Ein Teil der menschlichen Hirnaktivitäten laufen bewusst ab. Das heißt, dass wir uns darüber im Klaren sind und unser Verhalten dementsprechend abändern können. Den viel größeren Teil unserer Hirnaktivität bekommen wir allerdings nicht mit – er findet von uns unbemerkt statt. Mit Hilfe von Elektroden und einem EEG können einige dieser Energieströme in Echtzeit dargstellt und interpretiert werden. Spiegelt man nun Patienten*innen diese Strömungen, können sie, an der Seite von Therapeuten*innen oder Spezialisten*innen, Fehlregulierungen erkennen und durch ein Training ihr Verhalten verändern. Diese – Neuro- oder EEG-Feedback genannte – Methode kann Menschen dabei helfen depressive Gedankenmuster zu erkennen, herauszufinden, was einen unterbewusst hemmt oder welche Faktoren die Leistung ausbremsen.

Die Brüder Philipp und Tobias Heiler – der eine ein approbierter Arzt, der andere Sport- & Wirtschaftswissenschaftler – haben 2015 brainboost gegründet. Die Firma bietet unterschiedlichen Kundengruppen Training mittels Neurofeedback an.


Tobias Heiler mit Patient beim Neurofeedback.

Unterstützung fanden die beiden brainboost Gründer beim Red Bull Amaphiko „Connect the Alps” in Tirol. Red Bull Amaphiko ist ein weltweites Programm und eine Online-Community, die Social Entrepreneurs unterstützt und feiert; also Menschen, die ihr Talent, ihre Kreativität und Energie dazu nutzen, in ihrer Community einen positiven Wandel herbeizuführen und ein breites Publikum dazu zu animieren, es ihnen gleichzutun. Bei Red Bull Amaphiko Connect the Alps konnten sich Social Entrepreneurs aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bewerben. Wir haben die Gelegenheit genutzt und den beiden Brüdern ein paar Fragen gestellt:

Wie seid ihr auf das Thema Neuro- bzw. Biofeedback gekommen? Was hat euch daran genau fasziniert?

Unser Gehirn ist ein so faszinierendes und spannendes Organ, dem wir viel zu wenig Beachtung schenken. Unser ganzes Leben hängt im Grunde davon ab, ob unser Gehirn richtig funktioniert. Wir müssen uns konzentrieren, wir wollen nach getaner Arbeit entspannen, nachts gut schlafen und ein glückliches Leben führen. Doch dass dies alles von unserem Gehirn abhängt, vernachlässigen wir zu oft. Als wir von einer technologischen Möglichkeit gehört haben, mit der Gehirnaktivität gemessen und auch trainiert werden kann, mussten wir uns das auf jeden Fall genauer anschauen.

Das spannende am Gehirn ist, dass wir es tatsächlich wie einen Muskel trainieren können. Wenn wir jeden Tag unseres Lebens mit Stress verbringen, dann bringen wir unserem Gehirn dieses Stress-Modus bei und nehmen ihm die Fähigkeit, zu entspannen. Wenn wir unser Gehirn aber trainieren flexibel zu sein, also auf verschiedene Anforderungen angemessen und ressourcenoptimiert zu reagieren, dann erhalten wir uns mentale Fitness und Gesundheit.

Das spannende am Neurofeedback sind die breit gefächerten Möglichkeiten. Jeder Trainierende erhält einen ganz individuellen Zugang zu seinem Gehirn. Durch die EEG-Aufzeichnung (ElektroEnzephaloGramm) werden die Abläufe in unserem Gehirn und seine Arbeitsweise sichtbar. Die Rückmeldung findet auf leicht verständliche Weise statt. Zum Beispiel schwebt ein Mönch auf dem Bildschirm, wenn das Gehirn entspannt ist. Es könnte aber ebenso ein Carrera Auto losfahren, oder meine Lieblingsmusik wird aufgedreht. Das Gehirn lernt während dem Neurofeedback ganz unbewusst und verändert langfristig seine Arbeitsweise. 

