Die Zeit der Einzelgänger hat ausgedient - um Veränderungen zu schaffen, müssen wir gemeinsam aktiv werden. Wir erklären Dir, warum Kreativität so wichtig ist und wie sie im Team besser gelingt.

Wozu überhaupt Kreativität?

Nichts ist mehr überschaubar. Zwar sind wir über soziale Medien immer näher aneinander gerückt, aber die Globalisierung hat Verflechtungen und Wirkungsmechanismen so stark ineinander verzahnt, dass alles, was wir tun, unzählige Auswirkungen haben kann – teilweise sogar unbemerkt.

In solch einer komplexen Umwelt zu agieren, erfordert Denkweisen und Arbeitsstrukturen, die mit diesen Verflechtungen zusammenpassen. Wer Innovationen aufbauen und fördern will, kann nicht eingleisig denken, sondern muss einen systemischen Blick entwickeln, der erfassen kann, welches Ende sich bewegt, wenn man am Faden zieht. Die Fülle an Informationen bietet aber auch die Chance, verschiedene Aspekte zu verknüpfen, obwohl sie aus getrennten und scheinbar nicht zusammenhängenden Bereichen kommen. Genau an diesen Schnittstellen entstehen oft überraschend Innovationen.

Auch die Geschwindigkeit unseres Lebens hat zugenommen. Nie zuvor waren Menschen einer so großen Schnelligkeit ausgesetzt – egal, ob Kommunikation, Information, Mobilität, Warentausch und Modezyklen. Am Ball zu bleiben ohne den Kopf zu verlieren, ist eine große Herausforderung.

Mit diesem Tempo und den komplexen Verflechtungen über Kontinente hinweg sehen sich insbesondere jene Menschen konfrontiert, die Dinge ändern wollen: Social Entrepreneure, ehrenamtlich oder politisch Engagierte, NGOs – sprich alle, die es sich zur Aufgabe machen, die Welt besser und zukunftsfähiger gestalten zu wollen. Denn wer sich gesellschaftlichen Herausforderungen annimmt, sieht sich mit einer Vielzahl an Verbindungen und unterschiedlichsten Interessengruppen konfrontiert.

Die Fähigkeit, sich komplexen Problemen mit kreativem Denken anzunehmen und innovative Lösungen zu finden, wird immer wichtiger. Selbst das eher konservative Weltwirtschaftsforum in Davos hat Kreativität als eine der zehn relevantesten „Meta-Skills“ der nächsten fünf Jahre identifiziert.

Wir geben Dir einen Einblick, was Kreativität eigentlich ist, warum sie im Team noch besser eingesetzt werden kann als allein und wie Du Dein Umfeld zu neuen kreativen Höchstleistungen bringen kannst.

Jeder Mensch ist kreativ!

Um es gleich vorweg zu nehmen: jeder Mensch hat kreatives Potenzial in sich. Mal größer, mal kleiner – oft jedoch verkümmert.

Kreativität wird meist auf die typisch künstlerischen Tätigkeiten wie Malerei, Bildende Künste oder Musik bezogen. Wenige Erwachsene, die nicht in diesen Bereichen aktiv sind, bezeichnen sich selbst noch als kreativ. Dabei sind bereits alltägliche Handlungen wie z.B. aus den Resten im Kühlschrank ein Abendessen zusammenzustellen, eine kreative Handlung. Beobachtet man hingegen Kinder beim Spielen, sei es alleine oder in der Gruppe, ist man als Erwachsener oft überrascht vom Einfallsreichtum und der überbordenden Phantasie, die die Kleinen an den Tag legen. Und man erinnert sich, als Kind ähnlich agiert und sich seine eigenen Gedankenwelten gebaut zu haben. Unwillkürlich drängt sich die Frage auf: wann und warum ist uns diese Fähigkeit verloren gegangen?

Eine Vielzahl von Forschern und Studien hat sich mit diesem Thema beschäftigt. Eine erste Frage ist, was Kreativität überhaupt ist.

Der Forscher J.P. Guilford hat folgende Merkmale identifiziert, die sozusagen als psychologische Merkmale eines kreativen Menschen gelten können:

  1. Problemsensitivität: erkennen, dass und wo ein Problem besteht
  2. Flüssigkeit: in kurzer Zeit viele Ideen hervorbringen
  3. Flexibilität: gewohnte Wege des Denkens verlassen, neue Sichtweisen entwickeln
  4. Re-Definition: bekannte Objekte neu verwenden, improvisieren
  5. Elaboration: Anpassen der Ideen an die Realität, Details hinzufügen
  6. Originalität: ungewöhnliche neuartige Ideen erschaffen

Hinzu kommt die Unterscheidung der Denkweisen: konvergentes Denken ist rein lösungsorientiert und soll zielgerichtet eine bestimmte Lösung für eine bestimmte Fragestellung hervorbringen. Divergentes Denken dagegen geht von einer eher unklaren Problemstellung aus und führt in viele verschiedene Richtungen.

