Perspektive #10: Dr. Joana Breidenbach ist Mitgründerin von betterplace.org und Gründerin des betterplace lab. Sie veröffentlichte bereits einen anderen Artikel zum Thema Wellbeing bei uns. 

Wellbeing: Wie hängen innere und äußere Entwicklung miteinander zusammen? Und was verstehen wir überhaupt unter „innerer Arbeit“?

Die Grundprämisse des Wellbeing-Projekts, welches ich in meinem ersten Artikel vorgestellt habe, ist, dass innere und äußere Arbeit eng miteinander verbunden sind. Im Zentrum des Inner Development Programms geht es zwar um die persönliche innere Dimension, d.h. darum, dass Sozialunternehmer ihre Lebensqualität verbessern. Zugleich zielen die Initiatoren des Programms, darunter Ashoka, Rockefeller Foundation, Skoll Foundation und Esalen Institute, perspektivisch auf den notwendigen systemischen gesellschaftlichen Wandel ab, der durch diese Sozialunternehmer herbeigeführt werden kann. 

Diese Korrelation zwischen innerer Persönlichkeitsarbeit und gesellschaftlicher Wirksamkeit mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. Doch Entwicklungspsychologen (angefangen mit Piaget) haben in den letzten Jahrzehnten detailliert erforscht, wie der menschliche Reifungsprozess aussieht und welche Weltbilder und Organisationsformen mit den unterschiedlichen Ebenen einhergehen. Autoren wie der integrale Philosoph Ken Wilber, der Harvard Entwicklungspsychologe Robert Kegan und das Spiral Dynamics Modell von Don Beck haben differenzierte Stufenmodelle von inneren und äußeren Entwicklungen entworfen. 

Ken Wilber’s Quadrantenmodell AQAL beschreibt, wie jedes Ereignis in unterschiedlichen Dimensionen stattfinden und wahrgenommen werden kann. Auf der linken Seite des Modells sind die innerlichen Dimensionen, auf der rechten die äußerlichen (beobachtbaren) Phänomene. Oben finden sich die individuellen Aspekte, unten die kollektiven.  

 

Quelle: http://www.kenwilber.com/Writings/PDF/IntroductiontotheIntegralApproach_...

Was bedeutet es, „als ganzer Mensch“ aufzutreten?

In der Wellbeing-Bewegung ist viel davon die Rede, als „ganzer  Mensch“ in der Welt zu erscheinen. Es geht darum, in der Familie und im Freundeskreis, ebenso wie am Arbeitsplatz, sich nicht nur mit sorgsam selektierten Facetten seiner Persönlichkeit zu zeigen, sondern ganzheitlicher auftreten zu können. Zum einen ist es nämlich sehr anstrengend wichtige Aspekte von uns vor anderen geheim zu halten oder zu verdrängen. Wenn wir keine Möglichkeit haben Ärger, Wut, Frustration oder Traurigkeit zu zeigen, kehren wir sie nach innen und verhindern damit uns flüssig (d.h. dynamisch der jeweiligen Situation angepasst) auf andere Menschen und Situationen zu beziehen. Oft folgen Missverständnisse, Projektionen und Gefühle von Einsamkeit. 

Die meisten Erwachsenen müssen erst wieder lernen sich selbst mit ihrer ganzen Palette an Gefühlen und Gedanken zu erfahren und sich auf ganzheitlichere Weise in der Welt zu zeigen. Dazu ist das, was wir „innere Arbeit“ nennen, notwendig. Bei der inneren Arbeit geht es darum mit mir selbst adäquat in Kontakt zu sein - mein eigenes Verhalten und die ihm zugrunde liegenden Gefühle und Gedanken, Muster, Werte und Bedürfnisse immer besser zu kennen und zu reflektieren. 

Dieser Lernprozess führt zu einer Reifung und ist im Kern ein Prozess der Bewusstseinserweiterung und der Fähigkeit mit zunehmender Komplexität umzugehen. Zu Beginn des menschlichen Lebens dreht sich alles nur ums Überleben und die Brust der Mutter. Später löse ich mich aus der Symbiose und lerne mich als autonomes Individuum wahrzunehmen. Zugleich fange ich an die äußere Welt in mir abzubilden und mit ihr eine Beziehung aufzubauen. 

Sowohl mein Selbstkontakt, als auch mein Bewusstsein für die äußere Welt können sehr unterschiedlich entwickelt sein. So kann die Anerkennung von außen (Beförderung vom Chef, Firmenwagen etc.) für viele Menschen eine wesentlich größere Rolle spielen als für andere, deren primäres Ziel ihre Selbstverwirklichung ist. Letztere wünschen sich vor allem Freiheit um ihre Talente, ihr Potential zu entfalten. Ebenso benötigen Menschen die wenig Halt in sich haben, im Zweifel mehr Struktur im außen. Solche, die mit sich selbst gut im Kontakt sind und eine solide Basis haben, sind strukturunabhängiger und können autonomer ihrem eigenen inneren Kompass folgen. 

Spiral Dynamics als Erklärungsmodell für Entwicklung

Entwicklungsmodelle wie Spiral Dynamics können hilfreich sein, um uns selbst und andere besser zu verstehen, da sie äußere Verhaltensformen und ihnen zugrunde liegende Weltanschauungsebenen, bzw. Bewusstseinsstufen miteinander verbinden. Zugleich bergen diese Modelle aber auch die Gefahr Schubladendenken und Stereotype zu fördern, und Ambivalenzen und Widersprüche zu ignorieren. 

