Viele psychische Erkrankungen beginnen bereits in der Jugend. Doch da sich viele Menschen nach wie vor mit dem Thema nicht auskennen, sie Ressentiments dagegen haben oder Berührungsängste, dauert es häufig sehr lange bis die Betroffenen endlich professionelle Hilfe bekommen. Der Verein Irrsinnig Menschlich bietet seit 20 Jahren Präventionsangebote zur psychischen Gesundheit an, damit Betroffene ihre Not früher erkennen, sich nicht verstecken und Unterstützung annehmen. Wir haben uns mit der Geschäftsführerin Dr. Manuela Richter-Werling über die Arbeit des Vereins unterhalten.

Sie bieten verschiedene Info- bzw. Aufklärungsveranstaltungen in Schulen, Unis und an anderen Orten an. Wie reagieren die Teilnehmer?

Anfangs etwas skeptisch, dann sehr interessiert, offen, wissbegierig, emotional, dankbar. Viele sagen, dass sie schon lange auf so eine Form des Austauschs gewartet haben. Insbesondere jene, die schon als Kind oder Jugendliche schwere psychische Krisen erfahren haben, bedauern, dass es in ihrer Schulzeit so etwas noch nicht gab. Wenn sie in der Schule gehört hätten, dass psychische Krisen zum Leben gehören und viele Menschen davon betroffen sind, dann hätten sie nicht so viel Angst gehabt und sich eher Hilfe gesucht. Fakt ist, dass die meisten psychischen Erkrankungen in der Kindheit, Jugendzeit und im jungen Erwachsenenalter beginnen. Deshalb ist es so wichtig, sich in Schule und Ausbildung damit zu beschäftigen. Denn psychisches Wohlbefinden ist eine unserer wichtigsten Quellen für Lebenszufriedenheit.

"Fakt ist, dass die meisten psychischen Erkrankungen in der Kindheit, Jugendzeit und im jungen Erwachsenenalter beginnen."

Auf welche Problematiken treffen psych. kranke Menschen besonders im Arbeitsumfeld, bzw. im Studium?

Das ist sicher unterschiedlich. Insgesamt bemerken wir ein gestiegenes Interesse und mehr Offenheit von Personalabteilungen, Ausbilder*innen und Lehrkräften, sich mit psychischer Gesundheit/Krisen in Schulen, Hochschulen und Unternehmen zu beschäftigen. Es gibt z.B. Wiedereingliederungsprogramme im Betrieb, mehr psychosoziale Beratungsstellen an den Hochschulen. Das ist positiv! Dennoch haben Betroffene und ihre Angehörigen immer noch mit Vorurteilen, Ängsten und Stigma zu kämpfen. Psychische Erkrankungen gelten eben als Krankheiten „zweiter Klasse“: eingebildet, selbst schuld, einmal „verrückt“ immer „verrückt“ usw. Gerade in unserer heutigen Zeit sind ja „Strahlemasken“ und „Alleskönner“ gefragt.

Welche Methoden wenden Sie an, um dieses Stigma aufzubrechen?

Wir arbeiten in unseren Programmen immer mit Tandems als Trainer*innen, Referent*innen usw.: Menschen, die beruflich und/oder persönlich Erfahrungen mit psychischen Krisen und psychischen Wohlbefinden haben. Das sind Psycholog*innen, Psychiater*innen, Sozialarbeiter*innen u.a. aus Prävention und psychosozialer Versorgung und persönliche Expert*innen, die psychische Erkrankung erfahren, überstanden haben und daran gewachsen sind. Die Begegnung mit den persönlichen Expert*innen, ihre Geschichten, sind der Schlüssel zur Veränderungen von Einstellungen und bestenfalls Verhalten.

Gibt es ein Alter oder eine Alterspanne, in welcher Menschen Ihrer Meinung nach offener sind in Bezug auf Therapien? Und wenn ja – woran liegt das?

Wahrscheinlich eher im jungen und mittleren Lebensalter. Ältere Menschen haben oft noch eine größere Scheu, psychische Krisen wie Depressionen und Angststörungen beim Arzt oder gegenüber Angehörigen anzusprechen, als jüngere. Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der psychische Krankheiten sicher viel stärker als heute mit Schwäche oder „Verrückt-Sein“ gleichgesetzt worden sind.

Wie sieht die Zukunft von „Irrsinnig Menschlich“ aus? Welche Pläne haben Sie und ihr Verein?

Wir haben noch viel zu tun, um mit unseren Programmen alle Schüler*innen, Azubis und Student*innen in Deutschland zu erreichen – und auch international. Da geht es auch um Strukturveränderungen: Gesundheit, Soziales und Bildung gehören zusammen und sollten endlich zusammen gedacht werden. Psychische Gesundheit ist ein gesamtgesellschaftliches, hochpolitisches Anliegen.

 

Hier erfahrt ihr mehr über Mission und Arbeit vom Irrsinnig Menschlich e.V.: https://www.irrsinnig-menschlich.de

report-small Created with Sketch.
Wie viel verdient man eigentlich im sozialen und nachhaltigen Sektor?
Der tbd* Gehaltsreport – Gehalt, Präferenzen und Zufriedenheit der Mitarbeiter im sozialen Sektor.
zum report
Gehälter im nachhaltigen und sozialen Bereich - Gutes tun, Geld verdienen, Glücklich sein. Geht das?