Header: Die Gründerinnen Welella Negussie und Anna Papadopoulos © Aris Fotografie/ Welana 

Ein Größteil der Gründer*innen in Deutschland ist männlich – und zwar 64%. Daran muss sich was ändern! Doch die Hürden für weibliche Gründerinnen sind leider immer noch vorhanden. Von diskriminierender Bewertung ihres Verhaltens bei Investitionsrunden bis hin zu rechtlichen Lücken, was die Vereinbarkeit von Geschäftsführung und Mutterschutz angeht – die Liste an Herausforderungen, die nur Frauen betreffen, ist lang. Doch zum Glück gibt es immer mehr mutige Frauen, die sich – allen Widrigkeiten zum Trotz – dem Gründungsprozess stellen und erfolgreiche Unternehmen aufbauen.

Zwei Frauen, die es erfolgreich geschafft haben, ein soziales Unternehmen zu gründen, sind Anna Papadopoulos und Welella Negussie. 2015 gründeten sie gemeinsam Welana – ein soziales Unternehmen, welches Textilprodukte aus Äthiopien vertreibt. Wie es dazu kam und auf welche Herausforderungen sie während ihrer Gründung stießen, haben uns die beiden im Interview erzählt.

tbd*: Hallo, Welella und Anna, wollt ihr euch und Welana kurz vorstellen?

Anna: Sehr gerne! Ich bin Anna Papadopoulos und Berlinerin mit deutsch-griechischen Wurzeln. Mein persönlicher Treiber ist es, zu zeigen, dass Wirtschaft eine Kraft für Gutes sein kann. Das lebe ich zum einen durch Welana, ein Unternehmen, das ich zusammen mit Welella 2015 gegründet habe. Welana ist ein soziales Unternehmen, das handgefertigte, qualitativ hochwertige Schals, Handtücher und Decken von talentierten Weber*innen aus Äthiopien vertreibt. Unser Ziel ist es, lokale Communitys zu stärken und die vielfältige Kultur des Landes in die Welt hinauszutragen.

Zum anderen bin ich auch Geschäftsführerin der europäischen Niederlassung von Mandalah, einer Innovationsberatung, die Organisationen aller Art dabei unterstützt, ihre Geschäftsaktivitäten menschenzentrierter und umweltbewusster zu gestalten. Zudem habe ich gerade in einem kleinen Team edusiia mitgegründet, die erste produktive Online-Community für Bildung – ein weiterer Weg, mit dem ich meine Leidenschaft für nachhaltige Geschäftsansätze verfolge. Meine drei Kinder sind für mich die lebendige und tägliche Erinnerung daran, wie wichtig es ist, unsere Gesellschaften gerechter und rücksichtsvoller gegenüber ihren Ökosystemen zu gestalten.

Welella: Hallo, ich bin Welella Negussie und bin gebürtige Berlinerin mit äthiopischen Wurzeln. Wie Anna interessiere ich mich für mehrere Themenbereiche gleichzeitig, die sich gegenseitig gut ergänzen und viele Schnittmengen haben. Dazu zählen die internationale Entwicklungszusammenarbeit, die humanitäre Hilfe und Migration. Durch mehrere Auslandsaufenthalte im Zuge meines Studiums oder durch meine Beschäftigung für die Vereinten Nationen konnte ich genau diesen Themen nachgehen. Nach meinem Uni-Abschluss habe ich zum Beispiel 2,5 Jahre in Äthiopien gelebt und gearbeitet. Auch außerhalb meines beruflichen Kontextes setze ich mich viel mit den Themen soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Chancengleichheit auseinander.

tbd*: Wie seid ihr dazu gekommen, euer eigenes Unternehmen zu gründen? Wie sahen eure beruflichen Wege bis zu diesem Zeitpunkt aus?

Anna: Wir sind zwei enge Kindheitsfreundinnen, die in Berlin aufgewachsen und durch Welellas Familie eng mit der äthiopischen Kultur verbunden sind. Wir sprachen zum ersten Mal darüber, ein Unternehmen mit Bezug zu Äthiopien zu gründen, als wir gemeinsam einen Ausflug zum Wenchi-Kratersee machten, der 155 km außerhalb von Addis Abeba, Äthiopiens Hauptstadt, liegt. Wir waren überwältigt von der Schönheit des Landes, seinen Menschen und fasziniert von dem großen Potenzial. Unsere Begeisterung und Liebe zu Äthiopien wurde durch unsere Reise nur noch verstärkt.

