Tabubruch: Wechseljahre am Arbeitsplatz

Eine gesamtorganisationelle Agenda für psychische & physische Gesundheit in allen Lebensphasen

SHARE
by Sylke Rademacher, June 7, 2023
Wechseljahre am Arbeitsplatz

Über die Wechseljahre zu sprechen, wird ja generell gern umgangen, aber die Wechseljahre am Arbeitsplatz sind als Thema nahezu unbesprechbar – quasi ein tabuisiertes Tabu. Dabei belaufen sich die durch die Menopause verursachten Produktivitätsverluste auf weltweit etwa 150 Milliarden Dollar pro Jahr. Tendenz steigend, denn 2030 wird circa 1/4 der weiblichen Weltbevölkerung in den Wechseljahren sein. Hossa.

Wir sind 9 Millionen – unübersehbar

9 Millionen Frauen im wechseljahrestypischen Alter zwischen 45 und 55 Jahren leben derzeit in Deutschland. Wenn man allein die bis 60jährigen mitzähltist also etwa jede 4. Frau in Deutschland zurzeit in den Wechseljahren. Wer kann es sich denn bitte leisten so viele Arbeitnehmerinnen und ihre Bedürfnisse zu übersehen? Und Arbeitgebende so: „Ja.“

Jede 3. bis 4. Frau in dieser Altersgruppe überlegt, u. a. wegen der Wechseljahresbeschwerden die Berufstätigkeit aufzugeben, die Arbeitszeit zu reduzieren oder einen schlechter bezahlten Job (mit mehr Sinnhaftigkeit)anzunehmen.[1]

Andere bleiben, aber leiden still, funktionieren nur noch auf Energiesparmodus und haben innerlich gekündigt (quiet quitting) – „Sag beim Abschied leise Servus“ summend.

Wechseljahre am Arbeitsplatz? Schweigen im Walde!

Trotz Fachkräftemangel und der rasant alternden Gesellschaft ignorieren Arbeitgebende aber bisher weitgehend diese Herausforderungen und lassen die Frauen damit im Stich.

Laut einer Umfrage haben 2/3 der befragten Frauen Wechseljahresbeschwerden, die ihre Arbeit beeinträchtigt haben.​​ 44% der Frauen haben sich nicht getraut nach Hilfe zu fragen – aus Angst vor sozialer Stigmatisierung – und fühlten sich nicht von ihren Arbeitgebenden unterstützt.[2]  

In Deutschland gibt es nur wenige Unternehmen, die ihren Mitarbeiterinnen in den Wechseljahren konkrete Unterstützung bieten. Der Großteil verkennt und verpennt das Potenzial erfahrener, motivierter Frauen, deren Kinder oft schon so groß sind, dass sie sich neu sortieren können und wollen – vielleicht auch einen neuen Karriereschritt machen.

Schriftzug lila auf gelb: "2030 wird circa ein Viertel der weiblichen Weltbevölkerung in den Wechseljahren sein" Rosa Eierstöcke mit Pausenzeichen und Gedankenblase mit "Eieiei!"

Wechseljahre sind keine Herrenjahre

Wieso können oder wollen die Frauen in den Wechseljahren nicht mehr arbeiten wie zuvor? Nach Angaben des Berufsverbands der Frauenärzte leidet ein großer Teil der Frauen in der Lebensmitte unter starken Wechseljahres-Symptomen, die eine medizinische Behandlung notwendig machen.

Da die Wechseljahre bisher wenig erforscht und somit auch nur dürftig gelehrt werden, sind viele der Beschwerden noch unbekannt oder werden nicht mit ihnen in Zusammenhang gebracht. Einige der arbeitsrelevanteren Beschwerden können sein:

  • Hitzewallungen
  • Regelmäßige Schlafstörungen nachts -> extreme Abgeschlagenheit & Müdigkeit tagsüber
  • Depressive Verstimmungen bis hin zu Depression
  • Gelenkschmerzen
  • Migräne & Kopfschmerzen
  • Häufige Blasenentzündungen
  • Brainfog (Gedächtnis-, Wortfindungsstörungen)
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Starke Stimmungsschwankungen
  • Niedriges Energielevel
  • Schwindel-Attacken
  • Angstzustände
  • Niedrige Stressresistenz

Diese Symptome zeigen sich nicht alle bei allen Frauen in den Wechseljahren und sind zudem sehr individuell ausgeprägt. Die eine trifft’s härter, die andere fast gar nicht. Beschwerden treten regelmäßig oder spontan auf, in Schüben oder permanent. Weshalb es auch keiner One-size-fits-all-Lösung bedarf, sondern flexibler Strukturen in Unternehmen und Organisationen, die sich den individuellen Gegebenheiten anpassen können. Mal wieder.

Was können wir für euch tun, meine Damen?

