Neema Amadale, frühere UN-Beraterin und Florian Neubauer, ehemaliger UN-Praktikant, berichten von ihren Erfahrungen bei der UN und geben wertvolle Tipps für zukünftige UN-Mitarbeiter*innen.

Die wichtigsten Punkte kurz zusammengefasst: 

  1. Network, Network, Network
  2. Es dreht sich (nicht) alles um Idealismus
  3. Think Outside the Box
  4. Das System ist kompliziert
  5. Unbezahlte Praktika nerven

 1.    Network, Network, Network

In Nordamerika wird uns das Konzept des Networkings schon während der Uni-Zeit eingetrichtert. Im Vergleich zu amerikanischen Universitäten legen europäische Unis darauf weniger Wert. Uns soll schon sehr früh vermittelt werden, dass die richtigen Leute zu kennen und ein eigenes Netzwerk zu haben, die Chancen auf einen späteren Job deutlich verbessern. Bei den Vereinten Nationen ist es sogar unerlässlich, sich zu vernetzen, auch um Informationen über die Jobmöglichkeiten in anderen Einrichtungen oder UN-Zentralen zu erhalten. Selbst wenn du dich nur in deiner eigenen Organisation nach anderen Stellenangeboten umschauen willst, ist es unbedingt notwendig sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen und diese Kontakte zu pflegen.
Bei der UN gibt es viele Events und Möglichkeiten andere Praktikanten*innen oder feste Mitarbeiter*innen anzutreffen. Als Praktikant*in ist es sogar noch wichtiger, neue Kontakte zu knüpfen und sich nicht nur mit anderen Gleichgestellten zu vernetzen. Wenn es eine Organisation gibt, an der du konkret interessiert bist, erkundige dich bei deinen Vorgesetzten nach bestehenden Kontakten oder noch besser, ob er oder sie einen persönlichen Kontakt für dich herstellen kann. Auf diese Weise kannst du dein eigenes Netzwerk effektiv ausbauen und nebenbei einen größeren Einblick in die vielseitige Arbeit der Vereinten Nationen erhalten. 

 2.    Es dreht sich (nicht) alles um Idealismus

Wir haben beide sehr ähnliche Ansichten, wenn es um unsere Arbeit bei der UN geht. Wir sehen die UN als eine Organisation, die nach globalem Wandel und Hilfeleistung für alle Menschen gleichberechtigt strebt. Das ist zwar eine sehr idealistische Ansicht, gilt aber für eine Organisation, die aus den katastrophalen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs heraus gegründet wurde, um so mehr. Die UN bietet dir neben zahlreichen Benefits, eine entsprechende Entlohnung und viele karriererelevante Vorteile - was manche Leuten ihren Ursprungsgedanken vergessen lässt. Die Gefahr, es sich zu bequem zu machen und keinen Antrieb zu neuen Ideen zu haben, besteht also auch in einer global agierenden Organisation wie der UN. 

 3.    Think Outside the Box

Als wir in New York waren, fanden wir beide, dass die UN dazu neigt, ihr eigenes Universum zu schaffen, ihren eigenen Wertekanon zu reproduzieren und ihre eigenen Vorstellungen beizubehalten. Wenn du dich mit bestimmten Problematiken innerhalb eines sozialen Milieus beschäftigst, macht es dir der Kosmos der UN leichter, sich von den Problemen der Menschen in der Stadt in der du lebst, im Vergleich zu den Problemen der Menschen, die deine Organisation unterstützt, zu distanzieren. Deine Arbeit kann dabei jedoch in Kleinigkeiten verloren gehen, du verlierst eventuell größere Perspektiven und Ziele aus den Augen. Obwohl diese Gefahren bestehen, sorgt die ganz eigene Welt der UN dafür, dass du mit einem Netzwerk von Leuten zusammenarbeitest, die die gleichen Träume, Ideale und Ziele wie du verfolgen. Du kannst wahre Freunde aus einem breiten Spektrum von Disziplinen und Kulturen finden. Besonders bei Praktikanten oder Neueinsteigern ist die Motivation groß, sich im neuen Team zu integrieren und Kontakte zu knüpfen. Profitiere von deiner Außenseiterposition!