Langzeitstudien zur Kreativitätsmessung zeigen, dass es auf dem Weg von der Kindheit zum Erwachsenenalter in der Tat starke Veränderungen im kreativen Denken und Handeln gibt. Als kritische Schwelle gelten die vierte bzw. fünfte Klasse – in Deutschland also gleichbedeutend mit dem Übergang auf eine weiterführende Schule.

Die Studien zeigen die stärksten Einbrüche in den Teilbereichen der Flüssigkeit, Originalität und Elaboration – Kreativität nimmt also sowohl in der Quantität wie in der Qualität ab. Lediglich die Fähigkeit zur Abstraktion ist im Erwachsenenalter höher als im Kindesalter. Gründe für diese Abnahme an kreativem Können liegen zum einen in einem steigenden Bedarf nach sozialer Anerkennung innerhalb der Peer Group, der mit Beginn der Pubertät immer bedeutender wird, während abweichendes Verhalten recht schnell streng sanktioniert wird. Zum anderen spielen schulische Lehrpläne eine ganz zentrale Rolle, da sie mit einer großen Konzentration auf Faktenwissen die Bandbreite an „richtigen“ Antworten einschränken und kreative Lösungen eher restringieren als belohnen. Rein wissensbasiertes Lernen fördert eher das konvergenten Denken, während das divergente Denken, das für kreativen Output von entscheidender Bedeutung ist, immer weiter in den Hintergrund gedrängt und „verlernt“ wird.

Co-Kreativität im Team
Eine offene Haltung gegenüber neuen Impulsen ist wichtiger als reine Methodendogmatik (z.B. die ausschließliche Verwendung von Design Thinking oder der Business Model Canvas). Außerdem braucht es die Bereitschaft des Einzelnen, auch in der Gruppe die eigene Komfortzone zu verlassen. Dies gelingt nur, wenn eine angstfreie Arbeitsumgebung geschaffen wird, in der sich Menschen wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen.

Ergebnis dieser bildungsinduzierten Kreativitätsarmut ist, dass sich Erwachsene, die nicht in einer explizit künstlerischen Branche arbeiten, nur selten als kreativ betrachten. Schreiben und Musik mag zwar in der Pubertät für viele Menschen noch eine Möglichkeit gewesen sein, ihrem Inneren Ausdruck zu verleihen, doch werden diese Aktivitäten häufig nicht weitergeführt. Mit dem Arbeitsleben und zunehmenden Verpflichtungen versiegen oft die Ruhe und die Muße, aus denen heraus man noch schöpferisch tätig sein könnte.

Menschen tendieren aber auch zu „Faulheit“ und Energieeffizienz. Es ist energie- und zeitsparend, für bestimmte, wiederkehrende Aufgaben Routinen zu entwickeln, um die eigenen Ressourcen zu sparen. Der Vorgang an sich ist klug, birgt aber die Gefahr eingeschränkter und einseitiger Sichtweisen – was wiederum die generelle Kreativität mindern kann.

Co-Kreativität – wieso Gestalten im Team besser ist

In meiner Arbeit bei Cool Ideas Society habe ich viele Menschen in Ideenworkshops begleitet (und die Prozesse auch selbst durchlebt). Was mich immer fasziniert hat, war die Frage, warum man im Team plötzlich kreativer ist als wenn man alleine vor sich hinbrütet. Natürlich sind es erstmal die unterschiedlichen Sichtweisen und Kenntnisse, die in die Runde geworfen werden und neue Anknüpfungspunkte für die nächste Ideenschleife bilden. Aber ich hatte recht schnell das Gefühl, dass noch mehr dahinter stecken muss. Vor allem hat mich fasziniert, wie engagiert und leidenschaftlich wach die Teilnehmer selbst nach einem langen Arbeitstag wurden, sobald sie in der Gruppe „rumspielen“ durften. Der Erfolg von Co-Kreativität liegt nicht nur im gestalterischen Prozess allein, sondern ist zutiefst mit dem Menschen als soziales Wesen verbunden. Denn eines der größten Motivationssysteme der Menschen ist die Suche nach gelingenden zwischenmenschlichen Kontakten, nach sozialer Anerkennung und Gesehenwerden. Dies ist einer der Gründe, warum Menschen grundsätzlich auf Kooperation ausgerichtet sind.

Diese Suche oder auch schon die Aussicht auf soziale Resonanz aktiviert in unserem Gehirn die Ausschüttung von Dopamin, einer Art „Belohnungsdroge“. Dopamin sorgt für Konzentration und die mentale Energie, die wir zum Handeln benötigen.

