ursprünglich erschienen: 14.11.2016

Claudia Frick und Nicole von Alvensleben möchten mit ihrem Sozialunternehmen Stitch by Stitch die Integration von Frauen durch gemeinsames, handwerkliches Arbeiten vorantreiben und ihnen somit nicht nur eine Chance geben, sondern vor allem auch ihre Fähigkeiten unterstützen. Mit dieser Idee haben es die zwei Gründerinnen auch geschafft im Ankommer.Perspektive Deutschland Programm aufgenommen zu werden. Im Interview erzählen die beiden, warum sie ganz nach dem Motto: Step by Step arbeiten und warum ehrliche Kommunikation im Team so wichtig ist. 

stich by stich

Ihr seid im letzten Jahr mit Eurem Start-up gestartet und seid mit Eurer Idee bei Ankommer.Perspektive Deutschland Programm aufgenommen worden. Wer seid Ihr und worum geht es bei Euch?

Stitch by Stitch ist eine B2B-Schneider-Werkstatt, die mit professionellen Schneiderinnen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, Auftragsarbeiten und Serien-Produktionen mit bis zu 500 Stückzahlen für lokale Modelabels zeitnah und effizient anfertigt. 

Unsere Vision ist es, den Frauen durch das gemeinsame, handwerkliche Arbeiten die Chance zu geben, sich mittels ihrer mitgebrachten Fähigkeiten und Talente zu integrieren. Denn das universelle Schneider-Handwerk erlaubt uns hier sprachenübergreifend und schnell die Flüchtlinge in den Arbeitsprozess einzubinden. Unsere exzellenten Schneiderinnen bringen außerdem wertvolle und traditionelle Techniken aus ihrer Heimat mit, die wir so nicht mehr in Deutschland finden. Gleichzeitig wollen wir insbesondere kleinen Modelabels die Möglichkeit eröffnen, sich im Markt zu etablieren sowie transparent und regional zu produzieren und so mit ihnen gemeinsam eine nachhaltige Mode anbieten.

Als selbstständige Unternehmerinnen erhoffen wir uns, durch unsere Erfahrung und Expertise von mehr als 15 Jahren eine Inspiration für das moderne Frauenbild in Deutschland zu sein. 

Wir, das sind: 

Claudia Frick, Dipl. Mode-Designerin, gelernte Maß-Schneiderin und Dozentin für Mode und Design und Gründerin des Frankfurter Modelabels „Coco Lores“. Und Nicole von Alvensleben, Dipl. Designerin, gelernte Werbekauffrau, MBA (Fokus Social Entrepreneurship) und Gründerin des Design Studios „SpellDesign“.

Auf Eurer Webseite ist im Subtitle „Step-by-step“ zu lesen. Was wollt Ihr damit genau zum Ausdruck bringen?

Es gibt Ansätze, bei denen erst große Pläne geschmiedet und vielschichtige Konzepte entwickelt werden, oder es gibt den genau umgekehrten Ansatz, bei dem man sich von Anfang an in das „Machen“ hinein begibt, um aus dem Erlernten einen Schritt nach dem anderen abzuleiten und gegebenenfalls flexibel und flink reagieren zu können. Der Ansatz kommt aus dem Design Thinking. Für uns war es von Anfang an wichtig, im Kleinen ein solides Fundament zu erstellen, um uns so Schritt für Schritt weiter in die Umsetzung zu bewegen. 

Genauso ist es beim Nähen: Stich für Stich erobert man das noch unbehandelte Terrain. Und auch Integration findet unserer Meinung nach ebenso am besten Step by Step, also in kleinen Schritten, statt. Step by Step ist also ein Motto auf verschiedenen Ebenen!

Wie sahen Eure ersten Schritte aus?

Im September 2015 saßen wir am Küchentisch und haben im gemeinsamen Gespräch festgestellt, dass wir als Mode- und Grafikdesignerinnen eine Chance sehen, mit einem Social Business in der aktuellen  Flüchtlingssituation (die Flüchtlingskrise befand sich damals auf ihrem ersten Höhepunkt) einen Lösungsansatz zu bieten. Das Ankommer-Projekt bot uns dann mit dem Stipendium einen Rahmen, um die Idee mit der Unterstützung des Social Impact Labs Frankfurt und der KfW Stiftung zu realisieren.

Konkret hieß es dann, dass wir mit einer Schneiderin angefangen haben, nach zweieinhalb Wochen hatten wir unsere zweite Schneiderin. Zunächst haben wir in der Werkstatt des kleinen Sozialunternehmens „Brot&Rosen“ der Diakonie gearbeitet, seit August 2016 produzieren wir nun in unseren eigenen Räumlichkeiten – inkl. sieben Nähmaschinen. Auch personell haben wir uns weiterentwickelt. Zum einen sind wir gewachsen, so dass unser Team nun schon aus neun Frauen aus Syrien, Afghanistan und Deutschland besteht. Zum anderen sind wir anders aufgestellt als wir zu Beginn dachten: Wir haben zwei Auszubildende und eine Mitarbeiterin im Management.

Und wohin wollt Ihr Euch in der Zukunft mit Stitch-by-Stitch bewegen?

