ursprünglich erschienen: 13.08.2015

Gloria Amoruso zeigt mit ihrem Projekt ‘kein Abseits! e.V.’ wie positiv sich Mentoring sowohl auf Mentee, als auch auf Mentor ausübt und beweist, dass ein erfolgreicher Bildungsweg auch mit schwierigen Startbedingungen möglich ist. Man braucht nur die richtige Unterstützung.

Beschreibe Dein Projekt in 5 Worten.

Meine Arbeit bei kein Abseits! ist für mich meine Berufung, meine Leidenschaft. So würde ich meinen Job in fünf Worten beschreiben:

  • #Chancenermöglicherin
  • #Brückenbauerin
  • #VielfaltFan
  • #Team-/Tandemempowerer und
  • #Vernetzerin

Was war der entscheidende Moment dafür diesen Beruf zu wählen?

Ich habe mich bereits seit 2010 selbst als Mentorin für einen Grundschüler aus Kreuzberg engagiert. Seine Eltern sind aus Palästina und er hat fünf Geschwister. Durch das Mentoring konnte ich einen spannenden Perspektivwechsel erleben und meine eigene Bildungsbiografie reflektieren. Ismail und ich erreichten schnell eine vertraute Ebene und lernten auch gegenseitig unsere Familien besser kennen. Wir stellten fest, dass arabische und italienische Großfamilien viele Gemeinsamkeiten haben, aber auch spannende Unterschiede teilen.

Ein besonderer Moment entstand an einem Nachmittag im Park beim Fußballspielen. Ismail fragte mich, ob ich wüsste, was sein größtes Abenteuer gewesen sei. Ich tippte auf das gemeinsame Go-Kart-Fahren, da Ismail ein Autofan ist. Ismail antwortete jedoch: „Die Ausflüge mit dir!“ In dem Moment ging mir das Herz auf und ich wusste, dass ich vielen Menschen ähnliche Erfahrungen ermöglichen möchte.

Ich fand in Ismail nicht nur einen neuen Freund, der dreizehn Jahre jünger ist als ich, sondern genoss die Entdeckungsreise im Tandem in Berlin und zu mir selbst. Ismail hat aus unserer gemeinsamen Zeit viel Selbstbewusstsein getankt. Obwohl wir nie direkt zusammen für die Schule gelernt haben, sondern „fürs Leben“, haben sich auch seine schulischen Leistungen verbessert. Ismail ist heute im Gymnasium und einer der Besten seiner Klasse. Wir haben immer noch Kontakt.

Als mich dann kurze Zeit später meine Schulfreundin Sinem fragte, ob wir nicht zusammen ein eigenes Projekt starten wollten, war ich Feuer und Flamme. Ziemlich schnell haben wir ein Konzept zusammengeschustert, in dem wir unsere eigenen Erfahrungen unterbringen konnten und Elemente integrierten, die uns sehr in unserer Entwicklung halfen. Natürlich durfte auch das 1:1-Mentoring nicht fehlen.

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Im Handumdrehen wurden wir zu Sozialunternehmerinnen, auch wenn mir das erst deutlich später durch PEP bewusst wurde. Wir haben direkt und auch ein bisschen naiv losgelegt, ohne uns viele Gedanken zu machen. Ich bin an dieser Tätigkeit sehr gewachsen und habe bei der Durchführung der Projekte und der Weiterentwicklung der Organisation gemerkt, dass das voll mein Ding ist: etwas Eigenes aufzubauen, von der Wirkung her zu denken, keine Angst zu haben, Veränderungen vorzunehmen und von unten etwas zu verändern mit den Menschen und für die Menschen.

Was war bisher Dein größter Erfolg?

Im letzten Jahr habe ich für mein Engagement bei kein Abseits! und im Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften den ersten Engagementpreis der Studienstiftung erhalten. Das war nicht nur eine wundervolle Anerkennung für unsere Arbeit, das Team und die Ehrenamtlichen, sondern gab uns auch viel Rückenwind.

