Titelbild: Kübra Gümüşay © DPZCapital Headshots Berlin

Dieser ist der erste Artikel in der Serie to belonging*. Über Artikel starten wir mit dem ersten Schritt von unserer geplanten Arbeit zum Purpose und Belonging. Diese Serie wird ermöglicht durch die Open Society Foundations. “to belonging” ist ein langfristig angelegtes Projekt, welches der Diskurs rund um Diversity und Inklusion hin zu einem von “belonging” verändern möchte. Anti-rassismus, Feminismus und Gerechtigkeit werden zum Mittelpunkt und sollen zu einem radikalen systemischen Wandel führen im Impact Sektor, von “Macht über” und “Macht für” hin zu “Macht mit”.  

Am Anfang meiner Reise mit Hedda, als wir sie noch nicht mal eingestellt hatten aber wir beide über Wochen oder waren es sogar Monate mehrere Stunden am Telefon geredet hatten bis beide Ohren rot und heiß waren, hat sie angefangen mir immer wieder Auszüge aus ihren Lieblingsbüchern zu schicken. Einfach so. Abfotografiert, bei dropbox hochgeladen und einen Link geschickt. Mit dem HInweis darauf, dass ich das bitte lesen sollte. Der erste Auszug kam aus dem Buch, Sprache und Sein, von Kübra Gümüsay. Hedda schickte mir den mit den folgenden Wörtern: “Darin geht es um eine mögliche gleichberechtigte Zukunft. Ich habe das Gefühl das der Text für tbd* eine tolle Inspiration sein könnte, auf dem neuen Weg ins Ungewisse.” 

Und es war eins der vielen Momente, wo ich dachte. Wow, du bist uns so krass weit heraus. Und genau deshalb, ja, wir gehören hier irgendwie zusammen. Denn Kübra hatten wir bereits ausgewählt als eine der ersten Frauen, die wir im Rahmen von diesem Projekt vorstellen wollten. Ich hatte sogar das Glück gehabt, Kübra persönlich kennenzulernen kurz nachdem sie das Manuskript für ihr Buch abgegeben hatte. Sie hat die Launch Veranstaltung von meinem eigenen Buch moderiert und hat, um ehrlich zu sein, ein bisschen den Show gestohlen. Alle waren zutiefst berührt und beeindruckt von ihrer unfassbar warmen und ruhigen Ausstrahlung, ihrem Humor und ihrer dennoch überzeugenden und bestimmten Art. Aber damals kannten sie nur ein Paar Fangirls wie wir. Kennengelernt hatten wir sie über unsere tollen Kolleginnen und Partnerinnen von EditionF. Das EditionF Team hat ein wahnsinniges Gespür für gute Frauen. 

Na ja und dann. Kam das Buch raus. Und plötzlich war sie überall. In jeder Talkshow. In jeder Zeitung. Auf jeder Bühne. Kurz noch, bevor Corona kam. Aber ihre Stimme hallt weiter. Denn das Buch ist zum Bestseller geworden. Berechtigterweise. Denn sie drückt genau das aus, was in den letzten Wochen durch die Black Lives Matter Bewegung vielen (durchaus liberalen) weißen Menschen erst jetzt klar geworden ist: wir müssen handeln, wir sind verantwortlich. 

Das ist jetzt alles eine Weile her. Ich habe mir gerade den Auszug noch mal angeschaut und so wie damals gingen Fenster und Leuchte in meinem Kopf auf. JA! Es ist so. Bei fast jedem Satz muss ich kurz innehalten. Wir wollen eine andere Gesellschaft. Wir wollen eine andere Kultur. Wir wollen ein anderes System. Aber wir wissen nicht wie es funktionieren kann. Wir wissen nicht wie eine gleichberechtigte Welt wirklich aussehen wird, welches Wirtschaftssystem dahinter steckt oder welche Art von Politik oder Unternehmensstrukturen dies auch ermöglichen können. Aber wir müssen keine Antworten haben, um uns trotzdem auf die Reise zu begeben. Denn wir reisen ins Ungewisse. 

Es hat mir Mut gegeben. Denn ich bin so eine die gerne sofort Lösungen sucht und bloß nicht auftreten möchte ohne eine fertige Antwort parat. Denn Unsicherheit heisst häufig gleich Schwäche. Aber dank Hedda und dank Kübra habe ich jetzt verstanden, dass diese Fähigkeit mit Unsicherheiten, mit eine unklaren Zukunft und mit einer Realität im entstehen, umzugehen, sind genau die Stärken, die wir brauchen, um unsere Welt, um die Welt, zu verändern. Los geht’s. Ins Ungewisse. to Belonging*. 

“Dieses Buch versteht sich als ein Beitrag auf der Suche nach einer Sprache, in der wir alle als Menschen in unserer Komplexität gleichberechtigt existieren können, als ein Nachdenken auf dem Weg dahin, unsere Ideal einer besseren Gesellschaft zu verwirklichen. Es will Anreize geben, die Architektur und damit auch die Grenzen unseres Sprechens, Denkens, Fühlens und Lebens zu erkennen und an ihnen zu arbeiten. Zu erkennen, dass diese Welt, wie sie ist, keine gerechte ist - so komfortabel sie auch für manche sein mag. Sich Gedanken über einen tatsächlichen Wandel zu machen. Auch wenn es zwischendurch ungemütlich wird. Auch wenn es mehr Fragen als Antworten gibt. 

