Aller Anfang ist schwer, weil wir Menschen nur ungern etwas verändern und aus Bequemlichkeit meist alles beim Alten lassen wollen. Wir sind Gewohnheitstiere und wenn wir können, bleiben wir auch bei den Routinen, die uns langweilen oder vielleicht sogar schädlich sind - für uns oder unsere Umwelt.

Zum Glück wohnt aber auch jedem Anfang ein Zauber inne und mit einem Jahr voller Katastrophen im Rücken, welches ich trotzdem nicht missen möchte, kann ich versprechen: Neuanfänge sind verdammt anstrengend und lohnen sich.

Neuanfang dank Schicksalsschlag

Mein Problem ist nicht mein innerer Schweinehund, sondern mein Arbeitstier. Ich arbeite am liebsten den ganzen Tag, am liebsten auch mit Freunden und damit auch gerne in der Zeit, die andere Freizeit nennen. Eigentlich eine optimale Leidenschaft in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren. Im vergangenen Jahr habe ich dann eine lebensbedrohliche Diagnose bekommen und von einem Tag auf den anderen war klar, dass ich mindestens ein halbes Jahr, eher länger, nicht mehr arbeiten kann und auch nicht darf. Als Freiberuflerin fühlte sich das erstmal an wie der Super-GAU. Jetzt im Rückspiegel betrachtet, bin ich dankbar für diese Auszeit, die letztlich acht Monate dauerte. Durch sie habe ich meine Routinen überprüfen können und die meisten tatsächlich verändert. Beispielsweise hat sich meine morgendlich Routine von Handy-Milchkaffe-Computer zu Yoga-Tee-Obstsalat gewandelt. Ich trinke fast keinen Alkohol mehr und Fleisch habe ich auch erfolgreich von meiner Einkaufsliste gestrichen. Ich schreibe das nicht, um zu prahlen, sondern als Memo an mich selbst, weil ich die größte Baustelle noch vor mir habe: Ich möchte anders arbeiten als bisher.

Anders arbeiten als bisher

Mit Freunden zu arbeiten, strebe ich auch weiterhin an. Ihre Potenziale erkennen und fördern, mit ihren wie meinen Schwächen wohl gesonnen und offen umgehen, uns gegenseitig unterstützen, zusammen über uns hinaus zu wachsen. Das braucht Zeit und Übung. Zeit möchte ich auch weiterhin für Freunde und Familie haben. Sie haben mich in den acht Monaten mit Liebe überschüttet, was auch damit zu tun hatte, dass ich mir den Raum genommen habe, meine Kontakte mehr zu pflegen. Ich will neben dem zielgerichteten, ergebnisorientierten Arbeiten Platz in meinem Alltag für fantasievolles Spiel mit Worten und Papier, Stiften und Musik und für Ausflüge in den Wald, um Rehe im Morgengrauen zu beobachten. Gefühlt waren das fantasievolle Spiel und die Naturausflüge in der Auszeit mein eigentlicher Vollzeitjob: Nur das tun, was mir, meinen Mitmenschen, der Umwelt und meinem Körper gut tut, ein gutes Leben leben. Das muss doch möglich und kombinierbar sein, mit meiner Leidenschaft zu arbeiten, Dinge zu erschaffen, Ziele zu erreichen - zusammen mit anderen!?!

„New Work“ der Megatrend

Zum Glück bin ich damit nicht alleine. Ganz im Gegenteil ist die Suche nach einer neuen Arbeitskultur (und damit einem guten Leben) unter dem Stichwort „New Work“ sogar ein Megatrend im Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Wie diese neue Arbeitskultur aussehen kann, beginnt für mich in einem grauen Konferenzraum in Neuss, mit einem kleinen Team in Berlin Kreuzberg und in einer gemütlichen Gemeinschaftsküche, die so auch in einer Studenten-Wohngemeinschaft zu finden sein könnte.

