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Möchtest Du ein Netzwerk aufbauen, deine Herausforderungen besser einschätzen können und Werkzeuge finden, um diese zu überwinden?Fühlst du dich derzeit verloren und steckst in deiner Karriere fest? Oder fühlst du dich einfach bereit, den nächsten Schritt zu machen? The Purpose Fellowship – ein 8-wöchiges Peer-to-Peer-Coaching-Programm (remote und in englischer Sprache), das von tbd* und The Arc entwickelt wurde – könnte genau das Richtige für Dich sein!

Im Jahr 2020 unterstützte The Purpose Fellowship fast 200 sinnsuchende Professionals dabei, eine Karriere aufzubauen, die sie lieben. Eine von ihnen war Dr. Annika Elena Poppe. Durch ihre Teilnahme wurde sie dazu inspiriert einen Essay zu schreiben und wir wollen diesen voller Stolz und Danbarkeit mit euch teilen. Urspünglich erschien er hier auf Annika's LinkedIn Seite.

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Wir leben in einer Gesellschaft, die das Spezialistinnentum liebt. Menschen, die für sich ein Feld entdeckt haben, auf das sie sich konzentrieren und in dem sie immer besser werden. Sich gezielt hinaufarbeiten: von Praktikantin und Assistentin via Junior zu Senior Expertin. Der ein oder andere Umweg im Lebenslauf gilt zwar inzwischen als schick. Und Stellenaus­schreibungen mögen Offenheit für vielseitig Begabte und Quereinsteigerinnen suggerieren. Aber am Ende fällt die Entscheidung häufig für eine Bewerberin mit klassischem und langjährig angewandtem Expertinnenwissen. Eine mit ihrer Stelle unzufriedene und deshalb sich beruflich umorientierende Freundin sagte kürzlich zu mir: „Ich kann vieles ziemlich gut, aber nichts so richtig. Wie gerne wäre ich Expertin in irgendwas!“ Auf der anderen Seite begegnen mir immer häufiger Menschen (und ich selbst bin auch so eine), die tatsächlich Expertinnen in irgendwas sind – aber damit einfach nicht glücklich. Und oft fühlen sie sich dabei nicht einmal als Expertin – Hochstaplerinsyndrom, Perfektionismus und die alles dominierende innere Kritikerin lassen grüßen. Aber dazu ein andermal mehr.

Ein klarer roter Faden im Berufsweg und sich stets vertiefende Expertise sind immer noch der Goldstandard. Immer wieder wird uns suggeriert, wir dürften uns nicht verzetteln. Im besten Fall, so der Anspruch, den wir inzwischen an uns selbst stellen, finden wir unsere eigene, wahre Berufung – und leben diese dann aus vollem Herzen! Im noch besseren Fall werden wir dafür auch bezahlt. Dieser Weg ist nicht verkehrt, und viele Menschen sind ihn glücklich gegangen. Andere haben sich ebenso die Zeit genommen, sich selbst gut kennen und verstehen zu lernen, und haben vielleicht sogar einen Haufen hervorragender Ratgeberliteratur und Coachings absorbiert – und verzweifeln zunehmend am Rätsel um die eigenen Berufungsfindung. Denn der innere Leidensdruck für Menschen, die sich auf eine ernsthafte Suche nach ihrer wahren Begabung gemacht haben, aber nicht fündig werden, kann enorm hoch sein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil wir verinnerlicht haben, dass Menschen dann glücklich sind, wenn sie ihre Potenziale leben (können). 

Wenn dir das also so geht, was stimmt dann an dir nicht? Grundsätzlich: gar nichts. Dann bist du wahrscheinlich eine Scanner-Persönlichkeit. Eine (Neo-)Generalistin. Noch schöner: eine Multipotenzialistin!

