ursprünglich erschienen: 29.09.2015

In unserer Interviewserie sprachen wir mit Oliver Beckmann, einer der Macher der Social Entrepreneurship Akademie. Im Interview erzählt uns Oliver warum die Akademie ausgerechnet in München gestartet wurde, was den Sektor in der Bayrischen Hauptstadt so spannend macht und warum Du Dir ein Leben als Social Entrepreneur ganz genau überlegen solltest.

Lieber Oliver, erzähl uns ein bisschen von der Social Entrepreneurship Akademie. Was macht Ihr?

Wir bilden Social Entrepreneure aus! Als Netzwerk-Organisation der vier Münchner Hochschulen tun wir dies in ganz unterschiedlichen Formaten. Im Prinzip geht es uns immer um die Qualifizierung von Menschen, daher lautet unser Leitmotiv auch „Education for Societal Change“.

Generell sind wir überzeugt, dass gerade in Disziplinen wie Maschinenbau, Produktdesign, Kommunikationswissenschaft, Stadtplanung oder Sozialwissenschaften das Potential für gesellschaftliche Innovation immens ist, aber noch oft brach liegt. Hier setzen wir an und legen daher in all unseren Programmen großen Wert auf Interdisziplinarität.

Herzstück unserer Aktivitäten stellt dabei das Zertifikatsprogramm „Gesellschaftliche Innovationen“ (ZGI) dar, das 12 bis 18 Monate dauert und die Entwicklung & Umsetzung einer eigenen Social Entrepreneurship oder Intrapreneurship Idee zum Ziel hat. Wir öffnen die breite Expertise der Universitäten und verzahnen diese im ZGI mit wirklich „hands-on“ Gründungserfahrungen. Unsere Studierende und Young Professionals lernen das notwendige Know-How hierfür und wenden es dann direkt an. Dabei schubsen wir sie aus ihrer Komfortzone. Wer bspw. eine Flüchtlingsidee entwickeln will, soll zunächst die Realität kennenlernen und in eine Flüchtlingsunterkunft gehen, um die dort existierenden Bedürfnisse und Problem genau zu verstehen. Erst dann kann man eine Idee zu einer Lösung entwickeln. So haben wir in den letzten 5 Jahren knapp 130 Teilnehmer mit über 25 Social Startup Ideen ausgebildet. Im Sommer suchen wir stets für den nächsten Jahrgang mutige Querdenker, die sich noch bis zum 31. August bewerben können.

Natürlich möchten wir möglichst viele Menschen überhaupt mit dem Gedanken Social Entrepreneurship in Berührung bringen. Hierfür haben wir bspw. ein zweitägiges Intensivprogram für Einsteiger (Zertifikatsprogramm Gesellschaftliche Innovationen:kompakt – ZGI:kompakt) entwickelt, in dem komprimiert in die Welt von Social Entrepreneurship eingeführt wird und spielerisch erste Social Startup Ideen entwickelt werden. Mit der KfW-Stiftung als Partner werden wir das ZGI:kompakt in den nächsten 5 Jahren an 48 Hochschulen deutschland- und europaweit umgesetzt haben, vor allem an Hochschulen, an denen es noch gar keine Social Entrepreneurship Bildungsformate gibt. Und gerade in den europäischen Krisenländern ist die Nachfrage nach solchen Social Entrepreneurship Ausbildungsformaten hoch. Zwar sind einige der großen Player bereits in diesen Ländern tätig, um bestehende Best Practise Beispiele zu promoten, aber die langfristige Lösung zur Überwindung der Krise liegt aus unserer Sicht ganz klar darin, die künftigen Generationen in der Ausbildung und Lehre mit innovativen Programmen zu erreichen und sie zu qualifizieren, sich selbst eine bessere (wirtschaftliche) Zukunft zu eröffnen. Und hier sind die Universitäten unsere Adressaten, die bislang eher Management als eigenverantwortliches (Social) Entrepreneurship lehren.

Viele unserer Angebote und Aktivitäten gehören in den Bereich Gründungsförderung und zielen darauf ab, (angehende) Social Entrepreneurs auf ihrem Weg zu begleiten. Seit 2010 haben wir mehr als 70 Projekte und Unternehmen erfolgreich in ganz unterschiedlichen Reifegraden gefördert. Hierzu gehören so unterschiedliche Startups wie bspw.  App Camps, die sozial benachteiligten Jugendlichen Coding beibringen. Oder nearBees, die lokale Hobbyimker und Honigliebhaber auf einer gemeinsamen Plattform zusammenbringen. Rucksackspende.de, die ihre Vision einer verbesserten medizinischen Versorgung in Entwicklungsregionen mittels eines Rucksacks verwirklichen. Bis hin zu Hotel Utopia, einem Modellprojekt, das geflüchteten Menschen Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten bieten und dadurch wesentlich zu ihrer nachhaltigen Inklusion beitragen soll. Alles sehr kreative, querdenkende junge Gründer, die die Welt ein Stück besser machen wollen.  Ihnen stellen wir mit unserer Gründungsberatung notwendige unbequeme Fragen beim Roll-out, begleiten sie in allen Skalierungsschritten und öffnen ihnen ein sehr wirkungsvolles Unterstützernetzwerk, in dessen Mitte wir uns bewegen.

