Als ich auf dem Instagram Profil des Modelabels einer deutschen Influencerin anmerkte, dass kein schwarzes Model auf dem Feed zu sehen war, wurde ich vom Profil geblockt, und der Kommentar gelöscht. Wenn Unternehmen sich mit Rassismus auseinandersetzen möchten, dürfen sie das nicht nur solange tun, bis es unbequem wird. 

Rassismus ist schmerzhaft. Vor allem aber, ist es eine Verantwortung weißer Menschen, und ein Prozess, welcher komplett durchlaufen werden muss, um etwas zu ändern. Andernfalls, kratzt man höchstens an der Oberfläche und packt ein komplexes Thema aus einer privilegierten Position heraus in Zuckerwatte. Dem ist wenig Glauben zu schenken. 

Rassismus ist real – Warum wir jetzt zuhören müssen

Die Sonne steht, wie jeden Tag, in voller Pracht am Himmel über Mexiko. Es ist die Jahreszeit, in der sich die Häuser aufheizen. Neben mir auf dem Schreibtisch läuft ein Ventilator auf Hochtouren. Feuchtet man die eigenen Haut an, bevor man den Ventilator einschaltet, kühlt der Körper ab, und die Hitze ist leichter zu ertragen. Im Sommer werden wir über das Radio dazu angehalten, stehende Gewässer im Patio zu meiden, um das Denguefieber vorzubeugen. „Eine andere Welt“, bekomme ich oft zu hören, wenn ich davon erzähle.

Einige Dinge sind in Mexiko anders, als alles, was man aus dem Alltag in Deutschland kennt. Es fällt mir gelegentlich schwer, diese zu erklären. Es sind die kleinen Dinge - beim Wandern achte ich darauf, nicht auf die Blätterhaufen zu treten, will sich darin giftige Schlangen verstecken. Am Lagerfeuer kann es sein, dass man das Rascheln der Schritte eines Pumas oder eines Jaguars hört.

Rassismus ist, als träfen unterschiedliche Welten aufeinander. Es ist, als würde eine Person sagen, dass man auf Jaguare achten müsste, woraufhin eine andere Person behauptet, es gäbe doch gar keine Jaguare. Nur, weil es in einer Welt keine Jaguare gibt, heißt das nicht, dass sie allgemein nicht existieren. So auch ist es mit Rassismus - nur, weil ein Teil der Bevölkerung Rassismus nicht spürt, heißt es nicht, dass Rassismus nicht existiert. Genau deshalb ist es so wichtig, zuzuhören.

#Blackouttuesday, Social Media Trend & White Fragility

Dienstag, 2. Juni 2020. Dieser Tag schreibt Geschichte. Es begann in der Musikindustrie und schwappte schnell auf die ganze Welt über. Millionenweise wurden auf Social Media schwarze Quadrate gepostet, um George Floyd (und vielen weiteren schwarzer Menschen, deren Tod rassistische Polizeigewalt zur Ursache hatte) zu gedenken, und ein Statement gegen Rassismus zu äußern.

Doch wie viel davon war tatsächlich ein Statement, und wie viel war ein Trend? Wie viel davon war roher, ungefilterter Rassismus, und wie viel war davon „Zuckerwattenrassismus“? 

Meine anfängliche Freude über die schwarzen Quadrate schlug schnell in Skepsis um. Zahlreiche von diesen wurden mit dem Hashtag #blacklivesmatter unterzeichnet. Es verdeutlichte, dass Viele auf den Zug gesprungen waren, ohne sich vorher darüber zu informieren, wohin die Fahrt nun eigentlich gehen würde.

Mehr noch, sie beschwerten sich darüber, wenn man darauf aufmerksam machte. Ich musste mir von weißen Menschen anhören, dass ich Public Shaming betrieben hätte, wenn ich unter einem Post öffentlich darum gebeten hatte, von der Verwendung des Hashtag #blacklivesmatter abzusehen, weil so wichtige Informationen für die Bewegung von schwarzen Quadraten geblockt werden könnten.

Rassismus wie einen Trend zu behandeln, ist rassistisch. Sich aussuchen zu können, wann es für die Marketingzahlen angemessen ist, ein Statement zur Solidarität abzugeben, ist ein Privileg. Es ist vor allem ein kopfloser und unverantwortlicher Umgang mit diesem, der das Gegenteil von Solidarität beweist.

Unternehmen und Influencer*innen, die sich vorher nie zu dem Thema geäußert hatten, hielten plötzlich ein Buch über Rassismus in die Kamera, weil die Zeit und die Follower*innen es einforderten. Sobald aber ein kritischer Kommentar fiel, kam die trotzige Abwehrhaltung.

Weiße Fragilität wurde zum Besten gegeben. Tupoka Ogette fand, einmal mehr, die richtigen Worte:

«Liebe weiße Menschen. Fragt ehrlich nach. Und noch viel wichtiger : Hört wirklich zu. Ohne Abwehr, ohne Relativieren, ohne wütend zu werden, wenn Du etwas hörst, was Dir unangenehm ist. Verdaue das Gesagte. Reflektiere. Und dann: hör weiter zu.»

