Wir haben in unserer tbd* Community nach Beiträgen für die Serie "Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit" ausgerufen und besonders beeindruckt hat uns der Beitrag von Sophie Knabner. Sophie hat Ethnologie und Entwicklungsforschung Afrikas studiert und arbeitet aktuell in der entwicklungspolitischen Bildung. Sie beschäftigt sich besonders mit der Schnittstelle von Kritik und Praxis sowie postkolonialen Ansätzen in der Entwicklungszusammenarbeit.

Entwicklungszusammenarbeit hat ein schlechtes Image – zu Recht. Immer mehr Stimmen werden laut, die sagen: Man sollte es einfach lassen. Gleichzeitig wissen wir, dass auch das keine Lösung ist, denn politische und ökonomische Krisen, Abhängigkeiten und Ungleichheiten sind Realität. Warum nicht mehr Debatte wagen und die ewige Kritik zur Praxis machen? Drei Vorschläge für einen Weg zu einer Zusammenarbeit, die ihren Namen auch verdient.

‚Entwicklungssprech‘ und das ewige Projekt – Begriffe und Methoden

„Nachhaltigkeit“, „Capacity Building“ oder „Resilienz“ sind Beispiele des entwicklungspolitischen Vokabulars, das sich etabliert hat, um sich weltweit über Grundannahmen und Ziele zu verständigen und zu einigen. Doch der Norden definiert jene Begrifflichkeiten und damit auch den Rahmen entwicklungspolitischer Zusammenarbeit, während der Süden sich darin einbettet. Ihre Allgemeingültigkeit wird vorausgesetzt und ist nicht Gegenstand grundlegender Debatten – schließlich wollen wir doch alle eine nachhaltige Entwicklung, oder etwa nicht?

Das entwicklungspolitische Vokabular ist dabei sich zu verselbständigen. Begriffe werden inflationär verwendet, bis sie ihre Aussagekraft gänzlich verlieren. Dabei suggeriert die Standardisierung entwicklungspolitischer Sprache, dass es universell anwendbare technische Antworten auf sämtliche Probleme gäbe. Die Ursachen der zu bekämpfenden Missstände sind jedoch höchst komplex.

In ähnlicher Weise kommen Zweifel an den international etablierten Methoden der EZ wie dem Logical Framework Approach* und der Fixierung auf Projektzyklen auf. Es stellt sich die Frage, ob sie als standardisiertes Handwerkszeug noch ihren Zweck erfüllen oder uns nicht vielmehr in unserer Zielsetzung hemmen. Wie sollen wir über langfristige strukturelle Veränderungen nachdenken, wenn Ziele in 24 Monate Projektzeit erreicht und messbar bewiesen werden müssen? Wie lassen sich rassistische Strukturen, die Nachwirkungen des Kolonialismus und die Vision einer gleichberechtigen Weltgesellschaft in einer Logical Framework Matrix darstellen? Wir müssen eine grundlegende Debatte über die zentralen Begriffe und Methoden der Entwicklungszusammenarbeit einfordern, um gemeinsame Ziele nicht in standardisierter Bürokratie und technischen Abläufen zu ersticken.

Jenseits der Augenhöhe – Widersprüche aushalten, benennen und mit ihnen arbeiten

In beinahe jedem Programm, jedem Einzelprojekt und jeder Förderleitlinie ist eine „Zusammenarbeit auf Augenhöhe“ vorgesehen. Antragsteller müssen diese als Credo ihrer Kooperation mit Partnern im globalen Süden darstellen um eine Chance auf Bewilligung zu haben. Gleichzeitig wissen beide Seiten insgeheim, dass dies nicht der Realität entspricht: Partner aus dem Süden wissen um ihre absolute Abhängigkeit von Projektgeldern, Programmleitlinien und personellen Kontakten im Norden. Und selbst Mitarbeitende in den Ministerien und Organisationen, in denen derartige Programme aufgelegt werden, sind sich dessen bewusst, dass schon allein die Stabilität ihrer Internetverbindung bessere Voraussetzungen für die Qualität ihrer Arbeit schafft und dass am Ende eines Projektes sie die Deutungshoheit über dessen Erfolg beanspruchen.

Es mag gut für unser Selbstbild und den zielgerichteten Fortgang unserer Arbeit sein, im Glauben zu leben, dass wir und unsere Partner gleichberechtigt zusammenarbeiten. Diese Illusion bewahrt uns davor, unser tägliches Tun infrage zu stellen. Sie ist aber ebenso gefährlich: Sie verschleiert die Machtstrukturen, in denen Entwicklungszusammenarbeit umgesetzt wird und verfestigt sie, indem sie mit einer Phrase übertüncht und im nächsten Projektzyklus wiederholt werden.

