"Für einen Großteil aller Europäer*innen bleibt die Vielfalt und die großen Versprechen der EU im Grunde reine Theorie."

Die Reputation der Europäischen Union hat gelitten. Uneinigkeit und Ungewissheit prägen die mediale Landschaft rund um die EU und der Rechtspopulismus ist in einigen Mitgliedsstaaten auch deutlich spürbar. Großbritannien scheint es mit dem Brexit Ernst zu meinen und 2018 hält natürlich schon neue Herausforderungen bereit. Wo bleibt da die Einigkeit? Sollten wir nicht alle an einem Strang ziehen? Wie kann man es in diesen Zeiten schaffen, dass europäischer Zusammenhalt nicht nur eine leere Worthülse ist? Die Verfechter*innen von #FreeInterrail sehen die Lösung in persönlichen Begegnungen und wollen, dass jedem europäischen Bürger ab 18 ein kostenloses Interrailticket zur Verfügung gestellt wird, wobei 56 Prozent der Deutschen diese Einführung befürworten. In diesem Interview erzählt Vincent-Immanuel Herr, einer der beiden Ideengeber, welche Erfolge schon erzielt wurden, wie es um das Pilotprojekt steht und weshalb Europa genau das braucht.

Die Aktivisten Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer

Die Aktivisten und Ideengeber von #FreeInterrail, Vincent-Immanuel Herr (rechts) und Martin Speer (links), Photo credit: Phil Dera.

Was genau verbirgt sich hinter #FreeInterrail?

#FreeInterrail ist in Policy-Vorschlag, sowie eine zivilgesellschaftliche Kampagne zur Umsetzung dieses Vorschlags. Die Idee ist einfach: Jede*r EU-Bürger*in sollte zum 18. Geburtstag einen Gutschein für ein 30-Tage-Interrailticket erhalten. Der Gutschein kann innerhalb von sechs Jahren bequem online oder an einem Bahnhof eingelöst werden, danach geht die Reise durch Europa los. Wir hoffen damit, die Zahl derjenigen zu steigern, die Europa erleben und entdecken können. Aktuell sind es bestimmte soziale und finanzielle Klassen, die viel reisen, während andere dies nicht können. Mit #FreeInterrail soll Europa allen Bürgerinnen und Bürgern eröffnet werden. Dadurch können Vorurteile abgebaut, internationale Zusammenarbeit gestärkt und europäische Integration gefördert werden. Seit 2015 machen wir uns für die Idee stark. Mittlerweile haben wir viel Unterstützung aus der Zivilgesellschaft, von Jugendorganisationen und Stiftungen, und auch aus der Politik, in Brüssel, Berlin und anderen Hauptstädten.

Wie ist die Idee entstanden? War die Motivation schon damals die Förderung einer besseren europäischen Kooperation und Integration?

Die Idee entstand auf einer Interrailreise, die wir wir beide, Martin und Vincent, im Jahr 2014 gemacht haben. Die Reise hat uns Europa näher gebracht, als alle Seminare und Infobroschüren es je gekonnt hätten. Vielfalt muss man erleben, um sie wirklich zu verstehen. Am Ende der Reise haben wir uns gefragt: Warum können nicht alle jungen Europäerinnen und Europäer diese gleiche Erfahrung machen? Das war an einem Abendbrottisch in Wien. Seitdem hat die Idee breite Kreise gezogen und viele Fans gefunden.

Wieso ist aus eurer Sicht gerade kostenlose Mobilität für die europäische Jugend der Schlüssel zu einem besseren Europa?

Die EU besteht aktuell aus 28 Mitgliedsstaaten und hat 24 offizielle Amtssprachen. Das ist eine Vielfalt, die kaum vorstellbar ist. Noch viel weniger, wenn man sie nicht oder nie persönlich erlebt hat. Jährlich können nur etwa 1/3 Europäer*innen ins Ausland reisen. Nur ein Bruchteil der jungen Generation kann ERASMUS+ machen. Das heißt: Für einen Großteil aller Europäer*innen bleibt die Vielfalt und die großen Versprechen der EU im Grunde reine Theorie. Sie sind kein Teil davon. Das ist nicht nur ungerecht, sondern fördert auch Vorurteile und stärkt nationalistische Bewegungen. Wenn wir es schaffen, dass alle jungen und zukünftigen Europäer*innern vor Beginn ihres Berufslebens Europa und seine Menschen persönlich erleben könnten, würde dies einen entscheidenden Beitrag zur Integration tun und die EU wirklich zu einem Projekt für alle Menschen darin machen.

