Immer mehr Menschen haben den Bezug zu Nahrungsmittel und deren Herstellung/ Herkunft verloren, um dies bereits in Kinderschuhen zu erlernern und das Bewusstsein für unsere Ernährung und unsere Umwelt zu stärken, gibt es die Gemüse Ackerdemie. Was es damit auf sich hat und warum es auch als Social Entrepreneur so wichtig ist, sich die Hände dreckig zu machen, erzählt Gründer Dr. Christoph Schmitz im Interview.

Was war deine Motivation Gemüse Ackerdemie zu starten?

Zunächst bin ich selbst auf einem Bauernhof groß geworden und wir haben regelmäßig Schulklassen zu Besuch gehabt. Dabei wird einem bewusst, wie wenig die Kinder noch wissen und gleichzeitig wie wenig man an einem Tag vermitteln kann. Also kam die Idee, nicht die Kinder einmal im Jahr zum Acker zu bringen, sondern den Acker zu den Kindern.

Damit hat alles angefangen. Bestärkt haben mich dann meine wissenschaftlichen Arbeiten rund um das Thema Wertschätzung von Lebensmitteln am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Und so habe ich in meiner ersten Elternzeit den kreativen Freiraum genutzt, um das Konzept der GemüseAckerdemie zu entwickeln.

Mit meiner Schwester, die Lehrerin ist, habe ich das Ganze dann an ihrer Schule ausprobiert. Danach war klar: Das Ding muss groß werden. Ich habe dann schweren Herzens meinen Job gekündigt, mit Julia und Johanna zwei grandiose Mitgründerinnen gefunden und einfach losgelegt. Nach 8 Monaten harter ehrenamtlicher Aufbauarbeit hatten wir die erste Finanzierung durch EXIST stehen und nach einem Jahr die erste Auszeichnung durch Angela Merkel. Mittlerweile setzen wir die GemüseAckerdemie an über 150 Standorten in 14 Bundesländern, Österreich und der Schweiz um und haben in diesem Jahr über 5000 Kinder und Jugendliche im Programm. 

Warum ist es so wichtig, dass unser Nachwuchs mehr Zugang zu Natur und Lebensmittel bekommt?

Wenn Kinder nicht verstehen und erleben wo unsere Lebensmittel herkommen und wie die Natur funktioniert, können wir nicht erwarten, dass sie später zu nachhaltigen Konsumenten werden. Deshalb ist es unser Ziel, dass jede Schule und Kita einen Lernort in der Natur hat und so jedes Kind die Möglichkeit bekommt auf spielerische Art und Weise zu verstehen wie Natur funktioniert und die eigenen Lebensmittel entstehen. Erst das selber machen und erleben, ändert das Bewusstsein. Danach wirft man eine krumme Möhre nicht einfach so weg und probiert die Tomate einfach mal, die man so lange begleitet hat. Dadurch steigt die Wertschätzung von Lebensmitteln und die Neugierde an gesunder Ernährung. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Und nicht zu vergessen sind die vielen sozialen Kompetenzen, wie Teamfähigkeit, Respekt und Selbstbewusstsein, die durch den eigenverantwortlichen Anbau von Gemüse gefördert werden.

Wie kann man als Schule mitmachen? Wie kann man sich als Eltern einsetzen?

Jede Schule und mittlerweile auch Kita, die einen naturnahen Lernort bei sich etablieren möchte, kann mitmachen. Es gibt lediglich drei Voraussetzungen: Zum einen eine motivierte Lehrkraft, die Lust aufs Ackern hat (Vorwissen ist keine Voraussetzung); dann das Comittment und schulische Verankerung jede Woche zwei Stunden mit den Kindern auf dem Acker zu sein, und schließlich eine Fläche, die wir aber in der Regel immer finden.  

Bei der Umsetzung des Programms werden ErzieherInnen und LehrerInnen von uns mit einem umfangreichen Service rundum betreut, indem wir vor Ort beraten, das Saatgut und die Jungpflanzen zur Verfügung stellen, Fortbildungen und eine kontinuierliche Beratung anbieten und ansprechendes Lehrmaterial. Auch telefonisch, per E-Mail und über einen Onlinebereich werden alle Fragen der Lehrer beantwortet, damit wir sie soweit wie möglich entlasten und sie sich auf die Umsetzung der GemüseAckerdemie konzentrieren können.

Was sind eure top drei Tipps für Leute, die ihre Idee ebenfalls in die Tat umsetzen möchten?

  1. Macht euch die Hände dreckig und beschäftigt Euch intensiv mit Eurer Zielgruppe. Wer die Zielgruppe nicht versteht, hat keine große Chance. Bei unserer ersten Pilotphase mit 6 Schulen waren wir bei jeder Stunde dabei und haben viel mit Lehrern und dem System Schule beschäftigt.
  2. Riskiert bewusst Fehler. Lieber mal ausprobieren, wenn es noch nicht ausgereift ist als zu lange in der Theorie zu verharren. Es geht mehr schief, aber man lernt auch schneller.
  3. Habt den Mut eure eigenen, oftmals liebgewonnenen Ideen über Bord zu werfen bzw. anzupassen, wenn sie nicht zu 100% passen. Die Feststellung, dass ein Konzept in seiner jetzigen Form nicht sein Ziel erreicht, ist ein wichtiger Erfahrungsschatz, um ein neues, effektiveres Konzept zu erarbeiten.

Was waren bis jetzt die schönsten, was die negativsten Erlebnisse?

Von beiden gibt es einige. Ich habe immer noch unseren pro-bono-Anwalt in Erinnerung, bei dem wir eine Beratungsstunde zur Gründung hatten. Er hat sich die Idee 5 Minuten angehört und sich danach totgelacht bis er uns anschließend ganz ernsthaft und dringend von dem Vorhaben abgeraten hat. 

Die schönsten Erlebnisse sind zweifellos die auf dem Acker mit den Kindern. Unendlich viele schöne Geschichten. Eine ist von Maurice, der mir quasi nicht von der Seite gewichen ist und unheimlich viele Fragen gestellt hat. Nach meinem Besuch kam die Lehrerin zu mir und fragte ob ich wüsste wer er war. Ich sagte, dass er ein ziemlich aufgeweckter und interessierter Junge ist. Sie sagte nur, dass er im normalem Unterricht nicht mehr mitkommt und sie ihn so wie er auf dem Acker ist noch nie erlebt hätte. 

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