Wir sind in der glücklichen Situation, mit den führenden Akteuren im weiten Bereich „Social Innovation“ eng zusammen arbeiten zu dürfen und können ihr Know-How nutzen oder hochkarätige Experten in die Programme einbauen. Zu unseren Förderern und Partner gehört dabei ein starkes Who-is-Who der deutschen Stiftungslandschaft ebenso wie sehr innovative Partner auf Corporate Seite.  Diese Verbindung aus Unterstützung von fortschritts- und wirkungsorientierten Partnern mit exzellenter Spitzenforschung ermöglicht es unseren Fellows, kreative Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit zu entwickeln. Und das macht wirklich Spaß.

Daneben organisieren wir jährlich zusammen mit den vier Münchner Hochschulen und unseren Trägern, deren Entrepreneurship Centern – LMU Entrepreneurship Center, unternehmerTUM, Strascheg Center for Entrepreneurship & CeTIM – recht erfolgreich die seit 2008 stattfindende Global Entrepreneurship Summer School. Hier kommen 35 Top-Studierende aus der ganzen Welt für 10 Tage in München zusammen, um Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit zu entwickeln.

Was war die Motivation dahinter in München eine Akademie für Social Entrepreneurship zu starten?

Die Erkenntnis, gemeinsam mehr bewegen zu können als alleine. 2007 saßen die Direktoren der vier Münchner Hochschul-Gründerzentren zusammen und haben überlegt, wie sie ihre Aktivitäten zusammen bringen können. Die Geburtsstunde der seitdem jährlich stattfindenden Global Entrepreneurship Summer School. Gleichzeitig kamen in den Zentren immer mehr junge Gründer, die irgendwie anders gründen, die „the next big thing“ entwickeln wollten, aber dies eben in einer Lösung für drängende gesellschaftliche Probleme, nicht in einer x-beliebige Marktplatz-App sahen. Das Ziel dieser jungen Menschen war plötzlich nicht mehr der möglichst rasche Exit sondern eine langfristige Verbesserung unserer Welt. Auf diese Entwicklung wurde damals reagiert und überlegt, wie das erfolgreiche gemeinsame Engagement weiter institutionalisiert werden könnte. Gemeinsam mit Frau Prof. Ann-Kristin Achleitner wurde dann der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Stiftung Mercator überzeugt und die Social Entrepreneurship Akademie als Netzwerk-Organisation der 4 Münchner Hochschulen für unternehmerisches Handeln zum Wohle der Gesellschaft geschaffen. Gerade vor vier  Wochen haben wir unseren 5. Geburtstag gefeiert.

München und Berlin haben ja immer wieder ihre kleine Konkurrenzkämpfe, wie sieht es im Bereich Social Entrepreneurship aus? Was bietet München was Berlin nicht hat und andersrum?

„Substanz vs. Hype“ lautete vor einiger Zeit eine Schlagzeile in der SZ zu dem Thema. Ich finde das eigentlich kontraproduktiv. Gemeinsam sind wir stark. Klingt nicht besonders neu, aber insbesondere mit Blick von außen auf den Gründerstandort Deutschland wird es deutlich: Beide Städte mit ihren charakteristischen Merkmalen machen die hohe Attraktivität unseres Landes aus und sind Grund für das so gute Abschneiden in allen internationalen Beliebtheitsskalen. Von außen betrachtet verbinden München und Berlin zwei elementare Charakteristika zu einem wirklich modernen Gründer-Klima: Das kreative Potential und die weltläufiger Attitüde unserer Metropole Berlin und die professionelle sowie global renommierte Innovations-Kultur aus Spitzenforschung und führenden DAX-Unternehmen in München. Diese Kombination macht uns so aufregend. Darum traut uns die Welt auch so mutige wie riskante Entscheidungen wie die zur Energiewende zu und schaut mit interessierten Augen, wie wir es nun umsetzen. Man vertraut uns, den notwendigen kreativen Mut mit seriösem technologisches Know How zu verbinden und als Gesamtgesellschaft diese Herkulesaufgabe zu stemmen. Und so sollten wir - Berlin, Hamburg, die Ruhrregion, Leipzig, Frankfurt und München - gemeinsam schauen, wie wir uns im Gründungsbereich, insbesondere im Bereich Social und Sustainable Entrepreneurship noch enger austauschen und die unterschiedlichen Vorteile einzelner Regionen für wirklich tragfähige Gesellschaftliche Innovationen zusammen bringen.

