ursprünglich erschienen: 15.08.2016

„Es gibt die Krise und Kredite und Profite und Patente. Und die Rente und die Grenze und die Reisedokumente. Hundesalons und ein Halsband für Schweine. Und das ist warum ich meine: Die Welt ist was Gemachtes, und Du kriegst Deine tägliche Kopie“, singt Dota in „Utopie“.

Krisen, Grenzen und Ausbeutung gibt es auf jeden Fall mehr als genug. Im Hinblick auf die Herausforderungen unserer Zeit könnten wir leicht in Wut, Ohnmacht, Verzweiflung und Resignation verfallen. In ausnahmslos allen Lebensbereichen scheinen sich Leid und Elend breit zu machen. Bei einem solchen Ausmaß scheint Transformation aussichtslos. Doch: Veränderung ist in vollem Gange und findet oft sogar vor der eigenen Nase statt. 

Das zeigt auch Ökonomin Friederike Habermann in ihrem Buch „Halbinseln gegen den Strom. Anders leben und wirtschaften im Alltag“ auf. Darin werden rund hundert Projekte vorgestellt, die als „gelebte Alternativen zu Kapitalismus, Geld und Tauschlogik“ andere Wege finden. Für Motivation und Bereicherung, welche Realitäten eben auch existieren, lohnt es sich sehr in dem Buch zu schmökern.

Die Welt ist was Gemachtes

Und das Gute ist: Wir können sie ändern; wir können sie anders „machen“! Es lässt sich viel darüber philosophieren, wie der Naturzustand des Menschen wohl aussieht. Für jede Position gibt es Für und Wider, Experimente und Studien. Fakt ist allerdings: So wie wir momentan leben, kann es nicht weiter gehen. Die Ressourcen der Erde sowie unsere Aufnahme- und Leistungsfähigkeit sind begrenzt – anders als uns immer-volle Supermarktregale und jederzeit-verfügbares Callcenter- Personal Glauben machen wollen. Es kann unser Leben verändern, wenn wir die Logik des Immer-Mehr, der Konkurrenz und der Verwertbarkeit hinterfragen. Das kann durchaus ohne ellenlange, philosophische Theorie-Diskurse passieren.

Die Welt ist ein Konstrukt – wir prägen sie tagtäglich mit und sie uns. „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir als Menschen ebenso Produkt unserer Umwelt sind wie unsere Umwelt unser Produkt. Verändern lässt sich nur beides zusammen“ (Friederike Haberland auf freitag.de). Realität ist nicht starr, sie ist veränderbar. Es ist in unserem Ermessen, unser Denken und Handeln unter die Lupe zu nehmen sowie neue Wirklichkeiten zu formen und zu leben.

Warum der Wandel von unten startet

Kennst Du die Mehrebenen-Perspektive aus dem Transition Management? In der Publikation des Umweltbundesamtes „Wie Transformation und gesellschaftliche Innovationen gelingen können“ wird sie neben anderen Transition-Modellen skizziert. Sie beschreibt, wie Veränderung von statten geht.

Das Modell beschreibt drei Ebenen:

  1.     Globale Ebene (landscape)
  2.     Vorherrschendes System (regime)
  3.     Nische (niche)

Nun ist es so, dass Entwicklungen oder Ereignisse auf der Makro-Ebene, also der globalen Ebene, wie z.B. Klimawandel, Fukushima, Ölpreissteigerungen, künstliche Verknappungen oder politische Konflikte, einen Veränderungsdruck auf das vorherrschende System ausüben und dazu beitragen können, dass Innovationen aus der Nische zum neuen Kern des vorherrschenden Systems werden (z.B. Photovoltaik, Windenergie).

Eine zentrale Rolle spielen also Pionier*innen des Wandels (oder auch „Nischenakteure“genannt). In der Publikation vom Umweltbundesamt wird am Beispiel von Energie-Wende nochmal deutlicher, was gemeint ist: 

„Singuläre Großereignisse wie beispielsweise Fukushima können 'das Fass zum    Überlaufen bringen' und Wandel forcieren. Der Regierungsbeschluss zur Energiewende und zum beschleunigten Atomausstieg ist aber nur zum Teil darauf zurückzuführen, dass nach der Fukushima-Katastrophe die Zustimmung der Bevölkerung in Deutschland für einen raschen und vollständigen Atomausstieg auf Höchstniveau war. Wichtiger war vermutlich, dass es in Deutschland seit vielen Jahren eine starke Anti-AtomBewegung gegeben hat, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energien seit Jahren inhaltlich, technisch und strukturell gut vorbereitet worden war und es somit auch realpolitisch eine echte Alternative zum 'Weiter so' gab.“

Sei Pionier*in des Wandels!

Ich finde das Modell sehr empowernd, weil es zeigt: Veränderung startet von unten! Ich, meine Gedanken, meine Handlungen sind sinnvoll. Auch, wenn jede*r nur ein kleines Rädchen im großen Zahnrad-Gewirr des Wandels ist: Du bist vielleicht der Start-Impuls, um andere zum Drehen zu bringen. 

