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Altruismus (lateinisch alter – "der Andere") bedeutet so viel wie „Uneigennützigkeit bzw. Selbstlosigkeit und gilt als Gegenentwurf zum Egoismus. Ein wichtiger Begriff, der gerade im sozialen, bzw. nachhaltigen Bereich inflationär eingesetzt wird. Unsere Gastautorin Susanne Kruza hat den Begriff des „effektiven Altruismus“ betrachtet und aufgezeigt, welche Fragen man sich stellen muss, um nicht nur einfach Gutes zu tun, sondern seine Energie fokussiert und überlegt einzusetzen um größtmögliche Veränderungen zu erzielen.

Mit dem Begriff „effektiver Altruismus“ kam ich das erste Mal über die 2011 gegründete Karriere-Beratungs-Seite 80000hours.org (die Bezeichnung steht für die durchschnittliche Lebensarbeitszeit eines Menschen) in Berührung. Ich blieb an dem Begriff hängen, weil er mich neugierig machte und zugleich irritierte. Bei dem Wort „effektiv“ dachte ich an Zeitmanagement. Mit „Altruismus“ verband ich Selbstaufopferung. Beides ist jedoch nicht gemeint. Altruismus bedeutet hier schlichtweg das Leben zu verbessern. Effektiver Altruismus meint, mit den Mitteln, die wir zur Verfügung haben, möglichst viel Gutes zu tun. Effektiver Altruismus beschreibt eine soziale Bewegung, deren zentrale Frage lautet: Wie kann ich möglichst viel Gutes bewirken? Klingt zunächst banal. Doch dahinter verbirgt sich mehr.

Schon seit längerem lässt sich feststellen, dass immer mehr Menschen mit ihrer Arbeit etwas Sinnvolles machen wollen. Sie möchten etwas bewegen, die Welt ein Stück verbessern, positiv verändern, helfen. Das gilt auch für den effektiven Altruismus. Aber er geht noch einen Schritt weiter: „Effective altruism is about using evidence and reason to figure out how to benefit others as much as possible, and taking action on that basis.“ Diese vom Center for Effective Altruism aufgestellte Definition wird von William MacAskill, britischer Philosoph an der Universität Oxford und eine führende Person der Bewegung, erweitert. Er beschreibt effektiven Altruismus als: „[...] the use of evidence and careful reasoning to work out how to maximize the good with a given unit of resources, tenatively unterstanding the good in impartial welfarist terms, and the use of the findings to try to improve the world.“

Damit wird deutlich, dass sich der effektive Altruismus dafür stark macht, (wohltätige) Vorhaben und deren Wirkung auf Daten, Fakten und Rationalität zu stützen, also einen eher wissenschaftlichen, nüchtern-empirischen Zugang (auch basierend auf Erfahrungswerten, Umfragen, Experimenten etc.) zu wählen. Das schließt auch mit ein, Fehlschläge genauer zu analysieren, aus ihnen zu lernen und Feedbackmechanismen zu implementieren. Es geht um messbare und konkrete Möglichkeiten anderen Menschen zu helfen. Die Annahme ist, dass Angaben zur Wirksamkeit eines Programms verlässlicher sind, wenn sie auf wissenschaftlichen Studien beruhen. Dabei dienen die nachstehenden Fragen, die William MacAskill auch in seinem Buch „Gutes besser tun - wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können“ hervorhebt, als Orientierungsrahmen des effektiven Altruismus:

1. Wie viele Menschen profitieren davon - und in welchem Maß?

Wenn ich das Leben von Menschen verbessern möchte und in bestimmte Aktivitäten Zeit und Geld investiere, dann ist es empfehlenswert jene zu wählen, die den größten Nutzen haben. Das schließt auch ein, dass ich verschiedene Maßnahmen miteinander vergleiche.

2. Ist dies das Wirksamste, das ich (mit meiner Arbeit/meinem Projekt) tun kann?

Wenn ich die Wahl zwischen Aktivitäten habe, die eine gute Wirkung haben und solchen, die eine noch bessere Wirkung haben (die bestwirksamsten), dann sind die bestwirksamsten die effektivsten.

3. Ist der Bereich, in dem ich mich engagiere/arbeite ein vernachlässigter Bereich?

In der Logik des effektiven Altruismus liegt eine größere Chance darin eine maximale Wirkung in einem Bereich (oder einer Region) zu erzielen, der (die) relativ wenig bis kaum Aufmerksamkeit erhält als in einem, der bereits sehr viel Aufmerksamkeit bekommt. Wenn also bereits große Mengen an Ressourcen in die Lösung eines Problems investiert werden, sind zusätzliche Ressourcen wahrscheinlich anderswo besser angelegt. Dies ist ein starkes Plädoyer dafür, sich nicht von öffentlichkeitswirksamen Themen und Mainstreamlösungen zum Handeln verleiten zu lassen, sondern das eigene Handeln und die Wirkbereiche sorgfältig zu prüfen.