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Dass mir diese Ehre zuteil wurde, hat für mich bis heute große Bedeutung: Als erste Abiturientin in meiner Familie habe ich während meiner Schulzeit und des Studiums trotz guter Leistungen immer wieder an mir gezweifelt und mir fiel es nicht immer leicht, mich zugehörig zu fühlen. Als ich zu Beginn des Studiums in die Studienstiftung als Stipendiatin aufgenommen wurde, hatte ich das Gefühl gesehen zu werden und für meine Anstrengungen belohnt zu werden. Einige Jahre später dann auch noch den Engagementpreis zu erhalten, ließ einen Wunsch wahr werden.

Ich fühle mich umso mehr darin bestärkt, weiterzumachen mit kein Abseits! Denn es wird deutlich, dass man unabhängig von den eigenen Startbedingungen einen erfolgreichen Bildungsweg bestreiten kann. Das ist eine Kernbotschaft, die wir den Kids aus unseren Projekten immer wieder vermitteln: „Du kannst alles schaffen, wenn du auf deine Stärken vertraust. Und auf deinem Weg wird es immer Menschen geben, die dich dabei unterstützen!”

Was würdest Du als Deinen bisher größten Tiefschlag bezeichnen?

Ich erlebe Situationen normalerweise nicht als Scheitern, sondern als Herausforderungen, mit denen es umzugehen gilt. Überwindet man diese Herausforderungen, geht man meist gestärkt aus der Situation heraus.

In den letzten Jahren gab es immer wieder Herausforderungen für kein Abseits! oder für mich persönlich. Oft hingen sie mit zeitlicher Überforderung zusammen: Als Sozialunternehmerin ist man auch dazu verpflichtet, sich um sich und seine eigenen Ressourcen zu kümmern und genügend Ruhepausen einzuplanen. Da hilft oft eine strukturierte Prioritätensetzung, sich seine Zeit gut einzuteilen und zu „monitoren“, z.B. mit Stundentabellen und Arbeitsplänen.

Wenn es Schwierigkeiten bei der Umsetzung unserer Projekte gab, haben wir das immer im Team besprochen und gelöst. Beispielsweise war es nicht immer leicht mit Schulen zu kooperieren. Auch die Umstellung von einem rein ehrenamtlichen Verein hin zu einem Träger mit einem hauptamtlichen Fundament war nicht immer einfach.

Was bedeutet Teilhabe für Dich?

Teilhabe bedeutet für mich, dass alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft und ihren Startbedingungen, gerechte Chancen haben, ein glückliches und erfolgreiches Leben zu führen, an der Gesellschaft aktiv teilhaben zu können und diese mitzugestalten.

Das passiert konkret in unserem Projekt, wenn eine hilfsbereite und ehrgeizige Familie aus Syrien in Berlin gesehen und gehört wird, Freundschaften mit Beheimateten schließt, die Kinder eine gute Bildung erhalten können und die Eltern die Möglichkeit haben, für sich und ihre Kinder eine glückliche Zukunft aufzubauen.

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Ein weiteres Beispiel für gelebte Teilhabe ist, wenn ein unsicherer und sozial ausgegrenzter Junge kennenlernt, was Berlin ihm alles zu bieten hat, er seine Stärken entdecken und positive Zukunftsperspektiven entwickeln kann, obwohl seine Eltern weder finanziell viele Möglichkeiten haben, noch einen hohen Bildungsabschluss besitzen.

Teilhabe bedeutet für mich schließlich, wenn Menschen unterschiedlichster Lebenswelten Räume des Austausches teilen, in denen sie sich vorbehaltlos begegnen können und ein friedliches Miteinander tatsächlich leben.

Aktuell sucht ‘kein Abseits! e.V.’ wieder Ehrenamtliche, die sich nach den Sommerferien als Mentoren engagieren.  Die MentorInnen können sich bei Interesse direkt unter bewerbung@kein-abseits.de melden. Ihr werdet dann zu einem persönlichen Gespräch eingeladen und bekommt vor dem Start noch zwei vorbereitende Workshops zu pädagogisch-, psychologischen sowie asylspezifischen Themen.

Photocredit: http://www.kein-abseits.de/kein-abseits/

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