„Und was macht man da so, als Fellow?“

Kennst du das auch? Du bist auf einer Party und stehst in lockerer Runde zusammen, um dich rum ein paar neue Gesichter. Jetzt sind deine Small-Talk-Skills gefragt. Doch bevor du dich versiehst erzählt dir deine Nachbarin schon Geschichten aus ihrem Lebenslauf. Und dann kommt sie, die Frage aller Fragen nach der Berechtigung deiner Existenz:

„Und was machst du so? Also beruflich?“

„Ich bin Fellow bei Teach First Deutschland“. Meine Antwort verfehlt selten ihre Wirkung: Hochgezogene Augenbrauen, skeptische Blicke, mit etwas „Glück“ die Aufmerksamkeit der ganzen Runde. Keiner kann mich in eine Schublade einsortieren und „Fellow“ klingt irgendwie verdächtig. Jetzt tief durchatmen und ein Stoßgebet gen Himmel: Elevator Pitch steh mir bei!

Doch der Pitch steckt irgendwo bei Version 22 fest und ist eine Geschichte gescheiterter Wortakrobatik: Vom „Hilfslehrer im sozialen Brennpunkt“ über den „Lerncoach für benachteiligte Schüler“ bis zum „Projektleiter für digitale Bildung“ habe ich schon fast alles zum Besten gegeben. Und überhaupt: Man kann diesen Job nicht auf drei Wörter herunterbrechen. Deshalb habe ich meine Strategie geändert und erzähle ab jetzt nur noch Geschichten aus einem typischen Arbeitstag als Fellow. Und der läuft bei mir ungefähr so:

Nichts für Langschläfer

7:30 Uhr: Der Wecker klingelt. Ich muss heute erst zur dritten Stunde in die Schule. Das ist gut so, denn ich bin noch immer nicht der geborene Frühaufsteher. Als Fellow kann ich, anders als meine Lehrerkollegen, meinen Stundenplan größtenteils selbst gestalten. Außerdem liegt mein Schwerpunkt im Nachmittagsbereich, wo ich neben der YouTube AG auch den freiwilligen Vorbereitungskurs für die zentralen Abschlussprüfungen (ZAP) in der zehnten Klasse anbiete.

9 Uhr: Ankunft an meiner Einsatzschule in Bochum. Der Hausmeister grüßt freundlich und die Kollegen haben schon einen Kaffee aufgesetzt. Einmal kurz das Material sortieren für den Tag und dann geht es runter: Pausenaufsicht.

9:15 Uhr: Auf dem Weg in die Pause werde ich von mehreren Schülern begrüßt, die begeistert meinen Nachnamen über den Flur rufen. Ja, das ist erst komisch, aber auch so viel cooler als ein mürrisches „Guten Morgen“ im Büro. In der Pause rede ich mit Schülern auf dem Hof oder organisiere ein Basketballspiel. Eigentlich muss ich an meiner Schule gar keine Aufsicht machen, aber jede Pause, in der ich die Beziehung zu meinen Schülern verbessern kann, ist Gold wert für meine Arbeit hier.

Der Unterricht beginnt

9:30 Uhr: Computerkurs in der 9. In Zweierteams wird eifrig an Präsentationen gebastelt. Die Schüler haben einen klaren Auftrag von mir bekommen und kaufen mir ab, dass ich Ahnung von der Materie habe. Vor Teach First Deutschland habe ich als Berater im IT-Bereich gearbeitet. Dieser Background hilft bei meinem Fokus auf „Digitale Bildung“, aber im Prinzip startet jeder Fellow nochmal ganz neu durch mit seinem Einsatz. Die Lernkurve ist sehr steil, aber wer sich durchbeißt wird belohnt.

11 Uhr: Zweite große Pause. Eine Kollegin fragt mich, wie sie „Plickers“ einsetzen kann. Das ist ein einfaches Tool mit laminierten QR-Code-Karten. Damit können Schüler direktes Feedback geben und der Lehrer scannt die Antworten in wenigen Sekunden mit dem Handy. Die Anwendungsfälle reichen vom Quiz á la „Wer wird Millionär“ bis zu kleinen Tests zur Wissensüberprüfung. Ich zeige ihr, wie sie die Fragen online anlegt und greife zugleich ein paar pädagogische Tipps ab.

11:15 Uhr: Geschichte in der 9a. Das ist „meine“ Klasse. Mit dieser Gruppe verbringe ich etwa die Hälfte meiner Zeit und das ist der Schlüssel zum Erfolg. Die Schüler sind auf mich eingestellt und auch die Chaoten wissen mittlerweile, dass sie bei mir ihr Material dabeihaben müssen. Trotzdem kommt es vor, dass mich die Schüler zur Verzweiflung treiben, zum Beispiel, wenn die beste Antwort ist, dass Hillary Clinton im US-Wahlkampf gegen „Donald Duck“ antritt. Dann freue ich mich auf das nächste Bier mit meinen Fellow-Kollegen, die mir ähnlich witzige bis traurige Stories aus ihrem Fellow-Leben erzählen und mir Tipps geben, wie man am besten damit umgeht.

12:30 Uhr: Mittagspause. Zeit zum Essen, Durchatmen und um mit den Kollegen zu quatschen. Ich hätte früher nie gedacht, dass es so witzig sein kann im Lehrerzimmer, aber meine Kollegen sind echt locker drauf und irgendjemand hat immer Kuchen dabei. Einmal in der Woche biete ich mittags noch eine Sprechstunde für die Schüler zum Thema Berufseinstieg und Karriereplanung an.

13:30 Uhr: ZAP-Vorbereitungskurs. Anders als bei „meinen Neunern“ geht es im Zehner-Jahrgang in Bezug auf die Abschlüsse dieses Jahr schon ums Ganze. Deshalb betreue ich dienstags und freitags eine freiwillige Lerngruppe, die ich in Mathe, Englisch und Deutsch mit gemeinsamen Übungen fit mache für die zentralen Abschlussprüfungen (ZAP).

Nach der Schule ist vor der Schule

15 Uhr: Feierabend. Ab nach Hause. Power-Nap.

17 Uhr: Noch einmal an den Schreibtisch für ein bis zwei Stunden. Unterricht und AGs vorbereiten. Reihen planen. Tests korrigieren und Projekte planen wie zum Beispiel eine von Schülern selbst organisierte Wanderung über die Alpen während der Osterferien.

Gerade die AGs und Projekte sind wichtig, weil sie unseren Schülern zeigen, dass sie etwas können, auch wenn ihre Zeugnisse oft das Gegenteil behaupten. Dieser Anspruch spiegelt sich in der Vision von Teach First Deutschland wider: Jedes Kind verlässt die Schule mit einem Abschluss und dem festen Glauben an den eigenen Erfolg. Dafür lohnt es sich hart zu arbeiten. Und dafür kann man auch mal ins Schwitzen kommen, wenn man – mal wieder – auf einer Party erklären muss, was man da eigentlich so macht, als Fellow.

Über den Autor

Bernd Appelhans studierte International Communication Management in Deutschland und Mexiko. Mit seiner Expertise für digitale und soziale Medien, die er als Berater bei IBM, Accenture und der Telekom sammelte, begeistert er jetzt Schülerinnen und Schüler in seinem neuen Job als Teach First Deutschland Fellow an der Gemeinschaftsschule Bochum-Mitte.