Im Jahr 2018 spendeten weniger Menschen als im Vorjahr in Deutschland ihr Geld an gemeinnützige Organisationen. Ca. 16,5 Millionen Menschen entschieden sich dazu – das ist der niedrigste Stand überhaupt. Allerdings spendeten sie rund 3,3 Milliarden Euro, was den zweithöchsten Betrag seit Erhebungsbeginn markiert (Quelle). Das bedeutet also, es gibt zwar weniger Spender, allerdings spenden diese höhere Beträge.

Sebastian Schwiecker und Pascal Zimmer gründeten gerade die Plattform effektiv-spenden.org – eine gemeinnützige Spendenplattform, auf welcher der Spender erfährt, wie er mit seiner Spende die größtmögliche Wirkung erzielen kann. Der Launch wird von einer Verdopplungsaktion begleitet, das heißt bis zum 25. August werden alle Spenden über die Website verdoppelt. Wir wollten darüber mehr erfahren und haben Sebastian "Basti" ein paar Fragen über sein neues Projekt gestellt.


 Pascal Zimmer & Sebastian Schwiecker; Foto: Judith Wagner.

Erzähl uns ein wenig von der Plattform – was unterscheidet sie von anderen Spendenplattformen?

Basti: Wir verfolgen mit ​effektiv-spenden.org​ mehrere Ziele: Wir wollen zeigen, dass es nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll ist, die Wirkung von gemeinnützigen Organisationen miteinander zu vergleichen.

Möglich, da es inzwischen renommierte Forschungsinstitute gibt, die genau das tun und auf deren Ergebnisse wir uns beziehen. Sinnvoll, da sich die Wirkung von sozialen Einrichtungen zum Teil signifikant unterscheidet. Während viele Organisationen nur eine geringe oder sogar überhaupt keine Wirkung erzielen, also das Leben ihrer Zielgruppe nicht verbessern, können die besten Initiativen zum Teil 100mal mehr erreichen als durchschnittliche Organisationen. Man kann also mit einer Spende an die weltweit besten Hilfsorganisation potentiell 100mal mehr Menschen helfen, als wenn man einfach an irgendwen spendet.

Ein Beispiel ist die von uns empfohlene Deworm the World Initiative, die es schafft Schulkinder für weniger als einen Euro im Jahr von parasitären Würmern zu befreien. Im Rahmen von wissenschaftlichen Studien hat man herausgefunden, dass dieser Ansatz um ein Vielfaches effektiver als kostenlose Schuluniformen oder Stipendien ist, wenn es darum geht Kindern in extrem armen Gebieten einen Schulbesuch zu ermöglichen. Die beste Schule hilft einem nicht, wenn man krank zu Hause bleiben muss. Insofern handelt es sich bei dem erstmal unsexy klingendem Thema Entwurmung wahrscheinlich um die weltweit beste Bildungsinvestition.

Weitere Organisationen, die wir empfehlen, schützen Kinder mit der Hilfe von Moskitonetzen vor Malaria oder unterstützen im Fall von GiveDirectly Menschen, die im Schnitt von weniger als 60 Cent am Tag leben müssen, mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Beides sind ebenfalls Maßnahmen, deren hohe Wirksamkeit durch unabhängige Studien belegt ist.

Darauf baut unser weiteres Ziel auf: Wir wollen diese Organisationen nicht nur ausführlich vorstellen, sondern auch die Möglichkeit bieten steuerbegünstigt an diese zu spenden. Diesen Service bieten wir an, weil die von uns ​empfohlenen Organisationen i​hren Sitz im Ausland haben und man bei einer direkten Spende in Deutschland keine Spendenquittung erhalten würde. Bei einer Spende über uns ist dies aber möglich. Dabei ist uns wichtig, dass wir 100% der Spenden weiterleiten. Wir behalten nichts für uns und erhalten auch keinerlei Vergütung von den empfohlenen Organisationen. Unsere eigenen Kosten decken wir komplett durch Zuwendungen von Personen, die wie wir von unserer Plattform überzeugt sind.

Der Unterschied zwischen bestehenden Spendenplattformen oder auch Spendensiegeln und unserem Ansatz auf effektiv-spenden.org besteht vor allem darin, dass wir uns an die Menschen richten, die mit ihrer Spende so vielen Menschen wie möglich so gut wie möglich helfen wollen. Diesen empfehlen wir auf Basis der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse die weltweit effektivsten Hilfsorganisationen und bieten auch ganz konkrete Orientierung. Statt hunderter oder gar tausender Projekte findet man bei uns nur eine Handvoll. Die besten.

Wie ist die Idee entstanden?

Basti: Schon in meinem ersten Job in der KfW-Entwicklungsbank, also in der staatlichen Entwicklungshilfe, habe ich an der Evaluierung von Hilfsmaßnahmen mitgearbeitet. Dort konnte ich aus erster Hand lernen, dass es zwar schwer, aber durchaus möglich ist, verschiedene Interventionen und Initiativen miteinander zu vergleichen – und wie groß die Wirkungsunterschiede sind.

Später hat mich die Arbeit des in San Francisco ansässigen Forschungsinstituts GiveWell begeistert, welche ich nun schon seit mehr als zehn Jahre verfolge. Das Institut wurde explizit gegründet, um die Frage zu beantworten, wo man mit seiner privaten Spende möglichst vielen Menschen helfen kann. Ich habe mich dann auf die Suche nach ähnlichen Ansätzen in Deutschland gemacht, bin aber bis heute nicht fündig geworden. Zwar gibt es Institute, die Spendensiegel vergeben, diese achten aber kaum auf die Wirkung der geprüften Einrichtungen und vor allem vergleichen sie diese nicht miteinander. So kann es sein, dass die eine Organisation mit den gleichen Mitteln 10mal mehr Menschen helfen kann als eine andere, dass aber beide mit dem gleichen Spendensiegel ausgezeichnet werden.