Wir wollen gerne weiter wachsen, denn je mehr wir sind, umso besser können wir eine echte Gemeinschaft unter den Frauen aufbauen, und desto größer ist unser Impact nicht nur bei den Frauen und ihren Familien, sondern auch hier in Deutschland. Langfristiges Ziel ist es, 10 bis 15 Schneiderinnen in Frankfurt anzustellen, bis Ende des Jahres werden wir fünf Schneiderinnen in Vollzeit beschäftigen, was sich auf Grund unserer steigenden Auftragslage als realistisch abzeichnet. Sobald unsere Arbeitsabläufe und Prozesse erprobt und gefestigt sind, wollen wir die Idee in andere Städte skalieren, da deutschlandweit ein Bedarf an Produktionsstätten besteht.

Ein anderer Aspekt ist, dass unsere Schneiderinnen ganz besondere Näh- und Stickfähigkeiten mitbringen. Diese wollen wir gerne in die Entwicklung eines eigenen Produktes einfließen lassen und so unseren Anspruch „Made in Germany“ um ein „Inspired by Syria, or Afghanistan, or...“ zu erweitern.

Parallel dazu haben wir mittlerweile den „social“-Anteil unseres business erweitert. Wir bieten beispielsweise einen Deutschkurs in unserer Werkstatt an. Oder, da eine unserer Schneiderin frisch gebackene Mama ist, kümmern wir uns um eine Kinderbetreuungsmöglichkeit. Wir setzen uns auch dafür ein, dass jede Schneiderin nach einer bestimmten Zeit Papiere zu ihrer Qualifikation in den Händen hält, zum Beispiel einen Gesellenbrief. Wir sind selbst gespannt, wie sich dies weiterentwickeln wird!

Mit wem arbeitet Ihr für Eure gemeinsame Mission zusammen?

Letztendlich sind dies alle, die uns bisher mit ihren Ideen und Tipps unterstützt haben und immer noch unterstützen. Von Anfang an war dies das Social Impact Lab und die KfW-Stiftung, aber dann natürlich auch unsere Kunden, andere social startups wie T-shared in Berlin oder CodeDoor in Frankfurt, und auch Geschäftspartner und Multiplikatoren in der Fashion Szene. Wir erfahren zum Glück auch eine große Hilfe von der Bundesagentur für Arbeit, dem Jobcenter und der Handwerkskammer aber auch von Personen, die sich ehrenamtlich engagieren, zum Beispiel unserer Farsi-Übersetzerin. Und natürlich unser gesamtes Team, ohne das wir die Idee gar nicht realisieren und weiterentwickeln könnten.

Was nehmt Ihr als so junges Start-up bereits an Erfahrungen mit, die Ihr uns nicht vorenthalten wollt?

Für uns beide hat sich ganz schnell gezeigt, dass in solch einer Gründer-Partnerschaft ein offener und ehrlicher Austausch miteinander unabdingbar ist, auch wenn dies manchmal schmerzhaft sein kann. Es muss alles auf den Tisch gepackt werden!

Ebenso sollte man sich bewusst machen, dass es immer wieder Hürden und Stolpersteine gibt. Wenn man aber mental darauf vorbereitet ist, wird man diese auch meistern! 

In punkto Business Plan: „Papier ist geduldig”, die Realität hält anderes bereit als man denkt und das Leben schreibt gerne seine eigenen Drehbücher. Bei uns war dies zum Beispiel die Erkenntnis, dass die geflüchteten Frauen nicht nur eine Beschäftigung suchen, sondern sie (zu recht) den Wunsch haben, dass ihre Qualifizierung anerkannt wird. Deswegen bilden wir nun auch aus bzw. kümmern uns darum, dass unsere Schneiderinnen auch auf dem Papier ihren Gesellenbrief haben.

Unser Ansatz ist deswegen, und dies würden wir auch allen Gründern empfehlen, zuerst im Kleinen zu beweisen, dass es funktioniert. Also erst den Prototypen bauen, um so auch flexibel zu bleiben und das eigene Handeln schnell justieren und den Gegebenheiten anpassen zu können.

Und am Ende einfach: Mitten rein, machen, und nicht aufgeben!

Was macht Euch zu Changer?

Wir als Designer setzen unsere Kreativität ein, um Herausforderungen zu begegnen, den Status quo nicht zu akzeptieren und stattdessen sinnvolle und neue Lösungen zu entwickeln.

Dies passt zu unserem Verständnis eines Changers. Also jemand der eben den Status Quo nicht akzeptiert. Deshalb liegt uns die Idee des Social Entrepreneurships nahe am Herzen. Auch hier gehen die Menschen mit einer kreativen Lösung gesellschaftliche Probleme an und verwandeln sie in Chancen.

So wollen wir mit unserem Social Business eine mehrdimensionale win-win-Situation kreieren: Die geflüchteten Frauen erhalten eine Beschäftigung und damit die Chance, sich aufgrund ihrer Fähigkeiten in Deutschland zu integrieren. Und gleichzeitig können wir eine hochwertige und transparente Produktion ‚Made in Germany’ wieder etablieren. 

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