Starten wir mit dem grauen Konferenzraum eines Pflegeverbunds im Ruhrgebiet. Dort sitzt Andreas Klein und sagt „Im Wald gibt es auch keinen Chef.“ Obwohl er der Chef des Unternehmens ist, leuchten seine Augen bei diesem Gedanken. Schon seit 23 Jahren leitet Klein die Geschäfte von CareTeam, bestimmt die Gehälter seiner Mitarbeiter*innen, gibt in Meetings den Ton an und macht Ansagen, wenn Konflikte zwischen Mitarbeiter*innen aus dem Ruder laufen. Darauf hat er keine Lust mehr. Er möchte sich selbst und sein Unternehmen verändern. Er möchte, dass die Zusammenarbeit Spaß macht und erfüllend ist - für alle Beteiligten. Auch wenn die Geschäfte gut laufen, hat Klein den Mut zu sagen: „Die Zufriedenheit der Mitarbeiter ist salopp gesagt: bescheiden.“

„Reinventing Organizations“ in der Praxis

Sein Vorbild ist das niederländische Unternehmen Buurtzorg, von dem Klein in dem Buch „Reinventing Organizations“ des belgischen Organisationsberater Frederic Laloux gelesen hat. Buurtzorg arbeitet in kleinen sich selbstführenden Teams in der ambulanten Pflege - dem gleichen Bereich wie CareTeam. „Aber natürlich ist in den Niederlanden die Grundsituation eine andere als in Deutschland“ und außerdem arbeiten die Mitarbeiter*innen von Buurtzorg schon von Anfang an in selbstführenden Teams ohne Chef. Die Teams entscheiden beispielsweise darüber, wie viele Pflegebedürftige sie versorgen können. Sie entscheiden auch darüber, ob und wenn ja, wer eingestellt wird. Der Gründer und Chef von Buurtzorg, Jos de Blok, sieht sich selbst als Berater, der seine Teams dazu befähigt, alle wichtigen, auch unternehmerischen Entscheidungen zu treffen und sich so zu organisieren, dass die Arbeit Spaß macht und ihren Sinn erfüllt: möglichst autonome, gut versorgte Mitmenschen.

Bleibt für Andreas Klein die Frage: Wie können Mitarbeiter*innen lernen, mehr Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen, wenn das bisher immer jemand anderes getan hat? Wie können sie sich selbstständig organisieren, wenn bisher immer andere über ihre Zeit und ihre Aufgaben bestimmt haben? Laloux gibt in seinem Leitfaden konkrete Tipps anhand von Buurtzorg und elf anderen Unternehmen, in denen Mitarbeiter*innen sich selbstführend organisieren, einen gemeinsamen Sinn verfolgen und auch noch glücklich und zufrieden sind. Um diese Tipps umzusetzen, läßt sich Andreas Klein von zwei Coaches helfen, die seit März in Gruppenworkshops und Einzelberatungen mit den Mitarbeiter*innen arbeiten. Vertrauen aufbauen steht ganz oben auf der Agenda und alte Muster erstmal zu erkennen, um sie dann zu verändern.

Der Konferenzraum von CareTeam sieht aus wie jeder andere Standardkonferenzraum: Die Tische und Stühlen sind zu einem U gestellt, der triste Novemberhimmel könnte das Setting nicht besser unterstreichen. Aber Andreas Klein und seinen Mitarbeiterinnen dabei zuzuhören, was sich schon in nur knapp acht Monaten alles verändert hat, macht Gänsehaut. Eine Krankenschwester berichtet, dass sie sich direkt beim ersten Workshop mit einer langjährig zerstrittenen Kollegin wieder versöhnt hat. Eine andere schildert, dass sie den Eindruck hat, die Kolleg*innen fühlen sich stärker zugehörig und bei sich selbst merke sie schlummernde Ressourcen, die langsam geweckt werden. Statt wie bisher vielleicht zu oft „das kann ich nicht“ zu sagen, sagt sie jetzt bewusst, was sie alles kann und ermuntert auch andere zu dieser positiven Selbsteinschätzung.

Die Veränderungen bei CareTeam sind bisher noch wenig strukturell sichtbar. Noch arbeiten die Pfleger*innen nicht in selbstführenden Teams und bis dahin wird es auch eine ganze Weile dauern, vermutet Andreas Klein. Der Umbau beginnt neben den Workshops konkret sichtbar erstmal mit einem Intranet und ein Blog, über den sich alle Mitarbeiter*innen austauschen können. Außerdem starten Meetings jetzt immer mit einem sogenannten „Check-In“, in dem jeder kurz erzählt, wie es ihm oder ihr geht. Klein wünscht sich, dass seine Mitarbeiter*innen nicht mehr mit einer professionellen Maske zur Arbeit kommen, sondern als ganze Menschen, mit all ihren Schwächen und Stärken. „Da passieren die magischen Momente - auf der menschlichen Ebene“.

