ursprünglich erschienen: 19.12.2015

Letzte Woche haben wir Micha Bohmeyer, Gründer von Mein Grundeinkommen, besucht. Das Geld wird per Crowdfunding gesammelt und somit kann jeden Monat ein neues Grundeinkommen von 12.000 Euro verlost werden – ohne Bedingungen. Ohne Haken. Im Interview berichtet er von den Herausforderungen des bedingungslosen Grundeinkommens, dem Konflikt zwischen Idealen und Mainstream, und verrät wie man sein ideales Team aufbauen kann. 

Warum glaubst Du an das bedingungslose Grundeinkommen?

Persönliche interessiert mich das Grundeinkommen, weil ich eine starke Sehnsucht nach einer solidarischeren Gesellschaft habe. Ich komme aus dem Osten und bin aufgewachsen, während alle rennen mussten, damit sie im Kapitalismus funktionieren. Darunter habe ich wohl etwas gelitten. Ich hätte mir mehr Gemeinschaft gewünscht.

Dann war ich mit 16 ein Jahr in den USA, im konservativen West Michigan. Da herrschte noch richtig der „You can do it!“ American Dream, das fand ich geil – einfach anpacken und selber machen. Deshalb bin ich auch seitdem immer selbstständig unterwegs.

Aus der Kombination des freiheitlichen und des solidarischen Aspekts- kommt man ganz schnell zum Grundeinkommen.

Woher kam die Motivation und Idee Mein Grundeinkommen zu gründen?

Ich dachte mir, dass man die Sache einfach mal ausprobieren muss, weil die Debatte um das Grundeinkommen so zäh geworden ist. Da muss man mal was zum angucken haben. Bis ich herausgefunden habe wie das funktionieren soll, hat es aber seine Zeit gedauert.

Als mein letztes Internet-Startup dann 2013 drohte zu scheitern, und auch gescheitert ist, war mir klar, dass ich kein Internetmillionär mehr werde, der Menschen einfach wahllos Grundeinkommen schenken kann. Bei einem weiteren Internet Start-Up, was gut funktioniert hat, bin ich dann ausgestiegen, habe auf mein hohes Gehalt verzichtet und von knapp 1000 Euro gelebt. Das war mein Grundeinkommen! Arbeit und Einkommen war somit seit 1.1.2014 für mich getrennt.

Das hat radikal viel mit mir gemacht im ersten halben Jahr. Erst wollte ich es nicht so richtig wahr haben, habe mir künstlich Arbeit angeschafft, To-Do Listen angelegt, mir einen Arbeitsplatz angemietet, dabei hatte ich eigentlich gar nichts zu tun. Arbeit ist ja ein super Default, da muss man sich nicht mit sich selbst beschäftigen. Ich war selbst noch in dieser kein-Grundeinkommen-Denke gefangen.

Dann kam eine Phase in der ich versucht habe, alles anders zu machen. Ich habe mich in den Park gelegt, mich mit Freunden zum Cafe getroffen. Aber nach einer Zeit wurde mir richtig langweilig. Ich wollte die Welt verändern und habe nichts gemacht. Das hat mich total deprimiert.

Erst zwei Monate später habe ich langsam die Sicherheit von meinem Grundeinkommen gespürt. Das hat mir zum ersten Mal gezeigt wie viel Druck vorher da war. Die Idee immer mehr Arbeiten zu müssen war dann weg, das war total befreiend und hat mir eine gewisse Sicherheit gegeben.

Durch diese Sicherheit kam die Kreativität und der Mut etwas Neues zu machen. Weil ich es mir selbst ein Grundeinkommen gegönnt habe, war ich dann auch bereit es Anderen zu gönnen. Wenige Tage später lief die Kampagne auf Startnext.

Warum macht Ihr Mein Grundeinkommen bedingungslos?

Uns interessiert, was mit diesen Menschen passiert. Wie ändert sich ihr Leben? Ihre Einstellung? Das hat keinen wissenschaftlichen Ansatz – es geht uns nur um die Geschichte, den Diskurs. Ich glaube man kann Menschen nicht überzeugen, man kann nur Geschichten erzählen und Fragen stellen.

Deshalb kommt das Geld ganz ohne „strings attached“. Die Menschen müssen sich auch gar nicht zurück melden. Das machen auch einige. Das ist zwar schade für das Projekt, aber total legitim, denn das ist ja auch ein total persönliches Thema: Wie viel Geld habe ich? Wie geht es mir damit? Das ist nicht immer leicht.