Anreize, zu hoffen. Sich nicht an Unrecht zu gewöhnen. 

Anreize, sich der eigenen Perspektive und Begrenztheit bewusst zu werden. Und damit der Potenziale dieser Welt. 

Anreize, an der Gesellschaft mitzubauen, in der wir wirklich leben wollen. 

In der alle gleichberechtigt sprechen und sein können.”

Naomi, tbd*: Wie prägt Sprache unser Sein?

Kübra: Der Schriftsteller David Foster Wallace erzählte mal in einem Vortrag folgende Geschichte:

Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen! Wie ist das Wasser?“

Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich schaut der eine den anderen an und sagt: „Was zum Teufel ist Wasser?

Sprache ist für Menschen wie Wasser für Fische. Der unsichtbare Stoff unseres Denkens und Lebens. Sie formt uns, sie prägt uns. Sie kann der Ort sein, an dem wir in unserer Vollständigkeit uns ausdrücken und sein können - aber auch eben jener Ort, der unser Sein verhindert, weil es keine Worte für uns gibt. Keine, die uns in unserer Vollständigkeit umfassen.


Kübra schreibend in einem Café © Mirza Odabaşı

Naomi, tbd*: Du redest von Käfigen. Wer ist dafür verantwortlich diese Käfige aufzubrechen? Diejenigen, die in dem Käfig sitzen oder diejenigen, die außerhalb des Käfigs stehen? Und wie gelingt dies am Besten?

Kübra: Ich denke, wir alle sind dafür verantwortlich, die Architektur unserer Sprache zu verändern, in die Käfige Türen einzubauen, in dem wir Worte schaffen, die unsere Sichtweisen, unsere Erfahrungen erfassen können. Doch letztlich müssen diejenigen, die außerhalb der Käfige stehen, ihren Absolutheitsglauben ablegen. Also den Irrglauben, sie hätten einen Menschen abschließend verstanden, weil sie ihn korrekt einer Kategorie zugeordnet haben. Immer dann, wenn eine Gruppe von Menschen ihre eigene Perspektive verabsolutieren und für universal erklären, ordnen sie andere Perspektiven unter, üben Herrschaft aus - und unterdrücken letztlich andere Perspektiven, Erfahrungen und letztlich Menschen. Dies lässt sich auf so viele Lebensbereiche und Strukturen übertragen. Wenn bspws. Männer ihre Perspektive auf die Welt verabsolutieren, unterdrücken sie die Perspektiven von Frauen.

Naomi, tbd*: Krisenzeiten können dazu führen, dass Gesellschaften zusammenwachsen oder auch auseinander driften. Wie nimmst Du diese Krise wahr?

Kübra: Beides passiert, gleichzeitig. Aber es liegt an uns, sie in die eine oder andere Richtung zu lenken. Ich finde, die Zukunft, sie passiert uns nicht einfach so, wir beteiligen uns an ihr. Entweder, weil wir sie dystopisch herbeibeschwören, noch bevor sie eintritt, kapitulieren und sie kommen lassen. Oder weil wir uns nicht um eine andere Zukunft bemühen. Eine, in der diese Zeiten mehr Zusammenhalt bedeuten können. Indem wir genau das vorleben - sei es durch den Einsatz für Geflüchtete an den EU-Außengrenzen, die Schande unserer Generation oder indem wir uns für solche einsetzen, die aktuell kein Dach über dem Kopf haben, kein „Zuhause“ oder kein sicheres. Indem wir uns für jene einsetzen, die politisch unterrepräsentiert sind und auf die Stimme anderer angewiesen sind, leben wir Zusammenhalt vor.

Naomi, tbd*: Was wünscht Du Dir als Wirkung von dem Buch? Was bekommst Du als Feedback? Passiert auch unerwartetes?

Kübra: Als die ersten Freund*innen mir begeistertes Feedback für das Buch schickten und von der Herzlichkeit darin schrieben, dachte ich mir: Klar, wir sind befreundet, deshalb schreibt ihr das. Aber als mir komplett fremde Menschen von der Liebe und Herzlichkeit in dem Buch schrieben, war ich doch überrascht - dass sich ein solches Gefühl transportieren lässt, das hatte ich nicht erwartet. Das Feedback ist insgesamt überwältigend und um ehrlich zu sein auch surreal - weil ich außer der Premierenlesung keine Lesung hatte, mit dem Lesepublikum nahezu keine analogen Erfahrungen hatte. Deshalb kann ich den Erfolg nicht wirklich fassen, aber womöglich hätte ich das auch unter anderen Umständen nicht gekonnt.

Naomi, tbd*: Was ist gerade wichtig?

Kübra: Uns der massiven Veränderlichkeit dieser Welt noch stärker bewusst zu werden - denn sie führt uns vor, wie umsetzbar viele Ideen sind, die vormals radikal galten. Nun ist wichtig, diese Ideen zu diskutieren.

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