Dort haben wir beschlossen, dass wir dazu beitragen möchten, dass möglichst viele Menschen von der Vielseitigkeit dieses beeindruckenden Landes erfahren. Nachdem Welella 2015 von Äthiopien zurück nach Berlin gezogen war, haben wir uns konkreter mit der Gründungsidee beschäftigt und beschlossen, Welana als Sozialunternehmen zu gründen. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits in Vollzeit bei Mandalah tätig und habe mich viel dem Thema Social Entrepreneurship und ganzheitlichem Wirtschaften beschäftigt. Welella hatte bis dahin bereits Berufserfahrung bei verschiedenen internationalen Organisationen und NGOs gesammelt.



Verschiedene Produkte von Welana © Aris Fotografie/ Welana

tbd*: Welche Tipps könnt ihr Menschen geben, die mit dem Gedanken spielen, sich selbstständig zu machen/ zu gründen?

Welella: Wir haben das Glück, oft in den Austausch mit Gleichgesinnten und jungen Unternehmer*innen zu kommen. Der Enthusiasmus von Menschen, die etwas anders machen und bewirken wollen, begeistert und motiviert uns immer wieder aufs Neue.

Wir haben festgestellt, dass uns die frühzeitige Definition und Festlegung unserer Grundwerte und unserer Vision auf vielen Ebenen geholfen hat. Sie führten zu der Auswahl der richtigen lokalen Partner*innen, die unsere Werte teilen, und sie dienen uns als Stütze in der Art und Weise, wie wir untereinander und mit unseren Partner*innen und Kund*innen auf der ganzen Welt kommunizieren und arbeiten.

Anna: Ebenfalls glauben wir, dass gutes Mentoring besonders in der Anfangsphase der Gründung eine zentrale Rolle spielen kann. Wir haben großartige Unterstützung von Menschen in unserem Berufsleben erhalten, die uns dabei halfen, Umstände kritisch zu hinterfragen, uns selbst und unsere Bedürfnisse besser kennenzulernen und ein gutes Fundament für Entscheidungsfindung zu bauen. Der Kern von Mentoring ist Reflektion und die kann über unterschiedliche Wege funktionieren: natürlich durch direkte Gespräche und die passenden Fragestellungen einer anderen Person, aber auch in selbst angeleiteter Form, zum Beispiel inspiriert durch Bücher, Konferenzen oder YouTube-Videos.

tbd*: Gab es auch Herausforderungen auf eurem Weg?

Anna: Ja, definitiv. Besonders in der Anfangsphase sind wir auf einige Herausforderungen gestoßen. Wir hatten beide vorher noch nie ein physisches Produkt auf den Markt gebracht und mussten uns in all das erst einmal einarbeiten – von der Preisentwicklung, über die Gestaltung eines Onlineshops bis hin zur Pflege der Beziehungen zu unseren lokalen Partner*innen. Außerdem erfordert die Bekanntmachung eines kleinen Labels viel Geduld und Einfallsreichtum. Da wir nur begrenzte Ressourcen für unser Marketing haben, freuen wir uns sehr über die Unterstützung unserer großartigen Welana-Botschafter*innen (Freund*innen, Familie und Kund*innen), die unser Label und unsere Vision in die Welt hinaustragen.

Welella: Auch die Zusammenarbeit zwischen Akteur*innen in Deutschland und Äthiopien kann ihre Herausforderungen mit sich bringen. Die Geschwindigkeit von Prozessen und der Zugang zu digitalen Kommunikationsmöglichkeiten sind nicht immer ähnlich, was ein gegenseitiges Herantasten, stetiges Abgleichen von Bedürfnissen und transparentes Kommunizieren erfordert. Aber genau diese Themen machen die Zusammenarbeit auch so spannend und bereichern uns persönlich.

tbd*: Wenn ihr an Welana in 10 Jahren denkt – wo sehr ihr euch idealerweise?

Welella: Wir möchten mit Welana den Anbau von organischer Baumwolle in Äthiopien vorantreiben und die Communitys, mit denen wir eng zusammenarbeiten, langfristig stärken. Außerdem erhoffen wir uns, auch durch zukünftige Kollaborationen mit gleichgesinnten Unternehmen einen Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen Umdenken in Richtung nachhaltigem, bewusstem Konsum leisten zu können. Unser Produktangebot möchten wir über die Schals, Tücher und Decken hinaus erweitern und noch mehr nachhaltige Textilprodukte anbieten – zum Beispiel mit Fokus auf Eltern und ihre Kinder.

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