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„Ich habe auf einem Boot mit 85 Menschen überlebt. Ich bin teamfähig.“

In vielen deutschen Großstädten sieht man gerade großformatige Plakate, auf denen Menschen abgebildet sind, die aufrecht dasitzen, positioniert wie bei einem Bewerbungsgespräch. Darüber steht zum Beispiel "Ich bin zielorientiert. Auf der Flucht war ich drei Monate lang zu Fuß unterwegs", oder "Ich bin belastbar. An der Grenze zur Türkei kamen wir nicht weiter. Wir hatten drei Tage lang nichts zu essen". Dazu kommt der Slogan "Soft Skills can come the hard way". Verwiesen wird dabei auf die Seite employ refugees.

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Diese provokativen Plakate haben in den letzten Wochen für Diskussionsstoff gesorgt. Wird da mit Traumata von Geflüchteten Werbung gemacht? Werden Menschen auf ihre Flucht reduziert, um Fuß auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen?

Was ist der Hintergrund der Kampagne?

„Ich brauche kein Mitleid, ich brauche einen Job.“, sagt Naser A. So wie dem 32-Jährigen aus Afghanistan geht es derzeit über 500.000 anderen Geflüchteten in Deutschland. Sie wollen arbeiten, sie müssen arbeiten – nicht nur, um ihre Existenz und die ihrer Familien zu finanzieren, sondern auch, um sich bei uns zu integrieren. Und: Weil sie wie fast alle Menschen eine Aufgabe brauchen.

So einfach ist das aber leider nicht. Juristische und bürokratische Hindernisse machen es Geflüchteten schwer, einen Job zu finden. Gerade Unternehmen fürchten sich vor „Risiken“, wenn sie Menschen mit Fluchthintergrund einstellen. Ein junges Social Start-Up greift genau dort an: Social-Bee hat es sich zur Aufgabe gemacht, Geflüchtete bei sich anzustellen und sie bei seinen Partnerunternehmen zu beschäftigen. Nach spätestens eineinhalb Jahren sollen sie übernommen werden.

Durch diese soziale Form der Zeitarbeit baut das Social Start-Up eine Brücke für Geflüchtete hinein in die Wirtschaft. „Haben sie die erst überquert, fällt die Integration und das Wohlfühlen in Deutschland leichter.“, erzählt Zarah Bruhn (27), Co-Gründerin von Social-Bee. Um möglichst vielen Geflüchteten zu helfen, müssen möglichst viele Leute aufgerüttelt werden.

Was will die Kampagne bewirken?

Die Initiatoren der Kampagne haben da eine klare Position: „Wenn wir den Diskurs in Deutschland um Arbeitsmarktintegration wieder anregen können und so vielen Geflüchteten wie möglich helfen, dann haben wir schon viel erreicht.“, erklärt Maximilian Felsner (28), Mitgründer von Social-Bee die erklärten Ziele der Kampagne.

Das übernehmen Naser A., Zeray G., Bangalie K. und Qutayba N. persönlich. Die vier Geflüchteten sind die Gesichter der bundesweiten Awareness-Kampagne von Social-Bee, die noch bis Mitte Februar auf Deutschlands Straßen und im Internet zu sehen ist. Hier kommen sie zu Wort, erzählen ihre Geschichten, machen anderen Menschen mit Fluchthintergrund Mut. Nur eins möchten sie nicht: in Problemen und in Schwächen denken.

Im Rahmen der Kampagne präsentieren die Geflüchteten ganz im Gegenteil ihre Stärken. Stärken, die sie auch deswegen gewonnen haben, weil sie die furchtbaren Strapazen einer Flucht miterleben mussten. Qutayba N. erklärt das folgendermaßen: „Ich möchte nicht mit meiner Fluchterfahrung werben. Aber das tagelange Laufen ohne zu essen hat mich einfach geprägt. Frühes Aufstehen und Schichtdienst beispielsweise können mir nichts mehr anhaben! Da hab‘ ich ganz anderes erlebt.“

Auch namenhafte Organisationen wie UNHCR und Pro Asyl zählen mittlerweile zu den Unterstützern der Kampagne, die die Werbeagentur Jung von Matt pro bono erstellt und das Außenwerbungsunternehmen Ströer mit über 2000 Plakatflächen in neun deutschen Städten kostenlos umgesetzt hat.