Header: William Farlow via Unsplash.

to belonging* ist unser nächster Schritt, um das Thema Anti-Diskriminierung neu zu denken und zu handeln. Weg vom Diskurs der Sichtbarkeit von Diversity und Inklusion hin zu einer authentischen und gelebten Zugehörigkeit aller marginalisierten Gruppen. Dies soll zu einem radikalen systemischen Wandel führen im Impact Sektor, von “Macht über” und “Macht für” hin zu “Macht mit”.  Diese Serie wird ermöglicht durch die Open Society Foundations.

«… Personal power really begins with care of the self.»
bell hooks

Die ständige Konfrontation mit Rassismus erfordert Schwarze, Indigene und People of Color enorm viel psychische und körperliche Energie. Energie und Zeit, die für Familie, Schule, Studium, Sport, Arbeit, Freundschaft, gesellschaftliches Engagement, Kreativität usw. fehlt, schrieb die Psychotherapeutin Amma Yeboah (2017). bell hooks schrieb, dass die weiße Vorherrschaft, Rassismus, Sexismus und das kapitalistische Wirtschaftssystem uns BiPoC kollektiv zu einer untergeordneten Position verdammen (1994: 4). Die dabei erlittenen Wunden werden nicht nur materiell und ökonomisch sichtbar, sondern verletzen auch unser Herz, unseren Kopf, Körper und Geist (ebd.). Auch May Ayim bezeichnete den Rassismus als „Stressfaktor“ (1997), der frustriert und das Vorhandensein der Schwarzen Communities in Europa negiert. Rassismus hat die Absicht Menschen unterzuordnen, Weltregionen und Arbeitskraft auszubeuten. Rassismus hat nie die Absicht, dass es uns gut gehen soll. Rassismus hat die bewusste und unbewusste Absicht und auf direktem oder indirektem Weg die Wirkung zu töten (Yeboah 2017). Ngibia Kessé (2018: 232) schreibt, dass Rassismus auf die Zerstörung des Selbstwertes zielt (In ihrem Aufsatz beschreibt Ngibia Kessé (2018) wie Rassismus zum Seelenmord und zum Selbstmord führen können und analysiert dabei den Selbstmord von May Ayim).

Auch die ständige Konfrontation mit weißer Normativität wird in der Seele als schmerzliche Erfahrung und Trauma gespeichert (Ngibia Kessé 2018: 233). bell hooks schreibt, dass Wellness (Wohlbefinden/ Wohlergehen) ein Privileg weißer Menschen sei, denn historisch gesehen stand Wellness Schwarzen Menschen nicht zu (1994: 17). 'We were never meant to survive' schrieb Audre Lorde im Gedicht Litany for Survival. Gerade deswegen sollten wir uns für Wellness entscheiden. Deswegen ist Wellness politisch, weil es ein Privileg ist, das uns nie zugestanden wurde. Doch diese Erkenntnisse hatte ich nicht immer, sie kam mir erst in den letzten drei Jahren.

2017 war ich im Rahmen meiner hauptberuflichen Arbeit auf einer Konferenz in Berlin zum Thema Rassismusprävention im Schulkontext. Eine Konferenz mit wunderbaren Referent*innen wie Mohamed Amjahid. Dieser las aus seinem Buch „Unter Weißen: Was es heißt, privilegiert zu sein“ und schien sehr gut beim Publikum anzukommen, so dass ich geglaubt habe, das Publikum interessiere sich für die Reflexion von Weißsein und die damit verbundenen Privilegien. Aber als es am folgenden Tag im Rahmen eines Bar Camps die Möglichkeit gab einen Workshop zum Thema Critical Whiteness (Kritisches Weißsein) durchzuführen, war ich sehr überrascht, dass fast niemand dafür Interesse hatte. Es begann vielmehr die Diskussion, warum das überhaupt notwendig sei. Einige weiße Teilnehmende sagten so etwas wie „ICH brauche doch kein Critical Whiteness, ich brauche nach so einem anstrengenden Tag doch eher Critical WELLNESS“. Ich war sehr enttäuscht, denn ich schätzte die „antirassistisch“ positionierten weißen Teilnehmenden etwas anders ein, aber eigentlich weiß ich es doch besser. Es ist sehr schwierig und anstrengend sich „an die eigene Nase zu fassen“ und die eigenen Privilegien kritisch zu reflektieren. Doch das Begriffspaar Critical Wellness hallte wie ein Echo in meinem Kopf nach. Ich begann mit dem Gedanken zu spielen, dass Critical Wellness ein wichtiger Prozess für Menschen mit Rassismus- und anderen Diskriminierungserfahrungen sein könnte so wie Critical Whiteness ein wichtiger Prozess für weiße Menschen ist.