Diese Konzentration stimmt uns auf die Kooperation innerhalb einer Gruppe ein. Ein essenzieller Stimulator für die Ausschüttung von Dopamin ist gemeinsames Lachen. Es ist also kein Zufall, dass man zu Beginn einer Versammlung Witze oder lustige Sprüche anbringt, um die Stimmung zu lockern.

Hat man diesen ersten Eisbrecher hinter sich, ist man grundlegend auf Kooperation und Kollaboration eingestellt. Der Stimulator alleine genügt aber nicht, um die Bindung innerhalb einer Gruppe zu stabilisieren – hier kommt Oxytocin ins Spiel. Man kennt es als Stillhormon, aber es ist darüber hinaus essentiell für jede zwischenmenschliche Bindung, denn es stiftet und stärkt das gegenseitige Vertrauen. Da Dopamin und Oxytocin aufgrund ihres Wohlfühlfaktors einen gewissen Suchtfaktor in sich tragen, legen wir unser Verhalten so aus, dass diese Botenstoffe ausgeschüttet werden. In gestalterischen Prozessen erfahren wir also soziale Resonanz über die wechselseitige Anerkennung und Aufnahme von Impulsen der anderen Gruppenmitglieder. Wir erhalten kleine, dopingähnliche Kicks durch das belohnende Gefühl, Teil der Gruppe zu sein und fühlen uns einander nach und nach immer enger verbunden.

Oxytocin hat den wunderbaren Nebeneffekt, dass es Angst und Stress mildert. Und wer angst- und stressfrei arbeitet, ist auch kreativer, weil er weniger Energie auf die Bewältigung negativer Emotionen verwenden muss. Dies ist auch der Grund, warum ein einziges Kreativmeeting in einem ansonsten von Konkurrenz und Druck bestimmten Arbeitsumfeld keine besonders effektiven Ergebnisse bringen wird. Denn wer Menschen nachhaltig motivieren und zu kreativer Leistung bringen will, der sollte ihnen kontinuierlich die Möglichkeit geben, mit anderen zu kooperieren und nicht nur Ideen, sondern auch Beziehungen zu gestalten. Langfristig sichert dies sogar die Gesundheit der Mitarbeiter, denn die vom Motivationssystem ausgeschütteten Botenstoffe belohnen uns nicht nur mit subjektivem Wohlergehen, sondern auch mit körperlicher und mentaler Gesundheit. Und dies steigert wiederum die allgemeine Kreativität im Team.

So steigerst Du die Kreativität im Team

Ich stelle hier keine einzelnen Methoden vor, die als punktuelle Stimulation gedacht sind – wichtiger ist der Gesamtkontext, in den co-kreative Prozesse eingebettet werden sollen.

1) Der Raum: Im „Art of Hosting“ ist der Raum ein ganz zentraler Punkt für eine Gruppenarbeit. Damit ist nicht (nur) der physische Raum gemeint, sondern auch der mentale. Jemanden an seinen Schreibtisch zu fesseln und ihn auf Kommando dazu zu bringen, kreativ zu sein, funktioniert in den allerseltensten Fällen. Wer gezielt Ideen entwickeln möchte, schafft einen zeitlichen, mentalen und physischen Raum abseits der Alltagsroutine und Hektik, in dem auch andere Regeln gelten. Das Aufbrechen der täglichen, erstarrten Muster ist ebenso wichtig wie die Freiheit von Zeitdruck.

Wichtig ist, von Anfang an einen Rahmen zu stecken: Welches ist unser Spielraum: entwickeln wir komplett neue Ideen oder fokussieren wir uns auf eine bestimmte Fragestellung?

Gestalte eine Agenda als roten Faden, damit die Teilnehmer wissen, in welchem Zeitfenster welche Arbeitsphasen stattfinden.

Der physische Raum sollte vom normalen Arbeitsumfeld abweichen. Dabei kann es schon helfen, auf dem Boden statt auf Stühlen zu sitzen, außergewöhnliche Bilder oder anregende Flipcharts aufzuhängen. Wenn möglich, verlagert einen Teil der Arbeit unter den freien Himmel. Wer ein richtiges Kreativ-Camp plant, kann sich auch zwei Tage in einer Jugendherberge einmieten.

Hauptsache, Tapetenwechsel!

2) Abschalten: Es ist nicht schlimm, wenn das Tagesgeschäft liegenbleibt. Es ist egal, dass Dein Team ein paar Stunden keine Anrufe annimmt. Der Fokus ist im Raum, in der Idee, im Entwickeln, im Team und im ko-kreativen Prozess. Wer sich konsequent aus der Routine und von äußeren Störfaktoren abschottet, kann besser loslassen. Denn wer mit den Gedanken bei dem Konzept für die nächste Deadline hängt, wird nur schwer den Kopf für neue Ideen freihaben.