Unter euren Supportern befinden sich viele große Namen und Stiftungen. Wie habt ihr es geschafft in so kurzer Zeit so viel Unterstützung zu erhalten?

Hier spielen zwei Faktoren eine Rolle: Wir haben zum einen einfach wirklich viel versucht: Briefe und Artikel geschrieben, Politiker*innen in Brüssel und anderswo angerufen und angemailt. Wir waren in den Sozialen Netzwerken sehr aktiv und versuchen, immer mehr junge Leute an Bord zu holen und als Botschafter*innen zu gewinnen. Diese machen dann wieder eine tolle Arbeit und verbreiten die Idee in ihren Umfeldern. Zum anderen spricht die Idee für sich selbst: In vielen Fällen sind wir damit offene Türen eingerannt. Selbst im Europäischen Parlament und der Europäischen Kommission haben wir von Anfang an mehrere Personen getroffen, die offen und interessiert waren und der Idee eine Chance geben wollten. Der Zeitpunkt war wohl auch günstig: Besonders die Griechenlandkrise 2015 und die Brexit-Entscheidung 2016 haben das Gefühl ausgelöst, dass wir nun große und unorthodoxe Ideen für Europa brauchen. Da kam #FreeInterrail wohl genau zur richtigen Zeit. Alleine hätte all das aber nicht geklappt. Wir sind sehr dankbar für die vielen Unterstützer*innen in Politik und Zivilgesellschaft, die uns ermutigt haben und uns immer mit Ideen zur Seite standen. Damit ist #FreeInterrail auch ein großartiger Beweis dafür, wie Europäische Zivilgesellschaft zusammenarbeiten und eine Idee voranbringen kann.

Wie weit seid ihr mit euren Forderungen? Wurden bereits erste Ziele erreicht?

Seit Ende 2016 beschäftigt sich das Europäische Parlament mit dem Vorschlag. Das liegt auch daran, dass es in verschiedenen Fraktionen Politiker*innen gibt, die sich leidenschaftlich dafür einsetzen. 2017 sollte es ein erstes Pilotprojekt geben. Das ist allerdings nichts geworden. Für 2018 soll es nun einen weiteren Anlauf geben. Das freut uns, gleichzeitig bleiben wir am Ball und versuchen alles zu tun, damit das Pilotprojekt unsere wichtigsten Forderungen berücksichtigt: 1) universale Anwendung und 2) keine Zugangshürden. Das heißt: Eine Verlosung der ca. 20.000 Tickets ohne Bewerbungsprozess wäre unsere Vorstellung. Unsere Vision ist langfristig aber kein Pilotprojekt, sondern die universale Einführung für alle 18-Jährigen. Dafür müssen wir auch nach dem Pilotprojekt am Ball bleiben und sowohl mit unseren Partnern in Brüssel arbeiten als auch als Zivilgesellschaft weiterhin Druck von außen aufbauen. Dazu haben wir ja auch unsere Petition: change.org/freeinterrail

Jetzt wo ein Pilotprojekt der EU in Planung ist, wo seht ihr euch als Organisation? Welche Aufgaben wollt ihr in Zukunft bewältigen?

Wir sehen es so: Solange es keine universale Anwendung von #FreeInterrail (ohne Zugangshürden) gibt, sind wir als Team und Organisation nötig. Wir arbeiten gerade an verschiedenen Ideen, wie wir die Idee noch tiefer im politischen Denken verankern und den Unterstützer*innenkreis vergrößern können. Es ist schwer abzuschätzen, wie lange das alles noch brauchen wird, aber wir sind guter Dinge über das, was bisher geklappt hat und freuen uns darauf, so lange weiterzumachen, bis unsere Vision von einem Europa für alle Wirklichkeit geworden ist.

Mehr Informationen zu #FreeInterrail findest du hier.

#FreeInterrail wird durch ProjectTogether und tbd* im Rahmen der “Zukunft. Jetzt.”-Kampagne zur Bundestagswahl gefördert.
Unter dem Slogan “Wahl ist heute. Demokratie ist immer.” wurden innovative Initiativen gesucht, die in den kommenden vier Jahren die Zukunft mitgestalten.