ursprünglich erschienen: 03.05.2016

Die Gastronomie- und Restaurantkultur ist sehr divers und, zumindest wenn es um Essen geht, treffen hier verschiedene (Ess)-Kulturen und Nationalitäten aufeinander. Deshalb liegt es auch nicht fern, Gastronomie und Integration miteinander zu verbinden und damit einen sozialen und gemeinnützigen Mehrwert zu schaffen. Genau das haben ANKOMMER.Perspektive Gewinner Benjamin Juergens und Lukas Halfmann gemacht. Die Empfehlung des Tages lautet: Refugee Canteen. tbd* wünscht Guten Appetit!

Ihr seid schon seit 10 Jahren in der Gastro tätig und habt nun Refugee Canteen gegründet. Wie wollt Ihr Schwung in den Gastronomiebereich und die „gute Küche“ in Zusammenarbeit mit Geflüchteten bringen?

Die letzten 10 Jahre Gastro, haben uns einiges gelehrt: Wir haben uns weiter entwickelt, aber es ist immer das gleiche Bild. Viele Geflüchtete landen in den Spülküchen dieser Welt und somit werden diverse Potenziale einfach nicht genügend ausgeschöpft. Menschen mit Migrationshintergrund und geflüchtete Menschen stehen in Deutschland beim Zugang zum Arbeitsmarkt vor großen Herausforderungen. Jeder dritte Arbeitslose hat ausländische Wurzeln, was vor allem eine Folge fehlender oder in Deutschland nicht anerkannter formaler Qualifikationen ist. All dies führt dazu, dass geflüchtete Menschen häufig in den Niedriglohnsektor gedrängt werden, aufgrund fehlender Alternativen. So wird eine erfolgreiche Integration in Wirtschaft und Gesellschaft und ein Ausschöpfen persönlicher Potentiale verhindert. Die selbstbestimmte Gestaltung einer erfolgreichen Erwerbsbiographie, ist diesen Menschen somit verwehrt. Letztendlich ist die Gastro schon immer ein Schmelztiegel verschiedenster Nationalitäten und Kulturen, jeder bringt ein Stück Heimat mit und wir haben uns das Ziel gesetzt dieses Potenzial auszuschöpfen.

Das machen wir mit der Refugee Canteen Academy. Unsere Akademie bietet Geflüchteten über einen Zeitraum von 24 Wochen ein Grundlagenausbildung für gastronomische Berufe. Im ersten Ausbildungsblock, werden die erforderlichen Grundlagen in Theorie und Praxis vermittelt. Darauf folgt ein 12-wöchiges Praktikum in einem der gastronomischen Partnerbetriebe. Ziel ist das Heranführen an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Die Vorqualifizierung vermittelt nicht nur das Handwerkliche, sondern auch das kulturelle Verständnis unser Branche und Gesellschaft. Die Refugee Canteen hilft besonders, da sie motivierte Nachwuchskräfte fördert. Durch das Lernen von elementaren Grundkenntnissen und Fachbegriffen, bauen wir Sprach- und Kompetenzbarrieren ab und tragen somit zur erfolgreichen Inklusion bei. Die Partnerbetriebe der Refugee Canteen, bieten die Möglichkeit zur Berufsausbildung oder direkten Zugang in eine feste Arbeitsstelle, die sich im Idealfall an ein erfolgreiches Praktikum anschließen. Die Teilnehmer sind umfassend vorqualifiziert und erlangen alle erforderlichen Kenntnisse, um gleich aktiv in den Betrieben mitarbeiten zu können.

Wann und wie ist Eure Idee in erster Linie entstanden?

So richtig greifbar, wurde die Idee im August vergangenen Jahres. Wir beide kehrten nach längeren Reisen nach Hamburg zurück und bemerkten erst dann das Ausmaß der Welle, die auf Deutschland zukam und die neuen Aufgaben, die diese mit sich brachte. Es wurde uns bewusst, dass wir etwas dazu beitragen müssen. Das Gastgewerbe in Deutschland, erwirtschaftet einen Umsatz von ca. 70 Milliarden Euro. Die Branche steht dabei vor zwei großen Herausforderungen: die hohe Zahl von Insolvenzen und der Nachwuchsmangel/Fachkräftemangel. Viele Menschen eröffnen leichtsinnig einen gastronomischen Betrieb und schaffen es nicht. Eine Folge hiervon sind 1800 beantragte Insolvenzen im Jahr 2015. Der Nachwuchsmangel zeigt sich insbesondere an der Situation am Ausbildungsmarkt. Auf 40.000 Ausbildungsstellen, gab es nicht einmal halb so viele Bewerber. Von den jungen Menschen, die eine Ausbildung aufnehmen, brechen 30% diese wieder ab. Aus der Analyse der Probleme, lassen sich zwei zentrale Ziele für die Refugee Canteen ableiten: Wir möchten geflüchtete Menschen für eine Tätigkeit im Gastgewerbe in Deutschland qualifizieren und sie an den Arbeitsmarkt heranführen. Zum Erreichen dieses Ziels werden den Teilnehmern die erforderlichen Grundkenntnisse vermittelt, sowie ihre Potentiale analysiert und entwickelt . 

