TRIGGERWARNUNG: Dieser Artikel behandelt psychische Erkrankungen und deren Auswirkungen.

In Umfragen und Studien wird der Anteil von Menschen in der Bevölkerung, die an psychischen Beeinträchtigungen leiden, auf 25–30% geschätzt. Auch wenn sich in den letzten Jahren viel getan hat, herrscht immer noch große Unsicherheit, Hilflosigkeit und Angst rund um das Thema Psychische Krankheiten. Vor allem am Arbeitsplatz sind Depression, Borderline, Manie und Co. häufig noch ein Tabuthema. Beim HR Frühstück am 19. Februar widmeten wir daher den Fragen:
Wie gehe ich als Personaler*in mit Mitarbeiter*innen um, die psychisch erkrankt sind? Wie kann ich sie bestmöglich unterstützen?

Viermal im Jahr organisiert tbd* zusammen mit Talents4Good eine Frühstücksrunde für Personaler*innen.
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Als Impulsgeberinnen begrüßten wir Maike Nordmann von Berliner Lösungswege, die als selbständige Coach, Supervisorin und Dozentin tätig ist und sich vor allem auf den psychischen Aspekt von (Zusammen-)Arbeit spezialisiert hat, sowie eine Betroffene, die ihre Erfahrungen in der Arbeitswelt teilte. Hier eine Zusammenfassung ihrer Impulsvorträge:

Statistisch gesehen erkrankt jede 3. Person in ihrem Leben an einer psychischen Krankheit, von Depression, über Angst, über bipolare Störungen. So gesehen sind diese Krankheiten also so normal wie  Hämorrhoiden oder Diabetes. Der Unterschied: Es wird nicht darüber gesprochen, obwohl psychische Krankheiten als etwas begriffen werden sollten, das jede*n betreffen kann.

Dabei spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle für die Erkrankung: z.B. gelebte Werte, genetische Voraussetzungen, familiäre Rahmenbedingungen, und und und.

Erst sichtbar, wenn es zu spät ist

Es liegt in der Natur von psychischen Krankheiten, dass man Personen, die betroffen sind, diese nicht ansehen kann. Viele Betroffene stehen nicht öffentlich zu ihrer Krankheit, oder wissen selbst nicht, dass sie betroffen sind. Sie wollen das Bild ihres gesunden Selbst aufrecht erhalten. Erst, wenn alle Reserven aufgebraucht sind, brechen sie zusammen.
Es ist also wichtig, im Kopf zu behalten, dass psychische Erkrankungen meist eine lange Vorgeschichte haben. Außenstehende Personen benötigen daher Aufmerksamkeit und Wissen, um mögliche Anzeichen einer Erkrankung überhaupt wahrzunehmen.

Was kann ich als Personaler*in tun?

Für Personaler*innen ist es also wichtig wichtig zu wissen, welche erkennbaren Symptome es gibt. Neben den Symptomen für psychische Krankheiten ist hier auch das Thema Sucht in allen Varianten (Alkohol, Drogen, Glücksspiel … ) ernst zu nehmen. Zur Fort- und Weiterbildung gibt es viele gute Informationsquellen, die genutzt werden sollten. Maike Nordmann verwies zum Beispiel auf die Krankenkassen, die Initiative Neue Qualität der Arbeit, oder die Deutsche Depressionsliga.

Im direkten Umgang mit betroffenen Personen ist es wichtig, keine eigene Diagnose zu stellen, denn dafür gibt es Ärzte mit dem richtigen Fachwissen. Sinnvoller ist es, zu betrachten, wie sich ein Mensch verändert. Wenn eine Mitarbeiterin zum Beispiel plötzlich die Tür ständig zumacht oder sehr angespannt ist, ist es ratsam, dies unter vier Augen anzusprechen und die gemachten Beobachtungen zu teilen. Nicht hilfreich ist es hingegen, sie mit einer Diagnose zu konfrontieren, wie zum Beispiel: Ich glaube, du hast eine Depression und musst dich behandeln lassen.

Prävention und Organisationskultur

Leider wird das Thema Prävention von psychischen Krankheiten in den meisten Organisationen noch zu wenig genutzt. Die meisten Menschen erhalten erst Unterstützung, wenn es schon zu spät ist. Prävention kann zwar teuer sein, wenn dabei aber bedacht wird, dass eine von einer psychischen Krankheiten betroffene Person meistens mindestens 3 bis 6 Monate ausfällt, ist Prävention in jedem Fall die nachhaltigere (und gesündere) Herangehensweise.

Es ist darüber hinaus für die gesamte Organisation essentiell, für eine Organisationskultur zu sorgen, in der es möglich ist, im Team anzusprechen, wenn eine Person überfordert oder überlastet ist und in der es erwünscht ist, wenn Mitarbeiter*innen Grenzen setzen. Eine Kultur, in der anerkannt wird, dass alle Menschen Grenzen haben und es nichts über die Leistungsfähigkeit von Personen aussagt, wenn eine*r eine Grenzen früher erreicht als andere. Dies beugt auch Burn Out Fällen vor, die laut Maike Nordmann nichts anderes sind als Erschöpfungsdepressionen und auch als solche behandelt werden sollten.

Generell sollte man sich fragen: Was lerne ich aus dieser Situation? Wo habe ich Dinge erkannt, die ich vorher noch nicht für mich wusste?

„Ich bin bipolar“

Neben den Tipps von Maike Nordmann sprach auch eine Betroffene und erklärte ihren Lebensalltag mit der Diagnose bipolare Störung.

Für sie war es während eines Psychatrieaufenthalts besonders hilfreich, dass ihr Chef sich sehr verständnisvoll zeigte und anerkannte, dass sie an einer normalen Krankheit litt und sie auch so behandelte.

Nach dem Klinikaufenthalt bewarb sie sich für eine neue Stelle, hatte jedoch riesige Angst vor dem Stigma „Psychisch krank“. Sie verheimlichte daher die Krankheit zunächst, jedoch lastete so ein riesiger Druck auf ihr. Erst nachdem sie sich einer Kollegin anvertraut hatte, wurde dies jedoch besser.  Das Team sicherte ihr die volle Unterstützung zu und es wurden ein paar Änderungen für sie eingeführt, die ihr den Alltag erleichtern:
So wurde ihr Zeit für Arzttermine und Therapiebesuche eingerichtet. Auch wurde anerkannt, dass sie durch die starken Medikamente Konzentrationsprobleme hat. Um dem vorzubeugen, hat sie nun die Möglichkeit, immer wieder fünfminütige Pausen wahrzunehmen.

Sie fasste zusammen, dass sie durch die psychische Erkrankung viele neue Stärken an sich erkannt hat: So ist sie emphatischer geworden und hat ein besseres Gefühl für Menschen. Sie unterstrich mit diesem Beispiel, dass Menschen mit psychischer Krankheit nicht zwangsläufig  eine Belastung darstellen, sondern oftmals Stärken haben, die andere Menschen nicht haben.

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