Zeigefinger und Richtungsweisungen von alteingesessenen Experten und NGOs gesetzt.

Und zwar nach einem - für sie - altbewährten, sich wiederholenden Schema:

Du musst helfen die Welt zu retten in sogenannten „Geberländern“ traf auf So wird’s gemacht und dann wird’s besser in „Nehmerländern“.

Wen spricht das denn noch an?

In einer Zeit in der wir uns auf Instagram zwischen Selfie am Strand, symmetrisch angerichteter Frühstücksbowl und Motivationspost direkt aus dem Fitnessstudio eine perfekte Welt ausmalen, begeistert ein erhobener Zeigefinger der Entwicklungszusammenarbeit niemanden, außer unseren Großeltern.

Was funktioniert denn sonst? Motivation, Verbindung, Sinn - und vor allem Freude. Denn das Leben ist nicht traurig. Aus Negativem erwächst nichts Neues, Kreatives.

Und wie geht das? Indem wir die gleiche Sprache sprechen. Das funktioniert mit den universellen Sprachen Sport, Musik und Kultur. Sie aktivieren und begeistern - und zwar die Menschen, die wirklich Veränderung bedeuten: Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene nicht nur in Hamburg, Berlin, Zürich oder Wien. Sondern auch in Kathmandu, Kampala, Nairobi und an vielen Orten, an denen die Jugend die Bevölkerungsmehrheit und somit das zentrale Potenzial für eine positive Zukunft bildet.

Sollten wir Entwicklungszusammenarbeit aufgeben?

Vielleicht ja. Um gemeinsam zu tanzen.

In diesem Sinne: Viva con Agua – viva la vida!

Fotos:

Claudia Gersdorf: STEFAN GROENVELD für Viva con Agua
Christian Wiebe: STEFAN GROENVELD für Viva con Agua
Micha Fritz: PAUL RIPKE für Viva con Agua
TITELFOTO: LAURA MÜLLER für Viva con Agua