Header: Raphael Moussa Hillebrand © offizielles Pressefoto von Kooné Photography

"Ich denke, dass Kunst immer politisch ist und dann muss sie auch – meine Kunst zumindest – positiv politisch sein!" – Raphael Moussa Hillebrand ist Choreograph, Tänzer, Aktivist und Mitgründer einer neuen Partei: Die Urbane, eine Hip Hop Partei. Eine Partei, die dieses Jahr zur Landtagswahl in Berlin und bereits das zweite Mal zur Bundestagswahl antritt. 

HipHop hat eine starke politische Dimension – von Public Enemy bis BSMG. Marginalisierte Menschen am Rande der Gesellschaft, die sagen “Wir haben einen Wert, wir sind nicht einfach nur Müll in einem Vorort, sondern wir können Kunst machen, wir können die Welt revolutionieren!” In den letzten Jahrzehnten hat HipHop die Kulturwelt auf den Kopf gestellt. Durch diese kulturelle Praxis wurden Zugänge geschaffen für Menschen, die vorher ausgeschlossen waren. Das wollen wir in unserer Partei auf unsere demokratischen Prozesse übertragen. Diese „Voice of the Silenced“ – also eine Stimme für die Leute, die mundtot gemacht werden ist das, was wir brauchen, was wir sind und was ich fühle.

Warum eine neue Partei?

Vor drei Jahren, saß ich mal wieder alleine vor dem Laptop und habe gedacht: „Wie kann ich mich dem Unrecht gegenüber verhalten? Wie kann ich das mit mir vereinbaren?“ Und mir ist aufgefallen, dass – im Gegensatz zu vielen Freunden und Bekannten, die ich so rund um die Welt habe – ich hier als Berliner, als Deutscher und als Künstler, Privilegien habe, die viele andere nicht haben: Mitmachen, eine Partei gründen können, sich selbst organisieren. Wenn die Leute in Senegal auf die Straße gehen und für Sachen kämpfen, wie ich das tue, dann kommen sie in den Knast. Wir leben hier in der Hauptstadt Deutschlands, dem größten Land der Europäischen Union, was der größte Wirtschaftsraum der Welt ist. Es ist ganz entscheidend, was wir machen – und in unserem Namen wird zu viel Scheiße gebaut.

Also habe ich mir gesagt: Ich will nicht mehr, dass Merkel für mich redet. Es gibt keine Partei, von der ich mich ernsthaft vertreten fühle, also müssen wir uns selbst vertreten. Daher haben wir uns überlegt, was unsere Grundwerte sind, was uns prägt. Und das sind in erster Linie nicht das Christentum, die Sozialdemokratie oder der Liberalismus – sondern HipHop. 

Was heißt HipHop im im politischen Kontext?„A voice to the voiceless“

Es geht bei uns nicht darum, Rap Ästhetik ins Parlament zu bringen, sondern um die ursprünglichen Werte von HipHop und viele davon sind humanistische Grundwerte. Wir haben am Anfang begonnen zu sagen, wir wären für alle. Mittlerweile sind wir viel spezifischer geworden, denn HipHop war immer „the Voice to the Voiceless“. Die anderen haben ja schon eine Stimme, also sind wir die Stimme für Leute, die zum Beispiel im Alltag als Ausländer bezeichnet werden, für PoCs und für alle weißen Verbündeten. Das so zu benennen ist für uns wichtig. 

Für viele linksliberale Parteien bedeutet kulturelle Vielfalt ein Problem, was behoben bzw. bearbeitet werden muss: Es geht dann um Begriffe wie Integration und so. Als HipHopper*innen wissen wir, dass kulturelle Vielfalt ein großes Potential ist. Das ist unser Schatz. Und als Berliner*innen wissen wir: Die Mieten steigen am schnellsten in Kreuzberg – dem Bezirk, der am meisten kulturelle Vielfalt bietet. Wir wissen, dass HipHop nur entstanden ist, weil Leute in der Bronx zusammengelebt haben – von Jamaikaner*innen, Afroamerikaner*innenn, Puertorikaner*innen, Weißen und Schwarzen. In dieser explosiven Mischung steckt ein riesiges Potential, und zwar nicht nur für Kunst, sondern auch für gute Politik. Das ist unsere Selbstverständlichkeit von kultureller Vielfalt und die ist ganz anders als bei all den anderen Parteien. Wir teilen eine gemeinsame Kultur und viele von uns wurden durch Musik politisiert.

Wenn man sich die linken Parteien anguckst, dann ist das ein weißer Raum, der von „Fluchtwellen“ spricht. Es ist eine weiße Mehrheitsgruppe, die ihre eigenen Interessen durchsetzt. Und das können nicht die gleichen sein, wie unsere. Wenn die von Migration sprechen, dann sprechen sie davon, wie man es schaffen kann, dass die Schwarzen da bleiben wo sie sind. Wir sagen: „Freedom of movement is a human right.“ 

Wir leben in einem Land, wo, nach dem Geschlecht wahrscheinlich, die Frage, ob du Deutscher oder Ausländer bist, das stärkste Identifikationsmerkmal darstellt. Es gibt keine Partei, die für Menschen, die im Alltag als Ausländer bezeichnet werden, spricht. Wenn ich bei den linken Parteien erfolgreich sein wollte, würde ich mich an sie anpassen müssen und nicht andersherum.