Durch die ganzen repressiven Systeme haben viele gar nicht richtig gelernt mit dieser Freiheit umzugehen. Schule, Politik – alles ist nach einem wenn-dann-Prinzip aufgebaut. Aber dass man einfach mal einen Vertrauensvorschuss kriegt, also wahre Eigenverantwortung tragen muss, das gibt es nicht und das ist auch wirklich schwer.

Wie viele Grundeinkommen sind möglich? Was sind Eure Zukunftspläne?

Momentan können wir etwa ein Grundeinkommen pro Monat neu finanzieren. Wir haben aber auch ganz viele Ideen. Wir wollten eigentlich jetzt schon 100 Grundeinkommen haben, das war etwas optimistisch. Aber nächstes Jahr sollen es dann 100 Grundeinkommen werden. Das hat noch eine Menge Potential.

Aber wir wollen ja nicht nur, dass schnöde Grundeinkommen gesammelt werden, sondern es von Anfang an in den Wirtschaftskreislauf eingebettet wird. Dafür haben wir zwei Tools: Das eine ist die Crowd-Bar, also eine Browser-Erweiterung durch die wir beim Online-Einkäufen eine Verkaufsprovision erhalten. Das bedeutet wenig Mehraufwand und keine Kosten für die nutzende Person, aber Geld für uns! Allein damit haben wir im letzten Jahr 60.000 Euro, also fünf Grundeinkommen finanziert.

Das Zweite ist unser Payback-Hack: eine Payback Karte mit einem Code, die auf meinen Namen läuft, 18.000 Mal kopiert wurde und seither von unserer Community genutzt wird. Das mag Payback nicht so gerne, DM akzeptiert die Karte nicht mehr, aber sie verdient uns trotzdem jeden Monat noch 1.000 Euro.

Für die Finanzierung des Grundeinkommens gibt es verschiedene Modelle. Eine Idee wäre die Konsumsteuer – also man schafft einfach alle Steuern ab und erhebt stattdessen 100% Mehrwertsteuer. Der Payback-Hack ist praktisch das Selbe – wir ziehen 1% Payback-Steuer ein und finanzieren damit das Grundeinkommen mit.

Was glaubst Du motiviert die Menschen zu spenden?

Ganz wichtig ist, dass es keine Lotterie, sondern ein Gewinnspiel ist. Das heißt, man muss kein Geld geben um teilzunehmen. Ich habe am Anfang lange nicht geglaubt, dass das funktioniert. Aber nach dem ersten dreiviertel Jahr hatten wir immer noch mehr Menschen die Geld gegeben haben, als Menschen die das Grundeinkommen haben wollten. Das hat sich erst nach meinen ersten Fernsehauftritten gewandelt. Trotzdem gibt 20.000 Menschen die schon Geld gegeben haben, ohne dafür Vorteile zu haben. Wir haben auch große Spenden, aber vor allem, jeden Monat 15.000 Euro Spenden (also Vereinsarbeit+ Grundeinkommen) von 5000 Leuten die 3 Euro geben.

Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Aber es gibt Hoffnung. "Ich glaube Mein Grundeinkommen gibt Lust auf Experimente. Es ist Politik zum selber machen und das Geld existiert auch in unserer Gesellschaft."
 

Nach diesem ersten Jahr Erfahrung – glaubst Du, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland umsetzbar ist?

Aktuell wahrscheinlich nicht. Ich bin für das Grundeinkommen, weil die Spanne zwischen Utopie und Realisierbarkeit nicht so groß ist. Es ist zwar eine total verrückte Idee, aber sie ist eigentlich total machbar. Es gibt ja wirklich von allen Parteien Realisierbarkeitsstudien. Selbst die CDU sagt, dass wir es unter bestimmten Voraussetzungen umsetzten könnten.

Also wenn wir es wollen würden, wäre es auch umsetzbar. Aber es gibt riesige Kräfte in dieser Gesellschaft, die es momentan noch zum Leid aller verhindern, auch zum Leid der Wirtschaft. Es geht dabei um Flexibilität am Arbeitsmarkt. Es macht keinen Sinn mehr Arbeit so zu organisieren wie heute. Man kann trotzdem noch klassisch angestellt sein, aber man muss es nicht und hat trotzdem Sicherheit.

Warum glaubst Du würden Menschen mit Grundeinkommen trotzdem weiterarbeiten?