Persönlich verfolge ich aber das Ziel, mit dem Geld, das ich spende, möglichst viel helfen zu wollen. Wenn ich die Chance habe, mit meiner Spende nicht nur einen Menschen aus der Not zu befreien, sondern zehn oder sogar 100 Menschen, dann will ich das natürlich tun. Ich glaube, wenn wir uns gemeinsam auf die Unterstützung der wirksamsten Ansätze konzentrieren würden, könnten wir viele der globalen Herausforderungen wie beispielsweise die extreme Armut viel schneller hinter uns lassen.

Für alle, die hier ähnlich fühlen wie ich, bieten wir auf unserer Plattform Informationen und auch ganz konkrete Handlungsmöglichkeiten.

Wer sind eure Partner?

Basti: Finanziell werden wir aktuell vor allem von ehemaligen Kollegen unterstützt, die unsere Ziele teilen. Da momentan nur ich in Vollzeit an dem Projekt arbeite, sind unsere Kosten bisher überschaubar.
Inhaltlich orientieren wir uns bei unseren Empfehlungen stark an den Forschungsergebnissen von GiveWell, mit denen wir seit Jahren in Verbindung stehen.

Darüber hinaus haben wir natürlich engen Kontakt mit den von uns empfohlenen Organisationen, wobei hier noch mal gesagt sei, dass wir weder von diesen noch von GiveWell oder anderen Forschungsinstituten irgendeine Form von Vergütung erhalten. In unserem Empfehlungen sind wir ausschließlich der Wirkung verpflichtet.

Eine andere Organisation, die uns beim Aufbau von effektiv-spenden.org mit Rat und Tat zur Seite stand, ist die Effective Altruism Foundation. Auch sie versteht sich, wie wir, als Teil der Bewegung des Effektiven Altruismus.

Welchen Impact habt ihr bis jetzt erreicht?

Basti: Da wir gerade erst unsere öffentliche Test-Phase beendet haben, hält sich unser tatsächlicher Impact aktuell noch in Grenzen. Wir konnten einige Tausend Euro Spenden für die von uns empfohlenen Hilfsorganisationen sammeln und haben viel gutes und hilfreiches Feedback erhalten. Wir glauben, dass wir vor allem in den nächsten Monaten und Jahren Impact erzielen werden.

Welche Meilensteine wollt ihr in den nächsten 5 Jahren
erreichen?

Basti: Natürlich wollen wir uns an unseren eigenen Ansprüchen messen lassen und effektiv arbeiten. Für unser erstes Jahr haben wir uns das Ziel gesetzt, mehr Spenden für die effektivsten Hilfsorganisationen zu sammeln, als wir selber an Kosten verursachen. Perspektivisch soll dies natürlich ein Vielfaches sein. Ähnlich ausgerichtete Initiativen in anderen Ländern haben gezeigt, dass diese im Verhältnis zu ihren Kosten zum Teil ein Zehnfaches an Spenden generieren. Die besten Organisationen in diesem Bereich liegen sogar noch deutlich darüber. Wenn wir dieses Ziel erreichen, könnten wir jährlich hunderten, wenn nicht sogar tausenden Kindern das Leben retten.

Ein anderes, allerdings schwerer zu messendes Ziel ist es, einen Beitrag zu mehr Wirkungsorientierung im deutschen Spendenmarkt zu leisten. Bisher war es in Deutschland extrem schwer herauszufinden, welche Organisation am meisten Menschen helfen kann. Indem wir darüber nun Informationen zugänglich machen, wollen wir auch dafür sorgen, dass insgesamt mehr Menschen auf Wirksamkeit und Kosteneffizienz achten. Und dass diese bei den Hilfsorganisationen nachfragen, die sie bisher unterstützt haben. Wenn diese dann in ihrer Kommunikation aktiver auf die erzielte Wirkung eingehen und auch die bestehenden Spendensiegel künftig mehr Orientierung gäben, wäre aus unserer Sicht viel gewonnen.

Als letztes Ziel will ich die thematische Erweiterung nennen. Aktuell fokussieren wir uns sehr stark auf das Thema Entwicklungszusammenarbeit. Der Grund dafür ist, dass wir glauben, in extrem armen Ländern mit den zur Verfügung stehenden Mitteln deutlich mehr Menschen helfen zu können als hierzulande. Denn dort leiden die Menschen an viel elementareren Problemen. In naher Zukunft wollen wir zusätzlich die besten Organisationen aus dem Bereich Tierschutz sowie die effektivsten Initiativen vorstellen, die daran arbeiten, die Klimakrise einzudämmen.

Ihr launcht heute und macht dazu eine Verdoppelungsaktion, was hat es damit auf sich und wie kann man mitmachen?

Basti: Während unserer Testphase konnten wir einige Menschen davon überzeugen, eine Verdopplungsaktion zu unserem eigentlichen Launch zu unterstützen. Ganz konkret heißt das, dass alle Spenden über unsere Plattform während des Aktionszeitraumes verdoppelt werden. Der Aktionszeitraum beginnt heute. Und er läuft noch bis zum 25. August.

Als kleine Einschränkung sei noch gesagt, dass wir leider nur die ersten 10.000 € verdoppeln können. Natürlich trägt aber auch jede darüber hinausgehende Spende und insbesondere Dauerspenden dazu bei, dass möglichst vielen Menschen in extremer Not so gut wie möglich geholfen werden kann.

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