TRIGGERWARNUNG: Dieser Text behandelt psychische Erkrankungen.

Derzeit leiden 5,1% der Männer und 11,3% der Frauen in Deutschland an einer Depression. Expert*innen vermuten, dass es sich bei diesen Zahlen nur um die Spitze des Eisbergs handelt, da viele sich ihrer psychischen Krankheit nicht bewusst sind oder nicht darüber reden möchten. Und obwohl jede*r zwölfte Bundesbürger*in betroffen ist, steckt der öffentliche Diskurs über Depressionen noch immer in den Kinderschuhen. Dies hat vor allem mit den Stigmata zu tun, die trotz aufklärerischer Arbeit vieler Organisationen, Betroffener und Verbänden nicht aus der Welt zu gehen scheinen.

Genau diese Stigmatisierung möchte die MUT-TOUR mit Hilfe eines originellen Konzeptes aus der Welt schaffen. Wir haben Franziska Radczun, Mitarbeiterin der MUT-TOUR Projektleitung einige Fragen über ihre Arbeit gestellt.

Was ist die MUT Tour? Wie ist sie entstanden?

Die MUT-TOUR ist ein Aktionsprogramm, das sich seit 2012 jeden Sommer durch Deutschland bewegt und ein Zeichen für mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Erkrankungen, insbesondere Depressionen setzt. Dieses Jahr legte die MUT-TOUR mit Tandems und zu Fuß 3.675 Kilometer zurück und war mit 6er Teams - bestehend aus Menschen mit und ohne Depressionserfahrung – in insgesamt 11 Etappen vom 15. Juni bis 01. September unterwegs. Während der MUT-TOUR Etappen erleben die Teilnehmenden Gemeinschaft, Natur und Bewegung und setzen sich durch aktive Öffentlichkeitsarbeit für weniger Angst und Scham im Umgang mit psychischen Erkrankungen ein. Durch die ermutige Berichterstattung machen mutige Teilnehmende anderen Mut, Hilfe anzunehmen und in den Dialog zu treten.

Zur Entstehung des Projekts, die MUT-TOUR wurde durch Sebastian Burger ins Leben gerufen. Vor der MUT-TOUR hat er bereits Erfahrungen in verschiedenen partizipativen Tandem-Projekten gesammelt. Die Idee zur MUT-TOUR kam ihm als er mitbekommen hat wie jemand in seinem Bekanntenkreis nicht offen mit der eigenen Erkrankung im Arbeitskontext umgehen konnte.

Hilfe bei Suizidgedanken

Solltet Ihr selber von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, such dir bitte umgehend Hilfe. Bei der anonymen Telefonseelsorge findest Du rund um die Uhr Ansprechpartner*innen. 

Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 www.telefonseelsorge.de

Welche Stigmatisierungen haften heute immer noch an psychischen Krankheiten?

Die Berichterstattung wird immer noch von starken Grautönen und Negativbildern dominiert. Psychische Erkrankungen werden oft mit in sich versunken sitzenden Menschen, die sich allein in menschenleeren Räumen befinden verbildlicht. Zusätzlich ist in Verbindung mit psychischen Erkrankungen öfter von einer geringeren Leistungsfähigkeit und Unberechenbarkeit die Rede. Dadurch wird ein stark einseitiges und problemorientiertes Bild in der Berichterstattung gezeichnet, das wenig Auswege und Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene und deren Angehörige bietet. 


Die MUT-TOUR in Action; Bild 1: Johannes Ruppel/ Bild 2: Andreas Stenzel

Auf der privaten Ebene hören Betroffene von Außenstehenden immer noch, dass sie sich doch nur selbst aufraffen müssten - bspw. mehr Sport treiben oder an die frische Luft gehen sollten. Die Erkrankung wird somit mit einer persönlichen Schwäche gleichgesetzt und verstärkt die Selbststigmatisierungsspirale. Denn diese erleben viele Betroffene schon ohne die Reaktionen ihrer Umwelt – von einen auf den anderen Tag funktioniert man als Mensch nicht mehr reibungslos und stößt innerhalb unserer Leistungsgesellschaft an individuelle Grenzen – hier aus dem “normalen” Raster zu fallen, lässt einige Menschen an sich selbst zweifeln und es kommt zu Scham- und Schuldgefühlen. Daneben kommt es auch vor, das betroffene Menschen von ihrem sozialen Umfeld aufgrund ihrer Diagnose mit “Samthandschuhen” behandelt werden und ihnen weniger zugetraut wird. Stigmatisierungen betreffen auch den Berufsalltag, es ist unter anderem immer noch nicht selbstverständlich beim Chef den anstehenden Termin mit dem Psychotherapeuten in der gleichen Offenheit wie den Termin beim Zahnarzt anzugeben. Aus Angst, dass die eigene Arbeitskraft aufgrund der Offenlegung in Zukunft immer im Zusammenhang mit der psychischen Erkrankung bewertet wird und sie somit eine nachteilige Behandlung erfahren.


Ein schöner Platz für die Nacht, Bild; Sebastian Burger (MUT-TOUR)

Wie nimmt man Leuten am besten die Berührungsangst?