Mit diesen Gefahren im Hinterkopf können Schaubilder wie dieses hier veranschaulichen wie unterschiedliche Bewusstseinsebenen sich auf Organisationskulturen und Führungsstile auswirken können:

Wenn wir uns an diesem Bild orientieren, können wir die meisten Firmen in der blauen oder orangenen Ebene verorten. Einzelne Unternehmen, wie Ben & Jerrys – aber auch die meisten Sozialunternehmen und NGOs, folgen dagegen eher den Prinzipien der grünen Ebene und stellen egalitäre Werte wie Gemeinschaft, Shared Value, Ermächtigung der Mitarbeiter und die persönliche Beziehung zum Kunden/Begünstigten in den Mittelpunkt.  

Die nächste Ebene der Bewusstseinsentwicklung

Doch weder die Werte und Praktiken des orangenen Memes (Effizienz, individueller Erfolg, Materialismus etc.) als auch der grünen Ebene (Gemeinschaft, Konsens, Post-Materialismus etc.) sind in der Lage den systemischen Wandel einzuleiten, den wir benötigen um unsere Sozial- und Wirtschaftssysteme dahingehend umzubauen, dass sie inklusiver, gerechter und umweltfreundlicher sind. 

Dazu bedarf es einerseits der Fähigkeit über den Tellerrand der eigenen Organisation hinauszuschauen, Koalitionen einzugehen und mit anderen, teils sehr unterschiedlichen Akteuren ko-kreativ zu sein (etwas, das dem „orangenen“ Weltbild widerspricht). Andererseits sind die Werte und Praktiken der „grünen“ Ebene nicht gut geeignet komplexe Ziele fokussiert anzupeilen. Grüne Systeme sind oft sehr konsensorientiert und neigen dazu nach dem (kleinsten) gemeinsamen Nenner zu streben. Ihre egalitäre Ausrichtung verhindert es, dass Exzellenz und Unterschiedlichkeit wirklich anerkannt und produktiv genutzt werden. Aber um in komplexen Systemen zu navigieren bedarf es der Fähigkeit zu unterscheiden, Kompetenzen und Schwächen zu identifizieren und strategisch sinnvoll einzusetzen. 

Die Fähigkeiten dazu finden sich auf der nächst höheren Ebene, die im Spiral Dynamics Modell gelb ist (in anderen schematischen Darstellungen ist sie türkis, so z.B. bei Frederic Laloux und seinem einflussreichen Buch Re-Inventing Organisations).  Auf dieser Entwicklungsstufe verfolgen Menschen und Organisationen übergeordnete Ziele und stellen ihre eigenen Partikularinteressen zurück. Sie fragen nicht als erstes „Was ist gut für mich und meine Organisation und unseren Erfolg?“ (orange), oder „Was ist gut für unser Team und seine Menschen?“(grün). Stattdessen widmen sie sich der übergeordneten Frage: „Was braucht die Welt und welchen Beitrag können ich und meine Organisation dabei leisten?“ 

Für Menschen auf dieser Ebene steht die „higher Purpose“ - der größere Sinn – im Zentrum. Sie vermögen sowohl ihr unmittelbares Umfeld (Familie, Unternehmen, Stadt etc.), als auch große Teile der Außenwelt (die Welt als Ganzes) in sich abzubilden. Sie denken in mittel- und langfristigen Zielen, können verschiedenste Perspektiven einnehmen (Multiperspektivität), Unsicherheit gut aushalten und in Komplexität navigieren. 

Es sind genau diese Fähigkeiten, die benötigt werden, um systemischen gesellschaftlichen Wandel einzuleiten und Programme wie das Wellbeing-Project erforschen was Menschen dabei unterstützt zu reifen und sich in diese Richtung weiter zu entwickeln.

Über die Autorin

Joana-breidenbach

Joana Breidenbach ist promovierte Kulturanthropologin und Autorin zahlreicher Bücher zu den kulturellen Folgen der Globalisierung, Migration und Tourismus. Etwa: Tanz der Kulturen (Rowohlt 2000), Maxikulti (Campus 2008) und Seeing Culture Everywhere (Washington Press 2009). Joana Breidenbach ist Mitgründerin von betterplace.org und Gründerin des betterplace lab.

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tbd* ist ein digitales Zuhause wo Menschen, wie du Best-Practices teilen und von anderen lernen können, die ebenfalls mit Weltverbessern Karriere machen.

Zum Launch haben wir daher Top DenkerInnen und MacherInnen unter den WeltverbessererInnen - also die Menschen, die uns jeden Tag aufs Neue inspirieren und motivieren - gebeten, einen Artikel für uns zu schreiben. 

Wir stellen vor die Serie: Perspektiven. Wir haben diesen 10 sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten aus diversen Branchen und Sektoren freie Hand gegeben. Sie sollten darüber schreiben, was sie gerade - im Jahr 2017 in Deutschland - persönlich oder gesellschaftlich bewegt. Was zurück kam hat uns schwer beeindruckt und berührt. Danke dafür!