Irgendwo hatte ich das Zitat von bell hooks gelesen „For black women ‚choosing wellness‘ is an act of political resistance” und ich begann zu recherchieren was hinter dem Zitat stecken könnte. Parallel dazu war ich als Mitarbeiterin für Antidiskriminierungsarbeit öfters auf Tagungen und Seminaren unterwegs und versuchte mich auch privat so viel wie möglich im Bereich der Rassismusprävention und Demokratieerziehung fortzubilden. Es fiel mir sehr stark auf, dass das meiste an deutschsprachiger Literatur und die Mehrzahl an Seminarangeboten in diesem Bereich sich an weiße Menschen richtete. Hier und da gab es auch Empowerment-Workshops und das eine oder andere empowernde Buch wurde verlegt, z.B. "Empowerment als Erziehungsaufgabe" von Dr. Nkechi Madubuko (Versteht mich nicht falsch, populäre Bücher wie ‚exit RACISM‘ (Ogette 2017), und ‚ Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten‘ (Hasters 2019) sind sehr wichtig, aber sie richten sich primär an weiße Menschen. Die Auseinandersetzung mit Rassismus ist zwar wichtig für BIPoC und ihren Selbstheilungsprozess, dennoch noch nicht der Schlüssel zu Self-recovery und Wellness). Doch hier fand ich noch nicht den Schlüssel zur Frage was denn politisch und widerständig an Wellness sei. Nachdem ich Zweimal das Buch „Sisters of the Yam – Black Women and Self-recovery” von bell hooks (1994) durchgearbeitet hatte, verstand ich aber endlich was sie mit dem „…‚choosing wellness‘ is an act of political resistance“ gemeint hatte. Ich verstand, dass Wellness, tatsächlich ermächtigend ist und eine radikale Form des politischen Widerstands. Denn es geht darum an sich selbst zu arbeiten, sich selbst von den Wunden des Rassismus und der Diskriminierung zu heilen und dabei ehrlich zu sich selbst zu sein. Nur wer an sich selbst arbeitet ist für den politischen Widerstand und den sozialen Wandel innerlich gewappnet. Als ich diesen Satz in einem meiner Workshops sagte, erwiderte eine Teilnehmerin, dass das „ja sehr individualistisch sei und sie nicht mitgehe“. Doch ein anderer Teilnehmer ergänzte ganz richtig „UBUNTU: ich bin, weil wir sind“. Wenn ich mich mit meinen internalisierten Unterdrückungsformen auseinandersetze, geht es mir besser und somit auch der Gesellschaft. Wenn die Gesellschaft sich kritisch mit Diskriminierung auseinandersetzt, geht es mir ebenfalls besser. Doch die Veränderung sollte bei jeder einzelnen Person beginnen. Wellness ist in diesem Kontext ein gleichermaßen schmerzvoller wie notwendiger Prozess.

Lest im Artikel kommende Woche, wie der Beginn des Weges aussehen kann und was CRITICAL WELLNESS konkret bedeutet!

Über Mariela


Mariela beim Training © Mariela Georg

Mariela Georg hat Psychologie B.Sc. und Human Resources M.A. studiert. Sie lebt seit 2007 (wieder) in Deutschland und arbeitet seit 2010 ehrenamtlich, seit 2014 hauptberuflich in der Antidiskriminierungsarbeit. Sie ist außerdem ausgebildete Mediatorin, Stresscoach und Fitness-Trainerin und hat Ende 2019 www.empower-mental.de gegründet. Mit ihren Workshops möchte Mariela BiPoC darin unterstützen, einerseits eine macht- und diskriminierungskritische Haltung einzunehmen und andererseits befähigt zu sein auf die eigene körperliche und psychische Gesundheit zu achten, #criticalwellness eben. Ihr Traum ist es, bundesweite Critical Wellness Konferenzen und Retreats durchzuführen. Wichtiger findet sie es jedoch, dass die Gesundheitspflege auf die Bedarfe AUCH  von BIPoC zugeschnitten, institutionalisiert und strukturell verankert wird.

Instagram: @empower.mental.de 

Webseite: www.empower-mental.de

E-Mail: mariela.georg@empower-mental.de 

Nächster Online-Workshop im September: „Mentales Training – Dein Weg zu mehr Gelassenheit im Alltag“. Mehr Infos hier!

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