ursprünglich erschienen: 21.01.2016

Das Kältebus-Projekt der Berliner Stadtmission ist nun mehr als zwei Dekaden auf den Berliner Straßen unterwegs, um Menschen in den kalten Jahreszeiten zur Hilfe zu eilen, die sich selbst nicht vor der Kälte schützen können. Tobias Hanßmann hat mit uns seine Erfahrungen gesprochen und erklärt uns, wie auch wir helfen können.

Zwischen November letzten Jahres und bis Ende März 2016, seid ihr wieder mit dem Kältebus der Berliner Stadtmission im Einsatz. Mögt ihr ein wenig zu euch und der Mission des Kältebusses erzählen?

Die Arbeit des Kältebusses teilt sich in zwei Hauptaufgabenbereiche auf.
Zum Einen der Transport von Obdachlosen in die entsprechenden Notunterkünfte, die direkte Hilfe vor Ort bei Notfällen, sowie dem Reagieren auf die Anrufe der Bürger Berlins.

Zum Anderen hält der Kältebus noch einen seelsorgerlichen und beratungstechnischen Auftrag inne. Nach ein paar Fahrten sind uns Orte bekannt, wo Leute ihr Lager aufschlagen, „Platte machen“. Diese Menschen wollen nicht in eine Notübernachtung, haben aber großen Bedarf an Gesprächen, Beratung zu Hilfsangeboten etc.

Der Kältebus besteht nun seit mehreren Jahren. Wie hat das Projekt seinen Anfang genommen?

Der Kältebus besteht nun seit 21 Jahren. Den Anstoß für diese Idee kam, als es einen Kältetoten nur 100 Meter vom Nachtcafé „CityStation“ entfernt gab. Wusste dieser Mensch nicht, dass Hilfe nicht weit entfernt war? Hat er es einfach nicht mehr dorthin geschafft?

Irgendwie musste also den Menschen geholfen werden, in die Einrichtungen zu kommen, wenn sie zu schwach sind oder gar nichts davon wissen.
Bis heute hat sich an diesen beiden Punkten nichts geändert.

Wie kann man sich einen Ablauf eines Kältebus-Einsatzes ungefähr vorstellen?

Wir starten um 20 Uhr mit der Vorbereitung für die Nacht. Das Auto wird mit Schlafsäcken, Kleidung, Tee und Keksen beladen und der Fahrer schaut sich die Statistik der letzten Nacht an, um zu vermeiden, dass ein Bereich vernachlässigt oder überversorgt wird.

Nach der Andacht um 20:30 Uhr geht es dann um 21 Uhr los mit der Tour. Sobald das Handy angeschaltet ist, kommen die ersten Anrufe, die der Beifahrer entgegennimmt, Gegenfragen stellt und notiert.

Anrufe kommen von Passanten, der Polizei, Krankenhäusern oder kleinen Läden, in denen ein Mensch Wärme gesucht hat.

Jede Nacht ist anders, jede Tour ist anders und jede Nacht müssen spontane Entscheidungen getroffen werden, bei denen jedes Mal die Zeit gegen die Gesundheit der Menschen spielt. So kann es sein, dass ein Anruf aus Steglitz dringender erscheint, aber sich als gut versorgt herausstellt und wir dafür zu spät nach Lichtenberg kommen. Eine gute Koordination zwischen den verschiedenen Einrichtungen und Kältebussen, sowie möglichst vielen Informationen von Seiten der Anrufer, kann solche Entscheidungen – die leider auch falsch ausfallen können- minimieren.

Die Tour endet um 3 Uhr, nach durchschnittlich 100km quer durch Berlin.

Wie sind die Reaktionen auf eure Hilfe von Betroffenen, aber auch von Außenstehenden?

Die Menschen auf der Straße nehmen unsere Hilfe größtenteils dankend an und freuen sich über die Regelmäßigkeit, mit der wir sie besuchen. Sehr selten, aber schon vorgekommen, werden wir unfreundlich abgewiesen.

Wir geben einen Menschen natürlich nicht auf, nur weil er sich unfreundlich verhält, aber wir können nichts gegen seinen Willen unternehmen. Wer bei klirrender Kälte draußen schlafen möchte, dem müssen wir seinen Willen lassen, solange es nicht offensichtlich lebensgefährlich ist. Hier bleibt uns nur übrig, den Menschen im Hinterkopf zu behalten und immer wieder zu besuchen.

Beziehungsarbeit ist das Stichwort! Auch in der Bevölkerung sind wir größtenteils gerne gesehen, auch wenn es immer wieder vorkommt, das uns ein Passant im Vorbeigehen einen knappen Spruch rüber wirft, es sei doch jeder seines eigenen Glückes Schmied…

Die Dankbarkeit und die Offenheit der Menschen, denen wir helfen konnten, ist einer der Punkte, die diese Arbeit so wertvoll machen!

Im Großen oder Kleinen: Wie kann ich in einer Notsituation helfen?

Wir, und damit auch die Menschen auf der Straße, freuen sich immer über Spenden. Egal ob Finanziell oder Materiell in Form von Schlafsäcken und Isomatten, alles wird gebraucht!

Im Kleinen ist es für uns am Hilfreichsten, wenn der Anrufer sich traut, mit dem Betroffenen zu sprechen, sodass wir möglichst viele Informationen über den Menschen haben. Oft müssen wir zwischen zwei Orten entscheiden und da ist es hilfreich, wenn wir wissen wie es gesundheitlich um einen Menschen steht, wie er ausgestattet ist und ob er überhaupt Hilfe möchte.

Auch muss die Hilfe nicht immer über uns ablaufen. Informiert euch über Hilfsangebote, sprecht mit den Leuten, kauft ihnen etwas Warmes zu trinken, …all das hilft!

Welche sind die wichtigsten Erfahrungen, die euch die Arbeit mit dem Kältebus gelehrt hat?

Kaum einer, der auf der Straße lebt, ist noch seines Glückes Schmied. Die Geschichte dahinter ist entscheidend - oft beginnt Alles mit einem Verlust, Krankheit, oder Sucht. Aus diesem Strudel kommt man nicht mehr von alleine raus und es ist naiv zu denken, hier werde Hilfe nicht gebraucht.

Wenn ich mich mit den Menschen beschäftige, dann merke ich, dass es jeder Wert ist, geliebt zu werden!

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