ursprünglich erschienen: 10.09.2016

Für viele Sozialunternehmer beginnt ein knallharter Prozess, sobald sie eine Finanzierung auf die Beine stellen wollen. Halsbrecherische Stunt-Szenen und atemberaubende Wendungen inklusive. Meist sind Spenden und Förderungen nur die Startsequenz zur Handlung des sozialen Problemlösungs-Films. Doch je mehr Geld für das Wachstum aufgebracht werden muss, desto spärlicher fällt die Suche nach geeigneten Kapitalgebern aus. Ist also die nachhaltige Finanzierung als Sozialunternehmer eine unmögliche Mission?

Die richtige Ausrüstung

„Investment-ready“, also bereit sein für eine soziale Investition, klingt leicht, hat es aber in sich. Die wesentlichen Knackpunkte bilden sich dabei um 5 Faktoren herum: Soziale Wirkung, Geschäftsmodell, Proof of Concept, Team & Unternehmer und Finanzplanung.

  1. Soziale Wirkung: Wer sich hier nicht fit gemacht hat, wird sich schwer tun beim Finden geeigneter Wachstumskapitalgeber. Der „Impact“, die soziale und/oder ökologische Wirkung, muss zum Beispiel eindeutig definiert sein und auf logisch durchdachten Beinen stehen: in Form eines stimmigen Konzepts, der „Theory of Change“. Wird die beabsichtigte Wirkung in der Praxis erreicht? Wie wird sie genau gemessen? Gibt es einen klaren Mehrwert gegenüber anderen existierenden Lösungsansätzen? Dies sind nur einige Kernfragen, die sich mithilfe Social Reporting Standard oder ähnlicher Wirkungsberichtsformate lösen lassen.
  2. Geschäftsmodell: Danach wird das Geschäftsmodell selbst in die Zange genommen: Gibt es überhaupt ein kommerzielles Geschäftsmodell, das eigene Einkommensströme und damit die Aufnahme von Wachstumskapital möglich macht? Ist das Modell skalierbar und genügend flexibel, um Veränderungen im Markt sowie in den rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen standzuhalten? Der Business Plan für die kommenden Jahre muss auf jeden Fall mit seinen Meilensteinen klar definiert, nachvollziehbar und für soziale Investoren attraktiv sein, damit die Mission Kapitalsuche Aussicht auf Erfolg hat.
  3. Proof of Concept: Auch ein Praxistest, der „Proof of Concept“ ist wichtig. Daran lässt sich ablesen, ob Geschäftsmodell und Wirkung nicht nur in Theorie, sondern auch in Realität aufgehen. Erfolgreiche Pilotprojekte, erste Einkünfte und gewonnene Auszeichnungen sind hervorragende Indizien dafür. Je nach Modell sollten schon einige Monate „Training“ im Markt absolviert worden sein, damit Investoren erkennen können, dass die Wirksamkeit auch stimmt.
  4. Team & Unternehmer: Beim sozialen Investieren sind Kapitalgeber bereit, die gesellschaftliche Wirkung in den Vordergrund ihrer Investitionsentscheidung zu stellen. Dementsprechend spielen auch die Teammitglieder des Sozialunternehmens eine entscheidende Rolle, oder besser gesagt: ihre Fähigkeiten und ihre Motivation, Wirkung zu erzielen. Social Entrepreneurs bekommen es insofern gleich mit einer doppelten Erwartungshaltung zu tun: Sie sollen einerseits das Rüstzeug des Unternehmers mitbringen und andererseits die Begeisterung des sozialen „Changemakers“. Ähnlich wie im klassischen Investmentgeschäft werden One-Man-Shows nicht so gerne gesehen. Ein charismatischer Gründer ist klasse, aber komplementäre Kompetenzen im Team zählen genauso.
  5. Finanzplanung: Und zum Schluss bitte noch eine detaillierte, realistische und überzeugende Finanzplanung für die nächsten 3 bis 5 Jahre. Inklusive eines adäquaten Verhältnisses zwischen Kapitalbedarf und Wachstumsschritten sowie der zu erzielenden Wirkung.

 

Die richtige Adresse

Wer dann die fünf Punkte vorbereitet hat, steht vor der nächsten Herausforderung: Woher kommt das Geld? Wer sind die Impact-Investoren? Für eine klassische Finanzierung bei der Bank ist das erforderliche Kapital oft zu gering, die Sicherheiten unzureichend und die Finanzierungskosten zu hoch. Und Spenden würden den Bedarf auf lange Sicht auch nicht decken. Wo also die richtigen Kapitalgeber finden, die sich von der sozialen Wirkung einer Idee mitreißen lassen und sie mit geduldigem Wachstumskapital unterfüttern wollen?

Noch strömen erst wenige Investoren ins Neuland des Impact Investing – doch es werden immer mehr. Viele wollen sich diesen Film mittlerweile nicht nur anschauen, sondern auch an der „Action“ mitmachen. Was diese Art des Anlegens so reizvoll macht ist, dass Investoren einen wichtigen Beitrag zur Lösung eines sozialen oder ökologischen Problems leisten und gleichzeitig eine moderate finanzielle Rendite erzielen können. So entsteht nicht nur sozialer Mehrwert, sondern selbsttragende, sozialunternehmerische Geschäftsmodelle werden gefördert. Mehr Nachhaltigkeit: Eine Spende wirkt nur einmal, ein Impact Investment kann immer wieder recycelt werden und in neue soziale Projekte fließen. So beschleunigt sich die Geschichte „mehr Wirkung für die Gesellschaft“ und steuert auf ein Happy End zu.