Eine grundlegende Auseinandersetzung mit strukturellen Abhängigkeiten und ungleichen Ausgangssituationen kann so nicht stattfinden. Augenhöhe ist das Ideal, nicht die Ausgangssituation. Entwicklungszusammenarbeit ist ein Feld voller Widersprüche und wir müssen lernen, diese zu benennen, auszuhalten und mit ihnen zu arbeiten. Wir müssen Partner an allen Entscheidungsprozessen gleichermaßen beteiligen, unabhängige Beschwerdeverfahren in jeder Zusammenarbeit etablieren und neutrale Evaluationen für beide Parteien ermöglichen. Wir müssen bereit sein, grundlegende Kritik gegenüber unseren Arbeitsweisen und -ergebnissen zuzulassen, anzunehmen und die Konsequenzen dafür tragen.

EZ ist gesellschaftliche Verantwortung – von Globalgeschichte und Spendenwerbung

Entwicklungspolitik in Theorie und Praxis ist immer noch ein Nischenthema, das vorranging im Fall von Skandalen öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Sie gilt landläufig als Wohltätigkeit, während die Menschen, die in ihr arbeiten als Abenteurer und Idealisten belächelt werden.

Dies liegt auch daran, dass kaum Wissen über Hintergründe und aktuelle Themen der EZ in der Gesellschaft existiert. Globalhistorische Zusammenhänge, die dazu geführt haben, dass Wohlstand weltweit ungleich verteilt ist und grundlegende Menschenrechte nur für einen Teil der Weltbevölkerung zu gelten scheinen, ziehen kaum öffentliches Interesse auf sich. Die vorherrschende eurozentrische Geschichtsschreibung erlaubt keine tiefe Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit und dem transatlantischen Sklavenhandel. Ein euro-amerikanisches Selbstbild, das sich über die eigene Kultur, Demokratie und wirtschaftlichen Wohlstand definiert, verschleiert die Ursachen und Verantwortlichkeiten für aktuelle globale Miseren.

Globalhistorische Zusammenhänge und ökonomische Abhängigkeitsstrukturen, die Unterernährung im Niger bedingen, lassen sich nicht über das Bild eines ausgemergelten Kindes mit aufgeblähtem Bauch darstellen. Abgesehen davon, dass eine solche Spendenwerbung klassische Stereotype reproduziert, verschweigt sie die eigentliche Problemstellung, an der entwicklungspolitische Organisationen ansetzen. Auch erfolgreiche strukturelle Veränderungen, wie der Zugang zu Rechtshilfe für Arbeiterinnen in Bekleidungsfabriken in Bangladesch, werden nicht durch das Bild lachender Frauen in Saris in einem Slum bestätigt. Aber ein solches Bild wärmt das Herz in der Vorweihnachtszeit und zahlt sich auch auf den Spendenkontos der NGOs aus.

Die Probleme, die die EZ angeht, sind hochkomplex. Dies müssen auch ihre Unterstützer wissen. Sie müssen die Hintergründe und Zusammenhänge in ihren Grundzügen verstehen um zu entscheiden, welche Themen und Initiativen sie fördern möchten. Nicht nur staatliche, sondern auch private Geldgeber müssen aufgeklärt werden und Verantwortung übernehmen, mitzuentscheiden, wie eine neue Form der EZ gelingen kann. Es ist die Pflicht entwicklungspolitischer Initiativen und Programme, über die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingen und Strukturen zu informieren, die ihren Einsatz nötig machen, und dabei ihre Arbeit offenzulegen und sie zur Debatte zu stellen.**

*Der Logical Framework Approach ist eine Methode, die sich seit den 1960er Jahren in der EZ und Humanitären Hilfe durchgesetzt hat, um Projektvorhaben zu rationalisieren und so in der Vergabekonkurrenz vergleichbar zu machen. Siehe dazu sowie zur angesprochenen Kritik: Krause, M., 2017. Das gute Projekt: humanitäre Hilfsorganisationen und die Fragmentierung der Vernunft 1. Aufl., Hamburg: Hamburger Edition.

**Medico International geht hier mit gutem Beispiel voran: https://www.medico.de/wir/hilfsorganisation- medico-international/

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Wenn wir diese Debatten über unsere Annahmen, Ziele und Arbeitsweisen wagen, werden wir wahrscheinlich nicht mehr von Entwicklungszusammenarbeit sprechen. Aber wir werden unseren Idealen, aus denen heraus wir diese Arbeit tun, näher kommen als je zuvor.