4. Wäre ohne mein Zutun ohnehin Gutes geschehen bzw. mache ich mit meinem Handeln einen Unterschied?

Diese Frage ist in mehrerlei Hinsicht spannend, vor allem da sie sich nicht so leicht beantworten lässt. Was andernfalls geschehen wäre, ohne meinen Einsatz, ohne mein Projekt, meine politische Kampagne etc. kann ich im Zweifel gar nicht beantworten. Was ich in dieser oder jener Tätigkeit bewirke, kann ich (hoffentlich) noch beantworten, aber ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob ich diese Arbeit besser mache als jede andere Person, die meinen Platz eingenommen hätte, wenn ich die Tätigkeit aufgegeben habe. Warum also diese Frage? Sie erinnert daran, dass gut gemeintes nicht unbedingt gut gemacht bedeutet, dass augenscheinliche Verbesserungen in bestimmten Projekten oder Programmen nicht automatisch durch diese entstanden sind und gut gemeinte (aber schlecht umgesetzte) Projekte/Programme im schlimmsten Falle sogar ungewollt Schaden verursachen können. Auch die Aspekte Nachhaltigkeit und Langfristigkeit spielen hier eine wichtige Rolle.

5. Wie gut sind die Erfolgsaussichten, und wie viel wäre ein Erfolg wert?

Es gibt Aktivitäten, die einen garantierten, aber geringen Nutzen haben. Dann wiederum gibt es auch Aktivitäten, die auf den ersten Blick vielleicht geringe Erfolgsaussichten haben (z.B. Forschungsprojekte), aber im Erfolgsfall einen enormen Nutzen haben (z.B. wie im Falle der Pockenimpfung). Hier geht es darum die Ungewissheit richtig einzuschätzen und abzuwägen, welche Aktivitäten bessere, ja sogar die besten, Erfolgsaussichten haben.

Daran wird deutlich, dass sich der effektive Altruismus zwar an Daten, Fakten und Wahrscheinlichkeitsrechnungen bedient, aber auch Hypothesen und Schätzungen nutzt, denn nicht immer lässt sich klar beziffern wie groß die Erfolgsaussichten sind. Auch deshalb bieten die anderen Fragen eine wertvolle Hilfestellung in Entscheidungsprozessen. Der effektive Altruismus verbindet moralphilosophische und ökonomische Konzepte, erhebt jedoch nicht den Anspruch eine exakte Wissenschaft zu sein, ist nicht normativ, möchte weder moralisieren noch Vorschriften zu wohltätigen Verpflichtungen machen.

Bei der Fülle der Herausforderungen, die es – global betrachtet – gibt und der begrenzten Ressourcen, um diese anzugehen, ist es für die Community des effektiven Altruismus auch wichtig, Anliegen zu priorisieren. Es werden 3 Kriterien genannt, um wichtige Anliegen zu identifizieren:

1. Ausmaß: Wie groß ist das Problem und wie sehr wirkt es sich kurz- und langfristig auf das Leben von Menschen aus?

2. Vernachlässigung: Welche Ressourcen werden bereits aufgewandt, um das Problem zu lösen und wie gut werden die gegenwärtig vorhandenen Mittel eingesetzt?

3. Lösbarkeit: Sind die Probleme langfristig lösbar? Wie leicht können Fortschritte im Bemühen um eine Lösung dieses Problems erzielt werden? Wie gut sind die Belege für die Wirksamkeit?

Erweitert werden diese drei Kriterien um die persönliche Eignung: Wie wahrscheinlich ist es, dass ich mit meinen Fähigkeiten, Ressourcen, Kenntnissen, Verbindungen und Interessen in diesem Bereich einen wichtigen Beitrag leiste?

Eine Liste dieser Anliegen bzw. Bereiche findet sich auf 80000hours.org. Um nur einige der dort genannten Bereiche zu nennen:

  • Künstliche Intelligenz
  • katastrophale Risiken für den Planeten: Atomkriege, Pandemien, Bioterrorismus, Klimawandel
  • effektiver Altruismus
  • Beseitigung extremer globaler Armut etc.

Was bedeutet effektiver Altruismus für mein eigenes Handeln? Wie kann ich es anwenden?

Die zentrale Frage des effektiven Altruismus „Wie kann ich möglichst viel Gutes bewirken?“ ist zunächst einmal eine sehr lohnenswerte Frage. So wie sie der effektive Altruismus stellt, ist sie jedoch sehr unbequem, geht es doch darum, genau hinzusehen und sich mit der Wirksamkeit des eigenen Handelns, der eigenen Projekt- oder Progammergebnisse konsequent und ungeschönt auseinander zu setzen. Sind die beliebtesten oder gängigsten Möglichkeiten, mit meiner Arbeit etwas Positives zu bewirken auch die wirkungsvollsten? Was kann ich in dieser Tätigkeit überhaupt bewirken? Wie gut bin ich in einer solchen Arbeit oder wie gut könnte ich darin werden, wenn ich mich mit anderen Personen und diese Tätigkeit mit anderen vergleiche? Auch wenn ich im effektiven Altruismus einen etwas elitär anmutenden Hang zur (Selbst-)Optimierung sehe, den ich in verschiedenen gesellschaftlichen Debatten und Lebensbereichen wahrnehme, persönlich aber nur in geringen Dosen vertrage und es noch weitere Kritikpunkte gibt, liegt großes Potential in dieser Bewegung. Sie bietet die Chance aus Fehlern zu lernen, Vergleiche und kooperatives Handeln anzustreben, Evaluierungen bereits in laufende Projekte zu implementieren (und nicht erst am Ende) und mehr Austausch und Transparenz zu fördern. Effektiver Altruismus ermutigt auch dazu, sich von dem Glaubenssatz „als einzelne Person kann ich nichts bewirken“ zu verabschieden. Wenn es keine oder wenig Möglichkeiten gibt mit der eigenen Tätigkeit möglichst viel Gutes zu bewirken, dann besteht immer noch die Option, einen Teil des eigenen Einkommens zu spenden, aber eben an die effektivsten Projekte/Organisationen mit maximaler Wirkung, so die Empfehlung der EA-Community.

