ursprünglich erschienen: 17.02.2016

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Teach First Deutschland entstanden. 

Vor zehn Jahren begann ich in einer schönen Hansestadt Jura zu studieren. Zehn Jahre später bin ich zurückgekehrt, allerdings mit einem unjuristischen Auftrag: ich bringe SchülerInnen aus den internationalen Vorbereitungsklassen (IVK) der Schule Surenland in Farmsen Deutsch bei.

„Herr Mahlow ist ein nett Mann“ schreibt einer meiner Schüler in seiner Hausaufgabe. Aufgabe war es, eigene Sätze mit den neu erlernten Vokabeln zu formulieren. Der Schüler heißt Rashid* und ist alleine aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Am Anfang des Schuljahrs sprach er außer einem zögerlichen „Hallo“ kein einziges Wort Deutsch. Mittlerweile gehört er zu den stärksten Schülern meines Sprachförderungskurses in der IVK 9 und zitiert deutsche Sprichwörter.

Anyana ist in ihrem Heimatland Rumänien nur vier Jahre zur Schule gegangen, obwohl sie 16 Jahre alt ist. Die deutsche Sprache fiel ihr nicht unbedingt zu und am Anfang war sie sehr auf die Hilfe ihrer MitschülerInnen angewiesen. Selbst langsames Nachsagen von Worten oder Abschreiben von Texten fiel ihr schwer. Man wollte sie bereits in eine Alphabetisierungsklasse stecken. Nach dem ersten Deutschtest, den wir schrieben, blieb sie alleine nach der Stunde da und es platzte aus ihr heraus „ich deutsch sprechen nicht gut“. Ein paar Tränen kullerten ihre Augen herunter. Ich tröstete sie, gab ihr Recht, dass die deutsche Sprache nicht gerade einfach sei und machte ihr etwas Mut. Bei ihrer zweiten Deutscharbeit hatte sie eine der besten Arbeiten geschrieben.

Diese zwei Eindrücke aus meiner bisherigen Zeit als Fellow bei Teach First Deutschland erklären beispielhaft, warum ich mich für dieses Programm entschieden habe, warum ich an dieses Programm glaube und warum es einfach unheimlich viel Freude bringt, an der Entwicklung junger Menschen teil zu haben.

 

 

Ich kenne eine andere Arbeitswelt, eine Welt voller Akten, Schreibtischarbeit und flüchtigen Gesprächen mit dem Büropersonal als Highlight zwischenmenschlicher Interaktion. Die neue Arbeitswelt, ist voller Jugendlichen aus verschiedensten Kulturen, aus verschiedensten Ländern, mit verschiedensten Migrationsgeschichten. Die SchülerInnen sind dabei auch ganz normale Jugendliche mit all den Besonderheiten, die die Pubertät bereit hält. Jeder Schultag ist mit neuen unvorhergesehenen Herausforderungen gefüllt. An der Lösung dieser Herausforderungen mitzuwirken, ist für mich bislang wesentlich lebendiger als alle juristischen Grabenkämpfe, die ich im Studium oder meiner Zeit als Rechtsanwalt im Wirtschaftsrecht bestritten habe.

Vor allem gibt mir meine Arbeit als Teach First Fellow viel mehr, als ich in meinem bisherigen Arbeitsleben bekommen habe. Gewiss nicht in monetärer Hinsicht, aber meine Arbeit gibt mir ein Lächeln auf dem Weg zur Schule am Montagmorgen, sie gibt mir ein Dankeschön nach der gemeinsamen Sportstunde (ja sogar vereinzelt nach Deutschstunden), sie gibt mir eine gebannte Klasse, als wir die Grammatik anhand von deutschen Schimpfwörtern üben. Sie gibt mir ernsthaft traurige SchülerInnen, vor den Ferien. Sie gibt mir Bedeutung. Dafür bin ich sehr dankbar.

Mahmoud, ein vor Kraft und Mitteilungsbedürfnis nur so strotzender junger Syrer, drückt mir auf dem Weg in die Pause ein Brot mit einer arabischen Gewürzmischung in die Hand und strahlt mit erwartungsvoller Freude. Ich danke ihm und sage ihm, wie toll ich seine Großzügigkeit finde und wie lecker die Brote schmecken (es ist nicht das erste Mal, dass er sie teilt). Er schaut mich etwas verdutzt an und  erklärt: „Das ist normal, Herr Mahlow -diese Klasse meine Familie.“

*(alle SchüleriInnennamen vom Autor geändert)

Quintin Mahlow ist Fellow bei Teach First Deutschland. Die gemeinnützige Bildungsinitiative Teach First Deutschland schafft bessere Bildungschancen für Kinder und Jugendliche mit schlechten Startbedingungen. 

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