Ein weißer Dialog  & „Your learning, not mine“ 

Gelegentlich drohte der Moment auf Social Media, ein weiterer weißer Moment zu werden.

Unzählige Posts machten darauf aufmerksam, was man tun konnte, um den eigenen Rassismus zu reflektieren. Viele davon taten weh, zu lesen. „Es sollte All Lives Matter heißen“, war oft zu hören.

Zahlreiche Erklärungen dazu folgten, warum es eben nicht „All Lives Matter“ heißen durfte (zweite Quelle hier).

Es erstaunte mich, dass noch immer erklärt werde musste, was für einige Teil des Alltags war. Gleichzeitig breitete sich ein Gefühl von Wehmut aus. Was für ein unglaubliches Privileg, dachte ich, dass einige Menschen - viele, wie es schien - all diese Dinge zum ersten Mal hörten. Dass sie es objektiv studieren konnten, ohne es jemals gespürt zu haben.

Amanda Seales, Comedian und Schauspielerin aus den USA, hatte es in einem Video auf den Punkt gebracht:

«Hört auf mich zu fragen, denn ich werde euch nicht eine Liste mit Quellen über das Thema geben.“, sagte sie, „Jetzt seid ihr an der Reihe, euch darüber zu informieren, was ihr eigentlich schon wissen solltet. Ich frage mich - warum ist das alles für euch neu?»

Dass man nichts in der Schule über den Rassismus im Alltag gelernt hat, ist eine Tatsache, die sich ändern muss. Es ist deshalb allerdings noch lange keine Ausrede, sich auf eigenen Faust auf die Suche nach Informationen zu machen. Anders, als in der Schule, wird es im echten Leben dafür weder Noten, noch Belohnungen geben. Es würden einfach nur die Hausaufgaben gemacht werden, die schon längst überfällig waren.

Einmal mehr war bewiesen worden, dass sich weiße Unternehmen und Marken so gerne und so schnell alles unter ihre Nägel reißen. Sie portraitierten sich als die solidarischen Held*innen, die einmal einen Post zum Thema Solidarität und Rassismus geteilt hatten. Doch was folgte wirklich nach dem Post?

Wie Lalya F. Saad es ausdrückte:

«Die Revolution wird nicht von Unternehmen, Marken und Führungskräften angeeignet werden, die in all den Jahren schwarze Stimmen zum Schweigen gebracht haben, nur um jetzt, ein schwarzes Quadrat zu veröffentlichen und #BlackLivesMatter zu proklamieren.»

Niemand spricht vom Schmerz 

In der Innenstadt von Aguascalientes, Mexiko, gibt es zwei Straßenstände, an denen Kunsthandwerk von Menschen angeboten wird, die einer indigenen Bevölkerungsgruppe angehören. Sie tragen traditionellen Kleidung und Schmuck.

Wenn ich in einem deutschen Supermarkt zur Faschingszeit ein Indianerkostüm sehe, verspüre ich Abscheu und tiefe Traurigkeit. Einer solchen Aneignung zuzusehen, tut weh. Das öffentlich anzusprechen, hat mir viele wütende Kommentare eingebracht. Die weniger wütenden fühlten sich nicht besser an. „Völlig übertrieben“ hieß es, und auch „Das ist doch lächerlich.“

Vor kurzem erst nahm ich an einer Videokonferenz eines Netzwerkes mit Sitz in Deutschland teil. Es fielen nicht wenige rassistische Kommentare. Vor laufender Webcam stiegen mir die Tränen in die Augen. Ich wusste, dass ich es nicht ansprechen konnte, weil niemand es verstanden hätte. Kurzerhand klappte ich meinen Laptop zu, bevor ich den Tränen freien Lauf ließ. 

Das ist Rassismus. Es schmerzt. Es tut weh. Es zerreißt die Seele und saugt alle Hoffnung und Zuversicht auf.

Wie kann es sein?, fragte ich mich oft, dass manche Menschen es einfach nicht spüren?

Dass sie so leicht leben können? Dass sie so leicht darüber entscheiden können, so leicht sagen können, das ist doch gar nicht so? Dass sie so leicht behaupten können, es wäre übertrieben?

Sich damit auseinandersetzen. Fehler eingestehen. Und entschuldigen.

Auch ich habe Fehler gemacht. Auch ich habe Worte in den Mund genommen, die ich heute nicht mehr so sagen würde.

Als ich einen Vortrag an einer Universität in einer ländlichen Gegend im Süden Mexikos hielt, geschah mir etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte. Ich sprach darüber, dass es keine Ausrede gab, eigene Projekte umzusetzen und zu teilen, weil man heutzutage das Smartphone für Soziale Medien, visuellen Content, Bildbearbeitung und sogar für Podcasts nutzen konnte. Als ein Professor anschließend an den Vortag fragte, wie viele der Studierenden ein Smartphone besaßen, ging nur ein Viertel der Hände nach oben.