Effektiver Altruismus lässt sich auf Studien-, Praktika-, Berufswahl, auf die Suche nach einem geeigneten Engagement als Freiwillige(r), auf die Entscheidung, welche Produkte ich kaufen möchte oder nicht, welche Hilfsorganisation ich mit meiner Spende unterstützen möchte, mein Reiseverhalten und vieles anderes mehr übertragen.

In Puncto Berufswahl oder den nächsten Karriereschritten bedeutet effektiver Altruismus in aller Konsequenz jedoch nicht an erster Stelle den eigenen Interessen und Leidenschaften zu folgen. Jedenfalls wird diese Empfehlung ausgesprochen, da sich Leidenschaften, Interessen und die Begeisterung für etwas im Laufe der Zeit wandeln (können). Natürlich gibt es so etwas wie Herzensprojekte und auch der effektive Altruismus negiert nicht, dass Jobzufriedenheit und persönliche Passung einen wichtigen Ausschlag geben. Aber er lenkt den Fokus auf anderes und fragt danach, wo die größte Wirkung erzielt werden kann, wie groß die Ressourcen (Arbeitsleistung, Mitarbeiter, Budget, Einkommen) sind, deren Einsatz ich beeinflussen kann und wie wirksam die Programme sind, in die ich diese Ressourcen investieren kann. Auch dabei spielt der empirische Zugang, gerade zu Beginn einer beruflichen Karriere eine wichtige Rolle. Der effektive Altruismus empfiehlt beispielsweise gerade am Anfang verschiedene Tätigkeiten und Berufe ausprobieren, sich verschiedene, übertragbare Kenntnisse (sog. „Karrierekapital“) anzueignen und die eigenen Erfahrungen zu analysieren, um vorauszusagen, welche Leistungen in Zukunft erbracht werden können. Es ist ein Trugschluss anzunehmen, dass die beste Möglichkeit möglichst vielen Menschen zu helfen per se im gemeinnützigen Sektor liegt. Natürlich bieten auch andere Berufsfelder diese Chance. Mit diesem Ansatz die Karriere eher als veränderbares Projekt zu sehen, ist die getroffene Berufswahl und der Weg in den effektiven Altruismus glücklicherweise nicht in Stein gemeißelt.

Sehr beeindruckend finde ich am effektiven Altruismus, dass er nicht nach der bequemsten und einfachsten Lösung sucht, sondern nach der effektivsten und damit permanent die eigene Komfortzone verlässt. Es handelt sich um eine dermaßen reflektierte Bewegung, die sich immer wieder neu mit Kritik auseinandersetzt und nicht müde wird, den eigenen Bias zu hinterfragen. Sie misst also nicht mit zweierlei Maß. Jede(r) Interessierte kann Teil der Community werden, in Foren, regionalen Meetups und (internationalen) Konferenzen mitdiskutieren, die eigene Meinung kundtun und relativ niedrigschwellig netzwerken - auch mit Personen, die ein ganz anderes Karrierelevel haben und augenscheinlich erstmal „außer Reichweite“ erscheinen.

Meine eigenen beruflichen Schritte und die Wahl meines Ehrenamts habe ich bisher nicht nach EA-Maßstäben getroffen, zum Teil auch, weil es mir damals nicht bekannt war. Aber hätte ich andere Entscheidungen getroffen, wenn ich EA damals bereits gekannt hätte? Je mehr ich mich mit dem effektiven Altruismus beschäftige, desto mehr kritische Fragen stelle ich mir - auch in Bezug auf meine nächsten Berufsschritte. Wie viel Gutes ich tue, hängt nach EA also nicht davon ab, welchen direkten Nutzen ich verursache, sondern ob ich einen Unterschied bewirke.

Mit Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen, die wir derzeit erleben, die Diskussionen um Hilfsprogramme, die Emotionalität und vielleicht auch ein Stück weit die Aggressivität mit der diskutiert wird, kann der effektive Altruismus auch Hilfestellung bieten sich wieder auf das wichtigste zu fokussieren: Wie kann ich durch mein eigenes Handeln, mit den Ressourcen, die mir oder anderen zur Verfügung stehen das Leben von möglichst vielen Menschen nachhaltig und langfristig verbessern?

Zum Vertiefen:

www.effectivealtruism.org

www.80000hours.org

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