Also eine Person mit:

  • vielen Talenten und Interessen 
  • der Fähigkeit, sich schnell in viele Bereiche einzuarbeiten und darin richtig gut zu werden
  • der Fähigkeit, sich gut anzupassen
  • Weitblick und einem Gespür für die Zusammenhänge

Schon oft gehört, oder? Vielleicht zähneknirschend akzeptiert und dich dabei gefragt: „Was soll ich denn jetzt damit machen?“. (Ein paar Ideen dazu hier.) Vielleicht hast du dich aber bisher auch noch nicht so richtig damit identifiziert – mit Wertschätzung, vielleicht sogar mit Freude? Oder Konsequenzen für deine berufliche Entwicklung daraus gezogen? Ich selbst jedenfalls habe lange Zeit meine „Aha!“-Momente schnell wieder vergessen.

Häufig haben wir gelernt und verinnerlicht: wenn du alles ein bisschen kannst, kannst du nichts so richtig. Das ist Quatsch. Klar müssen wir uns immer wieder konzentrieren und fokussieren auf bestimmte Dinge, um sie ordentlich zu tun. Aber warum sollte das nicht in vielen Bereichen funktionieren? Ein Arbeitsvermittler sagte mir mal in einem Gespräch, dass Deutschland daran leide, nicht genug „kiwi“ zu sein. Seine Erfahrung im Land der Kiwis, also in Neuseeland, sei gewesen, dass Menschen beruflich und privat vielen verschiedenen Aufgaben nachgehen. Das sei völlig normal und akzeptiert. Auch in den USA, stelle ich an meinen Freundinnen und Kolleginnen immer wieder fest, werden häufige „Karrierewechsel“ nicht so skeptisch beäugt wie hierzulande. Es gibt kein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Behauptung, viele Dinge sehr gut zu können. Oder eben viele Dinge auch jenseits eines Alters von 25 noch bis zur annähernden Perfektion lernen zu können. 

Das Thema interessiert dich? Hier findest Du ein paar Literatur-Tipps von Annika:

Eigentlich ist die Privilegierung von Expertinnentum – inklusive unserer eigenen Sehnsucht danach, Expertin in einem bestimmten Feld zu werden – recht erstaunlich. Hören wir doch stets, dass systemverknüpfendes Denken und out-of-the-box-Thinking in Zukunft immer relevanter werden. Multipotenzialistinnen tendieren dazu, genau das zu können: sie fahren sich nicht so leicht fest. Und es ist ein alter Hut, dass viele Tausend Beraterinnen mit breitem Erfahrungshorizont täglich gut dafür bezahlt werden, Spezialistinnen durch den Außenblick neue und bessere Wege zu eröffnen. Und wenn es stimmt, wie Emilie Wapnick hierbehauptet, dass Multipotenzialistinnen drei spezielle Superkräfte haben – „idea synthesis“, „rapid learning“ und „adaptability“ – dann sollte uns zum Beispiel der Katalog der wichtigsten Fähigkeiten in naher Zukunft Hoffnung machen: unter den Top 10 skills of 2025 des Future of Jobs Survey 2020 (Seite 36) des World Economic Forum finden sich acht Fähigkeiten, die im besten Sinne als cross-cutting gelten dürfen.

Natürlich braucht es beides. Und natürlich liegen viele Persönlichkeiten irgendwo dazwischen auf dem breiten Spektrum zwischen Spezialistinnen und Multipotenzialistinnen. Aber der Kulturwandel, den es braucht, um die Spezialistinnen-präferierenden Strukturen aufzubrechen und den Multipotenzialistinnen mehr Mut zu machen, ihre Vielseitigkeit auch zu leben und nicht als Schwäche oder Verzettelung zu begreifen – den müssen wir weiter kräftig anstoßen, damit er mehr Früchte trägt. Wenn du also den Verdacht hast, eine Multipotenzialistin zu sein: don’t despair and be more kiwi! Your time is coming.

Dieser Essay wurde inspiriert durch meine Teilnahme am Purpose Fellowship 2020 (Cohort 3), wo es von Multipotenzialistinnen nur so wimmelte – ich danke euch von Herzen für den intensiven Austausch und all die Inspirationen!

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