Gute Anlaufstellen können also Privatinvestoren, Business Angels, Stiftungen, aber auch professionelle Fondsinvestoren, Banken und Förderinstitute sein. Auch hybride Finanzierungsmodelle, die sehr unterschiedliche Investorentypen in einer Transaktion bündeln, können zum Ziel führen. Da kommen schon einmal ein sozialer Venture Fond, eine Stiftung und ein Business Angel zusammen, um gemeinsam die sozialunternehmerische Idee nach vorne zu treiben.

Das richtige Beispiel

Auch für Heinz Frey sah die Finanzierungswelt zunächst nicht so rosig aus. Der engagierte Lehrer hatte es sich in den Kopf gesetzt, für die Bürger seines Dorfes Jülich mehr Infrastruktur und Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen – er wollte etwas bewegen. Daraus ist inzwischen das Sozialunternehmen DORV entstanden (www.dorv.de). DORV kümmert sich heute um eine multifunktionale Nah­versorgung und eine bessere Lebensqualität für Dorfbewohner und Bewoh­ner von Stadtquartieren. Da die regionale Lebensmittelversorgung in entlegenen Regionen immer mehr schrumpft, sind Initiativen dieser Art für die Bürger vor Ort besonders wichtig. Hinter der Ladentheke können sie jetzt nicht nur frische Lebensmittel bekommen, sondern auch die TÜV Plakette oder Briefmarken. Die DORV-Zentren bieten darüber hinaus Möglichkeiten für Bewohner, sich zu begegnen und bei einem Kaffee kurzschließen: Der weit verbreitete Teufelskreis aus Abwanderung und lokalen Versorgungslücken wird durchbrochen. Vor allem Senioren kommen in den Genuss einer größeren Unabhängigkeit, wenn sie in direkter Umgebung Zugang zu allen wichtigen Produkten und Dienstleistungen finden. DORV wurde seit seiner Gründung mit über 100 Anfragen überflutet, Kommunen beim Aufbau vergleichbarer Zentren in ganz Deutschland zu beraten. Bis heute wurden 40 Zentren aus der Taufe gehoben und 12 eigene DORV Zentren gegründet.

 Aber davor stand Heinz Frey vor derselben Frage wie viele andere Social Entrepreneurs auch: Wie soll ich dieses Wachstum alleine stemmen?

Die richtige Unterstützung

Wer, wie auch Heinz Frey, bei die Antwort dieser Frage Unterstützung braucht kann sich professionelle Hilfe holen. FASE, die Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship engagiert sich dafür, eine Brücke über die Finanzierungslücke zu bauen und Social Entrepreneurs effektiv zu unterstützen. Sofern sie nicht bereits „investment-ready“ sind, werden sie gecoacht, damit rückzahlbares Wachstumskapital für sie in den Bereich des Möglichen rückt. Danach kann es in die eigentliche Transaktionsunterstützung gehen. Dabei gibt es eine Fülle an Intermediär-Leistungen: vom Businessplan- und Geschäftsmodell-Finetuning über die Investorenansprache bis hin zur Gestaltung der geeigneten Finanzierungsstruktur und der Hilfestellung bei Due Diligence und Vertragsverhandlungen mit Investoren. Interessierte Geldgeber wiederum bekommen Zugang zu einer stetig sprudelnden Quelle an spannenden, investitionsbereiten Social Entrepreneurs und können ihre Faszination für wirkungsorientiertes Anlegen („Impact Investing“) entdecken. So kommen die passenden Partner auf beiden Seiten zusammen.

Durch Fase-unterstützte Aufträge sind mittlerweile mehr als 3 Millionen Euro an frischem Geld in nur zwei Jahren in den Sektor geflossen und nahezu 200 neue Investoren haben sich von der „Impact Investing“-Idee anstecken lassen.

Für den Social Entrepreneur liegt der Vorteil darin, dass er eine Lösung auf den Leib geschneidert bekommt, die ihm genug Raum zum Atmen lässt, während er sich aufmacht, Unternehmen und Wirkung zu skalieren. Verschiedene Finanzierungsbausteine wie Nachrangdarlehen, Social Impact Anreize und Umsatz- oder Gewinnbeteiligungen sorgen dafür, dass der Kapitaldienst zu Beginn nicht zu heftig ausfällt und der Sozialunternehmer sich nicht zwischen divergierenden Interessen seiner Geldgeber aufreibt. Alle ziehen gemeinsam an einem Strang.

Ein Happy End

Was lautet also unser Filmtipp für den Sozialunternehmer auf dem Weg zum erfolgreichen Abenteuer „Wachstumskapital“? Soziale Wirkung, Geschäftsmodell, Proof of Concept, Team und Finanzplanung einem präzisen System-Check unterwerfen. Dann ist eigentlich alles wie vor jeder herausfordernden Mission: Gute Vorbereitung ist (fast schon) alles.

Mehr Informationen

Mehr Informationen zu FASE findest du hier.

Über die Autorinnen

Christina Moehrle und Ellinor Schweyer haben gemeinsam die wichtigsten Learnings aus Sicht der Social Entrepreneurs zusammengefasst. Die Münchnerin Ellinor ist seit 2008 im Sektor aktiv, mit der Mission, Spenden und Finanzierung für spannende Projekte zu finden. 2013 hat sie mit Dr Markus Freiburg die FASE mit Hilfe von Ashoka Deutschland gegründet. Christina widmet sich seit 2011 als freie Autorin dem Bereich Impact Investing und Social Entrepreneurship. Seit 2014 ist sie auch Teil des FASE-Teams.