3) Wertschätzung: Jede Idee ist willkommen und wichtig. Natürlich werden nicht aus allen auch wirklich umsetzbare Projekte. Aber selbst ein banaler Einfall kann eine andere Person im Team auf eine Assoziation bringen, die wiederum zum nächsten Schritt führt. Co-Kreativität ist ein iterativer Prozess. So richtig im Flow seid Ihr, wenn am Ende ein Projekt steht und Ihr nicht mehr aufdröseln könnt, wer genau nun was davon entdeckt hat.

Zur Wertschätzung gehört auch erstmal die Abwesenheit von Bewertung. Ob eine Idee tatsächlich was taugt, entscheidet sich an einem späteren Zeitpunkt. Viel wichtiger ist der Mut und die Offenheit, allen Ideen und Gedanken Raum zu geben.

Und natürlich: keine Hierarchie!

4) Den Körper nutzen: Besonders für reine Schreibtischtäter ist es wichtig, in Bewegung zu kommen. Durch körperliche Aktivitäten werden unterschiedliche Gehirnregionen aktiviert. Körperliche Übungen zum Aufwärmen oder auch nach den Pausen als Energyzer wirken anregend. Ebenso sollten verschiedene Sinne beansprucht werden. So hilft es, eine Idee in Bastelei umzusetzen – mit simpler Knete oder Bauklötzchen.

5) Den Spielraum abstecken - Divergentes vs. konvergentes Denken: Wie oben beschrieben, kommt es darauf an, welches Ziel in der kreativen Runde erreicht werden soll: Geht es um die Entwicklung möglichst vieler, neuer Ideen oder um eine fokussierte Lösungsfindung für ein spezifisches Problem? Beide Wege haben je nach Kontext ihre Berechtigung. Beim divergenten Denken verführt die Freiheit bisweilen dazu, die Kreativität zum reinen Selbstzweck werden zu lassen. Tatsächlich sprengt zuviel Kreativität nicht nur die Kategorien, sondern lenkt auch von den Fragestellungen und Kernproblemen ab. Wenn man eine effektive Lösung sucht, sollte man die Kreativität nicht bis zum Äußersten treiben.

6) Horizont öffnen: ein Oberbegriff für all die Prozesse, die über das routinierte Denken und Lösungsfinden hinausgehen. Hier geht es darum, Kategorien zu erweitern, auszudehnen, zu überschreiten. Methodisch kann man Assoziation und Dissoziation unterscheiden. Bei Assoziation geht es darum, Dinge, Konzepte, Begriffe, die eigentlich nicht zusammengehören, zu verknüpfen und zueinander in neue Beziehungen zu setzen. Aus Einzelteilen wird ein neues Ganzes.

Dissoziation hingegen geht in die gegengesetzte Richtung und zerlegt ein Ganzes in seine Einzelteile. Die Betrachtung der „mikroskopischen“ Bestandteile eines Problems kann sehr hilfreich sein, um das Bewusstsein und den Blick für Aspekte zu schärfen, die man sonst übersieht. Durch die Wahrnehmung von Details erweitert man somit die Palette an möglichen Stellschrauben, die als Lösungsansatz genutzt werden können.

Tatsächlich hat sich gezeigt, dass Assoziationsübungen für eine Öffnung des Denkens geeignet sind (also für die Divergenz), um über Grenzen hinweg zu denken und neue Rohideen zu entwerfen. Geht man zurück zu der spezifischeren Lösungsfindung, eignen sich Dissoziationsübungen mit ihrem funktionaleren Betrachtungswinkel besser. Die Verbindung beider Ansätze ist sehr gut geeignet, wenn man von der Problemlösungsfindung wieder stärker in die engere Kategorie der Herausforderung eintreten will.

Fazit:

Eine offene Haltung gegenüber neuen Impulsen ist wichtiger als reine Methodendogmatik (z.B. die ausschließliche Verwendung von Design Thinking oder der Business Model Canvas). Außerdem braucht es die Bereitschaft des Einzelnen, auch in der Gruppe die eigene Komfortzone zu verlasse. Dies gelingt nur, wenn eine angstfreie Arbeitsumgebung geschaffen wird, in der sich Menschen wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen. Denn die großen Probleme unserer Zeit werden sich nur gemeinsam lösen lassen!

Birgit Heilig arbeitet bei Cool Ideas Society e.V., der immer wieder Hostingtrainings anbietet, wo Du co-kreative Prozesse lernen kannst. Bei Interesse klicke hier: http://bit.ly/2Af8eMB

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