Was würdest Du Leuten raten, die gerade überlegen ein Social Business zu gründen? Wovon würdest Du abraten?

Mein Rat ist: Fang an! Und zwar damit, das Problem, das Du lösen möchtest, zu verstehen. Das ist bereits elementarer Bestandteil des Gründungsprozesses. Ihr wollt Armut in Ost-Afrika bekämpfen? „Volunteert“ für sechs Wochen in einer NGO vor Ort. Wirkungsvolle und somit erfolgreiche Social Entrepreneure kennen ihre Materie genau und entwickeln dann aus diesem Wissen innovative Ideen. Ausgehend vom Problem das sie lösen wollen. Außerdem schadet ehrenamtliches Engagement heutzutage zum Glück keinem Lebenslauf mehr, im Gegenteil.

Wenn dann das Problem erkannt und durchdrungen wurde, dann können wirkungsvolle Lösungsideen entwickelt werden. Beide Phasen durchleben beispielsweise ganz intensiv die Teilnehmer unseres Zertifikatprogramms Gesellschaftliche Innovationen.

Und nun zur Gründung: Eine Gründung ist natürlich aufregend. Überlegt aber genau, was eure Motivation ist. Auf dem Web-Summit in Dublin letztes Jahr hat der Chefredakteur der New York Times gesagt: „Die neuen Rockstars sind GründerInnen. Und zwar GründerInnen, die Impact schaffen.“ Das unterschreibe ich gerne, wenn damit Social Impact gemeint ist. Aber nicht jede Garagenband füllt in 3 Jahren Stadien und nicht jeder Gründer, insbesondere in unserem Bereich, kann von seiner Idee bereits in 3 Jahren leben, geschweige denn wirklich wirkungsvoll anderen helfen. Daher soll sich jeder genau überlegen, was seine innere Motivation ist. "Erfolgreiche Social Entrepreneure bringen die gesunde Mischung aus Idealismus und Realismus mit, die es benötigt um tragfähig zu wachsen." Und um sich selber zu versorgen. Gute Beispiele sind da Frank Hoffmann (DiscoveringHands) oder die Gründer von Polarstern oder von Leonhard (Unternehmertum für Gefangene). Wer nicht sicher ist, ob er diese notwendige Mischung innehat, kann dies glücklicherweise zumindest in einigen Regionen im geschützten Rahmen herausfinden. Dafür gibt es hervorragende Inkubatoren Programme wie unserem ZGI oder den tollen Angeboten von PEP oder Social Impact.

Was macht Dich/ Euch zum Changer?

Peter Thiel hat uns mal von einem Stipendienprogramm erzählt, das er Studienabbrechern mit innovativen Gründungsideen anbietet. Er ist überzeugt, dass die kreativsten Köpfe in der Universität weniger lernen als in der Praxis. Das ist sicherlich nicht ganz abwegig, aber ganz würde ich es auch nicht unterschreiben. Unbestrittener Fakt ist, dass sich die Universitäten in ihrem Auftritt und Angeboten, sowohl in Lehre als auch in Forschung, noch mehr öffnen müssen, damit unsere Gesellschaft den großen  Herausforderungen unserer Zeit begegnen kann. Das haben die Münchner Hochschulen genau erkannt und experimentieren mit erfolgreichen innovativen Institutionen wie uns. Wir haben die notwendige operative Freiheit durch eine hybride Eigenfinanzierung und können gleichzeitig auf die breite Expertise und Infrastruktur der Hochschulen zugreifen. Dazu bringen wir Studierende und Young Professionals, Zivilgesellschaft und Spitzenforschung in interdisziplinaren Teams zusammen und befähigen sie, ihr eigenes Wissen mit sozialunternehmerischen Know How zu verknüpfen. Wir befähigen sie, mit wirkungsorientierter Haltung den erforderlichen Mut aufzubringen, in ihrem direkten Umfeld die Welt unternehmerisch (ein Stück) zu verbessern. Und wenn unseren Alumni dies dauerhaft gelingt, sei es im eigenen Startup, in der klassischen Wirtschaft oder in großen Institutionen, dann sind wir erfolgreich. Dann schaffen wir ein innovatives, optimistisches und solidarisches Klima. Dann verändern wir etwas zum Guten.

 

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Wie viel verdient man eigentlich im sozialen und nachhaltigen Sektor?
Der tbd* Gehaltsreport – Gehalt, Präferenzen und Zufriedenheit der Mitarbeiter im sozialen Sektor.
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Gehälter im nachhaltigen und sozialen Bereich - Gutes tun, Geld verdienen, Glücklich sein. Geht das?