Wir wissen nicht, wie die Gesellschaft von Morgen aussehen wird. Wir können versuchen, Begriffe dafür zu finden: solidarisch, angstfrei, ohne Ausbeutung, Leid und Diskriminierung, liebevoll, achtsam und so weiter... Doch letztendlich können wir bisher nur in unseren Möglichkeiten denken. 

Nur, weil etwas undenkbar ist, ist es noch lange nicht unmöglich! 

Es ist bisher eben nur noch nicht gedacht worden! Gemeinsam können wir der Welt von morgen – unserer Utopie – immer ein Stückchen näher kommen. Und sie wird sich stetig wandeln, andere Perspektiven werden sichtbar und immer neue Herausforderungen kommen auf uns zu, die es kreativ zu lösen gilt. Einen zehn-Punkte-Plan vorher zu entwerfen und diesem dogmatisch zu folgen, wäre sinnlos.

Deswegen: Vertraue Dir. Sei Pionier*in des Wandels! Entdecke Deine Talente, das, was Dich nährt und lebendig macht. Wenn viele unterschiedliche Fragmente des Wandels zusammen kommen, werden sie ineinandergreifen und gleichzeitig Veränderung herbei führen.

Es gibt nicht den einen Weg für Veränderung. Wir brauchen Veränderung auf allen Ebenen, in verschiedenen Strukturen und Herangehensweisen. Wir sollten das erkennen, uns gegenseitig motivieren und empowern.

Mitmachräume für gesellschaftlichen Wandel

Alle sagten 'Das ist unmöglich!'. Da kam eine, die wusste das nicht, und hats         einfach gemacht!

Andere Selbstverständlichkeiten leben. Doch wie könnte das konkret aussehen? Zu einem großen Anteil geht es mit Sicherheit darum, die eigene Komfortzone zu verlassen sowie mentale und emotionale Infrastrukturen zu überwinden. Erfahrungs- und Experiemntierräume zu schaffen. 

So ähnlich ging es mir 2013 mit dem Mitmachkongress utopival: In einem fünfer-Team organisierten wir diesen Kongress für 100 Menschen über fünf Tage komplett geldfrei. Wir alle hatten davor noch nie etwas in dieser Größenordnung organisiert. Als wir zum ersten Mal von einem komplett geldfrei organisierten, nur durch Solidarität und Tatendrang aller Mitwirkenden umgesetzten Kongress träumten, haben einige Menschen genau so reagiert: Das klappt doch sowieso nicht! 

Fazit mehr als drei Jahre später: Hat es doch! Und sogar schon drei mal an unterschiedlichen Orten.Zwischendrin während des ersten Planungsprozesses fiel uns manchmal wie Schuppen von den Augen: Hui, was machen wir hier eigentlich?! Wir haben doch alle noch nie einen Kongress organisiert, geschweige denn geldfrei!

In diesen Zweifeln sind wir dann nicht untergegangen, sondern haben weiter an unseren Träumen festgehalten. Wir alle haben viel gelernt bei der Umsetzung des ersten utopivals. Unter anderem: Du musst das Unmögliche wagen, um das Mögliche entstehen zu lassen.

Das utopival 2017 sucht übrigens noch einen Ort... :-)

Lebe Deine Träume und tanze mit Deinen Drachen!

Wir alle tragen sie in uns: Bunte Träume einer Welt von Morgen. Oft werden diese Träume nicht verwirklicht, da wir als Individuen uns nicht trauen, den Traum mit anderen zu teilen. Oft bleiben unsere Drachen Feuer spuckende Monster, weil wir uns nicht wagen, sie zum Tanz aufzufordern. 

Hast Du manchmal Angst davor, dass Deine Träume albern sind oder naiv, dass Du für Deine Träume ausgelacht oder nicht ernst genommen wirst? Genau das hält viele Träume davon ab, Wirklichkeit zu werden. Glaub an deine Träume und erzähle anderen davon! Nur so können utopietaugliche Alternativen entstehen. Nur so können unsere Visionen Wirklichkeit werden.

So war es mit der Utopie-Ökonomie-Konferenz UTOPIKON. Am 24. Dezember 2015 saßen Tobi und ich bei einer heißen Schokolade zusammen und träumten: 2016 könnten wir doch neben dem utopival eine große Konferenz veranstalten... Mal mit mehr als 100 Menschen sagen wir 300! Ja, wieso nicht? Das ist die Stelle, an der wir hätten lachen und denken können: Nette Idee, aber eh nicht umsetzbar. Stattdessen haben wir uns gefragt: Wieso denn nicht? Wir haben weiter geträumt und visioniert und Menschen gefunden, die diesen Traum mitträumen und Wirklichkeit werden lassen wollen.

Die UTOPIKON stellt sich die Frage, wie wir uns eine Wirtschaft von Morgen vorstellen. Sie fragt nach Wegen und Herausfordungen in eine geldfrei(er)e Gesellschaft. Bis zum 05. September kannst Du Dich anmelden und mit etwas Glück dabei sein (Wir losen aus).

In diesem Sinne:

NOT JUST TALKING ABOUT UTOPIA, BUT: living utopia!

Rede nicht nur über Deine Utopien, lass sie auch Wirklichkeit werden. Es ist Zeit für Veränderung. Sei Pionier*in des Wandels. Mit Deinen Träumen, Visionen und Talenten.