Header: Nathan Dumlao via Unsplash

Eine neue Organisationsform musste her – das hörte sich so schön an. Mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung, mehr Empathie. Kurz: Auf der Arbeit als ganzer Mensch auftreten, ohne Maske (nein, ich rede nicht von Mund-Nase-Bedeckungen, auch wenn das gerade wohl den allermeisten als erstes in den Sinn kommt). Oh du schöne neue Arbeitswelt!

Aber: (Der Weg zur) Selbstorganisation kann ganz schön nerven!

Den x-ten Workshop, schon wieder Teamcoaching, ach, Feedback Runden stehen auch schon wieder an. Und die Termine mit der Prozessbegleitung müssen auch noch koordiniert werden. Und die Teamtage, was machen wir eigentlich da? Gemeinsam einen trinken? Ach, nee, doch über das neue Organisationsbetriebssystem reden.

Ständig nach neuen Lösungen suchen, zum Teil für Dinge, von denen man noch nicht mal geahnt hatte, dass sie ein Problem werden könnten. Sich selbst und seiner Handlungen und Emotionen bewusst werden, um damit verantwortungsvoll umzugehen. Unsicherheiten aushalten. Verantwortung übernehmen und Prozesse komplett neu denken und immer wieder neu gestalten. Und neben den ganzen Prozessen, bei denen man mit sich selbst beschäftigt ist, auch noch das ganze Team wahrnehmen. 

Müssen wir wirklich schon wieder alles hinterfragen?

Wir wissen: Es hilft, wenn jede ihre Bedürfnisse kommuniziert und persönliche Grenzen klar aufzeigt. Wenn das denn nur so einfach wäre!

Als Mensch in einer mehr oder weniger selbstorganisierten Organisation würde ich gerne manchmal einfach keine Entscheidungen treffen. Manchmal fühle mich hilflos und traurig.

Und manchmal würde ich am liebsten einfach mal die Tür hinter mir zu knallen und für ein paar Tage meine Ruhe von allem haben. Geht nur leider nicht, wir arbeiten ja remote. Und den Laptop zuknallen ist nicht halb so befriedigend.

Noch dazu merke ich, dass die emotionale Involviertheit enorm angestiegen ist, seitdem wir selbstorganisiert arbeiten. Zu den 30 Stunden Arbeitszeit, die im Vertrag stehen, kommen dann schnell mal noch einige Stunden mehr an emotionaler Verarbeitungszeit hinzu.

Fazit: Selbstorganisation ist anstrengend, vor allem, wenn man sich auf dem Weg von einer ehemals hierarchischen, hin zu einer selbstorganisierten Arbeitswelt bewegt. Der Prozess verlangt allen Beteiligten viel ab, emotional, wie auch auf Handlungsebene.

Warum ich trotzdem dabei bin?

Erster Gedanke: Was wäre die Alternative? Einen Chef vor der Nase, ständige, langsame Abstimmungsschleifen, meine Persönlichkeit, meine Bedürfnisse an der Zoom-Eingangstür wegpacken?

Nein, dahin will ich definitiv nicht zurück. Natürlich gibt es auch hierarchische Systeme, die gut funktionieren und Menschen glücklich machen. Aber in diesen Systemen habe ich mich bisher nicht wohlgefühlt.

Selbstorganisation ist anstrengend. Aber wo sonst kriegen wir die Möglichkeit, mit den Kolleg*innen ein neues Gehaltssystem zu entwickeln? Oder in Teammeetings so viel Vertrauen zu haben, dass man in überwältigenden Situationen einfach mal ehrlich heulen kann, ohne sich dafür zu schämen? Oder sich als Team auszudenken, wie wir unsere Organisation rechtlich auf neue Füße stellen?

Wo sonst sehen Organisationen es als elementar an, dass sich die Mitarbeiter*innen auch persönlich weiterentwickeln und stellen Budget für Coaching und Teamcoaching bereit? Und nehmen sich so viel Zeit für diesen Prozess, für das Gemeinsame lernen und erfahren, aushandeln und gestalten?

In den eineinhalb Jahren, in denen wir nun schon in diesem Prozess sind, hatte ich eine steile Lernkurve wie lange nicht mehr. Ich habe enorm viel über mich selbst gelernt, wo meine Stärken und Schwächen liegen, und wie ich meine Fähigkeiten mehr und mehr entdecken und ausbauen kann. Ich habe mich mit Dingen beschäftigt, von denen ich vorher als “normale Arbeitnehmerin” keine Ahnung hatte (“Wie war das nochmal mit Rechtsformen und was bedeutet das für uns?”, “So macht man also eine Umsatzplanung!” “Puh, das müssen wir alles beachten?!”). 

Ich habe verstanden, wie wichtig emotionale Sicherheit in Teams ist und was Feedback damit zu tun hat. 

Ein solches Privileg haben (leider) gerade nicht viele. Umso dankbarer bin ich, dass wir als Team es genießen können. 

Selbstorganisation braucht Mut

Ich glaube fest daran, dass Menschen in der Lage sind, sich selbst zu organisieren. Das kann Angst machen, und ja, es ist manchmal höllisch anstrengend. Und es braucht Mut. Den Mut, nicht aufzugeben, weiter zu forschen und zu sehen, was hinter der nächsten Tür, hinter dem nächsten Team Coaching steht. Mut, immer wieder aufzustehen, mit sich und dem Team einzuchecken und weiterzulaufen. Mut, Fehler zu machen. Mut, Sicherheit im Inneren, in der eigenen Handlungsfähigkeit zu finden, wenn sie in den äußeren Strukturen der Organisation nirgendwo zu finden ist. Und immer wieder den Willen, sich selbst zu reflektieren, die eigenen Emotionen wahrzunehmen und aus der persönlichen Inspiration zu schöpfen.

Was es meiner Meinung nach vor allem braucht, um zu diesem Punkt zu kommen: Viel Vertrauen, in sich selbst und in andere. Dieses Vertrauen aufzubauen ist harte Arbeit, aber die Investition in Kommunikations- und Konflikttrainings, in Arbeit an Werten, Purpose und Stärken, Diskussionen und Gespräche, und an der eigenen persönlichen Entwicklung lohnt sich zutiefst, für die Organisation, aber auch für jede*n selbst.

About

Roxana Baur ist seit Jahren ein festes Bestandteil des tbd* Teams. Neben ihrer Arbeit als Key Account Managerin hat sie sich in den vergangenen eineinhalb Jahren zur New Work Expertin fortgebildet. Neben ihrem Job bei tbd* berät Roxana Firmen und Organisationen mit dem Team von bspw zu den Themen Veränderungsprozesse, neue Formen der Führung und wie man Zusammenarbeit stärken kann.

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