Mit welchen Problemen kommen Patient*innen zu euch? Was ist eure häufigste Störung, die es zu kurieren gilt?

Zu uns in die Praxis kommen Patienten va. mit ADHS/ADS, Depression, Stress, und Schlafstörungen. Wir sprechen aber nie davon, dass wir eine Störung heilen oder kurieren wollen. Oftmals ist das Gehirn einfach ein bisschen aus dem Gleichgewicht geraten und kann auf verschiedene Situationen nicht adäquat reagieren. Wir zeigen dem Gehirn eine andere ökonomische Arbeitsweise. Die Patienten schulen dabei ihre Selbstwahrnehmung und lernen, wie sie sich und ihr Gehirn bei verschiedenen Ansprüchen unterstützen können. Spannend ist aber auch die Betreuung von Personen, die keine Patienten sind. Hier sind wir sowohl präventiv als auch im Spitzenleistungs-Training tätig. Jeder Mensch kann und sollte im gesunden Zustand etwas für sich und sein Wohlbefinden machen, um keine Probleme aufkommen zu lassen oder bereits Ressourcen aufzubauen, um zukünftige negative Situationen besser durchstehen zu können.


Neurofeedback kann auch durch VR-Brillen unterstützt werden.

Wie lange müssen die Patient*innen trainieren, bis sie einen Teil ihres Gehirns nach Belieben kontrollieren können? 

Das ist tatsächlich ganz unterschiedlich. Menschen, die sich bereits viel mit Meditation, Achtsamkeitstraining und mit sich selbst beschäftigt haben, “verstehen” das Neurofeedback oftmals schneller. Ihnen fällt es durch das Training leicht, ihr Gehirn in verschieden Zustände zu versetzen und sie wissen bereits wie sich verschiedene Zustände anfühlen.

Andere brauchen ein paar mehr Termine, um die gewünschte Veränderung zu bemerken und bewusst darauf zugreifen zu können. 

Beim klassischen Konzentrationstraining haben wir die Erfahrung gemacht, dass man zwischen 15 und 25 Terminen benötigt, um nachhaltige und langanhaltende Verbesserungen zu erzielen.

Viele unserer Klienten haben das Neurofeedback aber bereits als festes Training in ihr Leben integriert und kommen regelmäßig seit über 2 Jahren zu uns. 

Halten die Effekte dauerhaft an, oder muss man nach einiger Zeit „nachjustieren“?

Da wir keine Medikamente geben, existiert bei uns kein Effekt, der einfach weg ist, wenn der Input entfällt. Wir nehmen aber auch keine “Umprogrammierung” des Gehirns vor, bei dem man nachjustieren muss. Durch das Training hat das Gehirn eine ökonomische Arbeitsweise erlernt, die beibehalten wird. Im besten Fall bewirken wir zudem eine Veränderung im Leben und vor allem in der Selbstwirksamkeit der Trainierenden.

Wie sieht die Zukunft von brainboost aus?

Unsere Vision ist es, die mentale Fitness auf das gleiche Niveau wie körperliche Fitness zu bringen. Jeder Mensch weiß, wie wichtig es ist, Sport zu treiben und sich körperlich fit und gesund zu halten. Mentale Fitness und Trainingsmethoden hierzu stehen oft noch im Hintergrund oder sind mit Vorurteilen beladen. Diese Vorurteile möchten wir gerne entkräften und in der Gesellschaft einen vergleichbaren Stellenwert wie körperlicher Fitness etablieren.

Wir arbeiten daran, dass alle Menschen einen Zugang zu mentalen Trainingsmethoden in Fitnessstudios erhalten können, dass in Unternehmen die mentale Gesundheit einen essentiellen Stellenwert erhält und dass die bestehenden Stigmata keine Bedeutung mehr haben.

Mehr Informationen Red Bull Amaphiko „Connect the Alps” gibt es HIER und über brainboost gibt es HIER.