Diese App rettet Leben

Ersthilfe in einem medizinischen Notfall kommt leider häufig zu spät oder sogar gar nicht. Jetzt gibt es Mobile Retter.

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von Sascha Koch, March 16, 2017
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ursprünglich erschienen: 16.03.2016

Anfang des Jahres suchte Google mit der Impact Challenge endlich auch in Deutschland nach Ideen, die die Welt verändern. Gemeinnützige Projekte konnten zwischen 1.000 und 500.000 EUR gewinnen. Wir sprachen mit dem Leuchtturmprojekt 'Mobile Retter', die den Hauptgewinn absahnten und vielleicht in Zukunft auch Dein Leben retten könnten. 

Welches gesellschaftliche Problem möchtet Ihr mit Mobile Retter lösen und wie? 

In Deutschland erleiden pro Jahr etwa 75.000 Personen einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb einer Klinik. In nur rund 27% der Fälle leitet ein zufällig anwesender Ersthelfer frühzeitig die überlebenswichtige Herz-Lungen-Wiederbelebung ein. Dabei ist eine schnelle Reanimation essentiell, denn nach 2-3 Minuten treten bereits erste irreparable Schäden am Hirn des Patienten ein. Der Rettungsdienst braucht allerdings in Deutschland im Schnitt 8 bis 12 Minuten. Das hat zur Folge, dass nur ca. 5.000 Personen ein solches Szenario ohne größere gesundheitliche Einschränkungen überleben. In anderen europäischen Ländern ist die Hilfsbereitschaft hingegen häufig viel höher. Dort werden zum Teil Reanimationsquoten von 70% erreicht. Durch unser System „Mobile Retter“ versuchen wir, die Reanimationsquoten auch in Deutschland auf ein akzeptables Niveau zu heben, in dem wir Ersthelfer in der Nähe von Notfällen, wie z.B. dem Herz-Kreislaufstillstand, über ihr Smartphone orten und sie parallel zum Rettungsdienst zum Patienten lotsen. Vor Ort leitet der Mobile Retter die überlebenswichtige Reanimation ein und führt diese bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes fort. Die Anwesenheit eines qualifizierten Ersthelfers wird dadurch nicht mehr dem Zufall überlassen.

Viele Tech Lösungen scheitern genau am IT Support. Wie habt Ihr angefangen - hattet ihr Seed Finanzierung oder EntwicklerInnen von Anfang an im Team?

Unser großer Vorteil war von Beginn an, dass Erfinder und Notarzt Dr. Ralf Stroop gleichzeitig auch Ingenieur für Elektro- und Informationstechnik ist. Wir hatten also von Beginn an Expertenwissen im Bereich IT in unseren Reihen. Das hat es uns sicherlich gerade am Anfang etwas leichter gemacht, hilft uns aber auch heute noch.

Wie könnt Ihr sicherstellen, dass Eure Ersthelfer auch tatsächlich Experten sind?

Alle unsere Ersthelfer besitzen eine medizinische Qualifikation aufgrund ihres Berufes oder ihrer ehrenamtlichen Tätigkeiten (z. B. Ärzte, Feuerwehrmänner und -frauen, Krankenschwestern, Krankenpfleger, Sanitäter in Hilfsorganisationen, Rettungsschwimmer etc.). Die freiwilligen Ersthelfer können sich bei uns registrieren lassen. Bevor wir sie allerdings in unser System aufnehmen, müssen sie uns in Trainings noch einmal beweisen, dass sie die Herz-Lungen-Wiederbelebung einwandfrei beherrschen. Diese Trainings werden außerdem regelmäßig wiederholt. Dadurch stellen wir sicher, dass unsere Ersthelfer vor Ort professionell helfen können.

Wie habt Ihr es geschafft Eure App mit anderen Rettungsdiensten zu verbinden?

Wer bei einem Notfall den Notruf wählt, wird automatisch mit der nächsten Rettungsleitstelle verbunden. Die Mitarbeiter der Rettungsleitstellen nehmen die Notrufe entgegen und entscheiden je nach Meldung, welche Rettungsmittel sie zu Notfällen entsenden. Das geschieht heutzutage natürlich alles über ein Computersystem. Dieses Computersystem wird um eine spezielle Rechnerkomponente ergänzt, die zusätzlich zum Rettungsdienst auch unsere Mobilen Retter alarmieren kann.

Open Data und Datenschutz sind sensible Themen - stösst Eure App auch auf Widerstand bzw. Bedenken?

Datenschutz ist ein Thema, das wir sehr ernst nehmen. Jeder Ersthelfer, der von uns über sein Smartphone geortet werden kann, gibt uns dazu vorher seine ausdrückliche Erlaubnis. Darüber hinaus werden alle Einsatzdaten, die über die App zwischen Rettungsleitstelle und einem Ersthelfer ausgetauscht werden, verschlüsselt und mit einem Passwort vor unbefugtem Zugang geschützt. Dadurch stellen wir sicher, dass keine Daten an Unbefugte gelangen können.

Was ist Euer Social Impact?

Mit jedem Tag, den wir das System betreiben, steigt auch die Anzahl der Menschen, denen wir in der Not geholfen haben. Vielen Patienten haben wir möglicherweise sogar durch unsere Hilfe das Leben gerettet. Dass Menschen nach einem Notfall wieder irgendwann gesund werden und zu ihren Liebsten zurückkehren können, spornt uns täglich auf’s Neue an!

Ihr habt die Google Impact Challenge gewonnen, wie geht es jetzt weiter?

Unser Ziel ist es, das System Mobile Retter flächendeckend auszuweiten. Mit den Preisgeldern werden wir weiteren Regionen finanziell unter die Arme greifen, die das System übernehmen wollen. Außerdem werden wir das Geld dazu verwenden, weitere Mobile Retter zu gewinnen und diese zu trainieren.

Welche Tipps würdet Ihr anderen geben, die ebenfalls Software mit Social Impact entwicklen? 

Die Möglichkeiten, das Leben mit Hilfe innovativer IT-Systeme ein stückweit lebenswerter machen, sind noch lange nicht erschöpft. Der Kreativität sind praktisch kaum Grenzen gesetzt. Insbesondere im Bereich eHealth stecken zukünftig noch Potentiale mit bisher ungeahntem Ausmaß. Eine Grundvoraussetzung ist dafür allerdings, dass wir diesen Trends offen gegenüberstehen und sie als Chance sehen. Innovative IT-Lösungen ermöglichen, dass diese Chancen transparenter werden. Man muss nur den Mut haben, die Ideen konsequent umzusetzen.