Wir kämpfen dafür, dass die Menschen in den Parlamenten endlich so aussehen wie die Menschen auf der Straße. Ich will, dass Menschen of Colour sich in Deutschland wieder in die politischen Prozesse einbezogen fühlen. Mir geht es um die Anfänge und um die Grundlage –  um das, was HipHop am Anfang war. Und das waren Menschen am Rande der Gesellschaft, die sich selbst ermächtigen.

Ich würde die Politik gern noch mehr mit Sachen verbinden, die HipHop-lastig sind und Spaß machen: Zum Beispiel, dass bei Demos getanzt, geschrien und die Meinung gesagt wird und sich das nicht wie Arbeit anfühlt, sondern wie eine Jam.

„the Voice to the Voiceless“

Wir haben unter anderem auch Mitglieder in ihren Fünfzigern. Aber auch einige unter 18 Jahren, weil wir eine der wenigen Parteien sind, bei denen man auch vor der Volljährigkeit mitmachen kann. Wir sind auch die einzige Partei, in der du ohne eine deutsche Staatsbürgerschaft Mitglied werden kannst, wenn du in Deutschland lebst. Du kannst dann in den Prozessen mitwirken und sogar im Vorstand der Urbanen sitzen.

Ein Mitglied kam aus dem Iran als Person mit Fluchterfahrung hierher und hatte auch einen ungeklärten Aufenthaltsstatus. Eine Zeit lang war er auch von der Abschiebung bedroht und er kann trotzdem bei uns im Vorstand mitmachen. Er kann Demonstrationen mitorganisieren, sich einbringen und seine Meinung wählbar machen. Natürlich kann er nicht Bundespräsident werden, aber er kann bei uns Vorstandsmitglied sein.

Vor zwei Monaten ist zum Beispiel auch Idil Baydar (Bekannt als Jilet Ayse) eingestiegen, kurz bevor sie die Möllner-Rede im Exil gehalten hat. Sie hat Morddrohungen bekommen und wurde von der deutschen Polizei nicht ernst genommen. Man muss sich selbst organisieren, um sich zu schützen.

Wir in unserer Partei wissen, was es heißt ausgeschlossen zu werden, auf eine Klassenfahrt nicht mitkommen zu können oder auf der Straße komisch angeguckt zu werden von Menschen, die nicht wollen, dass du hier lebst.

Radikal. Dekolonial. Machtkritisch.

Stopp aller Auslandseinsätze von deutschen Soldaten mit Waffen. Mein Großvater hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft und sagte zu mir: „Krieg bedeutet, dass alle verlieren“. Deutschland hat lange keine bewaffneten Soldaten ins Ausland geschickt und das hat lange auch gut funktioniert, dahin müssen wir zurückkommen. Imperialismus ist scheiße.

Was mir noch am Herzen liegt ist die Dekolonialisierung – Eine Neubewertung und Aufarbeitung der ganzen internationalen Abkommen. Es geht um die Art und Weise, wie Europa den globalen Süden bzw. die spät industrialisierten Länder noch immer unterentwickelt. Das geht nicht mehr und wir wollen das nicht mehr mittragen. Es ist so offensichtlich, dass das dringend geändert werden muss. Wir können nicht weiterhin von Entwicklungshilfe reden, wenn das alles Unterdrückungsmechanismen sind.

Deshalb hat Die Urbane die Aufgabe, was die Gesellschaft von HipHop lernen kann, nach außen zu tragen. Alles auf der Welt ist immer politisch und vor allem Rap. Selbst wenn du in der Öffentlichkeit stehst und über Kochrezepte redest, ist das politisch, weil du dann gerade nicht darüber redest, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken.

Was ich damit sagen will ist, dass die Zeit der Neutralität vorbei ist. Wer heute neutral ist, ist in meinen Augen Mittäter*in.

Angesichts von Trump, der Festung Europa und der Klimakatastrophe müssen wir uns positionieren – erst Recht, wenn wir das Privileg besitzen, in der Öffentlichkeit zu stehen und Leute zu haben, die uns zuhören. Die acht reichsten Männer der Welt besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen. Das können wir nicht tolerieren.

Wir möchten daher als HipHop Partei einen Zwischenraum schaffen, zwischen den Institutionen und der freien Kunstszene. Ein Zwischenraum schaffen, wo wir darüber nachdenken: Wie wollen wir leben? Wie können wir uns gegenseitig bereichern? Und was braucht es ganz konkret in den nächsten Jahren?

Weiterführende Links

Website von Raphael Moussa Hillebrand

Mehr Informationen zu Die Urbane findet ihr hier 

to belonging* ist unser nächster Schritt, um das Thema Anti-Diskriminierung neu zu denken und zu handeln. Weg vom Diskurs der Sichtbarkeit von Diversity und Inklusion hin zu einer authentischen und gelebten Zugehörigkeit aller marginalisierten Gruppen. Dies soll zu einem radikalen systemischen Wandel führen im Impact Sektor, von “Macht über” und “Macht für” hin zu “Macht mit”.  Diese Serie wird ermöglicht durch die Open Society Foundations.

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