Es gibt einiges, was verantwortungsvolle Unternehmen und Organisationen ihren Mitarbeiterinnen in der Lebensmitte anbieten können. Einige der körperlichen Symptome lassen sich z.B. durch Veränderungen am Arbeitsplatz positiv beeinflussen:

  • Möglichkeit zur Kühlung in Räumen durch Ventilatoren
  • ergonomische Sitzmöbel
  • atmungsaktive Berufskleidung
  • Ruheräume & -möbel
  • Remotearbeitsplätze
  • Rückzugsmöglichkeiten

Ganzheit am Arbeitsplatz

Im New Work Kontext wird propagiert, dass Menschen sich ganz bei der Arbeit zeigen sollen. Das bedeutet aber auch, dass sie ihre gesundheitlichen, hormonellen und geistigen Zustände mitbringen. Das heißt, um einen sicheren Raum für alle zu schaffen, muss über Themen wie (chronische) Krankheiten, Wechseljahre, PMS, psychische Zustände gesprochen, aufgeklärt und informiert werden – ohne Scham und Angst vor Repressalien.

Viele Organisationen klammern diesen Aspekt der Ganzheit ihrer Mitarbeitenden aus und drängen ihn ins „Private“. Obwohl sie die Verantwortung dafür tragen, Strukturen so anzupassen, dass alle Mitarbeitenden im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut arbeiten und ihr Potenzial voll entfalten können.

Die Wechseljahre können – der Name ist Programm – bis zu 15 Jahre dauern. Sie lassen sich nicht einfach an der Garderobe abgeben. Aus Scham und Hilflosigkeit melden sich Frauen in den Wechseljahren krank, wodurch Arbeitsabläufe geraten ins Stocken geraten und teilweise Kolleg*innen unvorbereitet Mehrarbeit leisten müssen.

Strukturell benachteiligt durch Wechseljahre

Es braucht also Strukturen, in denen die Zustände oder die Bedürfnisse der betroffenen Personen immer wieder besprochen werden können – ohne Angst vor Einschränkungen oder Gesichtsverlust. Und Strukturen, die flexible Lösungen für alle bieten.

Zudem sollten diese Themen nicht allein auf die Betroffenen abgewälzt werden, denn deren Kraft reicht oft nicht aus, um auch noch Aufklärung, Information & Lösungsfindung zu betreiben. Oder individuelle Strukturen zu schaffen, die dann am besten noch vor dem Team oder Führungskräften präsentiert oder verteidigt werden müssen.

Der Umgang mit physischer und psychischer Gesundheit in allen Lebensphasen sollte Teil einer gesamtorganisationellen Agenda und gemeinsam im Team angegangen und umgesetzt werden. Einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräfteschwundes könnten beispielsweise diese Maßnahmen leisten:

  • Integration des Themas in die interne Kommunikation
  • Ehrliche, kurze Check-In Runden vor Meetings
  • Kommunikationstraining, um jede Form von Unwohlsein & Krankheit offen besprechbar zu machen
  • Flexiblere Arbeitszeitmodelle
  • Vertrauens-Arbeitszeit
  • Vertrauens-Urlaubszeit oder Extra-„Kranken“tage
  • Möglichkeit zu Job-Sharing (auch in Führungspositionen)
  • Möglichkeit zur Arbeit im Homeoffice & Hybrid-Modelle
  • Strukturen schaffen, die einen reibungslosen Ablauf ermöglichen, ohne die Betroffenen zu überfordern -> z.B. fertiger Plan B für Ausfalltage
  • Achtsamkeitsübungen, Resilienztraining, Implementierung von Methoden wie Meditation, Body Scan und Stille
  • Sportangebote & Massagen
  • Informationen zu und Übernahme der Hormonersatztherapiekosten

Es gibt also Ideen, jetzt müssen sie nur noch umgesetzt und ausprobiert werden. Denn kein Unternehmen muss tatenlos dabei zusehen, wie langjährig ausgebildete, erfahrene Frauen ihren Arbeitsplatz verlassen und ihr Wissen mitnehmen. „Machen statt quatschen“ heißt hier die Devise, dann muss auch hinterher keiner über Fachkräftemangel klagen. Isso.


Quellen:

[1] Vodafone „Menopause-in-the-Workplace-Impact-on-Women-in-Financial-Services“ -> https://bit.ly/44rQk74
„Lewis-Newson-BMS-poster-SCREEN-1“ -> https://bit.ly/3Hz059q

[2] „menopause-global-research-report-2021“ -> https://bit.ly/3HA1XyZ

Sylke Rademacher is a Berlin-based coach for process facilitation, designer, experienced marketer and has ventured a new beginning in her career in midlife. On her blog change-is-female.de she writes mainly about topics in the field of intersectional feminism, transformation, new work and midlife without crisis.