Es braucht realitätsnahe Darstellungen in den Medien von Krankheitsbildern, die ein Spektrum von Symptomen und Genesungswegen zeigen. Werden psychische Erkrankungen in ihrer Vielfalt und mit Fallbeispielen portraitiert, die auch einen verschiedenartigen Umgang mit der Erkrankung aufzeigen, entdämonisiert das die ganze Geschichte und wir trauen uns Fragen nach dem individuellen Erleben zu stellen. Eine Depression wird von Menschen unterschiedlich erlebt und auch der Genesungsweg ist ein ganz individueller. Hierbei helfen Begegnungen mit den betroffenen Menschen, deren Angehörigen und ihren individuellen Erfahrungsberichten, denn diese informieren und schaffen Verständnis für unbekannte Lebensrealitäten. 

Bei der MUT-TOUR leben wir genau diesen Ansatz: unsere Touren bringen Menschen mit und ohne psychische Erkrankungen zusammen – Betroffene treffen Angehörige und auch Berufstätige des psychosozialen Kontextes sowie Menschen, die sich einfach für das Gemeinwohl einsetzen wollen, sind als Teilnehmende dabei und teilen sich ein Tandem. Nach außen demonstrieren wir, dass man es Menschen eben nicht von außen ansehen kann, ob sie psychisch erkrankt sind und dass sie trotz ihrer Krisenerfahrungen leistungsfähig sind. Der Austausch untereinander ermöglicht einen Perspektivwechsel, der zeigt, dass die Ursachen sowie Verläufe psychischer Erkrankungen eben nicht wie bei körperlichen Erkrankungen kausal erkennbar sind und es zeigt, dass wir alle am Ende nur Menschen sind, die jeweils mit unterschiedlich stark gefüllten Rucksäcken ihr Leben bestreiten und dass sich diese mit weniger oder mehr Hilfe auch für ein leichteres Schultern umpacken lassen. 

Während des Touralltags kommen wir immer wieder auch mit Bürgern am Straßenrand oder während einer Eispause ins Gespräch, eine authentische Begegnung mit einer Portion Humor schafft hier immer wieder eine super Basis, um an den fest verankerten Bildern zu rütteln.

Welche Rolle spielt die gemeinsame Bewegung, bzw. das gemeinsame Fortbewegen für euer Projekt?

Die Teilnehmenden berichten immer wieder von der aktivierenden Wirkung der täglichen Bewegung – doch die positive Kraft ergibt sich nicht nur aus der reinen sportlichen Aktivität. Für ein gemeinsames Ziel in die Pedale zu Treten und dabei entlang Deutschlands schöner Fahrradwege durchschnittlich 55 Tageskilometer zurückzulegen wirkt sich positiv auf die Stimmung und das eigene Selbstwertgefühl aus. Es ist die Mischung aus Gemeinschaft, Naturmomenten und täglicher Bewegung, die die Besonderheit ausmacht. Die Etappen-Teams sind bunt gemischt und oftmals lernt man die Mitfahrenden erst am Ankunftstag der Etappe kennen– doch bereits am ersten Fahrtag entsteht aufgrund geteilter Motivationen ein Gemeinschaftsgefühl und es wird gemeinsam als Team der Etappenalltag gemeistert. Das Tandem hat hierbei auch Symbolcharakter – niemand muss für sich alleine “Strampeln”, unterschiedliche Fitness-Level können ausgeglichen werden und man bleibt durch den festen Sitz im Sattel konstant mit anderen im Kontakt. Es ist eine tolle Erfahrung, die eigene Körperkraft zu nutzen, um am Ende bspw. eine Strecke von Jena nach Braunschweig zurückzulegen und währenddessen auch noch täglich Interviews zu geben, um durch individuelle Erfahrungswerte anderen Menschen Mut machen zu können.

Wie sieht die Zukunft der MUT Tour aus? Welche Ziele verfolgt ihr?

Mit jedem mehr gefahrenen Kilometer und weiteren Interview erreichen wir weitere Menschen und informieren stetig über die vielfältigen Lebensrealitäten von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Dabei ist es uns wichtig alle Menschen zu erreichen, egal in welcher Art sie mit dem Thema verbunden sind – es geht uns um einen unverkrampften Umgang mit dem Thema psychische Gesundheit und das gesellschaftsübergreifend.

Dabei ist es uns ein besonderes Anliegen uns durch Regionen fortzubewegen, in denen eine flächendeckende psychosoziale Versorgung nicht gegeben ist und Menschen zu erreichen, die bisher noch keinen Kontakt zum Hilfesystem haben oder dem Thema noch immer mit Scham und Angst begegnen.  

Apropos Zukunft, wir stecken gerade mitten in den Planungen für die kommende MUT-TOUR 2020, die wieder während der Sommermonate stattfinden wird. Interessierte, die Lust auf 7 Tage Gemeinschaft, Natur und Öffentlichkeitsarbeit haben, können sich schon jetzt bei uns für unsere MIT-MACH-Wochenenden anmelden. An einem natur idyllischen Ort in Hessen kann das Projekt und die Leute dahinter kennengelernt werden. Die Termine finden im April und Mai 2020 statt. Weitere Informationen zu unserem MIT-MACH-Wochenenden unter: https://www.mut-tour.de/mit-mach-wochenende/

Die MUT-TOUR auf Social Media:
https://www.facebook.com/MutTour/
https://www.instagram.com/mut_tour/

About

Der Trägerverein der MUT-TOUR ist Deutsche DepressionsLiga e.V. Deutschlands einziger Betroffenenverband für Menschen mit Depressionserfahrung.

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