Nichts von dem, was ich in Klassenzimmern und Bibliotheken gelernt hatte, hatte mich auf diesen Moment vorbereitet. Da war er wieder, der Schmerz. Die Abscheu vor dem, was ich soeben getan hatte. Und die kolonialen Strukturen direkt vor mir, direkt auf und unter meiner Haut. Die Privilegien waren durch meinen Mund entkommen. Tiefe Abscheu empfand ich, und wusste, dass ich soeben etwas gelernt hatte, was ich nie wieder vergessen würde.

Ich hätte im Voraus fragen können, und so meinen Vortag anpassen können, ohne verletzende Aussagen aus der Position einer privilegierten Person zu machen. Oft sind weiße Menschen sich gar nicht bewusst, wie viele rassistische und neo-koloniale Strukturen in ihren Worten und Taten stecken. Rassismus zu erkennen, und sich gegen rassistische Strukturen zu stellen, ist ein Prozess, der nie endet. Es ist nicht mit dem Post eines schwarzen Quadrates auf dem Instagram Profil getan. Das ist erst der Anfang.

Rassismus und Empathie 

Rassismus ist, als würde man eine Sprache lernen. Ebenso wenig, wie man ein Wörterbuch ein paar Tage lang auswendig lernt, um Spanisch zu lernen, ist Rassismus nichts, was man studiert.

Rassismus darf nie an oder vor eine*m vorbeigehen. Rassismus muss durch eine*n hindurchgehen. Es ist etwas, was man spürt und an sich heran lässt. Erlebt. Und wenn es auch „nur“ anhand der geteilten Worte und Erlebnisse Anderer ist. 

So oft wird von Empathie gesprochen. Und dennoch wird sie nicht an den Tag gelegt.  Jetzt gilt es, einmal nicht zu sprechen. Jetzt gilt es, sich einmal wirklich in die Schuhe anderer Menschen zu stellen, ihren Blick anzunehmen, ihren Schmerz anzunehmen.

Aktiv Unternehmen von schwarzen Menschen unterstützen. Aktiv zu hinterfragen, welche kolonialen Strukturen man mit dem eigenen Konsumverhalten unterstützt. Aktiv Bücher lesen, die eine andere Weltsicht beschreiben. 

Wenn Unternehmen sich gegen Rassismus aussprechen wollen, dann reicht es nicht, es einmal auf Social Media zu erwähnen. Dann muss dieses Unternehmen seinen öffentlichen Auftritt und ebenso alle eigenen Strukturen überdenken und in Frage stellen. Dann muss es, jenseits der Zuckerwatter, bitter und unbequem werden - ohne, dass man in eine Abwehrhaltung fällt, oder die unangenehmen Fragen ignoriert.

Es geht nicht darum, alles sofort richtig zu machen. Es geht darum, die Bereitschaft zu zeigen, zuzuhören, zu lernen, den Horizont zu erweitern, und auch einmal anderen Geschichten, als den üblicherweise portraitieren, Gehör zu verschaffen. Nur dann kann sich etwas langfristig ändern. 

Anders ausgedrückt – es reicht nicht, von Jaguaren auf dem Papier zu lesen, man muss lernen, sie erkennen zu können. 

 

About

Ariane Sofía Vera-Fluixá, Singer-Songwriterin und Autorin mit deutsch-argentinischen Wurzeln, studierte Englische Literatur und Internationale Beziehungen in Schottland (University of Aberdeen) und Irland (Trinity College Dublin) . Sie gewann 2017 den Welcome To Europe Songcontest mit ihrer Single Tolerance, sprach auf mehrere TEDx Konferenzen und sang im Europaparlament in Strasbourg. Seit November 2018 ist sie wohnhaft in Aguascalientes, Mexiko. Dort initiierte sie den Fridays For Future und gründete eine Initiative zum bewussten und fairen Kaffeekonsum. In Mexiko gehört die Zuckerwatten oft mit zum Stadtbild, sie bevorzugt jedoch Mangos, die sie direkt vom Baum pflücken kann. 

www.arianevera.com

Instagram & Facebook: @arianeveramusic 

Patreon: https://www.patreon.com/arianevera

Mail: contact.ariane.vera@gmail.com

to belonging* ist unser nächster Schritt, um das Thema Anti-Diskriminierung neu zu denken und zu handeln. Weg vom Diskurs der Sichtbarkeit von Diversity und Inklusion hin zu einer authentischen und gelebten Zugehörigkeit aller marginalisierten Gruppen. Dies soll zu einem radikalen systemischen Wandel führen im Impact Sektor, von “Macht über” und “Macht für” hin zu “Macht mit”.  Diese Serie wird ermöglicht durch die Open Society Foundations.

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