Inspiriert durch Frederic Laloux

Magische Momente dieser Art hatte ich im letzten halben Jahr genauso und auch da hatte Frederic Laloux seine Worte im Spiel. Ich wurde von einer befreundeten Kollegin gefragt, ob ich nicht Lust hätte bei einem Hörbuch-Projekt mitzumachen, das sie und zwei andere Kollegen sich überlegt hatten. Die Idee: Das wertvolle Wissen, das Laloux in seinem Leitfaden zusammenträgt, zu einer lebendigen Hörfassung umschreiben. Als Update sollten neue Interviews mit anderen Unternehmen, als denen im Buch erwähnten, geführt werden - unter anderen mit CareTeam. Finanzieren sollte sich das Ganze über eine Crowdfunding-Kampagne und das Wissen zum Buch und zum Thema „neues Arbeiten“ über eine digitale Landkarte verbreitet werden.

Und natürlich wollen alle drei auch selbst so zusammen arbeiten, wie es im Buch beschrieben wird. Wir beginnen unsere Meetings in Zukunft also mit einem „Check-In“. Bei der ersten Krise holen wir uns einen geübten Moderator, der zwischen uns vermittelt und tatsächlich gelingt uns die Finanzierung. Mittlerweile ist die Produktion unseres Hörbuch+ „Reinventing Organizations“ abgeschlossen und wir arbeiten gemeinsam an neuen Projekten. Und wir merken: Es bleibt kompliziert. Wir sind kein eingespieltes Team, kennen uns wenig und gerade für die zwischenmenschlichen Ungereimtheiten und Missverständnisse finden wir nicht immer die richtigen Worte oder genug Zeit, um sie zu klären.

Wir haben aber auch gerade erst angefangen und alte Muster zu erkennen und abzulegen, braucht Zeit und genau: Übung. Also üben wir fleißig weiter und lernen von anderen, die sinnstiftende Zusammenarbeit, wie Laloux sie beschreibt, schon länger leben.

Mein Fazit

Beziehungen jeglicher Art wollen gepflegt werden - ob sie nun freundschaftlich oder kollegial sind. Seltsamerweise ist uns das bei Freundschaften sofort klar aber die Beziehungen zu Kollegen werden viel zu oft vernachlässigt. Das fällt uns vielleicht wie Sport oder gesundes Essen nicht immer leicht aber auch den Teil des Gehirns, in dem unsere Willenskraft lokalisiert ist, können wir trainieren wie einen Muskel. Die magischen Momente kommen dann ganz von selbst.

Fehlt nur noch der Trainingsplan. Dafür empfehle ich, die Stärken der Kolleg*innen, die man selbst gerne hätte. Meine Hörbuch+-Kolleg*innen haben mir vorgelebt, was es heißt mit Humor und Selbstliebe auf eigene Fehler zu schauen, sich hörbar zu machen, weil jede Stimme zählt und mit Beharrlichkeit und durch gutes Zuhören, zu motivieren. Das probiere ich jetzt auch!

Dieser Artikel ist in leicht veränderter Form das erste Mal in der #null von NeueNarrative.de erschienen

Literaturangaben:

Frederic Laloux „Reinventing Organizations“

Harald Welzer „Selbst Denken“

https://www.soulbottles.de/story/das-sind-wir/

http://www.jetzt.de/interview/kann-man-disziplin-trainieren

Über die Autorin: 

Emily Thomey, M.A.

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Als studierte Kunst- und Medienwissenschaftlerin und Kulturjournalistin steckt Emily seit vielen Jahren bis über beide Ohren in Pop-, Sub- und Netzkultur. In Bild und Ton untersucht sie, wie unsere digitalisierte Gesellschaft morgen aussehen kann, wenn wir uns schon heute mehr von unseren Herzen leiten lassen. Mit Enthusiasmus und viel kreativer Energie engagiert sie sich bei TheDive, im WDR und diversen Kultureinrichtungen deutschlandweit. Wenn Emily nicht mit Kamera und Mikro auf Pirsch ist, tanzt sie im Büro oder radelt über die Berge.