Wir möchten dazu beitragen, den Fachkräftemangel im Gastgewerbe zu reduzieren. Hierzu werden nicht nur potentielle Arbeitskräfte qualifiziert, sondern auch ein Netzwerk von Gastronomen aufgebaut, die durch Schulungen und Informationen auf die Beschäftigung geflüchteter Menschen vorbereitet werden. Da wir beide den Fachkräftemangel unserer Branche sehr gut kennen und wir bereits seit einiger Zeit Lösungsansätze suchen, wurden wir auf die Bundesweite Initiative: ANKOMMER.Perspektive Deutschland aufmerksam. Mit dem Stipendienprogramm ANKOMMER. Perspektive Deutschland werden Gründer von Sozialunternehmen, Projekte und Initiativen unterstützt, die geflüchteten Menschen die Möglichkeit eröffnen, an Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland teilzuhaben.

Wie weit seid Ihr mit der Umsetzung Eurer Idee jetzt schon?

Wir planen die Akademie im Oktober zu eröffnen. Seit vergangener Woche befinden wir uns nun in der zweiten Hälfte des Stipendiums. Die erste finanzielle Förderung haben wir bereits zugesprochen bekommen. Nun gilt es den Lehrplan auszuarbeiten, die geeignete Ausbildungsküche zu finden und uns als zertifizieren zu lassen. Für unser Vorhaben lassen wir uns als Bildungsträger (AZAV (Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung - Arbeitsförderung) zertifizieren und arbeiten nach DIN EN ISO 9001 Standard, dem weltweit anerkannten Standard für Anforderungen ein wirksames Qualitätsmanagement. Um die Wirkung zu gewährleisten, kooperieren wir von Anfang mit branchenrelevanten Akteuren und Entscheidern. Außerdem schauen wir nach einer geeigneten Geschäftsform.

Geflüchtete sollen bei Euch aktiv in der Projektumsetzung beteiligt werden. Wie sieht das konkret aus?

Das Programm wird bis von 2016 bis 2018 schrittweise erweitert, um einen gesicherten Ablauf zu gewährleisten. Das Angebot soll zusätzlich auch für weitere Zielgruppen geöffnet werden, wie z.B. Langzeitarbeitslose, Quereinsteiger, Menschen mit Behinderung oder Menschen, den der Zugang zur Arbeit erschwert ist (Menschen mit Vorbestrafung). Dazu wird einen Dachorganisation gegründet. Diese konzentriert sich auf die Integration weiterer Zielgruppen, die eine Perspektive in der Gastronomie sehen oder diese sich wünschen. Alle Maßnahmen von Refugee Canteen zielen auf die Aktivierung und beruflichen Eingliederung ab und verfolgen eine erfolgreiche Vermittlung, in eine Ausbildung und/oder ein festes Arbeitsverhältnis in der Gastronomie. Langfristig sind auch die Eröffnung eigener gastronomischer Betriebe vorgesehen, um aus Auszubildenden künftige Ausbilder zu machen.

Was inspiriert Euch an Eurer Arbeit am meisten?

Die Möglichkeit dem Menschen eine Perspektive zu geben, um sich schnell in unserem Land anerkannt und geschätzt zu fühlen. Essen verbindet und somit auch das Kochen. Außerdem ist es total inspirierend an einem Systemwandel mitzuwirken.

Sicherlich gibt es bereits ein paar Learnings, die Ihr durch die Gründung von Refugee Canteen teilen könnt. Welche wären das?

Nimm dir die Zeit an deiner Idee zu arbeiten und lass sie sich entwickeln. Eine Idee ist gut, aber bei näherer Betrachtung wirst du noch zu einigen Weiteren gelangen. Nutze die Chance, diese mit einzubeziehen. Der einzige Druck, den man hat, kommt von einem selbst und stell so viele Fragen wie Du kannst.

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