Achtsamkeit und Wellbeing sind heute Themen, die uns alle beschäftigen. Denn nur wer bei sich ist, in seinem/ihrem Körper angekommen ist, fühlt sich produktiv und zufrieden. Doch wie muss es den Menschen gehen, die alles hinter sich lassen mussten, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nun in einem fremden Land ankommen sollen? Bettina Maria Schuler, Gründerin von citizens2be, möchte genau diesen Menschen dabei helfen wieder in ihrem Körper anzukommen, auf ihn zu hören und somit hoffentlich den Grundstein dafür zu legen auch seelisch anzukommen. Wie sie das tut, erzählt sie uns im Interview. 

Erzähl uns ein bisschen von citizen2be, was hat es damit auf sich, und wie ist die Idee entstanden?

citizen2be ist eine gemeinnützige Organisation, deren Ziel es ist, Menschen, die aufgrund ihres Geschlechtes, ihrer Religion, ihrer Sexualität oder aufgrund von Armut und Krieg nach Deutschland geflohen sind, bei der Integration zu helfen. Dabei ist es mir wichtig, die Menschen nicht als Geflüchtete, sondern als zukünftige Bürger, citizen to be, zu sehen, denen wir bei ihren Startschwierigkeiten helfen. Denn alle Geflüchteten, die ich bisher gesprochen habe, haben etwas gemeinsam: Sie wollen so schnell wie möglich arbeiten und auf eigenen Füßen stehen. Denn fast allen ist es unglaublich unangenehm, dass sie anfänglich auf die finanzielle Unterstützung des Staates angewiesen sind. Was man ja auch sehr gut verstehen kann, zumal viele, wie die Geflüchteten aus Syrien aus der Mittelschicht stammen und bevor sie auf Grund des Krieges hierher geflohen sind, ein Leben wie wir geführt haben und sich hier, zur Untätigkeit verdammt, sehr unwohl fühlen. Denn es ist ja nicht so, dass sie nicht arbeiten wollen. Aber sie können es schlicht und ergreifend noch nicht. Sei es aufgrund von sprachlichen oder bürokratischen Barrieren. So bin ich auch auf die Idee mit dem Raum gekommen, den wir dank unserer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne nun bald anmieten können und wo ich nicht nur eine Yoga-Trauma-Therapie aufbauen möchte, sondern den Geflüchteten auch die Chance geben möchte, durch Kurse, Seminare, Ausstellungen zu zeigen, welche Bereicherung ihre Fähigkeiten für unsere Gesellschaft sein können.

Was war der Punkt an dem Du realisiert hast, dass Du Dich engagieren möchtest? Warum Yoga?

Wie so viele Menschen, wurde ich immer wieder mit den Bildern von geflüchteten Menschen konfrontiert, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um in Europa Zuflucht zu suchen. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich es mit mir nicht mehr vereinbaren konnte einfach nur zu zu sehen und darüber zu reden wie schlimm das alles ist. Einfach weil ich als weiße Akademikerin aus einer gesunden Mittelschichtfamilie so privilegiert bin, dass ich qua meiner sozialen Zugehörigkeit dazu verpflichtet bin, den weniger Privilegierten zu helfen. Aus diesem Impuls heraus habe ich 2014 angefangen, in einem Flüchtlingsheim Yogaunterricht zu geben. Und der wachsende Rechtspopulismus innerhalb Europas lässt es mir momentan noch dringlicher erscheinen, sich in diesem Bereich zu engagieren. Denn wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich wirklich Angst vor den diesjährigen Wahlen. Weshalb ich alles daran setzen werde, um gegen die Verrohung und die voranschreitende Salonfähigkeit von rechtsradikalem Gedankengut vorzugehen. Denn es ist erschreckend zu sehen, was sich die Menschen heute, hier in Deutschland trauen öffentlich und ohne Scheu zu sagen.

Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Warum Yoga? Weil Yoga nicht nur für alle Menschen, ganz gleich, welchen Alters, Geschlechtes oder Ethnie sie angehören, für alle zugänglich ist und auch fernab von Worten sehr gut funktioniert. Und weil ich glaube, dass Menschen, die alles verloren haben, ihr Zuhause, ihre gewohnte Umgebung, denen also quasi der Boden unter den Füßen weg gezogen wurde, sich zumindest in ihrem eigenen  Körper wieder zu Hause fühlen sollten. Denn nur wer bei sich selbst angekommen ist, der kann auch in einer fremden Gesellschaft wirklich ankommen.

Was war die größte Herausforderung dabei mit geflüchteten Menschen zusammen zu arbeiten und wie hast Du diese überkommen?

Zu Anfang habe ich mir die Schicksale des Einzelnen sehr zu Herzen genommen und auch, wenn ich natürlich immer noch mit den Menschen mitempfinde so habe ich es doch geschafft, diese zum Teil wirklich tragischen Geschichten nicht mehr mit nach Hause zu nehmen. Ansonsten könnte ich das auch nicht weitermachen. Zudem musste ich lernen mich abzugrenzen, sprich, nicht alle Einladungen und Hilfsgesuche anzunehmen und mich zu bestimmten Zeiten nur auf mich und meine Familie zu konzentrieren.

Was würdest Du anderen raten, die ebenfalls darüber nachdenken sich zu engagieren?

Ich denke, es ist immer wichtig sich genau zu überlegen, womit und in welchem Rahmen man helfen kann. Denn viele nehmen sich zu Anfang viel zu viel vor und werfen dann nach einer Weile alles hin, weil die ehrenamtliche Arbeit ihre Kapazitäten sprengt. Deshalb sollte man lieber klein anfangen und erst nach und nach, wenn man es kann und möchte, seinen Einsatz steigern. Denn Menschen, die alles verloren haben und auf Grund von Fluchterfahrungen und Krieg traumatisiert sind brauchen nichts mehr als Zuverlässigkeit. Deshalb sollte man einen Kurs, eine Patenschaft, was auch immer nur dann annehmen, wenn man sicher ist, dass man es auch konsequent weiterverfolgt.

Der Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Startnext verfasst.

startnext_logo_2014_original_schwarz