 4.    Das System ist kompliziert

Praktika dienen dazu, einen Einblick in Strukturen und interne Abläufe zu geben und sind normalweise unentgeltlich (mehr dazu weiter unten). Es gibt keine zentrale Plattform, von der aus man sich für Praktika bei der UN bewerben kann. Sowohl das zentrale Sekretariat der UN unterliegt seinen eigenen Prozessen und Strukturen, als auch die zahlreichen Programme der einzelnen Organisationen. Sobald du vom Praktikantendasein an eine Festanstellung denken kannst, musst du viele Hürden und Herausforderungen meistern. Es ist relativ unwahrscheinlich direkt im Anschluss an dein Praktikum eine Festanstellung zu bekommen. Es gibt nämlich für einige Fachrichtungen oder Außendienstpositionen die Regel, dass ehemalige Praktikant*innen erst sechs Monate nach ihrem Praktikum eine solche Stelle antreten dürfen. Theoretisch kann man für die UN nach dem Praktikum als Berater*in, unabhängiges Unternehmen oder in einer allgemeinen Position (Level G) tätig sein, auch wenn das eher Ausnahme als Regel ist.

Einer, der (möglicherweise) einfacheren Wege den Einstieg in die UN zu schaffen, ist als Level G-Position. Aus dieser Position heraus, hat man gute Aufstiegsmöglichkeiten, obwohl es weiterhin schwierig ist von einer G- zu einer P-Position zu gelangen. Es ist jedoch möglich und wir kennen auch Leute, die das erreicht haben, aber man braucht viel Zeit, Engagement, Durchhaltevermögen und ein gut funktionierendes Netzwerk.
Für Diplom- oder Masterabsolventen*innen gibt es das „Young Professionals Program“ (YPP), das jedoch nur für diejenigen Länder geöffnet wird, die zu einem bestimmten Zeitpunkt am wenigsten YPP-Teilnehmer*innen haben. Also unbedingt vorher überprüfen, ob dein Land auf der Liste der berechtigten Länder steht. Nachdem man sich online beworben hat, wird man im besten Fall zu einer Prüfung eingeladen und bei erfolgreichem Bestehen auf eine Liste gesetzt, von der aus die UN die geeigneten Leute kontaktiert und vermittelt. Das sogenannte JPO-Programm gilt als eine weitere Einstiegsmöglichkeit für junge Berufstätige, die über mindestens zwei Jahre Berufserfahrung verfügen. Der Bewerbungsprozess wird über die nationalen Regierungen abgewickelt, die auch für die Entlohnung zuständig sind.

 5.    Unbezahlte Praktika nerven

Für uns beide ist das der schwierigste und am wenigsten nachvollziehbare Umstand innerhalb der UN. Es ist schwer zu glauben, dass eine Organisation, die gegen unsoziale Arbeitsbedingungen kämpft, ihre Praktikanten*innen nicht für die geleistete Arbeit vergütet. Das führt zu einer Unausgewogenheit zwischen den Leuten, die sich ein 3-6-monatiges unbezahltes Praktikum leisten können und denen, die das nicht können. Eine Konsequenz davon ist, dass die zu vergebenen Praktika zu einem Großteil von Leuten aus den wohlhabenderen Teilen der Welt akquiriert werden, sprich aus westlichen Nationen. Für eine Organisation wie der UN gilt dies als mehrfach problematisch. Erstens verhindert es die interkulturelle Kommunikation und das nötige Verständnis für diplomatische Verhandlungen, zweitens schließt dieses Vorgehen diejenigen aus, an die sich die UN mit ihrer Arbeit richtet, nämlich vor allem Menschen aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Obwohl unbezahlte Praktika die Norm sind, gibt es Stipendien, die die Hürden eine unbezahlte Arbeitsstelle anzunehmen, minimieren und die finanzielle Grundsicherung übernehmen. Erfahre mehr darüber in der Fair Internship Initiative.

Zum Schluss

Es ist schwierig, die Erfahrung, die wir während unserer Tätigkeiten in der UN gesammelt haben, wiederzugeben. Die Arbeit ist auf jeden Fall sehr interessant, sehr komplex und stets herausfordernd. Wir sind beide an unseren Aufgaben gewachsen und konnten uns persönlich wie beruflich weiterentwickeln. Wir glauben fest daran, dass die UN eine der wichtigsten Organisationen weltweit für Frieden und nachhaltige Entwicklungshilfe ist. Sie ist aber auch eine Organisation, die in vielen Aspekten anders arbeitet und eigenen strukturellen Prozessen unterliegt. Mit den erläuterten 5 Punkten wurden wir während unserer Arbeit am meisten konfrontiert und hoffen, euch damit einen hilfreichen Einblick in die Arbeit der UN gegeben zu haben.

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