Es ist so tief verwurzelt im Menschen, dass er etwas was tun will. Schon als Kinder sind wir ja nicht faul, sondern rennen bis wir umkippen. Faul gemacht wird man in den Institutionen, durch Bestrafung, Benotung, Bewertung. Klar kann es sein, dass sich ein paar Leute auf die faule Haut legen. Aber es legt sich niemand für 10 Jahre auf die faule Haut. Außerdem entsteht ja gerade aus dieser Pause oft auch was Neues. Innovation gibt es dort, wo es Freiheit gibt.

Das Problem ist gesellschaftlich. Bei Umfragen sagen 90% der Leute: Ja natürlich, Arbeit ist ja mehr als Broterwerb. Es geht dabei auch um Identifikation, um Sinn. Aber wenn man die Gleichen Leute fragt, ob auch die Anderen arbeiten gehen würden, sagen 80% der Leute: Nein. Da stimmt also schon statistisch einiges nicht. Das ist ein Ausdruck davon, wie sehr wir unseren Mitmenschen misstrauen.

Dieses Misstrauen ist vollkommen verständlich, denn wir haben alle verinnerlicht, dass wir in Konkurrenz zueinander stehen. Dieser Gedanke ist in unsere Überflussgesellschaft allerdings nicht wahr, sondern nur das Ergebnis falscher Verteilung. Diese Konkurrenz zwischen einander, dieses Misstrauen erfüllt eine andere Funktion – es stabilisiert das Gesamtsystem. Genau da greift unsere Kampagne an, wir müssen von dieser Denkweise weg kommen.

Was war bisher Eure größte Hürde und wie habt Ihr sie überwunden?

Der größte Konflikt ist, dass wir die Debatte über ein Grundeinkommen in die Mitte der Gesellschaft tragen wollen, also in den totalen Mainstream. Gleichzeitig gibt es aber in der Szene einen ganz klaren Idealismus und ganz klaren Sprachkodex. Da hat es mir geholfen, dass ich eigentlich in der Szene gar nicht richtig vernetzt bin – ich kenne da eigentlich nach wie vorn niemanden. Der Konflikt ist zwischen dem was im Mainstream funktioniert und was noch idealistisch genug ist, da muss man ständig abwägen und das ist ganz schön anstrengend.

Mein Grundeinkommen ist mittlerweile deutlich gewachsen. Was ist Dein Top Tipp zum Teamaufbau?

Insgesamt finde ich es total schwer ein Team aufzubauen. Erst dachte ich, dass ich mir einfach zehn Leute holen kann, die genau so sind wie ich, und dann schaffen wir zehn Mal so viele Projekte. Aber das ist leider überhaupt nicht der Fall. Wir schaffen jetzt zu Zehnt das was ich vorher alleine gemacht habe, aber halt gut – auf soliden Füßen. Das heißt, man braucht auch etwas Geduld. Das Tempo vom Anfang ist nicht mehr da, und das ist natürlich auch etwas frustrierend, man muss dann halt trotzdem dranbleiben.

Daher sind meine Top Tipps – Bauchgefühl, Geduld und das Bedürfnis-Prinzip. Es kommt also nicht immer auf die Qualifikation an, sondern auch darauf: Wie kann ich mit diesem Menschen? Kann ich mit ihm lachen? Ist mir eine bestimmt Art unsympathisch? Wir mussten drei Leute leider auch schon gehen lassen, weil gerade das nicht gut funktioniert hat. Der Kern ist, ehrlich zu sich selbst zu sein. Eigentlich weiß man die meisten Dinge schon, man gesteht sie sich nur nicht ein.

Manchmal ist man einfach dankbar, dass irgendwer den Job macht, weil man es selbst nicht mehr machen möchte. Aber ich würde sagen, dass es immer besser ist erstmal selbst weiter zu machen, anstatt jemanden einzustellen der nicht dazu passt. Das macht das Team total kaputt, und das merken alle sofort.

Eine gute Erfahrung, die wir gemacht haben ist das Bedürfnis-Prinzip. Das heißt wir gehen transparent mit unseren Gehältern um. Es geht also nicht darum was man am Markt verdienen könnte, sondern darum was man braucht um den Kopf frei zu haben für die Arbeit. Wenn es alle offen darlegen, gibt es eine totale Legitimation und ein totales Verständnis, sodass die Leute sich eigentlich immer eher ein bisschen zu niedrig einschätzen und dann die TeamkollegInnen sagen, dass das nicht genug ist. Da gibt es keinen Neid.

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